Sonntag, Februar 13, 2011

兔年快乐 – Fröhliches Hasenjahr!

01.02.2011, Dienstag

Will in meiner Freizeit wenigstens ordentlich trainieren, deswegen schleppe ich mich in den Volkspark. War da schon ewig nicht mehr zum Üben, weil ich ja arbeiten musste. Warte eine Viertelstunde, kommt keiner. Versuche, dem Meister eine SMS zu schicken. Klappt aus irgendwelchen Gründen nicht, beschließe daher, wenigstens etwas für die Gesundheit zu tun und im Vegetarian Lifestyle zu dinieren. Werde wie immer gefragt, ob ich eine Mitgliedskarte hätte. Nee, aber diese Pappkarte mit den Stempeln drauf, habe vier, die Mitgliedskarte gibt es ab zehn. Die Bedienstete geht weg und kommt mit einem Formular auf Chinesisch wieder, das sie mir zu erklären versucht. Kein Problem, kann doch lesen. Fülle das Formular aus, einige Fragen der Bediensteten und zehn Minuten später überreicht mir die Oberkellnerin meine Mitgliedskarte. WOW! Vegetarian Lifestyle ist mit diesen Karten sehr eigen und die sind fast unmöglich zu bekommen. Jetzt habe ich eine. Ritterschlag! (Später kriege ich raus, dass die im Januar 6- jähriges Jubiläum hatten und es im Rahmen einer Sonderaktion die Mitgliedskarten schon ab vier Stempeln gab). Das neue Jahr fängt ja gut an.

02.02.2011, Mittwoch - Silvester

Nachmittags Chinesisch- Unterricht, abends sind Rose und ich beim Meister eingeladen. Oskar hat eine schlimme Erkältung und kann nicht kommen. Wenn Jud wüsste, dass wir drei beim Meister eingeladen sind, würde er sicher vor Neid platzen, klar, dass wir dem das nicht unbedingt unter die Nase reiben.
Gemütliches Abendessen bei den Wus, nur die Familie, Rose und ich. Es wird aufgetischt, dass sich die Balken biegen, des Meisters Gattin weist mich in das korrekte Knabbern von Kürbiskernen ein. Ich werde gleich für den nächsten Tag zum Mittagessen wieder eingeladen, wie nett! Xiao Lu soll da dann auch kommen, Rose hat schon was anderes vor.
Der Meister hat eine neue Katze, so einen riesigen Brocken habe ich selten gesehen. Da braucht er aber wirklich nicht mehr auf Lilos tigergleichen Kater neidisch sein.
Danke mit Roses Unterstützung als Übersetzerin ungelenk der Familie Wu und versuche, meinen Dank für diese überaus wichtige Einladung zu übermitteln, auch im Namen meines Gatten, der mich in der Ferne in guten Händen wisse. Die Wus winken ab, wir hätten uns ja auch um den Meister gekümmert, als er in Deutschland war. Des Meisters Gattin nimmt mich in den Arm und knuddelt mich.
Leute, auch wenn ich hier manchmal fast verzweifeln möchte: Mein Meister und seine Familie gehören zu den warmherzigsten und herzlichsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe. Und das lässt mich alle Schwierigkeiten vergessen.
Entspannter Abend, wir futtern, bis die Schwarte kracht und schauen Fernsehen. Die Neujahrsshow auf CCTV hat den Charme der 80ger Jahre, grauenhaft. Aber auf Star TV läuft die „Mr. Zhou Live Show“. Herr Zhou ist hier enorm populär, hat ein freches Maul und zieht aktuelle Themen durch den Dreck. Vor dreißig Jahren hätte er für solche Äußerungen noch in einem Arbeitslager in der Inneren Mongolei Latrinen ausheben dürfen, heute kann er ganz frei im Fernsehen ablästern. Und das am Neujahrsabend. Ich verstehe zwar den Wortwitz von Herrn Zhou nicht so ganz, da er auch teilweise Shanghainese redet, aber die Wus und Rose wälzen sich vor Lachen auf dem Boden.
Rose und ich empfehlen uns dann so um 22.00, Shanghai liegt mittlerweile unter schwerem Beschuss. Hetze hakenschlagend den Detonationen ausweichend zum Family Mart und erstehe eine Flasche Weisswein. Vor dem Eingang meines Hauses entzündet ein Nachbar gerade eine 1m3 Feuerwerksbatterie. Chinesen geben sich nicht mit so läppischen Raketen zufrieden wie wir, nein, ein einigermaßen würdiger Feuerwerkskörper muss schon mindestens die Dimensionen einer Flakkanone haben. Recht so, kerniges Volk! Und das Feuerwerk haben sie ja sowieso erfunden.
Genieße bei einem Glas Wein gemeinsam mit dem Kater von meinem Wohnzimmerfenster aus das um uns herum explodierende Shanghai. Bin heiter und entspannt, kann jetzt nur noch aufwärts gehen.

03.02.2011, Donnerstag

Klemme mir Xiao Lus Geschenk unter den Arm und schwinge mich ins Taxi. (Finde später heraus, dass es auch einen direkten Bus von mir zu des Meisters Behausung gibt- Nächstes Mal halt).
Fühle mich dann doch etwas blöd, dass ich zwar für Xiao Lu was dabei habe, nicht aber für die Familie Wu, die mich ja schließlich schon wieder bewirtet. Gut, die hatte ich gestern schon ordentlich mit Geschenken bedacht, aber ich komme mir trotzdem doof vor. Kaufe daher schnell noch einen üppigen Obstkorb für 88,- RMB, das einzige Vernünftige, was auf die Schnelle zu kriegen ist. Mama Wu beschimpft mich daraufhin natürlich prompt. Viel zu höflich, das wäre doch jetzt wirklich nicht nötig gewesen! Mir egal, wenigstens ist mein Gewissen beruhigt. Ein anderer Knülch ist schon anwesend, schick in einem für hiesige Verhältnisse sogar recht flotten Anzug gekleidet. Er wird mir zwar nicht namentlich vorgestellt, aber ich gehe davon aus, dass er wohl einer meiner Tongbei- Brüder ist. Ja, wir sind alle eine große Familie. Das ist ja das Schöne, wenn man Kampfkünste übt.
Xiao Lu lässt auf sich warten, schließlich greift der Meister zum Telefon und ruft bei ihm an. Er hofft, dass nicht Xiao Lus Gattin abheben möge, die fürchtet er nämlich. Interessant, der Sache muss ich mal auf den Grund gehen. Früher hatten die beiden wohl mal ein ganz gutes Verhältnis zueinander und der Meister pflegte regelmäßig mit ihr Mahjang zu spielen, da muss irgendwas passiert sein.
Xiao Lu kann dann aus irgendwelchen Gründen doch nicht kommen, wie ärgerlich. Habe ich sein Geschenk für nix und wieder nix mitgeschleppt.
Wie immer superleckeres Essen, Anzug ist sehr nett, bietet mir zackig und formvollendet Kippen an und hat ganz schnell raus, wie ich heiße. Seinen Namen bekomme ich jedoch trotz intensivem Zuhören nicht mit.

Bemerke ein über der Eingangstür zur Wohnung prangendes Schild mit Schriftzeichen, die ich nicht kenne, aber darunter steht in lateinischen Buchstaben "Om mani padme hum". Aha. Interessant. Wer ist wohl der Buddhist in des Meisters Familie? Er wohl sicher nicht, da hatte scheinbar Mama Wu ihre Hände im Spiel. Jedenfalls gab es dieses Schild bei meinem letzten Besuch noch nicht.

Entspannte Stimmung, schaue mit Mama Wu Fernsehen. Es läuft ein Beitrag, in dem die Körpergrößen westlicher und chinesischer Filmstars verglichen werden, der Heilige Steven ist auch dabei. Kreische entzückt und erkläre Mama Wu, dass ich den besonders Klasse fände. Ja, der sei wirklich sehr lustig. Punkte, indem ich ganz viele chinesische Stars beim Namen zu nennen weiß.

Nach sehr ausgiebigem Essen und Teetrinken verabschiede ich mich gegen 17.30. Mama Wu rafft etliche Süßigkeiten, Nüsse, Kürbis- und Sonnenblumenkerne in eine Tüte, die superleckeren dicken Bohnen und eingelegten Tofu packt sie auch noch hübsch eingedost dazu. Und als Nachtisch die geilen mit schwarzem Sesam gefüllten Klebreisbällchen, für deren Zubereitung mir noch etliche Anweisungen gegeben werden. Werde über die Neujahrsferien bestimmt nicht verhungern. Bin mir mittlerweile fast sicher, dass Mama Wu und meine Schwiegermutter auf unheimliche Art Zwillinge sind.
Breche völlig ermattet auf dem Sofa zusammen und schaue mit Sieder DVDs. Draußen wird weiter wie verrückt geballert.

04.02.2011, Freitag

Tue heute das, worauf ich mich schon seit langem gefreut habe: Nämlich gar nichts. Gut, mein Fellwecker weckt mich zwar schon ziemlich früh, da er gefüttert werden will und spielen möchte. Als Zeichen seiner Liebe zu mir legt er mir das Rattenmausi aufs Kopfkissen. Bloß gut, dass er hier keine chten Mäuse fangen kann. Seinem Begehren verleiht er mit ein paar sachten Pfotenhieben Nachdruck. Aber den Rest des Tages verbringen wir dösend vor der Glotze. Schön.

