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Dienstag, September 06, 2011

麦克四大第一 – Mike Sieder #1

01.09.2011


Fange früh am Morgen das sich heftig sträubende Tier ein und verfrachte es nach langem und zähem Ringen in seine Transporttasche. Bin nach diesem Kampf schon völlig fertig, am liebsten würde ich schon wieder duschen. Natürlich fängt der Kater nach Verlassen der Wohnung an, aus Leibeskräften zu kreischen, was auch nicht gerade zur Beruhigung meiner flatternden Nerven beigeträgt. Voll die Rush- Hour, außerdem hat heute die Schule wieder angefangen, weswegen der Verkehr noch chaotischer als sonst ist. Kriege zum Glück ziemlich schnell ein Taxi, während die zahlreichen zur Arbeit oder sonst wohin eilenden Volksgenossen viel Spaß mit der tigergleich heulenden Katze haben.Kann ihn dann auf der Fahrt ein wenig beruhigen, aber protestiert wird er immer noch, wenn auch mit etwas verminderter Lautstärke. Nach dem Betreten der Tierklinik ist denn erst mal Ruhe im Karton, wohl weil da auch schon ein Typ mit einem Monster- Labrador sitzt.
Im Untersuchungsraum will der feine Herr nicht aus der Tasche, zerre ihn schließlich gemeinsam mit dem ständig gewaltige Rülpser ausstoßenden Assistenten daraus hervor. Natürlich will der Kater gleich flüchten und sich verstecken, aber das Tier wird von der Tierärztin und dem Rülpsmann sanft niedergerungen und ihm Blut abgenommen, während sein Menschenweibchen fast in Ohnmacht fällt. Anschließend heißt es warten, während der Rülps- Assi alle möglichen Formulare ausfüllt und mit wichtigen Stempeln versieht. Sieder kauert währenddessen in seiner Tasche und miaut ab und zu leise. In vier Tagen kriege ich die Dokumente, dann muss ich damit zu China Eastern, um den Katzentransport endgültig klar zu machen.
Nach dieser Prozedur ist dann der Kauf einer stabilen Transportbox in dem Klinikshop angesagt. Die einzig passende gibt es leider nur mit dunkelrosa Unterteil, was willste machen. Dafür hat die Trinkflasche dunkelblaue Elemente. Top. Optischer Super- GAU. Eigentlich sagen die Tiertransportvorschriften, dass so eine Box mit einem von außen befüllbaren Wasser- und Futterspendern versehen sein muss, aber die englisch sprechende der Klinikschergen erklärt mir, das Tier solle auf dem Flug nichts fressen (Chinesisch für: Wir haben gerade keine Futterspender). Wenigstens sind die Bediensteten so nett, mir saugfähige Tücher zu schenken, falls der Kater während des Fluges mal muss, auch wenn ich das mir hartnäckig angepriesene Beruhigungsmittel dankend ablehne. Wenn die sowas für Zweibeiner gehabt hätten, hätte ich wahrscheinlich eine Großpackung gekauft.
Ewig kein Taxi zu bekommen und der Kater fängt wieder langsam an, zu protestieren. Der Taxi- Knülch, den ich dann erwische ist aber anscheinend ein großer Tierliebhaber, der es sich nicht nehmen lässt, bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit (Ampel, Stau, Bullenfahrzeug direkt hinter uns) sich umzudrehen und mit dem mittlerweile wieder aus Leibeskräften kreischenden Tier Faxen zu machen. Chinesen unter sich halt.
Zu Hause muss ich dann zur Beruhigung erst mal hektisch eine rauchen und meine vor Stress völlig durchgeschwitzten Klamotten wechseln. Am liebsten würde ich nach dieser Aktion einen kernigen Schnaps kippen. Oder auch zwei. Oder mehr. Geht leider nicht, muss ja noch arbeiten.
Nach der Arbeit Besuch bei Carrefour, finde kein wirklich passendes Futterbehältnis, aber dafür ein schickes Handtuch mit rosa, weißen und orangenen Streifen zur Auspolsterung der Transportbox. Passt zur Box und zum Fell des Katers. Das Handtuch lege ich im Wohnzimmer aus und Herr Sieder fährt sofort darauf ab. Heftiges Gewälze und Gekralle auf dem Teil, werde wohl auch noch mal ein oder zwei Nächte darauf schlafen, damit es nach seinem Menschen riecht und er im Flieger vertraute Gerüche in der Nase hat. Die Box ist natürlich auch irre interessant. Jetzt steht sie hier im Wohnzimmer und wird ausgiebig untersucht und beschubbert. Kleine Experimente mit geschlossener Box und das darin Herumgetragen werden machen wir auch, klappt gut. Denke aber, dass das nächste Woche anders aussehen wird.

Freitag, Dezember 10, 2010

举行婚礼 – Hochzeit

20.11.2010, Samstag

Vormittag:

Habe zwei Tage auf der Schnauze gelegen und verspüre Bewegungsdrang. Da mein Pelzwecker mich sowieso aus dem Bett wirft und das Wetter auch recht angenehm ist, fahre ich in den Park. Habe gehört, dass der Meister seit neuestem Samstags einen Schüler in Tuishou unterweist, da bin ich doch mal neugierig. Außerdem kann ich da gegen die Zappelmaid Flagge zeigen.
Der Schüler entpuppt sich überraschenderweise als der Jadering- Perückenmann, der uns gleich mal mit Frühstückszigaretten beglückt. Außer mir kommt dann auch keiner mehr und ich kriege eine unbezahlbare Lektion in Tuishou. Weil ich mich dabei besser anstelle als der Jadering- Perückenmann, werde ich intensiver bespielt, ich muss mich Samstag einfach häufiger aus dem Bett quälen.
Hat Meister Wu nicht morgen Geburtstag? Ja, schon, aber er feiert diesmal nicht. Ob wir in Deutschland das denn täten? Nee, auch nicht, nur die runden Geburtstage oder wenn wir Bock hätten. Besorge auf dem Heimweg aber eine gute Flasche Rotwein und eine Stange Kippen, die ich in eine geschmackvolle Tragetasche stecke. Der Meister ist ein feiner Kerl und herzensgut, möchte ihm wenigstens mit einer kleinen Geste meinen Respekt erweisen.

Nachmittag:

Meine erste Frage an Xiao Lu ist, ob der neulich gerettete kleine Vogel denn noch lebe. Klar, den habe er zu einem Kumpel gebracht, der ganz viele Vögel halte, dem Tierchen ginge es gut. Mag das kaum glauben, freue mich aber. Dass ich so fröhlich bin, macht auch Xiao Lu glücklich. Wer weiss, vielleicht hat ja der Vogel die Heimfahrt nicht überlebt und den Kumpel gibt es gar nicht oder Xiao Lus Katzen haben ihn erwischt. Aber das ist typisch China: Damit jemand, mit dem man in irgendeiner engeren Beziehung steht nicht traurig wird, erzählt man dem halt, was er hören will. Eigentlich ein sehr sympathischer Zug, aber im Geschäftsleben kann einen das manchmal in den Wahnsinn treiben.
Entspanntes Üben, ich erzähle vom Vormittagstraining. Ob die Zappelmaid dagewesen sei? Nee, vielleicht krank oder der Meister hat ihr den Kopf zurechtgerückt. Morgen Nachmittag dann kein Training, bin ja auf Yings Hochzeit eingeladen und schon ganz gespannt. Dann morgen früh? Ja, geht klar.

