Montag, Juli 17, 2006

Nachspielzeit

12.07.2006, Mittwoch

Um 11:30 werden in ganz Deutschland die Radios lauter gestellt. Klinsmann erklärt, er fühle sich ausgebrannt und habe Sehnsucht nach seiner Familie. Joachim Löw wird als sein Nachfolger benannt: Der König ist tot, es lebe der König! Das sein Assistent ihm nachfolgt, lässt mich für den deutschen Fußball hoffen.

Das Land reagiert seltsam unaufgeregt auf den Rücktritt, irgendwie haben wir ja doch alle damit gerechnet. Meiner Meinung nach ist es das beste, was Klinsmann tun konnte, denn so wird man sich seiner hier als kühnen Visionär erinnern, der Deutschland schönen Offensivfußball und vier Wochen Spaß und Freude bescherte.

Verlängerung

11.07.2006, Dienstag

Materazzi gibt zu, Zidane beleidigt zu haben, bestreitet aber rassistische Äußerungen. Sollte man ihm je letzteres nachweisen können, könnte nach neuestem FIFA- Regelement Italien der Titel wieder aberkannt werden, was uns alle natürlich tierisch freuen würde. Bis es soweit ist, gehen wir halt nicht mehr Pizza essen.

Um 22.54 läuft ein Live- Ticker über sämtliche deutsche Fernsehschirme: Klinsmann hört auf! Dass zur selben Stunde George W. Bush in Ostdeutschland landet, interessiert keinen. Der DFB kündigt für Mittwoch, 11:30 eine Pressekonferenz an.

Verlängerung

10.07.2006, Montag

Es gibt heftige Debatten, was Materazzi wohl zu Zidane gesagt haben könnte, das ihn so austicken ließ. Und die ersten lustigen Internet- Geschichten zu diesem Thema gibt es natürlich auch sofort, so z.B. dies hier: Natürlich von einem feigen Italiener programmiert.... Lippenleser wollen erkannt haben, das Zidanes Mutter und Schwestern in ehrverletzender Art und Weise verunglimpft wurden, was Zidane im Nachhinein von der internationalen Fangemeinde etliche Sympathiepunkte einbringt. Sogar HK- Megastar Andy Lau äußert sich zu diesem Thema und ergreift Partei für Zidane. (Gebe ich hier jetzt nicht wieder, ist aber saulustig. Vor allem, da Hongkong ja zu den Fußball- Weltmächten gehört.)

Gönnt (außer den Italienern) überhaupt jemand den Italienern den Titel?

Dass Klinsmann sich noch nicht zu seinem Verbleib im Amt geäußert hat, beunruhigt die Nation, noch immer flattern fröhlich Fähnchen an den Autos. In den Medien werden erste Namen möglicher Nachfolger genannt, unter anderem auch der des Mainzer Trainers Jürgen Klopp. Aber der hat ja noch mit Mainz 05 einen Vertrag bis 2008 und den soll er mal schön erfüllen!

Montag, Juli 10, 2006

25. Spieltag, Finale

09.07.2006, Samstag
Mittags präsentiert sich die Mannschaft auf der Fanmeile vor dem Brandenburger Tor. Schon ab 8:00 strömen die Menschen dort hin, mittags sind schätzungsweise 500.0000 Menschen versammelt. Ich lasse für die Würdigung unseres Teams die letzte Folge von Star Trek: Enterprise sausen und erfreue mich an der rauschhaften Ausgelassenheit.

Abends das Finale: Ich muß schon sagen, dass der Stachel doch immer noch tief sitzt, als ich die Italiener und die Franzosen an dem Cup vorbei ins Stadion einmarschieren sehe. Schließlich hätten wir das sein können. Frankreich geht durch einen von Zidane verwandelten Foulelfmeter früh in Führung, in der 19. Minute erzielt Italien den Anschlusstreffer. In der zweiten Hälfte der Verlängerung sehen die Franzosen eindeutig besser aus, bis sich in der 110. Minute Zidane nach vorausgegangener Provokation dazu hinreißen lässt, Materazzi seinen Kopf an die Brust zu knallen und berechtigt Rot sieht. Was für ein trauriges Bild, wie dieser große Spieler am Cup vorbei, den er keines Blickes würdigt, mit gesenktem Haupt in die Kabine schleicht. Was hätte das für ein Abschied für ihn werden können, wären ihm nicht zehn Minuten vor Schluß die Nerven durchgegangen. Frankreich versiebt das Elfmeterschießen und Italien ist Weltmeister. Scheiße, jetzt kann man die nächsten vier Jahre keine Pizzeria oder Eisdiele mehr betreten, ohne von diesen Typen ständig ihren Triumph unter die Nase gerieben zu bekommen.