05.02.2011, Samstag

Zheng Rui hat ein Treffen mit seinem Baulöwen- Kumpel klargemacht, schmeiße mich also in Schale und fahre in die Stadt. Herr Zhou ist auch ganz nett, aber Bauunternehmer und kein Architekt. Er hat eine Architektin aufgetrieben, die übersetzt. Herr Zhou will natürlich seinem alten Kumpel Zheng Rui einen Gefallen tun und schaut sich dann halt mal diese ausländische Architektin an, die bis jetzt (für seine Verhältnisse) nur Klickerprojekte gemacht hat. Er baut dann eher so Bürotürme oder Einkaufszentren ab 50.000 m2 aufwärts. Aber von meinen Softwarekenntnissen ist er dann doch beeindruckt. Da Herrn Zhous Firmensitz in Ordos in der Inneren Mongolei ist, fühlt sich Zheng Rui verpflichtet, zügig an meiner Stelle zu erklären, dass ich wegen unseres Meisters Shanghai nicht verlassen würde. Dafür bin ich ihm auch sehr dankbar, denn ich wollte die Innere Mongolei zwar schon immer mal besuchen, aber keinesfalls dort leben. Aber vielleicht geht ja was mit freier Mitarbeit? Mir ist von Anfang an klar, dass ich keine Lust habe, diese Art von Arbeit zu machen. Auf Abruf schnell im Tudorstil einen Wolkenkratzer hinrotzen? Habe da denn doch noch Ideale. Versuchen, uns gegenseitig aus der Affäre zu ziehen, ohne dass jemand Gesicht verliert. Klappt jedenfalls von meiner Seite aus ganz gut, denn meine Arbeitserlaubnis und damit auch mein Aufenthaltstitel sind an eine Anstellung gebunden. Als Freiberufliche dürfte ich hier nur arbeiten, wenn ich eine Firma gründen würde. (Was allerdings auch nicht allzu kompliziert ist). Wir verbleiben, dass wir uns beide mal so unsere Gedanken machen. Zheng Rui ist happy und schreibt mir am folgenden Tag eine lange, das Gespräch zusammenfassende mail. Da die aber in ziemlich komplexem Chinesisch ist, beantworte ich sie zunächst nicht. Lieber auf Hilfestellung von Ying warten.

06.02.2011, Sonntag

Da Xiao Lu versprochen hatte, heute im Park zu sein, schäle ich mich früh aus dem Bett und springe voll bewaffnet und mit Geschenk in den Bus. Geiles Wetter, aber wegen des ständigen Geballers hängt eine Dunstwolke über der Stadt.
Warte am Parkeingang, natürlich kommt der feine Herr Lu nicht. Aber der chinesische Xingyi- Stil übende Steve Buscemi erspäht mich und schießt freudestrahlend und wild grüßend auf mich zu. Hahaha, frohes neues Jahr, warte hier gerade auf meinen Shixiong, der mich mal wieder versetzt. Blödmann. Geschenk schon wieder nicht losgeworden. Egal.
Sieder und ich hängen auf dem Sofa rum und arbeiten DVDs ab. Der Schacht des DVD- Gerätes übt auf den Kater eine unheimliche Anziehungskraft aus und auch die sich plötzlich auf dem Fernseher bewegenden Bilder findet er faszinierend. Macht seinem Ingenieur- Namensgeber alle Ehre.
Der Wohlstandsgott kehrt heute auf die Erde zurück, deswegen wieder schweres Bombardement. Kenne ich schon vom letzten Jahr und bin vorbereitet. Habe allerdings den Eindruck, dass dieses Jahr etwas weniger gefeuert wird. Naja, einen sachten Hasen begrüßt man halt verhaltener als einen wilden Tiger.

07.02.2011, Montag

Vielleicht kommt Shen Ayi heute, etwas unklar. Schließlich sind immer noch Ferien. Flüchte jedenfalls vorsorglich und schaue mir einen buddhistischen Tempel in einer Vorstadt an.
In der Metro sitzt neben mir eine Familie mit einem unglaublich dicken Kind. Die Familie führt zwei sehr große Tüten mit langsam auftauendem Fleisch mit sich. Wohl auf dem Weg zu einem Festschmaus. Lecker.
Die Straße von der Metro zum Tempel säumt ein sehr großer Fischmarkt, interessant, das feilgebotene Viehzeug und die Volksgenossen bei der kritischen Auswahl desselben zu beobachten. Muss ständig aufpassen, nicht in irgendwelche Fischabfälle zu latschen.
Der Tempel ist sehr hübsch und idyllisch an einem Wasserlauf gelegen. Außerdem gibt es eine ganz reizende Pagode, die ich natürlich bis ganz nach oben ersteigen muss. Klasse Idee bei Höhenangst. Meine letzte Tat in meinem alten Büro war der Entwurf eines kleinen Parks, in dem unbedingt historisierend eine Pagode und ein buddhistischer Tempel eingebunden werden mussten. Deswegen schien mir dieser heutige Ausflug auch ganz angemessen. Stelle fest, dass mein Entwurf anscheinend ganz OK war, auch wenn ich mit den Planungsansätzen nicht einverstanden war.
Fahre zum Blumenmarkt, auf dem wegen der Ferien allerdings nichts los ist. Schade, hätte gerne eine hübsche Orchidee gehabt.
Da das Cloud 9 Einkaufszentrum sowieso auf dem Heimweg liegt, beschließe ich, ein wenig zu bummeln. Huldige im dortigen Carrefour, der im Gegensatz zu meinem auch viele westliche Produkte feilbietet, dem Wohlstandsgott und kaufe Unmengen von Käse, ein wenig Wein, Kekse und Weißbrot. Auf dem Weg von der Metrostation noch ein schneller Besuch im DVD- Laden, wo ich unter anderem den Film „Four Lions“ schieße.
Shen Ayi hat die Bude auf Hochglanz gebracht, schlage mir den Magen mit Weißbrot und Blauschimmel- und Gruyerekäse voll, während ich mit dem Kater die gerade erworbenen DVDs anschaue. „Four Lions“ ist zum Brüllen komisch, einer der besten Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Soll im April in Deutschland anlaufen, unbedingt reingehen!
Von dem übermäßigen Käsegenuss kriege ich prompt Pansenrattern. Egal, hat sich gelohnt.

08.02.2011, Dienstag

Letzter Ferientag, bin ganz froh, es endlich mal wieder zum Training in den Volkspark zu schaffen. Außer Jud und Rose sehe ich meine anderen Brüder und Schwestern ja sonst kaum. Frühlingshafte Temperaturen, da ist man doch gleich viel entspannter.
Im Volkspark wird dann auch ein ganz anderes Tempo vorgelegt als Sonntags im Heping- Park. Klar, die hier Trainierenden haben ja auch ein ziemlich hohes Niveau. Für mich interessant, wie meine Mitschüler so drauf sind und ich bin erleichtert, dass auch die nicht immer alles perfekt hinkriegen.
Wang Ming Bo, ein alter Kumpel von Rose und eigentlich Yang Stil Meister übt seit Neuestem wohl auch Tongbei. Interessant. Muss ich Stefanie unbedingt erzählen, wir beide haben 2006 ziemlich viel mit ihm geübt, Stefanie auch schon vorher. Bin glücklich, jetzt mehr Zeit zum Üben zu haben.

Dienstag, Februar 01, 2011

春节 – Neujahr

Es ist merkwürdig hier. Weihnachten und Sylvester hatten hier kaum eine Bedeutung, aber das chinesische Neujahr hat hier echt was. Für mich ist das Gefühl des Übergangs wesentlich stärker als in Europa. Zu sehen, wie Shanghai binnen zwei Wochen regelrecht ausstirbt kann einem schon Schauer über den Rücken jagen.
Schon vor Wochen fing Xiao Lu an, rote Socken zu tragen. Er ist in Jahr des Hasen geboren, deswegen muss er jetzt das ganze Jahr was Rotes tragen. Morgen ist hier Sylvester und auch sein Geburtstag. Aber doch nicht sein richtiger. Xiao Lu feiert den Tag seiner Empfängnis. Und das war seiner Auffassung nach der 21.01. er ist zwar am 02.02. auf die Welt gekommen, aber war er nicht vorher fast ein Jahr im Bauch seiner Mutter?
Besorge trotzdem ein Geschenk für ihn, ein rotes Sweatshirt mit einem Hasen drauf und dem Zeichen für Glück. Vielleicht zu groß, aber ich kann das umtauschen. Hauptsache, mein großer Bruder geht beschützt durch das Jahr des Hasen.
Mache mir Sorgen um meine Katze, aber Sieder scheint das Geballer nicht zu stören. Seit einer Woche wird Feuerwerk verkauft, seit zwei Tagen wird gefeuert. Leute, und das hier ist nichts im Vergleich zum Westen. Wir ballern zum Jahreswechsel vielleicht eine Nacht für zwei Stunden. Hier geht das eine Woche lang. Und zwar ohne Unterbrechung. Meine Compound ist hübsch geschmückt und ich habe für die kommenden Tage Lebensmittel gebunkert. Und eine flotte Laterne aufgehängt. Und das Zeichen für Glück an meinen Kühlschrank gepappt. Was soll jetzt noch schiefgehen.
Frohes neues Jahr!