21.11.2010, Sonntag

Vormittag:

Natürlich um halb neun kein Xiao Lu da, was ich ganz schön farblos finde, wo doch Meister Wu heute Geburtstag hat. Aber gut, in China haben Geburtstage eigentlich keine große Bedeutung.
Wieder keine Zappelmaid im Training, dafür aber der Teeknülch und später auch Jeremy und der junge Knabe. Händige mein Geschenk aus, das der Meister leicht überrascht entgegennimmt. Nette Trainingsstunde, der junge Knabe haut schon früher ab und der Teeknülch lädt nach dem Unterricht noch zum Essen ein. Kann ja nicht, die Gründe erkläre ich nochmal umschweifig. Nicht dass die denken, ich hätte keine Lust, an einem Essen zu Ehren meines Meisters teilzunehmen! Meine Entschuldigung wird anscheinend akzeptiert.

Nachmittag:

Hübsche mich für die Hochzeit auf. Yings größte Sorge war meine Garderobe, bitte fröhliche Farben! Meine etwas eleganteren Fummel sind jedoch alle Schwarz oder in gedeckten Farben, aber der schicke beim Einkaufsbummel mit Lilo und Tori erworbene Kaschmirschal sorgt dann doch für einen Farbtupfer.
Fahre mit dem Taxi zum Zoo, wo die Hochzeit in einem Restaurant stattfindet. Ich muss vom Eingang noch ein ganzes Stück laufen. Sehr schöner Park, wenig Leute unterwegs. Das Wetter ist herbstlich und ein wenig nebelig, aber immer noch angenehm.
Wir Ausländer sind an zwei Tischen ganz hinten im Saal platziert, an meinem Tisch sitzen unter anderem noch ein sehr nettes Architektenpaar und zwei fidele ältere Hamburger Knaben namens Klaus und Horst. Horst macht in Hebebühnen und Offshore- Schlauchbooten und ist geschäftlich hier, während Klaus irgendwann mal seinen Beruf an den Nagel gehängt und einen Campingplatz in Kroatien aufgemacht hat. Cool. Er und Horst sind dicke Kumpels aus alten Tagen und haben schon Shanghai kräftig aufgerollt, was ihnen anscheinend großen Spaß gemacht hat. Überhaupt scheinen sie für jeden Blödsinn zu haben zu sein, was ich sympathisch finde.
Die dick geschminkte Ying in ihrem rauschenden westlichen Brautkleid ist schon ganz nervös, aber hübsch sieht sie aus! Wir werden zur feierlichen Zeremonie auf die Dachterrasse des Restaurants gebeten, die festlich dekoriert ist. Bin überrascht, meine sehr geschmackvoll zurechtgemachte Ayi in der vordersten Reihe sitzen zu sehen. Wie sich herausstellt, Yings Mutter. Aha. Jetzt weiss ich auch, wo Ying ihre Methodik her hat.
Am Arm ihres Vaters schreitet Ying unter einen blumengeschmückten Pavillon, der Bräutigam nähert sich vom anderen Ende. Er kniet vor ihr nieder, als Zeichen ihrer Gunst steckt Ying ihm eine weiße Rose an den Anzug. Nach eindringlichen Ermahnungen des Vaters an den Schwiegersohn wird die Hand der Braut übergeben und das Paar schreitet zu den Klängen des Triumphmarsches aus Aida der Bühne entgegen. Dort folgt ein ausgiebiges von einem geschwätzigen Fettsack moderiertes Programm, das wir Ausländer aber nicht verstehen und dem wir aus der Ferne wegen der eifrig filmenden und fotografierenden Hochzeitsschergen sowieso nicht folgen können.
Was ich aber faszinierend finde: Einige der chinesischen Hochzeitsgäste tragen –ähem- sehr legere Alltagskleidung. (Wusste schon vorher, dass das hier Usus ist, bin aber trotzdem über diese Diskrepanz erstaunt). Zwei Typen neben mir in Jogginganzügen rauchen und saufen Bier, während vorne das Brautpaar Champagner über eine Gläserpyramide rieseln lässt. Krass.
Nach der Zeremonie gibt es erst mal eine zweistündige Pause, die wir zum Erkunden des Zoos nutzen. Es wird langsam etwas nebelig und wir haben den Zoo fast für uns alleine. Ich lotse unsere kleine Truppe an den traurigen Pandas vorbei zu den Tigern. Die Sibirischen schlafen zusammengekuschelt in ihrem Freigehege. Im Wassergraben schwimmt offensichtlich von Zoobesuchern zur Tigeranimation hineingeschmissener Müll.
Ätzend.
Der einsame südchinesische Tiger hingegen läuft unruhig auf und ab und gibt Klagelaute von sich. Ob er weiss, dass seine Art so gut wie ausgestorben ist und es nur noch so ca. 30- 40 Kollegen gibt?
Traurig.
Vor dem Festmahl stehen Ying und ihr Gemahl in traditionellen chinesischen Kostümen zu Fototermin bereit, wir nehmen an unserem Katzentisch Platz und die ersten Speisen werden aufgetischt. Das Brautpaar muss derweil vorne auf der Bühne allerlei derbe Späße über sich ergehen lassen. Schließlich nimmt Jun seine Gattin Huckepack und eilt mit ihr aus dem Saal.
Ich amüsiere mich prächtig und unterhalte mich nett. Horst ist ganz begeistert von Shanghai und denkt auch darüber nach, für 2- 3 Jahre hierher zu ziehen. Da er ebenfalls verheiratet ist, ist der Umgang des Ehegatten mit der Fernbeziehung natürlich ein Thema.
Ein Gericht nach dem anderen wird aufgetragen, auch an uns Vegetarier wird gedacht. Ying trägt mittlerweile ein elegantes türkisfarbenes Abendkleid. Weitere Spiele und Bespaßung, schließlich wechselt Ying in einen umwerfenden roten Qipao und das Brautpaar macht die Runde, um an jedem Tisch einzeln mit den Gästen anzustoßen. Ihrem Gatten wird von einem schalkhaften chinesischen Hochzeitsgast ein Glas mit einer Mischung aus Soja- und Chilisauce mit ordentlich Salz und Zucker aufgenötigt, dass dieser nichtsahnend trinkt. Wir Westler wundern uns nur, dass der Gatte kurz vor Erreichen unseres Tisches grün im Gesicht wird und zur Toilette eilt, so dass Ying alleine mit uns anstößt. Ob der sich vor Laoweis ekellt?
Bei dieser Gelegenheit werden dann auch die roten Umschläge übergeben, die von der rosa gekleideten Brautjungfer in eine riesige Handtasche eingesackt werden. Und das war es dann auch schon, die Hochzeitsgesellschaft zerstreut sich schnell. Da gucken einige der Westler ganz schön dumm aus der Wäsche, sind sie es doch gewohnt, dass es bei deutschen Hochzeiten nach dem Essen erst so richtig los geht.
Ying lädt einen kleinen Kreis ihrer Schüler dann noch für einen Umtrunk zu sich nach Hause ein, klar sind wir neugierig, wie sie wohnt und fühlen uns wegen dieser Einladung sehr geehrt. Ihre Wohnung ist mit unendlich vielen Hochzeitsfotos dekoriert, das Schlafgemach festlich geschmückt. An jeder Ecke des Bettes thronen üppige chinesische Kuchen mit Glückssymbolen, was für nächtliche Riten damit verbunden sind, wage ich nicht zu fragen. Da wir alle am nächsten Tag wieder arbeiten müssen und auch dem Brautpaar endlich Ruhe gönnen wollen, verabschieden wir uns bald.
Teile mir mit Horst und Klaus ein Taxi, die in dem Hotel, in dem wir 2005 unsere Vereinsrundreise gestartet hatten wohnen. Da die Fahrt sehr lange ist, hat Horst viel Zeit, von mir Erkundungen über Shanghaier Mietpreise und dergleichen einzuholen, während Klaus mit nahezu kindlicher Begeisterung auf dem Vordersitz das nächtliche Stadtbild bewundert. Kriege einen Eindruck von der Strecke, die Ying zum Unterricht bei mir zurücklegen muss und habe Respekt.