Der wahre Weltmeister ist für mich jedoch Deutschland, denn wir haben es geschafft, einen Monat lang mit Leuten aus allen Teilen der Welt eine riesige Party zu feiern. Die Stadien waren fast immer ausverkauft, wir haben auch Mannschaften aus Gastländern angefeuert, von denen die meisten von uns wahrscheinlich noch nicht mal wissen, wo genau die liegen. Wir haben es geschafft, die Effizienz, die man uns nachsagt, mit Lebensfreude zu paaren und unseren Gästen eine tolle Zeit zu bereiten. Eines der schönsten Bilder des Finales war für mich ein ernst dreinblickender korpulenter Typ, der ein schwarz- rot- goldenes Schild mit der Aufschrift „Danke Deutschland für die Gastfreundschaft“ hochhielt.

24. Spieltag, Spiel um Platz 3

08.07.2006, Samstag

Als die Klinsmänner Freitag abend in Stuttgart eintreffen, bricht der Verkehr komplett zusammen. Zehntausend Fans stehen vor dem Mannschaftshotel und skandieren zu der Melodie von „Yellow Submarine“ „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“. Heute flaggen wir alle wieder ordnungsgemäß unsere Häuser und Autos und legen ein letztes Mal die Nationalfarben an. Eigentlich hatten wir fast keine Lust, uns dieses Spiel anzuschauen, hätten das aber als rückgratlos gegenüber unserer Mannschaft empfunden. Wir sehen ein schönes Freundschaftsspiel, unser Team wird angefeuert als stünde es im Finale und bis auf Timo Hildebrand (Torhüter) darf jeder Ersatzspieler auch auf das Feld. Oliver Kahn macht seine Sache hervorragend, Sebastian Schweinsteiger schießt in der zweiten Halbzeit zwei Tore und liefert die Vorlage für ein Eigentor der Portugiesen. Luis Figo, der für Portugal das letzte Länderspiel seiner Karriere bestreitet, wird kurz vor Schluß eingewechselt und legt für das Ehrentor der Portugiesen vor. Schlusspfiff, wir sind das drittbeste Team der Welt. Rührende Bilder, Oliver Kahn gibt seinen Rücktritt vom internationalen Fußball bekannt und läuft Arm in Arm mit Figo über den Platz. Bei der Siegerehrung küsst Angela Merkel Herrn Klinsmann auf beide Backen und schaut ihn von unten wie ein kleines Mädchen an, Feuerwerk und das Publikum tobt. Auf den Straßen feiern die Menschen. Für uns ist Deutschland Weltmeister der Herzen, die anderen heben den Cup nur vier Jahre für uns auf. Außerdem ist nach der WM vor der EM, da werden wir schon noch unsere Chance bekommen.

Freitag, Juli 07, 2006

Spielfrei

07.07.2006, Freitag

Glaubt man den Medien, stehen die Chancen für eine Vertragsverlängerung von Jürgen Klinsmann eher schlecht, mögliche Kandidaten werden genannt. Ich sehe den deutschen Fußball wieder in die Steinzeit zurückfallen und bin deprimiert. Auch Tim Borowski und Michael Ballack werden am Samstag verletzungsbedingt nicht spielen können, wir werden also mit einer B- Mannschaft auflaufen. Dafür aber wird Oliver Kahn im Tor stehen, ich finde, das ist eine wirklich nette Geste, denn er hat sich sehr fair verhalten und viel für die Mannschaft getan. Sonntag gibt es dann in Berlin auf der Fanmeile eine Party mit der Mannschaft, ich hoffe, das wird Herrn Klinsmann davon überzeugen, sein Amt weiter wahrzunehmen.