事势第四 – Stand der Dinge #4

Job:
Mache mit meinem letzten Projekt eine Punktlandung, feuchter Händedruck und das war es fast. Würde mich dann doch interessieren, wie mein Entwurf beim Kunden angekommen ist, vielleicht bekomme ich ja Rückmeldung. Sonntag (vor dem Neujahrsfest ein Arbeitstag) muss ich mir noch meine Allowance abholen. Auf das Neujahrsessen mit meinem Büro habe ich natürlich keinen Bock. Frage mich, was ich aus dem vergangenen Jahr so mitnehme. OK, Einblick darin, wie Dinge hier so laufen, aber mein größter Gewinn hat vier Beine und rotes Fell. Ist ja auch was.
Erfahre, dass andere Kollegen freiwillig gekündigt haben, aha. Schade eigentlich, dass die Dinge so auseinanderfallen, hätte echt gut laufen können. Egal, abhaken, weitermachen.
Treffe auf einer Party einen Boss, bei dem ich mich beworben hatte. Der will sofort ein Interview mit mir. Bin zwar etwas zögerlich, da ich gerade meinen dritten Long Island Ice Tea am Hals habe, aber was soll es. Läuft gut, aber vor Neujahr geht hier sowieso nichts. Mal sehen.

Guanxi:
Zu beschreiben, was hier zu dieser Zeit abgeht, ist echt schwierig. Chinesisches Neujahr wirft schon mindestens drei Wochen vor den eigentlichen Festlichkeiten seinen Schatten. Seit zwei Wochen verlassen täglich eine Millionen Menschen Shanghai in Richtung Heimat, was sich in der Metro deutlich bemerkbar macht. Restaurants sind immer ausgebucht, da man Essen geht. In den Supermärkten ist jeden Tag die Hölle los, nahtloser Übergang von Weihnachten zu dem richtigen Fest. Man sollte sich mal unser Weihnachten vorstellen und das mit 10 potentzieren. Und das trifft es nicht annähernd.
Zheng Rui (Teeknülch) organisiert ein Essen mit Meister Wus Schülern. Sitze zwischen Rose und der Zappelmaid und blicke auf das vergangene Jahr zurück. Ein Jahr in Shanghai, keinen Job, keine Freunde und meine Trainingsleistung auch nicht verbessert. Während alle um mich herum fröhlich sind, kullern mir Tränen aus den Augen. Schäme mich, Rose redet auf mich ein wie auf ein krankes Pferd.
Die Zappelmaid flirtet mit ihren westlichen Tongbei- Brüdern, würde dem Luder am liebsten den Hals umdrehen. Ihr westlicher Name ist „Phoebe“. Alberner könnte es kaum sein, Rose und ich verdrehen unsere Augen. Aber wir weiblichen Schülerinnen prosten unserem Meister zu, auch wenn ich dem Miststück am liebsten ein Messer in den Rücken gerammt hätte. China halt. Sie weiss, dass ich sie hasse, ich weiss, dass sie gegen mich kämpfen wird wo sie nur kann, trotzdem sitzen wir hier und umarmen uns. China kann manchmal ganz schön kompliziert sein.
Die Wus und ich fahren mit derselben Metro heim, Wu Junior fragt mich beiläufig, ob ich denn zum Frühlingsfest hier sei? Klar, das verbringen ich und meine kleine Katze gemeinsam. Nee, nee, die Wus laden mich ein. Und das zum Jahreswechsel. Letztes Jahr war ich quasi am ersten Weihnachtsfeiertag eingeladen. Dieses Jahr Heiligabend. Mit Rose zusammen, das ist eine wirklich sehr große Ehre und ich bin sehr bewegt.
Einen Tag später klingelt nachts mein Telefon, der Teeknülch oder vielmehr Zheng Rui oder Richard. Hey, mein ehemaliger Mitschüler hat ne Baufirma und sucht Architekten. Schick dem doch mal deine Mappe, hast du während der Feiertage Zeit? Bin total gerührt. Könnte spannend werden, für ein Local Design Institute zu arbeiten.
Finde es jedenfalls total nett von Zheng Rui, dass er sich für mich so ins Zeug legt. Ein paar Tage später erfahre ich von Xiao Lu, dass der Meister für mich alle Beziehungen, die er hat, ausgespielt hat. Und allen anderen den Befehl erteilt hat, mich aufzuheitern, da ich doch neulich offensichtlich so traurig war. Und eine billigere Wohnung sollte ich auch haben, die werden sie suchen.
China ist sowas von geil.

事势第三 – Stand der Dinge #3

Job:

Einen Tag vor Alis Ankunft platzt unser Hauptprojekt und meinem Chef fällt auf, dass mein Vertrag ja im Januar ausläuft. Der wird dann also nicht verlängert. Toll, schönes Weihnachtsgeschenk. Was willste machen, ist nicht das erste Mal, dass mir betriebsbedingt gekündigt wird. Fairerweise hilft mir mein Büro aber, meine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu verlängern, da muss ich mir also keine Sorgen machen. Habe ja auch einiges auf die Seite gelegt, so dass ich entspannt suchen kann, ohne mir über Kohle Gedanken machen zu müssen. Blöd nur, dass es momentan in Shanghai schweinekalt ist, sonst hätte ich wenigstens wie verrückt trainieren können. Und das Frühlingsfest steht vor der Tür, da geht hier sowieso nichts. Naja, also Lebenslauf aktualisieren, raussschicken und abwarten. Aber die festliche Stimmung ist natürlich gedämpft.

Ali:

Hole Ali vom Flughafen ab und freue mich. In Shanghai hat es geschneit, ist also nicht besser als zu Hause. Meine Wohnung findet Ali überraschend gemütlich. Sieder flüchtet beim Anblick des anderen Mannes in meinem Leben erst mal ins Bad, wo er sich empört heulend auf das Waschbecken kauert. Nach ein wenig gutem Zureden siegt seine Neugier und er beschnüffelt das Gepäck und beginnt, sich mit Ali anzufreunden. Schon am nächsten Tag finde ich die beiden friedlich zusammengekuschelt im Bett wieder, als ich vom Einkaufen nach Hause komme. Bin gerührt. Meine beiden Männer! Schlaues Tier, so schnell hat er noch nie zu jemandem Vertrauen gefasst.
Mache Ali mit meinen Lieblingsorten bekannt, die Taikang Lu findet er natürlich auch Klasse. Meinen Geburtstag feiern wir bei Glühwein und Käsefondue nach. Meine Freunde haben ihm Geschenke mitgegeben, danke an alle! Stefanie hat Katzenspielzeug geschickt, auf das Sieder natürlich voll abfährt. Sein Liebling ist sofort eine fette rotzhässliche Naturfellmaus, die klingelt und quietscht und an einer langen Gummischnur hängt. (Von Ali und mir das „Rattenmausi“ genannt). Und von Ali kriegt er einen Mainz 05 Fressnapf. Bin happy, endlich kann mein Kater von anständigem Geschirr speisen und hat schönes Spielzeug.
Weihnachten verbringen wir auf Hainan in einem richtig geilen Resort. Wir beide sind total urlaubsreif, Entspannung pur. Heiligabend stellt man uns ein riesiges, von innen beleuchtetes Lebkuchenhaus in die Bude. Wir tauschen traditionell zu den Klängen des Weihnachtsoratoriums unsere Geschenke aus. Phantastisches Essen in sommerlicher Kleidung unter Palmen, während Bing Crosby diskret von einer Weissen Weihnacht träumt. Verrückt. War Weihnachten noch nie weg von zu Hause und ich wollte dieses Fest schon immer mal mit einen fetten Cocktail am Hals im Warmen feiern.
Muss wieder arbeiten und Ali erkundet die Stadt auf eigene Faust. Er hat Spaß, lässt sich die Haare scheren und schleppt jede Mange Nahrungsmittel an. War klar, dass mein Gemahl in der Lebensmittelabteilung von Carrefour Stunden verbringen kann. W- LAN richtet er mir auch noch ein und auch ein DVD- Spieler sowie ein Heizlüfter werden erworben. Leider lässt das Ding mehrere Male die Hauptsicherung meiner Wohnung rausfliegen, weswegen die netten Herren von den Elektrizitätswerken mittlerweile meine besten Freunde sind.
Sylvester verbringen wir in einem tollen Hotel in der Innenstadt. Wegen des Hochhausbrandes im November leider keine Feuerwerke, aber am Neujahrstag genießen wir ein hervorragendes Früh-stück mit grandioser Aussicht auf die Stadt, besuchen die Biennale im Kunstmuseum und gehen shoppen. Schade, dass Ali zum chinesischen Neujahr nicht hier sein kann.
Am ersten Sonntag des neuen Jahres gehe ich trainieren und Ali kommt später, um uns zuzuschauen. Fröhliches Wiedersehen mit dem Meister, die beiden haben sich jetzt knapp vier Jahre nicht getroffen. Das letzte Mal, als ich hier 2006 meinen Geburtstag gefeiert habe. Da muss man natürlich gemeinsam essen gehen. Keine Zappelmaid, aber der nette Teeknülch ist dabei. Xiao Lu wird auch noch schnell herbeitelefoniert. Leckeres Essen, Ali ist begeistert. Photos werden auch noch geschossen, ich freue mich.
Nach drei schönen Wochen muss mein Gatte dann leider wieder nach Hause. Setze ihn in ein Taxi und instruiere den Schergen, an welchem Terminal er ihn abzusetzen hat. Trabe zur Arbeit und bin traurig. Als ich abends nach Hause komme, erwartet mich Sieder an der Tür, kreischt vorwurfsvoll und wischt zwischen meinen Beinen durch nach draußen. Mir gefriert das Herz, das hat er noch nie gemacht. Vielleicht ist er enttäuscht, dass das nette große Menschenmännchen jetzt auf einmal weg ist und sucht es. Klare Sache: Das Vieh kommt mit nach Deutschland, egal was ich dafür tun muss.