Mittwoch, November 17, 2010

男朋友 - Boyfriend

Da ich abends und am Wochenende in meiner Wohnung und der Kater im Büro so einsam sind, nehme ich den kleinen Kerl dann doch wieder bei mir auf.
Sieder lebt fortan wie ein Prinz und wird mit erlesenen Happen zum Frühstück verwöhnt. Seinem Namensvetter, einem Professor für Statik an der TU München macht er bald alle Ehre, indem er herausfindet, wie man eine geschlossene Tür öffnet. Bin zwar sehr stolz auf die Schlauheit meines kleinen rothaarigen Freundes, aber da wir beide durchaus unterschiedliche Auffassungen von Aufsteh- , Spiel- und Fütterungszeiten haben, kann das auch schon mal zu wechselseitigen Unmutsbezeugungen führen. Jedenfalls werde ich gerne um halb sechs morgens durch sanfte Pfotenhiebe und herausforderndes Kreischen geweckt und finde mich in gelbe riesige Katzenaugen starrend wieder. Das geht so lange, bis ich mich fluchend erhebe. Damit das Tier nicht etwa denkt, ich würde nur seinetwegen aufstehen, mache ich dann erstmal mir Frühstück, bevor ich ihm sein leckeres Nassfutter in den Napf kippe. (Nein, ich dekoriere es nicht mit Petersilie). Aber so erlebe ich viele grandiose Sonnenaufgänge und bin früh im Büro.
Mike erweist sich auch als begeisterter Fußballer, er steht in der Regel im Tor und ich kicke Elfmeter mit einem kleinen Schaumstoffball. Muss sagen, dass er echt gut hält, vielleicht sollte ich ihn den Mainzern als Teammaskottchen anbieten. Ertappe mich dabei, dass ich mit dem Kater rede wie mit einem Menschen, werde ich langsam wunderlich? Egal, wir sind eine gute Wohngemeinschaft. Bin mal gespannt, wie Ali und er sich vertragen werden.

Freitag, Februar 19, 2010

放假第二次 – Ferien #2

14.02.2010, Sonntag:

Abendessen beim Meister wird sehr spaßig. Xiao Lu wird überraschend als Abholer geschickt (bin ja zu blöd, mit dem Taxi zu fahren) und bringt mir einen monströsen Obstkorb mit geschätzten 4 Kilo Früchten mit. Um Gottes Willen, wer soll denn das alles essen? Na, ich. Weniger rauchen, weniger Kaffee, gesünder leben! Nach der Fingernagelinspektion neulich wollte er ja eigentlich auch irgendwelche Pillen der traditionellen chinesischen Medizin mitbringen, hat die aber so schnell nicht bekommen. Bin gerührt und verspreche, weniger zu rauchen und mehr Obst z
u essen.
Bei den Wu`s hocken schon das lustige Männlein und ein anderer Schüler des Meisters und spielen Karten. Das Männlein freut sich, mich wieder zu sehen und sagt, ich sei seine kleine Tongbei- Schwester. Süß. Wir warten ewig auf Wujie, der ja vom ganz anderen Ende Shanghais anreist. Währenddessen wird schon mal die Festtagstafel unter viel Gekreische klargemacht, Wujie wird alle fünf Minuten angerufen, wo er denn gerade aktuell sei. Letztes Telefonat: Wujie steht vor der alten Hütte des Meisters und wundert sich, dass diese offensichtlich unbewohnt ist. Monkey Zhou (das Männlein) wird losgeschickt, um ihn einzusammeln. Schließlich trifft Wujie in Begleitung eines total kuriosen Typen ein: Der Typ hat auf dem Kopf einen schwarzen Lederhut, trägt einen Pulli mit grauenhaftem Muster und dazu eine schlecht gefälschte Louis Vuitton Krawatte. Sieht aus wie ein Gangster. Mann, genau wegen solcher schrägen Vögel muss man China einfach lieben! (Leider ergibt sich keine Gelegenheit zum Fotographieren). Es wird aufgetischt, dass sich die Balken biegen, des Meisters frisch ondulierte Gattin kümmert sich rührend um mich. (Meister Wu natürlich auch). Erstmal für alle ein Wasserglas voll Schnaps, das ich schlecht ausschlagen kann. Eigentlich hätte ich ja lieber Cola. Dann wird geschmaust, Trinksprüche herausgebracht und natürlich gibt es auch wieder lustigen Sprachunterricht. „Cheers“ kennen die auf internationalem Parkett gewandten Herren natürlich, aber was hieße denn „Gan bei“ auf englisch? Das sei im Westen nicht so verbreitet, erkläre ich. Jedenfalls nicht bei den Engländern, deswegen gäbe es da keinen Begriff für.(Tatsächlich kenne ich keinen). Die Deutschen seien da nicht so warmgeduscht, wir täten das sehr wohl. Und bei uns hieße das „Auf Ex“! („Ex oder Arschloch“ oder „Hau weg die Scheiße“ schien mir dann doch etwas zu krass). Lederhut fragt, ob in Deutschland denn viele mit einer derartigen Kopfbedeckung herumliefen? Ähem, nein, eher nicht. Leider wird der meiste Teil der Konversation in Shanghainesisch geführt, so dass ich nichts verstehe. Trotzdem ein sehr lustiger Abend.
Bin noch total aufgekratzt und chatte mit Lilo und Stefanie, kann nicht schlafen und drapiere schließlich den Rechner neben meinem Bett. Schaue ein paar Serien und schlafe schließlich ein. Hilft doch immer.

15.02.2010, Montag:

Ich schlafe erstmal bis in die Puppen, putze meine Bude und wiederhole meine Formen, vor allem Ying Quan. Der Meister legt da beim Unterricht ein Höllen- Tempo vor, jedes Mal einen neuen Teil, wiederholt wird nichts. Zum Glück habe ich das Video. Fange an, den Obstkorb abzuarbeiten. Echt leckeres und exotisches Zeug da drin, hat bestimmt einiges gekostet.
Schreibe Abends eine vorsichtige SMS an Meister Wu, wann denn wieder trainiert würde? Zu beschäftigt mit feiern die nächsten Tage, ist doch Neujahr. Beschämt entschuldige ich mich und fange an, mein Programm für die Feiertage zu planen. Chatte mit Stefan, meinem chinesischen Fußball- Kumpel und frage nach der Super Brand Mall in Pudong, ob die was wäre? Klar, lauter tolle, ausländische Marken (wie der Name ja unschwer vermuten lässt) und das Beste: Im Basement ein Supermarkt, der ebenfalls ausländische Produkte führt. Auch Haribo. Mein Interesse ist geweckt.