Spielfrei

06.07.2006, Donnerstag

Nach dem geplatzten Titeltraum macht sich im Lande eine „Jetzt- erst- recht“ Mentalität breit. Weiterhin sind die Autos und Häuser trotzig mit Fahnen geschmückt, weiterhin laufen Menschen mit Fanshirts oder schwarz- rot- goldener Kriegsbemalung herum. Was uns heute alle am meisten bewegt, ist die Frage, ob Jürgen Klinsmann als Bundestrainer weitermachen wird. Auch wenn wir Samstag nur um Platz drei spielen, wird vielen Deutschen erstmal klar, was wir ihm zu verdanken haben: Drei Wochen fröhliche Party und eine Mannschaft, auf die man endlich wieder stolz seien kann, ein neues Nationalbewusstsein und die Chance, das Bild der ernsten und steifen Deutschen im Ausland gründlich zu revidieren. Sogar meine von Fußball eher mäßig begeisterte Freundin Stefanie hat sich fingernagelkauend die Finalbegegnungen unseres Teams angeschaut und ist bei jedem Tor in Jubelgeschrei ausgebrochen. Der Server der Seite http://www.klinsmann-muss-bleiben.de/ bricht unter dem Ansturm der Fans zusammen, der Bundespräsident und die Kanzlerin gratulieren Herrn Klinsmann zu der bisherigen Leistung und drücken den Wunsch aus, dass er im Amt bleiben möge. Nach den anstrengenden Spielen des Viertel- und Halbfinales sind einige unserer Spieler verletzt und werden für das Spiel am Samstag wohl ausfallen.

23. Spieltag

05.07.2006, Mittwoch

Katerstimmung in Deutschland und auch ich bin nach dem verpassten Finaleinzug unserer Mannschaft deprimierter, als ich gedacht habe. Ich habe keine Lust, mir das Spiel Frankreich gegen Portugal anzuschauen, das schließlich 1:0 für die Franzosen endet. Bravo, Frankreich, hoffentlich schlagt ihr Sonntag die Italiener!

Dienstag, Juli 04, 2006

22. Spieltag

04.07.2006, Dienstag

Man lästert über die italienische Mannschaft und deren Trainingsmethoden. Der FIFA- Präsident gesteht Fehler beim Verfahren gegen Frings ein, aber das kommt ja jetzt wohl ein bisschen spät. Jürgen Klinsmann ist trotz der Sperre optimistisch und auch ich hoffe auf eine Trotzreaktion des deutschen Teams. Die Italiener trösten sich mit Statistiken: Noch nie hat eine deutsche Nationalmannschaft die „Azzuros“ in einem WM- Spiel geschlagen. Nun ja, wir werden sehen.

Das Spiel:

90 Minuten lang stehen sich zwei gleichwertige Mannschaften gegenüber, für mich eines der schönsten Spiele des Turniers. Nach einer bis dahin torlosen Begegnung sieht in der ersten Hälfte der Verlängerung unser Team auch noch ganz gut aus. In der zweiten Hälfte sind die Italiener einfach einen Tick raffinierter, als man sich schon auf das Elfmeterschießen einstellt, fällt in der 119. Spielminute das erste Tor, zwei Minuten später das nächste für Italien- Aus der Traum! Ich ziehe trotzdem meinen Hut vor der Leistung unserer Mannschaft und ihres Trainers und nach dem anfänglichen Schock wird auch auf den Straßen schon wieder gesungen. Na, dann werden wir halt im Spiel um Platz 3 siegen.

Spielfrei


03.07.2006, Montag

Ich freue mich immer noch über das Ausscheiden dieser selbstgefälligen brasilianischen Startruppe, bin mal gespannt, ob deren Staatspräsident jetzt immer noch gemeinsam mit unserer Kanzlerin das Finale anschauen will. Da wird ihm sicher besseres geboten werden als bei den Spielen seiner Mannschaft.

Deutschland zittert der FIFA- Entscheidung über Frings entgegen, die um 17:00 bekannt gegeben werden soll. Jürgen Klinsmann jedenfalls ist zuversichtlich, dass alles gut gehen wird.

17:00, Entsetzten! Torsten Frings für das Halbfinale gesperrt! Scheiß- Italiener! Ich erwäge, umgehend sämtliche Tiefkühlpizzas, Mozarellas, Nudeln und alle anderen italienischen Produkte aus der Wohnung zu entfernen und feierlich auf der Augustinerstraße vor Pizza- Pepe zusammen mit der italienischen Nationalflagge zu verbrennen. Der italienische Fußballverband weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Untersuchung nicht auf sein Bestreben hin angestrengt wurde und auch deren Nationalteam hält sich sehr bedeckt. Diese Mafiosi stecken doch sowieso alle unter einer Decke! Statt Frings wird Tim Borowski spielen, was mich dem Spiel morgen mit einem gewissen Optimismus entgegen sehen lässt. Das wird sicherlich außerordentlich spannend, denn wir wollen die schmachvolle 4:1 Niederlage gegen Italien des Testspieles im März nicht auf uns sitzen lassen, außerdem hoffe ich, dass unsere Jungs nach der Sperre von Frings in den „Jetzt- erst- recht“ Modus umschalten. Die Italiener wiederum sind nach den Ligaskandalen ebenfalls hoch motiviert. Ich hoffe einfach nur darauf, dass wir ins Finale kommen.