Dienstag, Dezember 14, 2010

事势第二 – Stand der Dinge #2

Training:
Xiao Lu wundert sich, dass der Meister ihn so gar nicht nach meinen Trainingsfortschritten fragt oder was wir denn überhaupt so üben. Ob er mich denn danach gefragt habe? Nee, auch nicht. Mich wundert das auch ein wenig, entweder vertraut der Meister uns und sieht Erfolge, so dass er nicht fragt oder er hat mich abgeschrieben. Muss mich mal vorsichtig bei Rose erkundigen, wenn sie das nächste Mal kommt. Als ich Xiao Lu erzähle, der Meister fände, dass Rose die Säbelform „feichang piaoliang“ (außerordentlich schön) ausführe, ist er in seiner Ehre gekitzelt. „Rose ist fett“ sagt Xiao Lu und piaoliang sei ihre Form auch nicht wirklich, das habe er gesehen. Naja, fett ist Rose jetzt nicht gerade, wie ich finde. Gut, Damen in unserem fortgeschrittenen Alter neigen manchmal zu ein wenig mehr Üppigkeit um die Hüften und am Bauch. Aber fett? Bestimmt nicht.
Dafür werde ich jetzt gnadenlos korrigiert, das werde ich doch bestimmt hübscher hinkriegen als Rose. Versuche, mein Bestes zu geben. Und bei den Einzelbewegungen ist er auch sehr streng. Als ich einmal wegen diverser Dinge ziemlich mutlos und verzweifelt ins Training komme und mir bei seinem Gemecker irgendwann mal die Tränen in die Augen treten, denkt er, das sei seinetwegen. Ziemlich ernst erklärt er mir, ich sei jetzt über die Stufe des „xuexi“ (lernen) hinaus, das hier sei jetzt „lianxi“ (üben). Und das sei viel härter, denn am Ende stehe „gongfu“ (Können). Versichere ihm hastig, dass ich sein Vertrauen außerordentlich zu schätzen wisse und erkläre, was mich so bedrückt. Er hört verständnisvoll zu und tröstet mich. Bester Freund.
Wir freunden uns mit einer kleinen Parkkatze an, der ich öfters mal Futter mitbringe. Der arme kleine Kerl hat was am Auge und freut sich jedes Mal, wenn er uns sieht. Würde ihn am liebsten einfangen und zu einem Tierarzt bringen, aber wenn ich anfange, mich hier um jede Parkkatze zu kümmern, werde ich meines Lebens nicht mehr froh.
Kriege auch raus, was da neulich mit seinem Bruder los war. (Xiao Lu hatte mir das Training abgesagt, da sein Bruder beim Streit mit Nachbarn ein paar aufs Maul bekommen hatte und er ihn ins Krankenhaus und zu den Bullen begleiten musste).
Nachbarn haben geheiratet, wenn der Bräutigam die Braut bei ihren Eltern abholt, versuchen Freunde und Verwandte, dies spielerisch zu verhindern. Um sie umzustimmen, muss der Bräutigam dann ganz ganz viele rote Umschläge mit Geld verteilen, bevor er endlich die Braut mitnehmen darf. (Bei Yings Hochzeit war das ein Punkt des Missmutes ihrer Eltern. Ihr Gemahl hat anscheinend nicht genug Knete locker gemacht, jedenfalls der Auffassung ihrer Eltern nach).
Xiao Lus Bruder ging schauen, bekam keinen roten Umschlag und wurde dar ob sehr ungehalten. Ein Wort gab das andere, schließlich flogen Fäuste und des Bruders Nasenbein brach. 2000,- RMB, um es zu richten, ganz schön viel Geld für hiesige Verhältnisse. Und Schmerzensgeld musste auch noch gezahlt werden, ich glaube, so 5000,- RMB. Oder drei Jahre Knast. (Wer an wen kapiere ich allerdings nicht so ganz, obwohl ich die Geschichte sowohl von Xiao Lu als aucch von Meister Wu höre. Natürlich jeweils anders ausgeschmückt). Xiao Lu meint, sein Bruder sei sowieso nicht ganz richtig im Kopf. Bei der Gelegenheit erfahre ich auch, dass alle Lus unter einem Dach wohnen. Das Haus hat drei Stockwerke mit vier Parteien pro Stock. Zehn davon gehören zur Familie Lu. Krass.

Wetter:
Der November ist unglaublich schön und jetzt im Dezember verfärben sich tatsächlich auch endlich die Blätter der Bäume. Und es riecht wie bei uns im Herbst. Ziemlich viele Bäume in Park sind immergrün und es gibt auch viele Palmen, aber an unserem Trainingsgelände wächst ein Zierahorn, der sich in prächtigen Rottönen präsentiert. Viel Laub rieselt auf unser Trainingsgelände, das von Xiao Lu sorgfältig aufgefegt wird. Dabei darf ich ihm nicht helfen, fegen ist Männerarbeit. Versuche, ihm zu erklären, dass in Deutschland auch Frauen die Gasse fegen und wie wichtig es gerade in ländlichen Gegenden sei, dass Sonntags alles hübsch sauber ist. Die Deutschen sind ein merkwürdiges Volk.
Ein Typ sägt von einem der Bäume einen ziemlich dicken Ast ab. Ob das denn in Ordnung sei? Ach, kümmert doch sowieso keinen. Xiao Lu erklärt mir, dass dieser Baum sehr hartes Holz habe, aus dem man prima Siegel schnitzen könne. Und dann kann der Typ einfach so im Park einen Baum ansägen? Die Chinesen sind ein merkwürdiges Volk.
Nach chinesischer Auffassung ist Winter, deswegen trägt Meister Wu jetzt lange Unterhosen. Bis zum 11.12. ist das Wetter auch noch bombig. Heute am dritten Advent jedoch regnet es in Strömen und es geht ein unangenehmer Wind. Also ziehe auch ich lange Unterwäsche an und nehme zum Training heißen Tee mit ordentlich Ingwer, Zitrone und den mir von Xiao Lu geschenkten roten Beeren mit. Obwohl es angeblich knapp 10° über Null sind, frieren mir fast die Hände und Füße ab. Da das mit dem Fajing bei mir heute so gar nicht klappen will, halte ich Meister Wu meine Griffel unter die Nase. Die ersten beiden Glieder meines Zeige- und Mittelfingers sind weiß, die Nägel blau. Oha. Herz und Durchblutung nicht in Ordnung. Ob ich Medizin nähme? Nee, natürlich nicht. Warum und welche denn auch. Der Meister denkt kurz nach. Naja, dann aber wenigstens vor dem Schlafengehen Hände und Füße ordentlich in heißem Wasser baden. Ja, werde ich machen.
Und es soll noch kälter werden. Ab Mittwoch soll es nachts sogar frieren und vielleicht auch etwas schneien. Zum Glück habe ich bei Marks & Spencer einen flotten Daunenmantel ohne Glitzer und ordentliche Stiefel ohne Absätze gefunden. Was in China im Allgemeinen und erst recht bei meiner Größe schon ziemlich schwierig ist.

Weihnachten:
Schon seit dem ersten Advent haben die Kassiererinnen beim E- Mart, seit dem ersten Dezember auch die bei Carrefour Nikolausmützen auf und aus den Lautsprechern säuselt Weihnachtsmusik. Mein Favorit: Christmas in New York von den Pogues, gesungen von einem Kinderchor. Geil, wie engelsgleiche Stimmen die ganzen Beschimpfungen intonieren. Angesichts des (anfänglich) milden Wetters bin ich noch gar nicht in Weihnachtslaune, versuche jedoch, mich durch das Abbrennen von Kerzen besinnlich zu stimmen. Da jedoch Sieder großes Interesse an den Kerzen zeigt, sehe ich davon zügig ab. Habe keine Lust, mit einer verletzten Katze durch halb Shanghai zu jagen.
Ich lausche den Roten Rosen und schwelge in lieben Erinnerungen an vergangene Tage und an das Tote Hosen Konzert letztes Jahr.
Zur Eröffnung eines Einkaufszentrums nahe unseren Büros ist an meiner Metrostation ein buntes Riesenrad aufgebaut worden. An der Station werden sowieso Nieren gegrillt, sieht aus und riecht also fast wie Weihnachtsmarkt. Deutschland ist eingeschneit, Frankfurter Flughafen dicht. Stehe in der Metro, schaue Nachrichten und kann kaum glauben, was ich sehe. Hoffentlich kommt Ali nächsten Mittwoch da überhaupt raus.
Bei Carrefour gibt es sogar einigermaßen annehmbaren Weihnachtsschmuck. Sehe vom ursprünglich avisierten Erwerb eines Plastikbaumes ab, da Sieder den sowieso als eigens für ihn angeschafftes Spielzeug betrachten und sofort zerlegen würde. Aber eine Girlande und ein paar mattgoldene Plastikglocken als Innenschmuck gehen dann doch. Sieht sogar recht geschmackvoll aus. Jedenfalls für hiesige Verhältnisse. Da die Glocken auch bimmeln, üben sie natürlich magische Anziehungskraft auf meinen vierbeinigen Freund aus, aber er kommt nicht dran, was ihn frustriert jaulen lässt.
Da die Chinesen zu ihrem Neujahr, was in Bezug auf Familienzusammenkünfte die gleiche Bedeutung wie Weihnachten für uns hat, ihre Buden prächtig zu schmücken pflegen, muss natürlich auch Dekor für die Außenseite der Tür her. Als einzige ausländische Bewohnerin dieses Hauses muss ich schließlich Zeichen setzten. Kaufe also den kitschigsten Türschmuck, den ich bei Carrefour finden kann, einen Weihnachtsmann mit teilweise erhabenen Schriftzügen, der von pinkfarbenen, ebenfalls erhabenen Herzen umrahmt ist. Geschmacks- Overkill. So. Weihnachten und der Herr Gemahl können kommen. Mittlerweile wird auch lokal immer heftiger dekoriert, vor dem Jing’an Tempel und in Xintiandi dürfte es richtig krass sein. Mein Kollege Jingfeng erklärt mir, dass Weihnachten für junge Chinesen vor allem eine willkommene Gelegenheit zum Partymachen ist. Na denn, mögen die Spiele beginnen!