16.02.2010, Dienstag:

Komme wieder spät aus den Federn, vielleicht ganz gut, dass nicht trainiert wird. Ich habe mir hier aber auch seit meiner Ankunft nichts geschenkt.
In Pudong brennt natürlich die Luft. Die Mall ist ja ganz nett, aber das ganze Zeug kenne ich ja schon von zu Hause, also nicht wirklich spannend. Außerdem eher auf den chinesischen Geschmack getrimmt. Als ich mir die Preisschilder im Esprit- Laden anschaue, schnappe ich nach Luft- Teurer als bei uns! Oha, da müssen unbedingt Alternativen her! Muss doch auch Läden mit schicken einheimischen Klamotten geben.
Im Tiefgeschoss der Mall stolpere ich erstmal über einen Laden der Marke
Emoi mit sehr schicken und witzigen Öko- Produkten. Letztes Jahr hatte einer meiner Kollegen mir den Katalog dieser Marke gezeigt und da war ich schon ziemlich angetan. Damals allerdings wohnte ich hier ja noch nicht und hätte für die Dinge keine Verwendung gehabt. Kaufe eine Klappbox aus Stoff für mein Bad- Geraffel, hatte so was schon länger gesucht, geschmackvolle doppelwandige Trinkgläser und ein schönes schlichtes Notizbuch.
Der Supermarkt ist das Paradies schlechthin. Vor dem Kühlregal möchte ich am liebsten auf die Knie sinken und vor Dankbarkeit laut schluchzen. Käse! Es gibt Käse! Alle möglichen Sorten! Und ungesalzene Butter! Schaufele diverse Käseschätze in meinen Korb und finde in der nächsten Abteilung italienische Nudeln und Fertigsoßen. Auch davon wandert eine Auswahl in den Korb. Kurz vor der Kasse auch die ersehnten Haribo. Bin im Himmel. An der Kasse ledere ich dann ohne mit der Wimper zu zucken für diesen Spaß knapp 50,- Euro aus meiner Geldbörse. Und ich habe noch nicht mal Wein gekauft. Schei
ßegal, das ist es mir wert. Lebe ja hier sonst sehr bescheiden und gehe ja auch nicht weg abends. Meine Schätze werden liebevoll ausgebreitet und mit Tränen der Rührung in den Augen begutachtet. Jetzt brauche ich natürlich noch einen Topf, einen Dosenöffner und ein Sieb, um die Nudeln abgießen zu können. Gott sei Dank gibt es Carrefour. Auf dem Weg dorthin zerre ich ein Dokument aus meinem Briefkasten, dass ich achtlos in die Tasche stopfe. Ich entscheide mich für den Kauf eines Woks, schließlich kann man in dem auch Soßen zubereiten und chinesisch kochen wollte ich ja sowieso lernen. Dosenöffner von Fackelmann, heute ist Tag des ausländischen Produktes. Auf dem Weg zur Kasse bemerke ich ein Regal mit chinesischen Fertigsoßen. Auch sehr chililastigen. Sieht alles sehr viel versprechend aus, das wird demnächst näher studiert werden müssen. Bereite mir Spaghetti Napoli mit ordentlich Parmesan zu und setzte mich vor die Glotze. Köstlich! Die Reste werden eingedost, endlich ist mein Kühlschrank mal gut gefüllt. Ein schöner Anblick. Wenn ich jetzt nur noch gutes Brot hätte! Tatsächlich finde ich im Netz eine deutsche Bäckerei mit dem sinnigen Namen „Abendbrot“. Allerdings sind die ganz weit draußen in Puxi, in der Nähe der deutschen Schule. Aber die liefern auch. Wenn es sein muss, bis an die Haustür, bis spätestens 7.00 Uhr. Nach Hongkou immer Sonntags, man kann sich im Netz anmelden. Was ich sofort tue. (Als nach dem Namen der „Compound“ gefragt wird, muss ich grinsen). Mit zitternden Fingern ordere ich zwei Mohnbrötchen, zwei normale Brötchen und ein Mehrkornbrot. Die Bestellung wird bestätigt. Hoffentlich klappt das, bin völlig außer mir bei dem Gedanken, vor der Arbeit ein anständiges Käsebrötchen frühstücken zu können.
Siedend heiß fällt mir der Brief wieder ein. Eine Rechnung von China Telecom über 33,50 RMB, Internetgebühr von Januar. Leider kein Hinweis darauf, wie und wo die zu begleichen ist. Bei einer Filiale direkt? Aber wo ist die nächste? Kann ich ja am Samstag Matthew fragen. Aber von Zahlungszielen steht leider auch nichts drauf. Ich werde nervös: Was, wenn die mir hier das Netz abschalten, weil ich nicht rechtzeitig bezahle? Das wäre eine Katastrophe! Werde nervös. Recherchiere hektisch im Netz, gibt wohl einen Dienst der Shanghaier Stadtverwaltung, über den man so was per Internet- Banking machen kann. Melde mich an. Seiten teilweise nur in Chinesisch. Log- in bei der BOC über den Dienst klappt irgendwie nicht, fliege aus dem Netz. Werde immer panischer. Noch mehr Recherchen: Ist wohl so, dass man seine Strom-/ Gas-/ Wasser-/ etc. Rechnungen grundsätzlich bei der Post, bei seiner Bank oder in Convenience Stores begleichen kann. Was aber vielen Leuten zu umständlich ist, deswegen ja dieser Dienst. Convenience Stores? Häh? Etwa diese 24- Stunden Minimärkte wie Kedi, Lawsons, Family Mart und so? Unvorstellbar! Kann vor Nervosität kaum schlafen.

17.02.2010, Mittwoch:

Spät vormittags wache ich nach unruhigem Schlaf wie gerädert auf. Meine Augen sind verquollen, sehe aus wie eine Säuferin. Und das trotz Abstinenz und Obst- und Teekonsums die letzten Tage! Meine Bude ist mir noch entschieden zu lilalastig, deswegen möchte ich bei Ikea für das Sofa Kissen in gebrochenem Weiß erweben. (Habe die Produkte gestern vor dem Rechnungschaos schon recherchiert, sollte also schnell gehen). Sieht bestimmt schick aus und Kissen brauche ich sowieso, um mein müdes Haupt vor der Glotze zu betten, außerdem eine kuschelige Decke. Decken, die was aussehen, sind hier maximal 1,70 m x 1,30 m groß. China halt. Aber egal, meine Lieblingsdecke einfliegen zu lassen, wäre leicht übertrieben. Haste zum nächsten mir bekannten Mini- Markt auf dem Weg zu Metro 3 und präsentiere der Verkäuferin die Rechnung. Könne ich das hier bezahlen? Kurzer Blick auf das Dokument: Klar. Strichcode wird eingelesen, ich zahle, rote Stempel und ein Kassenzettel wird an die Fapiao (Quittung) getackert: Das war es. Und wegen so was kann ich die halbe Nacht nicht schlafen!
Mit der Metro 3 fahre ich sehr gerne, weil diese Linie überirdisch verläuft und man ständig wechselnde Perspektiven der Stadt hat. Obwohl die Fahrt zu Ikea fast 40 Minuten dauert, vergeht die Zeit wie im Flug. Ist halt was anderes, als mit der S8 von Mainz nach Frankfurt zu fahren. Bei Ikea ist natürlich der Teufel los. Seit Neuestem müssen die meisten privaten Taschen in einer soliden roten Tasche verstaut werden, die dann anschließen versiegelt wird. Das soll Ladendiebstähle verhindern, die wohl in letzter Zeit Überhand genommen haben. Und zwar nicht von Einzelpersonen, sondern von organisierten Banden. (Ein weiterer organisierter Berufszweig: Illegale Taxifahrer, die die schwer beladenen Konsumenten zu ködern versuchen). Was mir auffällt: Als westliche Ausländerin habe ich quasi Narrenfreiheit. Keiner hält mich auf, als ich entschlossen das Taschenversiegelungsteam ignoriere und die Rolltreppe hinaufstürme. Das sollte bei uns mal ein Asiate wagen!
Zickzacke mich an den Massen vorbei und schnappe mir die Kissen, die Bezüge und eine Vliesdecke. Wähle bei der Decke das billigere als zunächst anvisierte Produkt, dafür dann ein Kissen mehr. Denke, ein pinkfarbener Bezug könne meine „Couch“ rocken.
Eine Metrostation weiter, die an der von mir und Stefanie 2006 besuchten Sprachschule liegt, soll es angeblich einen Pflanzenladen geben. Seit meinem letzen Ikea- Besuch ist das einzige andere annähernd lebende Objekt in meiner Wohnung ein Efeu namens Wilson. (Nach Tom Hanks Basketball- Kameraden in „Castaway“). Möchte Wilson gerne zu angenehmer Gesellschaft verhelfen, als ich an der Hongqiuao Lu aussteige, werden alte Erinnerungen wach und ich muss fett grinsen. Ganz altes Territorium, fand die Gegend damals hier richtig Scheiße.
Biege von der Hongqiau Lu in die Huaihai Lu ein und stehe nach 200m z
war nicht vor dem ersehnten Pflanzencenter, aber in einem klasse Skulpturengarten. Mit jeder Menge Galerien und Cafes, die jetzt natürlich alle geschlossen sind. Trabe in der Abenddämmerung durch das Gelände und versuche, möglichst gute Fotos zu machen. Mann, warum haben Stefanie und ich das damals nicht entdeckt! Wo wir doch genau um die Ecke wohnten! Wie entspannt hätte man hier abhängen und lernen können! Muss ihr das unbedingt zeigen, wenn sie mich besucht. Und wenn alles aufhat, ist das bestimmt super hier.
Erwärme den Rest der Spaghetti und dekoriere: Die lila Puff- Bettwäsche wird gegen eine farbenfrohere ausgetauscht und gewaschen. Bin beglückt. Das pinkfarbene Kissen hingegen sieht richtig Scheiße aus! Da ich mich eigentlich für ziemlich geschmackssicher halte, bin ich erschüttert. Wie konnte ich mich derartig irren! Morgen will ich eigentlich in den Longhua Tempel, aber der liegt quasi auf der Strecke. Noch mal Ikea- Hölle an den Feiertagen? Egal, mal sehen.
Als ich mich um 23:00 schlafen lege, explodiert Shanghai mal wieder, diesmal aber richtig. Muss feststellen, dass Feuerwerke genau vor meinem Fenster explodieren, wenn sie unten im Hof entzündet werden. Ist ja hübsch anzusehen, aber nicht unbedingt toll, wenn man schlafen möchte.
Die trägeren meiner Nachbarn entflammen die Böller in der Wohnung und schmeißen es aus dem Fenster. Was ist jetzt wieder? Ah, der Wohlstands- oder Küchengott kehrt zur Erde zurück. Sieben Tage vor Neujahr ist er gen Himmel aufgestiegen, um dem Jadekaiser zu berichten, was in den Familien auf Erden so abgegangen ist. Deswegen wurden ihm auch Süßigkeiten geopfert, damit er milde gestimmt bzw. sein Mund verklebt ist. Heute kommt er zurück. Und er steht nicht so auf schön, Hauptsache, laut. Schönen Dank. Tue in der Nacht kein Auge zu.