21. Spieltag

01.07.2006, Samstag

Die gesamte Nation rätselt immer noch über den Jens Lehmann von Andy Köpcke zugesteckten Zettel, den er vor jedem Strafstoß aus dem Stutzen zog und konsultierte. Comedy- Sendungen behaupten, darauf hätte es gehießen: “Lass zwei durch, alles andere wäre unhöflich“. Der Wahrheit näher kommt aber die Mutmaßung, dass da die bevorzugten Ecken der argentinischen Elfmeterschützen draufstanden, was mich die Effizienz des deutschen Trainerstabes bewundern lässt. Außerdem teilt die FIFA mit, dass wegen des gestrigen von den enttäuschten Argentiniern angezettelten Gerangels nach dem Spiel gegen die deutschen Spieler nicht ermittelt werde. Ich lasse also beruhigt das Spiel England gegen Portugal laufen und versuche, meinen Schönheitsschlaf zu machen. Als ich gerade einnicke, tritt Wayne Rooney einem Portugiesen in die Eier, während der Unparteiische gerade mal einen Meter entfernt steht und sieht völlig berechtigt rot. So aufgeschreckt schaue ich mir das Spiel weiter an, das schließlich auch auf ein Elfmeterschießen hinausläuft. Die Engländer versagen erwartungsgemäß, was mich mit einer gewissen Häme erfüllt, denn schon am nach unserem Sieg hatte die Times verzweifelt gefragt: "Was ist bloß das Geheimnis der Deutschen beim Elfmeterschießen? Vermutlich wissen sie es selbst nicht." Dabei hatten die Engländer doch angeblich das Elfmeterschießen bis zum Erbrechen trainiert. Mick Jagger auf der VIP- Tribüne sieht noch älter aus, als er eigentlich ist, die Beckhams brechen zusammen, heulende Engländer, jubelnde Portugiesen und in der Stadt das übliche Programm. (Autokorso) Jedenfalls werden wir jetzt keine fettbäuchigen englischen Gäste mehr hier haben, die sich bei jeder Gelegenheit das Hemd vom rot- weiß beschmierten Körper reißen, rumgrölen und uns das Bier wegsaufen.

Spätnachmittags der Schock: Ein italienischer Fernsehsender will Beweise dafür haben, dass Torsten Frings bei der Rangelei mit den Argentiniern fröhlich mitgemischt und angeblich Julio Cruz in die Fresse gehauen hat, was aber sowohl Cruz als auch Frings verneinen. Das sieht den feigen Italienern natürlich ähnlich: Die haben derartig viel Angst vor uns, dass sie mit solchen Mitteln versuchen, einen unserer besten Männer auszuschalten. (Nicht umsonst heißt es, dass das Buch „Italienische Heldentaten“ neben „Englische Schönheiten“ eines der dünnsten der Welt sei.) Die FIFA leitet eine Untersuchung ein, eventuell wird Frings für die nächsten beiden Spiele gesperrt. In Frankfurt begegnen sich Frankreich und Brasilien, deswegen die Verkehrshinweise auf französisch und portugiesisch. Die erste Halbzeit des Spieles Frankreich gegen Brasilien schenken wir uns und grillen lieber in dieser lauen Sommernacht auf dem Balkon, werden dann aber doch neugierig. Wir sehen einen lustlosen Haufen von Multimillionären in grässlichen gelben Trikots, der gegen eine munter aufspielende Altherrenriege kickt. Zinedine Zidane hat offensichtlich zu seiner alten Form gefunden und dominiert das Spiel. In der 57. Minute verwandelt Thierry Henry einen Freistoß von Zidane und nun herrscht auf den brasilianischen Rängen Blues statt Samba. Endstand 1:0, Brasilien ist verdient raus, willkommen zur Europameisterschaft!