Freitag, Dezember 10, 2010

举行婚礼 – Hochzeit

20.11.2010, Samstag

Vormittag:

Habe zwei Tage auf der Schnauze gelegen und verspüre Bewegungsdrang. Da mein Pelzwecker mich sowieso aus dem Bett wirft und das Wetter auch recht angenehm ist, fahre ich in den Park. Habe gehört, dass der Meister seit neuestem Samstags einen Schüler in Tuishou unterweist, da bin ich doch mal neugierig. Außerdem kann ich da gegen die Zappelmaid Flagge zeigen.
Der Schüler entpuppt sich überraschenderweise als der Jadering- Perückenmann, der uns gleich mal mit Frühstückszigaretten beglückt. Außer mir kommt dann auch keiner mehr und ich kriege eine unbezahlbare Lektion in Tuishou. Weil ich mich dabei besser anstelle als der Jadering- Perückenmann, werde ich intensiver bespielt, ich muss mich Samstag einfach häufiger aus dem Bett quälen.
Hat Meister Wu nicht morgen Geburtstag? Ja, schon, aber er feiert diesmal nicht. Ob wir in Deutschland das denn täten? Nee, auch nicht, nur die runden Geburtstage oder wenn wir Bock hätten. Besorge auf dem Heimweg aber eine gute Flasche Rotwein und eine Stange Kippen, die ich in eine geschmackvolle Tragetasche stecke. Der Meister ist ein feiner Kerl und herzensgut, möchte ihm wenigstens mit einer kleinen Geste meinen Respekt erweisen.

Nachmittag:

Meine erste Frage an Xiao Lu ist, ob der neulich gerettete kleine Vogel denn noch lebe. Klar, den habe er zu einem Kumpel gebracht, der ganz viele Vögel halte, dem Tierchen ginge es gut. Mag das kaum glauben, freue mich aber. Dass ich so fröhlich bin, macht auch Xiao Lu glücklich. Wer weiss, vielleicht hat ja der Vogel die Heimfahrt nicht überlebt und den Kumpel gibt es gar nicht oder Xiao Lus Katzen haben ihn erwischt. Aber das ist typisch China: Damit jemand, mit dem man in irgendeiner engeren Beziehung steht nicht traurig wird, erzählt man dem halt, was er hören will. Eigentlich ein sehr sympathischer Zug, aber im Geschäftsleben kann einen das manchmal in den Wahnsinn treiben.
Entspanntes Üben, ich erzähle vom Vormittagstraining. Ob die Zappelmaid dagewesen sei? Nee, vielleicht krank oder der Meister hat ihr den Kopf zurechtgerückt. Morgen Nachmittag dann kein Training, bin ja auf Yings Hochzeit eingeladen und schon ganz gespannt. Dann morgen früh? Ja, geht klar.

21.11.2010, Sonntag

Vormittag:

Natürlich um halb neun kein Xiao Lu da, was ich ganz schön farblos finde, wo doch Meister Wu heute Geburtstag hat. Aber gut, in China haben Geburtstage eigentlich keine große Bedeutung.
Wieder keine Zappelmaid im Training, dafür aber der Teeknülch und später auch Jeremy und der junge Knabe. Händige mein Geschenk aus, das der Meister leicht überrascht entgegennimmt. Nette Trainingsstunde, der junge Knabe haut schon früher ab und der Teeknülch lädt nach dem Unterricht noch zum Essen ein. Kann ja nicht, die Gründe erkläre ich nochmal umschweifig. Nicht dass die denken, ich hätte keine Lust, an einem Essen zu Ehren meines Meisters teilzunehmen! Meine Entschuldigung wird anscheinend akzeptiert.

Nachmittag:

Hübsche mich für die Hochzeit auf. Yings größte Sorge war meine Garderobe, bitte fröhliche Farben! Meine etwas eleganteren Fummel sind jedoch alle Schwarz oder in gedeckten Farben, aber der schicke beim Einkaufsbummel mit Lilo und Tori erworbene Kaschmirschal sorgt dann doch für einen Farbtupfer.
Fahre mit dem Taxi zum Zoo, wo die Hochzeit in einem Restaurant stattfindet. Ich muss vom Eingang noch ein ganzes Stück laufen. Sehr schöner Park, wenig Leute unterwegs. Das Wetter ist herbstlich und ein wenig nebelig, aber immer noch angenehm.
Wir Ausländer sind an zwei Tischen ganz hinten im Saal platziert, an meinem Tisch sitzen unter anderem noch ein sehr nettes Architektenpaar und zwei fidele ältere Hamburger Knaben namens Klaus und Horst. Horst macht in Hebebühnen und Offshore- Schlauchbooten und ist geschäftlich hier, während Klaus irgendwann mal seinen Beruf an den Nagel gehängt und einen Campingplatz in Kroatien aufgemacht hat. Cool. Er und Horst sind dicke Kumpels aus alten Tagen und haben schon Shanghai kräftig aufgerollt, was ihnen anscheinend großen Spaß gemacht hat. Überhaupt scheinen sie für jeden Blödsinn zu haben zu sein, was ich sympathisch finde.
Die dick geschminkte Ying in ihrem rauschenden westlichen Brautkleid ist schon ganz nervös, aber hübsch sieht sie aus! Wir werden zur feierlichen Zeremonie auf die Dachterrasse des Restaurants gebeten, die festlich dekoriert ist. Bin überrascht, meine sehr geschmackvoll zurechtgemachte Ayi in der vordersten Reihe sitzen zu sehen. Wie sich herausstellt, Yings Mutter. Aha. Jetzt weiss ich auch, wo Ying ihre Methodik her hat.
Am Arm ihres Vaters schreitet Ying unter einen blumengeschmückten Pavillon, der Bräutigam nähert sich vom anderen Ende. Er kniet vor ihr nieder, als Zeichen ihrer Gunst steckt Ying ihm eine weiße Rose an den Anzug. Nach eindringlichen Ermahnungen des Vaters an den Schwiegersohn wird die Hand der Braut übergeben und das Paar schreitet zu den Klängen des Triumphmarsches aus Aida der Bühne entgegen. Dort folgt ein ausgiebiges von einem geschwätzigen Fettsack moderiertes Programm, das wir Ausländer aber nicht verstehen und dem wir aus der Ferne wegen der eifrig filmenden und fotografierenden Hochzeitsschergen sowieso nicht folgen können.
Was ich aber faszinierend finde: Einige der chinesischen Hochzeitsgäste tragen –ähem- sehr legere Alltagskleidung. (Wusste schon vorher, dass das hier Usus ist, bin aber trotzdem über diese Diskrepanz erstaunt). Zwei Typen neben mir in Jogginganzügen rauchen und saufen Bier, während vorne das Brautpaar Champagner über eine Gläserpyramide rieseln lässt. Krass.
Nach der Zeremonie gibt es erst mal eine zweistündige Pause, die wir zum Erkunden des Zoos nutzen. Es wird langsam etwas nebelig und wir haben den Zoo fast für uns alleine. Ich lotse unsere kleine Truppe an den traurigen Pandas vorbei zu den Tigern. Die Sibirischen schlafen zusammengekuschelt in ihrem Freigehege. Im Wassergraben schwimmt offensichtlich von Zoobesuchern zur Tigeranimation hineingeschmissener Müll.
Ätzend.
Der einsame südchinesische Tiger hingegen läuft unruhig auf und ab und gibt Klagelaute von sich. Ob er weiss, dass seine Art so gut wie ausgestorben ist und es nur noch so ca. 30- 40 Kollegen gibt?
Traurig.
Vor dem Festmahl stehen Ying und ihr Gemahl in traditionellen chinesischen Kostümen zu Fototermin bereit, wir nehmen an unserem Katzentisch Platz und die ersten Speisen werden aufgetischt. Das Brautpaar muss derweil vorne auf der Bühne allerlei derbe Späße über sich ergehen lassen. Schließlich nimmt Jun seine Gattin Huckepack und eilt mit ihr aus dem Saal.
Ich amüsiere mich prächtig und unterhalte mich nett. Horst ist ganz begeistert von Shanghai und denkt auch darüber nach, für 2- 3 Jahre hierher zu ziehen. Da er ebenfalls verheiratet ist, ist der Umgang des Ehegatten mit der Fernbeziehung natürlich ein Thema.
Ein Gericht nach dem anderen wird aufgetragen, auch an uns Vegetarier wird gedacht. Ying trägt mittlerweile ein elegantes türkisfarbenes Abendkleid. Weitere Spiele und Bespaßung, schließlich wechselt Ying in einen umwerfenden roten Qipao und das Brautpaar macht die Runde, um an jedem Tisch einzeln mit den Gästen anzustoßen. Ihrem Gatten wird von einem schalkhaften chinesischen Hochzeitsgast ein Glas mit einer Mischung aus Soja- und Chilisauce mit ordentlich Salz und Zucker aufgenötigt, dass dieser nichtsahnend trinkt. Wir Westler wundern uns nur, dass der Gatte kurz vor Erreichen unseres Tisches grün im Gesicht wird und zur Toilette eilt, so dass Ying alleine mit uns anstößt. Ob der sich vor Laoweis ekellt?
Bei dieser Gelegenheit werden dann auch die roten Umschläge übergeben, die von der rosa gekleideten Brautjungfer in eine riesige Handtasche eingesackt werden. Und das war es dann auch schon, die Hochzeitsgesellschaft zerstreut sich schnell. Da gucken einige der Westler ganz schön dumm aus der Wäsche, sind sie es doch gewohnt, dass es bei deutschen Hochzeiten nach dem Essen erst so richtig los geht.
Ying lädt einen kleinen Kreis ihrer Schüler dann noch für einen Umtrunk zu sich nach Hause ein, klar sind wir neugierig, wie sie wohnt und fühlen uns wegen dieser Einladung sehr geehrt. Ihre Wohnung ist mit unendlich vielen Hochzeitsfotos dekoriert, das Schlafgemach festlich geschmückt. An jeder Ecke des Bettes thronen üppige chinesische Kuchen mit Glückssymbolen, was für nächtliche Riten damit verbunden sind, wage ich nicht zu fragen. Da wir alle am nächsten Tag wieder arbeiten müssen und auch dem Brautpaar endlich Ruhe gönnen wollen, verabschieden wir uns bald.
Teile mir mit Horst und Klaus ein Taxi, die in dem Hotel, in dem wir 2005 unsere Vereinsrundreise gestartet hatten wohnen. Da die Fahrt sehr lange ist, hat Horst viel Zeit, von mir Erkundungen über Shanghaier Mietpreise und dergleichen einzuholen, während Klaus mit nahezu kindlicher Begeisterung auf dem Vordersitz das nächtliche Stadtbild bewundert. Kriege einen Eindruck von der Strecke, die Ying zum Unterricht bei mir zurücklegen muss und habe Respekt.