18.02.2010, Donnerstag:

Schäle mich um viertel nach sechs aus dem Bett und mache mich gemütlich fertig. Über Shanghai hängt Rauch und noch immer wird geballert. So muss sich Krieg anf
ühlen. Der Presse entnehme ich, dass wir Shanghaier in der Neujahrsnacht 1.000 Tonnen Feuerwerk abgefackelt haben. Das sind 200 Tonnen mehr als die Beijinger. Diese Luschen!
Mit der Metro fahre einmal fast rund um die Stadt zum Longhua Tempel. Von der Metrostation aus muss man noch eine Ecke laufen, habe Mühe, den Böllern auszuweichen. Shanghai steht noch immer unter schwerem Atilleriefeuer. Mittlerweile scheint die Sonne und es ist schön warm. Im Tempel ist natürlich die Hölle los (man möge mir diesen Ausdruck verzei
hen), aber ein schöner Ort, um die Bevölkerung zu beobachten. Tatsächlich stellen sich die Chinesen ordentlich an, um den Göttern zu huldigen, ordentlich Räucherwerk wird verbrannt. Aber wenigstens nicht geballert. Zu meiner Freude stelle ich fest, dass es der Stadtverwaltung immer noch nicht gelungen ist, die Schilder mit den drolligen Übersetzungen völlig zu beseitigen. Eigentlich hat man Heerscharen von Stundenten auf die Suche nach diesen Schildern geschickt, um sich vor den ausländischen Expo- Gästen nicht mit schlechtem Englisch zu blamieren, aber zum Glück haben die wohl noch nicht alle gefunden.
Ikea erreiche ich, als der Laden gerade öffnet. Angenehm leer, kaufe die K
issenhülle und fahre in die Stadt. Ds mit den Klamotten lässt mir keine Ruhe, kann ja nicht zweimal im Jahr nach Deutschland fahren und mich neu einkleiden. In einem ansonsten scheiß- teuren Laden schieße ich das T- Shirtkleid, mit dem ich schon letztes Jahr geliebäugelt hatte, zum reduzierten Preis. Vor dem Laden werden Löwentänze aufgeführt und der Wohlstandsgott verteilt rote Umschläge. Finde auch noch ein Einkaufszentrum mit viel versprechendem Klamottenangebot, auch ein japanischer Laden mit sehr schönen und schlichten Haushaltsartikeln und auch Kleidung. Leider alles aus Leinen, das knittert so unhübsch. Ein Bügeleisen wollte ich mir eigentlich nicht zulegen. Eine Emoi- Filiale gibt es auch, kaufe eine Einkaufstasche, die sich sehr klein zusammenfalten lässt. Aus sehr stabilem Material. Meine letzte habe ich auch in China gekauft, die gibt jetzt langsam den Geist auf. Hat mir aber zwei Jahre lang treu gedient.
In der Fuzhou Lu besorge ich noch neue Stadtpläne in englisch und natürlich chinesisch, man muss ja auf dem Laufenden bleiben. Bemerke auf dem Weg dorthin, dass di
e Stadt mit zweifarbigem Blumenkohl dekoriert ist. Sehr hübsch. Hinweise auf das berühmte Shanghaier Blumenkohl- Festival Ende März. Was immer da gefeiert wird.
Die Couch wird dekoriert und jetzt bin ich mit dem Gesamtergebnis zufrieden. Meine Bude wird langsam richtig gemütlich.
SMS von Meister Wu: Morgen Training. Freue mich und schreibe zurück, ich sei hocherfreut. Zu Hause will ich eigentlich Ying Quan wiederholen, bin aber nach der schlaflosen Nacht zu platt. Surfe noch ein wenig im Netz und falle ins Bett.

19.02.2010, Freitag:

Vormittags:
Herrlicher Sonnenschein, treffe mich mit dem Meister im Park. Der schmeißt mir erstmal eine Tüte mit Süßigkeiten und Knabbereien in die Tasche, wie nett! Schönes und entspanntes Üben, wir wiederholen Mian Zhang (unschön), machen mit Ying Quan weiter (superschöne Form!), zum Schluss Taizu Quan. Meister Wu lobt mich und sagt, diese Form würde schon ziemlich gut bei mir aussehen. Wiegele bescheiden ab, aber innerlich bin ich doch sehr stolz. Die Säbelform wird noch mal thematisiert, der Meister gibt mir mit einem Stock schon mal einen Vorgeschmack. Cool. Rose und Oskar lernen die wohl auch gerade, Meister Wu sagt, bei Rose sehe das sehr schön aus, bei Oskar fürchterlich, weil er Kraft benutze und nicht entspannt sei. Glaube ich gerne. Hatte eigentlich nicht damit gerechnet, schon eine Waffenform zu lernen, ohne die Handformen perfekt drauf zu haben. Aber wenn der Meister denkt, dass ich das kann, soll es mir recht sein. Bin dann also die dritte Ausländerin, die diese Form lernt, früher hat er die noch nicht mal Chinesen (außer Xiao Lu natürlich) beigebracht. Bin mal gespannt, wann ich mein neues Sportgerät erhalte.
Bemerke aus den Augenwinkeln einen Knülch, der uns in respektvollen Abstand beobachtet. Scheint vom Fach zu sein. Merkwürdig, das merkt man den Leuten gleich an, ob das einfach nur Gaffer oder Sachkundige sind. Die haben eine ganz andere Körperhaltung. Als wir fertig sind, grüßt der Knülch den Meister respektvoll und erkundigt sich nach unserem Stil. Meister Wu gibt gerne Auskunft.
Wann ich denn wieder arbeiten müsse? Was, morgen schon? Na, so was blödes! Ja, finde ich auch, aber was will man machen! Also dann, nächstes Wochenende wieder.