Donnerstag, November 25, 2010

漫无目的小姑娘第二 – Zappelmaid #2

14.11.2010, Sonntag

Vormittag:

Rose fragt mich diskret, ob denn da neulich im Training irgendwas mit dem Mädel losgewesen wäre? Sie etwa geweint habe? Nee, sage ich, wieso? Naja, der Meister habe da so was gesagt und sich bei Rose erkundigt, ob sie wisse, was da vorgefallen sei. Da fällt es mir wieder ein, dachte die ganze Sache sei ausgestanden. Erkläre Rose die Sache und erwähne, die kleine Zappelmaid sei keineswegs heulend von dannen gezogen, sondern habe sich vielmehr recht schnippisch betragen.
Rose hört sich das in Ruhe an und meint dann, sie habe sich schon gedacht, dass es mit dieser Göre noch Ärger geben würde. Jetzt bin ich aber neugierig. Wieso das denn? Als Englischdozentin an der Uni hat Rose natürlich einen ganz guten Einblick in das Seelenleben chinesischer Jugendlicher. Dadurch, dass die meisten von denen Einzelkinder seien, seien sie gewohnt, zu bekommen, was sie wollen. Auch wenn man ihnen klipp und klar sage, dass sie etwas nicht bekämen oder dürften, würden sie es versuchen. Außerdem haben viele einfach keine Ahnung von Etikette, da sie von Kindesbeinen an verwöhnt seien. Diesen Eindruck hatte ich bis jetzt nicht, vielmehr erschienen mir chinesische junge Menschen bis jetzt eher höflicher und wohlerzogener als die deutschen zum Beispiel. Ja, sagt Rose, oberflächlich sei das auch so. Aber hinter der Fassade sieht es wohl ganz anders aus. Interessant. Und in dem Ring, in den sich die kleine Maid jetzt begeben hat, herrschen natürlich auch noch ganz andere, traditionelle Sitten. Eigentlich schuldet sie mir und ihr als „Große Lehrschwestern“ Gehorsam und Respekt, Xiao Lu natürlich erst recht. Und dem Meister sowieso.
Wie sich herausstellt, hat die Maid wohl unmittelbar, nachdem sie von uns nach Hause geschickt worden war, völlig aufgelöst Meister Wu angerufen und heftig geheult. Ich sei gemein und unhöflich zu ihr gewesen, wie gemein und unhöflich genau, konnte oder wollte sie ihm in ihrer Aufgewühltheit wohl nicht schildern. Deswegen hatte er sich ja auch besorgt bei Rose erkundigt. Dieses kleine Miststück!
Bin jetzt doch leicht beunruhigt. Immerhin steht hier die Aussage einer Einheimischen gegen die einer Ausländerin mit miesen Sprachkenntnissen. Nee, sagt Rose, ich solle mir mal keine Gedanken machen. Da vor allem Xiao Lu der Zappelmaid schon mehrere Male gesagt habe, sie könne nicht mit uns trainieren und der Meister schon wisse, dass die Maid eher schlichten Gemütes sei, ginge das schon klar. Sie führt als Beispiel genau die Sache mit dem uneingeladenen Auftauchen auf einer Party auf, die ich der Maid schon um die Ohren gehauen hatte. Bin trotzdem noch besorgt, auf keinen Fall will ich, dass Meister Wu eine schlechte Meinung von mir hat. Rose steckt mir dann auch noch ganz diskret, dass mein Nachmittagstraining mit Xiao Lu sowieso quasi unerhört sei. Eine Schülerin lernt vom Meister UND von seinem Meisterschüler, dass Meister Wu sowas zulässt, ist schon eine ganz große Sache und wird anscheinend in Shanghaier Kampfkunstkreisen heiß diskutiert. Versuche Rose zu erklären, dass unser Nachmittagstraining eher so eine gemeinsame Toberei zwischen uns beiden und kein richtiger Unterricht ist und sich das über die Jahre irgendwie mal so ergeben hat. Rose versteht das schon, aber mach das mal den anderen klar. Verstehe allmählich, was für hohe Privilegien ich hier genieße und was das andersherum für mich heißt.
Wir sind gerade mit unserem Gespräch fertig, als die Maid wie immer verspätet anzappelt. Kann nur schwer widerstehen, ihr die Augen auszukratzen. Heute gibt es einen Teil der bestellten Klamotten, die Maid hastet gleich aufs Klo, um sich umzuziehen. Man kann ihr richtig ansehen, wie glücklich sie ist, jetzt gehört sie zumindestens optisch voll dazu. Bei den Einzelbewegungen hofft sie, auch endlich ihre Ärmel flappen zu lassen. Klappt natürlich nicht, im Gegenteil. Jetzt sieht man erst mal richtig, wie schlecht sie sich bewegt.

Nachmittag:

Erzähle Xiao Lu völlig empört von der Aktion der Zappelmaid, der darüber nur den Kopf schütteln kann. Was sind Frauen kompliziert! Nee, ich doch nicht, nur die chinesischen. Meine Bedenken, der Meister könne schlecht von mir denken, zerstreut er. War schon in Ordnung, der Maid den Marsch zu blasen, auch wenn das vielleicht nicht gerade die feine chinesische Art war.
Rocky gesellt sich zu uns und versucht mit zu üben, allerdings erkläre ich ihm mit einem entwaffnenden Lächeln, dass dies Xiao Lus und meine private Trainingszeit sei. Da merkt man doch gleich den Unterschied: Er zieht sich sofort zurück und packt allerlei interessante Waffen aus seinem Rucksack. Unter anderem stählerne Armreifen, muss gleich an den Film „Gong Fu“ mit dem Heiligen Stephen denken. Aus irgendwelchen Gründen kann Xiao Lu Rocky nicht leiden. Trotzdem ist er nett zu ihm, sehr chinesisch. Ich weiß schon, dass es durchaus Unterschiede zwischen Nett und richtig ehrlichem Nett gibt, kann die aber noch nicht unterscheiden. Schwierig, mysteriöses China.
Der Meister hat Rocky auch gesagt, dass er ihn nicht unterrichten wird, liegt wohl daran, dass er schon zu sehr auf die harten Stile eingenordet ist und sich nicht entspannt bewegen kann. Mir tut er ja irgendwie leid, denn ich finde ihn freundlich und höflich, wenn auch manchmal etwas anstrengend, da er sehr leise redet.
Wir plaudern ein wenig und dann übt Rocky seinen Kram und wir unseren. Nach etwa eineinhalb Stunden verabschiedet er sich kernig und zieht von dannen. Jetzt darf ich den Säbel auspacken.
Die Säbelform habe ich zu Hause geübt, soweit das ohne Schäden am Mobiliar möglich war. (Sieder war davon auch entzückt und stelle sich mit angriffslustig erhobenen Vorderpfoten auf die Hinterbeine. Er sah dabei exakt so aus wie der Gestiefele Kater aus Shrek. Musste so lachen, dass mir fast mein Übungsgerät aus der Hand gefallen wäre).
Xiao Lu ist einigermaßen zufrieden und biegt in jeder Stellung meine Hand um Millimeter in die richtige Stellung. Und damit ich auch ja kapiere, was ich da mache, werden natürlich auch Anwendungen geübt.
Eine dicke schwarze Katze hat einen kleinen Vogel gefangen. Da muss man ja mal nach dem Rech
ten sehen, Xiao Lu verfolgt die Katze und kommt mit dem Vögelchen in seiner großen Pranke wieder. Das Tier wird eingehend untersucht, ob das Rote auf seiner Brust wohl Blut ist? Nee, nur Federn. Äußerlich hat der Vogel keinen größeren Schaden genommen, die Flügel sind von der Katze aber schon arg zerzaust. Der kleine Patient wird in Xiao Lu´s Jackentasche geborgen, er stellt sicher, dass das Tier auch ordentlich atmen kann. Danach wird in regelmäßigen Abständen nach dem Vogel geschaut, ich wundere mich, dass er den Nachmittag überhaupt übersteht.
Diese Aktion finde ich jedoch sehr rührend, ich sage Xiao Lu, er sei ein guter Mensch und käme bestimmt in den Himmel. Da muss er lachen.