Nachmittags:
Würde mich am liebsten aufs Ohr legen und die Ferien gemütlich ausklingen lassen, aber das Wetter ist einfach zu gut. Habe im Netz einen Vorschlag zu einem Spaziergang durch die Altstadt gefun
den, der recht interessant klang. Da ich hier keinen Drucker habe, versuche ich mir das so einzuprägen und markiere die Route im chinesischen Stadtplan. Schult das Gedächtnis. Außerdem mag ich Spaziergänge und finde es wichtig, meine neue Heimat kennen zu lernen.
Die Tour beginnt am Konfuzius- Tempel in der Wenmiao Lu. Ei
n beschaulicher Ort der Ruhe, sehr hübsch. Außer einigen westlichen Touristen sind hier kaum Besucher, Konfuzius ist über die Feiertage wohl nicht sehr populär. In einer Seitenhalle eine Ausstellung über Tiger in der chinesischen Kultur. Es gibt wunderschöne Rollbilder, die aber leider nicht zum Verkauf stehen. Sehr schade, denn besonders eines finde ich ausgesprochen schön.
Durch Altstadtgassen weiter zu einem Relikt der alten Stadtmauer, mit dem chinesischen Stadtplan gleicht das einer Schnitzeljagt. In allen Reiseführer
n wird das Altstadtleben immer so romantisch verklärt dargestellt. Aber mal ehrlich: Wer von uns würde ohne Toilette eingepfercht auf winzigstem Raum wohnen wollen? Keine Touristen bei der Stadtmauer, zahle 5,- RMB Eintritt und schaue mir das Gebäude an. Es gibt eine Halle, die daoistischen Heiligen gewidmet ist. Interessant. Rings um die Stadtmauer Hochhäuser, man kann die Wolkenkratzer in Pudong sehen. Genau neben der Stadtmauer befindet sich der Tempel der Weissen Wolke (Baiyunguan). Das ist der wichtigste daoistische Sakralbau Shanghais. Wird auch durch ein Schild der Stadtverwaltung als „Model religious site“ ausgewiesen. Gestern Buddha, heute Dao. Der Daoismus steht mir sowieso näher als der Buddhismus, kann damit einfach mehr anfangen. Außerdem sind die Mönche viel cooler und der Fummel auch hübscher.
Der Gründer dieses Tempels, Xu Zhicheng, wurde im gleichnamigen Beijinger Tem
pel getauft, daher der Name. Angeblich besitzen die Shanghaier die Originale wichtiger Schriften, von denen die Beijinger nur Kopien haben. Der Tempel ist sehr klein, besteht eigentlich nur aus einem Hof. Aber es ist gerade ein Ritual im Gang, das von Musik und ab und an ordentlich Gongrasseln und Trommelwirbeln begleitet wird. Beobachte interessiert den in prächtig bestickte Roben gehüllten Priester, der sehr komplizierte Armbewegungen vollführt. An einem Teil der Zeremonie kommen ein Schwert und ein kleiner Becher mit einem Zweig drin zum Einsatz, der Priester durchmisst würdig den Raum, schwenkt das Schwert über dem Becher und singt dazu. Machnchmal pustet er den Becherinhalt auch über den Altar. Sehr interessant! Was mich wundert: Er steht dabei mit dem Rücken zum Jadekaiser, nicht mit dem Gesicht. Vielleicht hat ja der Oster eine Erklärung dafür.
Vom Tempel aus spaziere ich in Richtung Yu- Garten. Kenne ich zwar schon, aber über die Feiertage ist hier alles mit bunten Laternen geschmückt, was bestimmt nett anzuschaue
n ist. Außerdem will ich als Neu- Shanghaierin den Stadtgöttern meine Ehrerbietung erweisen. Das sind natürlich auch daoistische Götter. Auf die grandiose Idee, sich die Laternen anzuschauen, ist natürlich halb Shanghai gekommen. Gedrängel ohne Ende, ich lasse mich zum Tempel trieben. Dort wird natürlich auch fleißig geopfert, beobachte interessiert, was so alles feilgeboten wird. Man kann Glücksbänder kaufen, sich für ein langes Leben von einem Mönch rote Urkunden bemalen lassen oder ein Stück Stoff bestempeln lassen. Je nach Wunsch sind diese Stempel unterschiedlich teuer, der teuerste Wunsch kostet 38,- RMB. Kann leider nicht lesen, was das ist, schade.
Die Laternen sind in der Tat recht hübsch, aber auch teilweise unglaublich kitschig. Klar, China halt. Ist bei Einbruch der Dunkelheit bestimmt noch hübscher, aber so lange möchte ich nicht warten.
Studiere vor dem Gebäudekomplex meinen Stadtplan und werde von Fake- Verkäufern genervt. Einer ist besonders penetrant und lässt einfach nicht locker. Schließlich brülle ich ihn an „Wo bu yao!“ und hole mit dem Stadtplan aus, als ob ich im eine verpassen wollte. Das beobachtet ein Opa, der sich schlapp lacht und mit dem Daumen
nach oben zeigt. Der Fake- Verkäufer trollt sich.
Nach soviel Opferei stinke ich nach Räucherwerk ohne Ende. Zu Hause werden erstmal die Klamotten gelüftet. Bereite mir in meinem Wok Bratkartoffeln mit Spiegelei zu, klappt hervorragend und ist lecker.
Schade, dass morgen wieder gearbeitet wird, hätte gerne noch ausgeruht und trainiert. Aber egal, diese paar Tage haben schon was gebracht.

Samstag, Februar 13, 2010

虎年快乐! - Frohes neues Tigerjahr!