Samstag, November 20, 2010

生日- Geburtstag

31.10.2010, Sonntag

Vormittag:

Lasse Abendbrot für ein paar Brötchen und ein Marzipan- Mandelhörnchen als Geburtstagskuchenersatz antanzen. Kann mich vor dem Training also an guten deutschen Backwaren laben, Käse hatte ich schon zu horrenden Preisen im Cityshop erstanden.
Xiao Lu versetzt mich zum Aufwärm- Training, aber das Wetter ist so klasse, dass heute absolut nichts mir die Stimmung verderben kann. Sonne mich und schaue dem munteren Treiben im Park zu, schließlich betrete ich unsere Arena und dehne mich schon mal, bis der Meister kommt. Rose, Jud und der Teeknülch kommen heute, von der Zappelmaid bleiben wir verschont. Dafür lässt sich Locke mal wieder blicken, der auch gleich Kippen verteilt. Gott ist Shanghaier.
Dass ich Geburtstag habe, verschweige ich den anderen gegenüber lieber diskret. So oder so würde das sonst in einem üppigen Essen mit ordentlich Alkohol enden, das möchte ich am hellen Tag nicht so. Lieber abends. Nicht, dass ich zu geizig wäre, meine Trainingskameraden einzuladen, aber auf Saufen habe ich jetzt keinen Bock. Und Xiao Lu ist ja auch nicht dabei.

Nachmittag:

Von Ali eine süße Karte mit einem Zitat von Victor Hugo: "Gott schuf die Katze, damit der Mensch einen Tiger zum Streicheln hat". Das lese ich erst mal vorwurfsvoll Mike Sieder vor, der daraufhin leise jault. Meine Schwiegermutter hat einen Brief geschrieben, den Ali eingescannt und mir gesendet hat. Bin total gerührt.

Warte wie üblich auf meiner Bank auf Xiao Lu. Sonnenschein, wie schön ist doch der Teich im Heping Park! Das Licht ist magisch und ich fühle mich einig mit dem Universum.
Als Xiao Lu um fast Viertel nach drei noch nicht da ist, werde ich dann doch langsam etwas unentspannt: Sollte der mich tatsächlich vergessen haben? OK, fast schon mit gerechnet, aber ich habe ja noch Plan B.
Und da biegt auch schon Xiao Lu lässig um die Ecke, in der einen Hand einen Strauß voller Lilien, in der anderen einen Säbel. Wow, zum Geburtstag Blumen und eine Waffe! Andere Weiber freuen sich da über Schmuck und Parfüm oder so und ich reiße an meinem 44. Geburtstag in einem Park irgendwo in Shanghai, China einen Übungssäbel aus seiner Scheide. Ich glaube, es gibt weltweit nicht sehr viele Frauen, die meine Begeisterung nachvollziehen können. Xiao Lu wiegelt ab: Ach was, der Säbel ist ein altes Ding, nicht wirklich klasse und wegen seiner leicht flexiblen Klinge eher eine Übungswaffe für Kinder. Das Kind möchte ich sehen, dass dieses Teil locker durch die Gegend schwingt! Ich finde diesen hier schon ganz schön schwer, jedenfalls schwerer als jedes meiner Schwerter. Und bei Säbel ist viel lockere Arbeit aus dem Handgelenk angesagt. Möchte nicht wissen, was so ein richtig anständiger Kampfsäbel auf die Waage bringt, wahrscheinlich würde ich so ein Ding gar nicht anheben können. Bin jedenfalls überglücklich, dass ich jetzt endlich mal einen richtigen Eindruck von der Handhabung kriege, allerdings merke ich, dass ich von Schwert und Fächer ganz schön beeinflusst bin. Bei diesen Formen werden Daumen, Zeige- und Mittelfinger nach vorne gestreckt, blocken oder liegen am Puls. Beim Säbel macht man das mit der flachen Hand, ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich die Schwertfinger mache. Xiao Lu leider auch, wenn knurren nicht hilft, gibt es was mit dem Stock. Aber eine richtig geile Form und trotz des im Vergleich zu Schwert eher grob anmutenden Übungsgerätes dennoch sehr elegant und vor allem sehr schnell.
Xiao Lu lädt mich noch in ein sehr gutes Restaurant zum Essen ein, wir plaudern sehr fröhlich und teilen uns zwei Flaschen Bier. Ich steige beglückt mit meinen Lilien und dem Säbel in den Bus, ein schöner Abend!
Skype mit Ali und mit Stefanie, chatte mit Lilo und mittlerweile trudeln auch einige Glückwünsche ein. Danke allen, die an mich gedacht haben, hatte einen schönen Tag hier, obwohl ich natürlich meine Freunde vermisst habe.

Mittwoch, November 17, 2010

家常第四 – Alltag #4

  • Einer unserer Bauherren wünscht eine Feng- Shui Beratung, dass finden wir natürlich irre spannend. Bei der Besprechung mit dem Meister auf dem Bauplatz in einem Vorort Shanghais ist dann auch unser gesamtes Projektteam dabei, ob der wohl unseren ganzen Entwurf über den Haufen schmeißt? Der Meister kommt in Begleitung seines Aktentasche tragenden Assistenten, der Ähnlichkeit nach sein Sohn. Marc und ich sind fast enttäuscht, wir hatten da so einen Opiumpfeife schmauchenden alten Zausel mit langem Fadenbart in traditionellen Gewändern erwartet, statt dessen kommt ein eher farbloser, kleiner, dicklicher älterer Herr. Der sieht sich zunächst den Entwurf an, spannend wird es erst auf dem Baugelände, als der Assistent die lederne Aktenmappe öffnet und den Feng- Shui Kompass zückt. Der Meister hantiert eine Weile damit rum und macht sich Notizen, während wir ihm gespannt über die Schulter schauen. Dann will er noch den Geburtstag des CEO wissen und das war es dann. Später erfahren wir, dass der Meister einen Stundensatz von 10.000,- RMB hat. Mein Kollege Xianqi fragt den Meister mal so nebenher, vor seinem Appartement sei so ein Garagenblock, der in einem so blöden Winkel darauf zeige, ob das schlecht sei? Er macht schnell eine Skizze, der Meister ist der Meinung, das könne schlecht für die Gesundheit sein, aber genaues könne man natürlich erst nach eingehender Begutachtung sagen. Nach drei Tagen ist das Gutachten da, zwei Seiten. Ist schon alles OK, aber den Eingang sollten wir nach Osten verlegen. Für diese Erhellung hat der Bauherr 30.000,- RMB geblecht. Und Xianqi ist zwei Tage lang krank. Geil. Will auch Feng- Shui Meisterin werden.
  • Die Expo nähert sich endlich ihrem Ende und wir werden zur Abschiedsparty des deutsch- chinesischen Hauses eingeladen. Lustiger Abend, die Protokollchefin des deutschen Pavillons ermöglicht mir und meinen chinesischen Kollegen noch VIP- Zugang zu unserem Expo- Beitrag. Die Chinesen sind begeistert über dieses Privileg, ich wäre da auch so mit meinem deutschen Pass reingekommen. Bin überrascht, wie cool sich Deutschland präsentiert und verstehe, warum das einer der beliebtesten Pavillons war. Aber die Kugel in der „Energiezentrale“ finde ich etwas peinlich. Am Ende betrinken wir uns in Chile, werden nach Angola nicht rein gelassen und rocken in Dänemark bis in die Morgenstunden. So, Expo und ihre legendären Partys auch abgefrühstückt, zum Glück ist das hier bald vorbei und in Shanghai ist wieder Ruhe.
  • Herbst in Shanghai, die Temperaturen sind frühlingshaft, manchmal kriegen wir aber auch Kaltfronten und Sandstürme aus dem Norden. In der Helongjiang Provinz wüten schon die ersten Eisstürme, der Flughafen in Harbin ist tagelang gesperrt. Für mich merkwürdig: Das Laub der Bäume verfärbt sich hier nicht so schön wie bei uns, sondern wird einfach nur gelb und fällt glanzlos auf den Boden. Als ich das Xiao Lu gegenüber erwähne, kriegt sein Gesicht einen träumerischen Ausdruck. Ja, in einigen Provinzen hier sei das auch so, aber mit eigenen Augen gesehen habe er das noch nicht. Bestimmt feichang piaoliang… Ich schwöre mir innerlich, meinem großen Bruder eines Tages die Schönheit des deutschen Herbstes zu zeigen, vielleicht klappt das ja mit einem Seminar nächsten Oktober.
  • Meine Chinesisch- Lehrerin heiratet und lädt mich zu ihrer Feier im November ein. Habe ja den leisen Verdacht, dass die ausländischen Schüler nur deswegen eingeladen werden, weil sie voraussichtlich mehr Kohle spenden, fühle mich aber trotzdem geschmeichelt. Die Feier wird im Shanghaier Zoo steigen, was mich sehr freut. Habe meine Diplomarbeit über den Frankfurter Zoo geschrieben und liebe Tiergärten, im hiesigen war ich noch nicht. Mache mich schon mal schlau, wo dort die Tiger wohnen. Allerdings stürzt mich diese Einladung auch in tiefe Konflikte: Wie viel Geld ist angemessen? Meine chinesischen Kollegen sind sich da auch nicht so ganz einig, aber alles unter 500,- RMB wäre unverschämt. Und das ist eine blöde Zahl, 600 ist schon besser. Richtig gut ist irgendwas mit 8. Also so 800 oder 888. Ganz schön viel Flocken für hiesige Verhältnisse, aber da ich von Anfang an in alle Probleme der Hochzeitsplanung eingeweiht war (Thema des Unterrichts, natürlich alles auf Chinesisch) weiss ich, dass alleine das Essen pro Gast fast 500,- RMB kostet. Da will man natürlich nicht abstinken. Kaufe jedenfalls schon mal den kitschigsten Hongbao (roten Umschlag), den ich finden kann und fange an, kleinere Geldnoten zu sammeln, damit ich auf die Glückszahl komme.
  • Schon seit Wochen droht man uns mit der Volkszählung. Die Chinesen sind überhaupt nicht begeistert darüber, weil sie quasi die Hosen runterlassen müssen und so kleine Ungesetzmäßigkeiten wie zusätzliche Kinder, nicht versteuerte Wohnungen und dergleichen dadurch ans Licht kommen. Wir Ausländer werden zum ersten Mal mit erfasst und werden durch die Medien beruhigt: Nein, nur ein paar Fragen und die Volkszähler haben auch einen Ausweis dabei, alles ganz locker. Die Volkszählung beginnt am Montag, dem 1. November und soll in zehn Tagen über die Bühne gehen. Anhand der geschätzten Zahl von 1,3 Milliarden Chinesen erscheint mir das ganz schön optimistisch. Meine Kollegen wurden schon sanft vorbereitet, bei mir zeigt sich keiner. Sonntags abends um halb neun ist es denn endlich so weit. Unterbreche mein Telefonat mit Ali, zeige meinen Pass und meine Arbeitserlaubnis (wegen meines chinesischen Namens), gebe Hochschulabschluss und Zweck und Dauer meines Aufenthaltes an. Das war es. Bin Teil einer Statistik. Cool. Dass es eigentlich zur Motivation an der widerstandslosen Teilnahme Geschenke geben sollte, erfahre ich erst hinterher. Habe keines bekommen, Mist!