Obwohl ich gestern früh ins Bett gegangen bin, verpenne ich fast das Training, bin von letzter Woche noch sehr geschlaucht. Mittlerweile sind die Temperaturen stark abgefallen, aber die Sonne scheint. Meine kleinen Tiger wackeln fröhlich mit ihren Köpfen.
Der Park ist wie ausgestorben, fast alle kleineren Geschäfte sind geschlossen. So habe ich Shanghai noch nie erlebt.
Meister Wu ist schon da, Planänderung für Neujahr: Morgen lecker essen, und Wujie kommt dann auch. Spitze! Da der immer sehr beschäftigt ist, hat der Meister ihn auch schon lange nicht mehr gesehen. Auf dieses Wiedersehen freue ich mich total. Und des Meisters Sohn hat endlich eine Freundin, die werde ich dann auch kennen lernen. Das freut mich sehr für den jungen Wu, denn mittlerweile ist der auch schon 26 und nicht gerade mit Schönheit gesegnet. Meister Wu war wohl schon ziemlich besorgt, sein Sohn könne keine Frau abkriegen und Nachkommen zeugen, hier in China eine Katastrophe. Und auch Wujies Sohn hat eine Freundin gefunden, da können die Väter sich ja jetzt beruhigt zurücklehnen.
Ich wünsche dem Meister auftragsgemäß in Stefanies Namen ein Frohes Neues Jahr und kündige sie für April an, Meister Wu wirkt erfreut. Und meinen roten Umschlag mit der Unterrichtsgebühr versenke ich auch in des Meisters Rucksack. Bin heute die einzige Schülerin, klasse. Deswegen üben wir sehr komplizierte Schrittfolgen, die ich mir unmöglich merken kann. Friere mir den Arsch ab, auf den Gräsern hängt Raureif. Ich bewege ich mich wegen der Kälte auch nicht wirklich geschmeidig. Neben uns üben eine Dame und ein Herr, die Dame fragt den Meister, ob ich Chinesisch verstünde? Und wo ich herkäme? Aus Deutschland und ja, ich verstünde ein wenig Chinesisch. Daraufhin erklärt mir die Dame wortreich die Bedeutung des heutigen Tages und fragt Meister Wu leicht vorwurfsvoll, ob er mich denn eingeladen habe? Ja? Für morgen? Na dann ist gut. Mir erklärt sie dann, dass man als ordentliche Schülerin an Neujahr seinem Meister aufzuwarten habe. Dieser Tradition werde ich mich gerne fügen.
Der Perückenmann schaut vorbei und verteilt Kippen, der Meister fragt mich, ob mir kalt wäre? Na ja, an den Füßen schon. Habe ja nur die dünnen Leinenschuhe. Ausziehen, fordert der Meister und schaut nach der Schuhgröße. Das geht ja nicht, da müssen Winterschuhe her. Der gute Mann! Ying Quan wird auch vertieft. Eine sehr schöne Form,vielleicht die schönste unseres Systems. Zum Glück habe ich ja das Video, so dass ich zu Hause gut nacharbeiten kann. Jetzt habe ich ja ein wenig Zeit. Irgendwie kommen wir nach dem Training auf die Säbel- Form, die es in unserem System gibt. Ob ich die auch lernen wollte? Klar will ich! Prima, dann besorgt er mir auch einen Säbel. Geil! Also dann, morgen um 16:00 bei ihm. Erst Teetrinken, dann Essen. Freue mich.
Im Bus nach Hause kotzt der Typ vor mir erstmal hemmungslos auf den Boden. Das ist selbst den Chinesen zu krass und der Typ wird mit giftigen Blicken bedacht. Stört den allerdings wenig.
Ich ziehe mich um und eile zu dem DVD- Laden an der SISU. Der hatte meiner Erinnerung nach ein sehr gutes Angebot, zugeschnitten auf die westlichen Studenten. Auf dem Weg dahin kollidiere ich mit einer Schnalle auf einem Fahrrad, die ich auf deutsch beschimpfe. Habe mich bis jetzt als Fußgängerin darauf verlassen, dass keiner eine große Ausländerin anfährt, weil das massiven Ärger mit den Bullen geben könnte. Anscheinend war ich da im wahrsten Sinne des Wortes blauäugig.
Der Laden hat natürlich zu, aber auf dem Rückweg finde ich zufällig einen chinesischen DVD- Shop. Die fünfte Staffel von Dr. House, ein Werk des Heiligen Steven und „John Rabe“ von Florian Gallenberger werden erworben. Diesen Film wollte ich mir eigentlich im Kino ansehen, habe das aber nicht geschafft. Das Buch allerdings habe ich schon vor langer Zeit gelesen, bin sehr gespannt auf die Umsetzung. (Über die Feiertage wollte ich vielleicht auch mal nach Nanjing fahren, mal schauen).
Kaufe bei Carrefour Nahrungsmittel, denn mittlerweile habe ich Hunger. Und das gute hier ist, dass das frische Gemüse und das Obst aus biologischem Anbau kommen. Ich beschließe, den Kartoffeln noch eine Chance zu geben. Stehe ewig vor dem Schnapsregal. Geschenkpackungen gibt es hier nur mit dem grauenhaften einheimischen Rotwein, den will ich morgen nicht mitbringen. Schließlich zerre ich irgendeinen Fusel mit 52 Umdrehungen aus dem Regal. Für 128,- RMB sollte der was taugen. Und mir gönne ich den französischen Landwein. Und Croissants fürs Frühstück morgen. Vorsichtshalber kaufe ich aber noch eine Stange mit des Meisters Lieblingskippen.
Vor der Bude mit den Feuerwerksartikeln stehen die Leute Schlange, ich verzichte allerdings auf Böller.
In den Aufzug steigt im 11. Stock eine winzig kleine Omi ein. Die Omi stutzt kurz bei meinem Anblick, strahlt dann aber über das ganze Gesicht und fragt mich in astreinem Englisch „How do you do?“ Ich antworte auf englisch, mir ginge es blendend, beim Aussteigen auf meiner Etage wünsche ich der Omi auf Chinesisch ein Frohes Neues Jahr. Die Omi lacht und winkt.
Schneide die rohen Kartoffeln klein und bereite sie in der Pfanne zu. Klappt gut und schmeckt. Chinesische Kartoffeln schmecken ganz anders als die deutschen, wesentlich süßer. Und haben ein komplett anderes Garverhalten. Das wird für Ali eine Herausforderung, wenn er mich mal besucht. Gut, dann werde ich mich demnächst mal an eines meiner Lieblingsgerichte wagen: Tudou Si. Kartoffelstreifen. Ordentlich Essig und Chillies. Lecker!
Mache es mir auf dem improvisierten „Sofa“ bequem und schaue Dr. House. Die Tonqualität ist leider nicht berauschend, aber was solls. Finde die deutsche Stimme von Hugh Laurie eigentlich fast besser als das Original. Und der spricht gar kein britisches Englisch. China beeinflusst mich wohl, wenn ich jetzt schon auf Fakes stehe.
Als ich gerade wegdämmere, geht mein Ehegatte online und ermahnt mich, nicht so viel dummes Zeug zu kaufen. Nein Ali, mache ich nicht mehr, ab jetzt nur noch geschmackvolles Zeug, wenn ich zufällig was sehe. Aber die Wackeltiger sind doch sooooo süß! Gestern Nacht ist die Decke unserer Küche runtergekracht. Verrückt. Ali schickt mir Bilder. Und er gibt mir noch einen Tip, wo ich mir Filme und Serien runtersaugen kann. Der Abend ist gerettet.
Mit Einsetzen der Dunkelheit ist an Schlaf und Videoschauen nicht mehr zu denken: Das Bombardement setzt ein. Und ich habe hier den absoluten Logenplatz. Festbeleuchtung über Shanghai, und es wird stündlich farbenfroher. Wunderbar!
Mache mich schnell auf Wikipedia kundig, was hier an Neujahr so angesagt ist. Aha, Bude putzen, damit das Glück Platz findet? Kehre schnell durch. Und Lichter anmachen und Fenster aufreißen? Auch kein Problem. Kriege Mails und SMS von chinesischen Kollegen und Ex- Kollegen, bin gerührt! Mittlerweile ist es hier halb Elf nachts, in einer halben Stunde sollte hier richtig die Show abgehen. Bin mal gespannt. Mache die Glotze an und schalte auf die Neujahrsshow von CCTV 1. Das schauen heute Abend fast alle Chinesen. Muss mich ja den hiesigen Sitten und Gebräuchen anpassen.
Kurz vor Mitternacht reiße ich alle Fenster auf und schalte alle Lichter ein, damit das Glück auch seinen Weg hierher findet und begebe mich vor die Hütte. Um mich herum explodiert Shanghai. Wahnsinn. Bin jetzt genau einen Monat hier. Und auf einmal habe ich Heimweh.

放假 – Ferien

Alles ist in Ferienstimmung und so beschließe ich, es heute mal gemütlich angehen zu lassen und erst um 10.00 im Büro zu erscheinen. (Ist hier normal. Die vergangenen Wochen habe ich schon um 8.00 angefangen und erstaunte Blicke geerntet). Scheinbar sind wir der einzige Betrieb auf unserer Etage, der überhaupt arbeitet. Draußen werden schon die ersten Böller gezündet, Vorgeschmack auf die Feierlichkeiten morgen. Saulaut. Sollte mir Ohrstöpsel besorgen.
Das Gebäude, in dem sich unser Büro befindet, hat übrigens eine interessante Geschichte: Ursprünglich mal von den Engländern knapp außerhalb ihrer Konzession erbaut, wurde hier im zweiten Weltkrieg von tapferen chinesischen Truppen erbitterter Widerstand gegen die japanischen Invasoren geleistet. (Die volle Geschichte gibt es hier. Als ich gestern Xiao Lu meine Visitenkarte zeigte, war der schwer beeindruckt. Sein Vater wäre damals fast von Japanern abgeknallt worden).
Verbringe den Tag damit, meine Projektordner und Dateien aufzuräumen. Meine Aufenthaltserlaubnis wird geliefert, jetzt bin ich offiziell Shanghaier Bürgerin und Expat.
Da die Hausverwaltung uns heute um 14.00 den Strom abdreht, tigere ich in die Stadt. Prima Wetter, zwar kalt, aber die Sonne scheint.
Erst mal in den Volkspark, heute ist ja Freitag und der Meister unterrichtet da. Dann kann ich ihm auch gleich ein schönes neues Jahr wünschen. Tatsächlich treffe ich Oskar, Andy und noch einen anderen ausländischen Typen an, der sich mir als J.D. oder so vorstellt. Scheint ganz nett zu sein, er hat schon von mir gehört, der Meister redet wohl öfter von mir. Oha, hoffentlich nur Gutes! Oskar fragt interessiert, wann Stefanie denn käme? (Tatsächlich fragt er nach Bettina, er verwechselt uns immer. Klar, wir sehen uns ja auch so wahnsinnig ähnlich). Im April? Prima, dann brennt er die ver-sprochene CD mit Übungsvideos für sie. Hat letztes Jahr nicht geklappt. Oskar ist ja schon ein netter Kerl, auch wenn er viel schwätzt.
Meister Wu ist sehr gut drauf und bringt den Jungs ein schönes Detail in unserer Form bei, ich beo-bachte aufmerksam. Anschließend schlendern Meister Wu und ich in Richtung Metro, ich möchte noch in die Fuzhou Lu. Scheinheilig frage ich, wie er denn Neujahr verbrächte? Und werde prompt eingeladen. Geil! Und außerdem noch Training morgen Vormittag im Heping Park. Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt. Ob er denn morgen nicht zu beschäftigt sei, schließlich sei Frühlingsfest? Nee, ist schon OK. Insgeheim rechne ich aber mit einer nächtlichen SMS. Das soll mir aber egal sein. Dass ich das wichtigste chinesische Fest überhaupt mit Familienanschluss und dann auch noch bei meinem Meister verbringen darf, ist eine sehr hohe Ehre. Und wenn Meister Wu kocht, kann man sicher sein, dass da richtig leckeres Zeug auf den Tisch kommt.
Immer noch Vegetarierin? Ja, leider. Findet er nicht gut. Schlecht für den Körper. Aber was soll ich machen.
Nur, was für ein Geschenk soll ich mitbringen?! Bei Carrefour gibt es Geschenkpackungen mit typiaschen Süßigkeiten. Die schienen mir aber nicht sonderlich lecker. Tees gibt es auch, aber da kenne ich mich nicht aus. Also an besten Schnaps und Kippen. Mit Schnaps kenne ich mich zwar auch nicht aus, aber da werde ich meinem Instinkt folgen. Hübsche Geschenkpackungen gibt es bestimmt auch.
In der Stadt ist ordentlich was los, Fuzhou Lu geht aber. Hier gibt es einen Laden mit hübschem Schickschnack, in dem ich 2008 auch schon eine richtig geile Laptop- Tasche gefunden habe. (Ja, Lilo: Auch „Hello Kitty“ Zeugs). Meine Ausbeute: Eine kitschige, kleine, goldene Skulptur (obwohl ich das kaum so nennen möchte) mit drei Tigern. Im Sockel befindet sich eine Solarzelle, die die Tiger mit dem Kopf wackeln lässt. Als Mitarbeiterin eines auf ökologischen Bauens spezialisierten Büros muss ich das natürlich haben. (Oh China, Land des genialen Kitsches! Aber Japan soll noch schlimmer sein).
Bei Book City finde ich die von mir gesuchten DVD´s leider nicht, egal. Habe ja immer noch die ver-zweifelten Hausfrauen abzuarbeiten. Und Ferien. Dann werde ich halt in die French Concession zu meinem Lieblingsladen fahren.
Bummel durch die Einkaufskatakomben am Volkspark, entdecke noch einen coolen T- Shirt Laden. Kaufe ein rotes (eigentlich nicht so meine Farbe) Langarmshirt mit Tiger. Die Verkäuferin ist begeis-tert, dass ich meine Wünsche grob auf Chinesisch äußern kann und schenkt mir eine Tragetasche passend zum Shirt.
Zu Hause mache ich es mir vor der Glotze bequem und schaue „Desperate Housewives“. Kein Stress heute, keine Rennerei- Das Leben ist schön.

Montag, August 27, 2007

Der Knut- Effekt

Wegen des wunderschönen Wetters verspüren wir Sonntags den dringenden Wunsch, uns in der freien Natur zu ergehen und fahren deswegen nach Ingelheim in den Tiger- Garten Waldeck. Im Mai gab es da wohl Nachwuchs, weswegen uns der Ausflug lohnenswert scheint. Bei der Ankunft keine Spur von kleinen Tigern, es liegen nur vier ausserordentlich imposante Kater auf ihren Podesten und halten Siesta. Also erstmal wandern. Als wir gegen 15.00 wieder am Gehege ankommen, hat sich eine doch recht ordentliche Zuschauermenge eingefunden, die ungeduldig an den Gitterstäben rüttelt. Betagtere Herrschaften haben sich gar Klappstühle mitgebracht, auf der sie der Tigerschau harren. Da ich mit der Zeitschiene der Präsentation nicht vertraut bin, sichere ich mir einen Platz direkt am Käfiggitter und warte einfach mal ab. Die Meute wird immer ungeduldiger, Kinder beginnen "Wir wollen die Tiger, die Tiger, die Tiger!" zu singen. Anscheinend werden die kleinen Kerle jedes Wochenende um diese Zeit rausgelassen, obwohl ein Schild verkündet, man werde die Kleinen je nach deren Befindlichkeit ins Freie lassen. Endlich betreten der Herr der Tiger und sein Scherge das Rund, begeben sich in den hinteren, nicht einsehbaren Teil der Anlage und kommen schliesslich mit je einem Tigerchen auf dem Arm zurück. Die Tigerchen balgen sich munter, spielen mit Bällen und Autoreifen, plantschen in der Zinkwanne, beißen ihre Bändiger und ich trete mich innerlich dafür in den Hintern, dass ich die Kamera zu Hause vergessen habe. Der Mob heult vor Entzücken, denn als Zugabe werden die großen, fetten, erwachsenen Tiger im Hintergrund gefüttert, die jetzt maunzend auf die Futterluke zuspringen und sich knurrend die Fleischhappen streitig machen, mit denen sie sich auf ihre Lieblingsplätze trollen, um sie herunterzuschlingen. Heißa, Brot und Spiele! Ich beginne zu ahnen, was im Circus Maximus abgegangen sein muss und zerre verzweifelt mein über eine bescheidene Kamera verfügendes Mobiltelefon hervor, um dieses Schauspiel festzuhalten. Hätte ich mich doch mal vorher etwas eingehender mit der Bedienungsanleitung befasst. Die kleinen Tigerchen sehen ihren großen Kollegen beim Fressen zu, was die Meute unwahrscheinlich süß findet. Ein Kind mutmasst, der kleine Tiger erwarte von dem grossen, dass der ihm etwas abgäbe. Schön, soviel Altruismus. Nach einer knappen halben Stunde in der brodelnden Menge habe ich genug und schlängele ich mich von dannen. Obwohl die kleinen Tigerchen ja soooo süß und herzallerliebst waren...