男朋友 - Boyfriend

Da ich abends und am Wochenende in meiner Wohnung und der Kater im Büro so einsam sind, nehme ich den kleinen Kerl dann doch wieder bei mir auf.
Sieder lebt fortan wie ein Prinz und wird mit erlesenen Happen zum Frühstück verwöhnt. Seinem Namensvetter, einem Professor für Statik an der TU München macht er bald alle Ehre, indem er herausfindet, wie man eine geschlossene Tür öffnet. Bin zwar sehr stolz auf die Schlauheit meines kleinen rothaarigen Freundes, aber da wir beide durchaus unterschiedliche Auffassungen von Aufsteh- , Spiel- und Fütterungszeiten haben, kann das auch schon mal zu wechselseitigen Unmutsbezeugungen führen. Jedenfalls werde ich gerne um halb sechs morgens durch sanfte Pfotenhiebe und herausforderndes Kreischen geweckt und finde mich in gelbe riesige Katzenaugen starrend wieder. Das geht so lange, bis ich mich fluchend erhebe. Damit das Tier nicht etwa denkt, ich würde nur seinetwegen aufstehen, mache ich dann erstmal mir Frühstück, bevor ich ihm sein leckeres Nassfutter in den Napf kippe. (Nein, ich dekoriere es nicht mit Petersilie). Aber so erlebe ich viele grandiose Sonnenaufgänge und bin früh im Büro.
Mike erweist sich auch als begeisterter Fußballer, er steht in der Regel im Tor und ich kicke Elfmeter mit einem kleinen Schaumstoffball. Muss sagen, dass er echt gut hält, vielleicht sollte ich ihn den Mainzern als Teammaskottchen anbieten. Ertappe mich dabei, dass ich mit dem Kater rede wie mit einem Menschen, werde ich langsam wunderlich? Egal, wir sind eine gute Wohngemeinschaft. Bin mal gespannt, wie Ali und er sich vertragen werden.

Montag, November 15, 2010

漫无目的小姑娘 – Zappelmaid

16.10.2010, Samstag

Schlafe erst mal schön aus und schwinge entspannt zum Nachmittagstraining mit Xiao Lu in den Park. Am Eingang werde ich Zeugin eines wüsten Gerangels, auch zwei Damen mischen kräftig mit beziehungsweise versuchen, die Streithähne auseinander zu halten. Ja, die Shanghaier, ein lustiges Völkchen. Das gefällt mir hier so. Habe mal gehört, dass die Koreaner allerdings wesentlich schneller die Fäuste fliegen lassen und Wirtshausschlägereien dort an der Tagesordnung sind.
Warte wie üblich lesend auf meiner Bank in der Sonne auf Xiao Lu, wir haben uns jetzt über eine Woche nicht gesehen und ich freue mich darauf, mit ihm zu üben und zu plaudern. Wir begrüßen uns fröhlich und schlendern zum Übungsgelände, mich trifft der Schlag: Da steht die kleine Zappelmaid und dehnt sich. Auch Xiao Lu ist offensichtlich überrascht, ich bin so dermaßen außer mir vor Wut, dass ich mich umdrehe und zum Parkausgang stürme.
Xiao Lu brüllt hinter mir her, ich solle zurückkommen, aber ich sehe rot. Als ich schon fast draußen bin, halte ich inne: Soll ich diesem kleinen Luder einfach kampflos das Feld überlassen? Nein, sicher nicht, wird Zeit, dass die mal in ihre Schranken gewiesen wird. Also Umkehr und dann wird Xiao Lu, der unsere Arena fegt, Zeuge eines Gekeifes auf Englisch, das sich gewaschen hat. (Als Shanghaier dürfte er das von Weibern allerdings gewohnt sein).
Die Zappelmaid eröffnet trotzig das Gefecht. Sie wolle doch nur zusehen, dies sei schließlich ein öffentlicher Park und sie wolle ja auch nur Xiao Lu, nicht mich beobachten. Aha, und warum habe sie dann Trainingsklamotten an? Und habe sich warm gemacht? Ja, äh….also… Ich mache ihr klar, dass dies kein offizielles Training sei, sondern eine private Verabredung zwischen mir und Xiao Lu. Wie sie es denn finden würde, wenn sie zum Beispiel eine Party gäbe und jemand tauche uneingeladen auf? (Was mich besonders ärgert: Sie hatte ihn schon mehrere Male diskret bei Xiao Lu angefragt, ob sie mittags mitmachen dürfe und jedes Mal eine abschlägige Antwort erhalten. Jetzt versucht sie es mit Dreistigkeit, für mich hört da der Spaß auf).
Worte fliegen hin und her und gelegentlich versucht Xiao Lu erfolglos einzulenken, wenn er eine Schlüsselphrase aufschnappt. Schließlich fleht mich die Maid fast an, sie wolle doch nur kurz mit Xiao Lu reden, er sei doch ihr Freund und ich sei doch auch ihre Freundin.(Als ob ich über Xiao Lu gebieten würde!)
Für mich hat das mittlerweile den Charakter einer schlechten Seifenoper und ich habe keine Lust, noch weiter mitzuspielen.
Jetzt bin ich an der Reihe und es folgt eine typisch chinesische Szene. Ich entschuldige mich wort-reich für mein Ausflippen, wenn die Maid und Xiao Lu plaudern wollten, wolle ich nicht im Wege sein. Hänge mir meine Tasche um und mache lächelnd Anstalten, zu gehen. Xiao Lu ist alarmiert.
Neinnein, sagt die Zappelmaid, sie wolle doch nur kurz mit Xiao Lu quatschen, dann ginge sie. Dieses Pingpong geht eine Weile, dann hänge ich die Tasche wieder an den Baum, zerre mein Buch raus, setze mich auf einen Stein und tue so, als ob ich läse, während die Maid sich mit Xiao Lu unterhält.
Da ich außer mit Xiao Lu nie viel rede, werden meine Chinesisch- Kenntnisse oft unterschätzt und jetzt bin ich dankbar dafür. Denn die Maid fragt ihn, ob sie denn jetzt mitmachen oder wenigstens zuschauen dürfe und wird voll abgebügelt.
Erstens müsse sie deswegen den Meister fragen, zweitens aber dann auch gefälligst endlich mal Unterrichtsgebühr bezahlen. Da der Meister diese von ihr bis jetzt abgelehnt habe, sei sie sowieso keine vollwertige Schülerin. Und selbst wenn Meister Wu zustimme, könne sie Samstag und Sonntag keinesfalls mitmachen. Drittens solle sie zusehen, dass sie die Grundlagen draufbekomme, bevor sie hier mit Fortgeschrittenen üben wolle. Höfliches Geplänkel zwischen den beiden, die Maid trollt sich kleinlaut.
Entspanntes Training mit Xiao Lu, der mir versichert, dass er erstens keine andere Frau außer mir in die tiefen Geheimnisse des Heyi Tongbei einweisen würde und zweitens die Zappelmaid nur unterrichten würde, wenn Meister Wu das ausdrücklich befähle. Dann aber auch nur die Grundlagen. Und ich solle mich nicht aufregen, das sei sehr schlecht für den Blutdruck.
Ich entschuldige mich, ich sei sehr unhöflich gewesen, was will man machen, deutsches Tempera-ment, bu hao. Aber mir sei durchaus bewusst, dass ich in diesem Land nur zu Gast sei und ich mich den Sitten anzupassen habe, ich erwähne, dass ich mich bei der Maid bereits entschuldigt habe und das gerne morgen nochmal täte. Nee, sagt Xiao Lu, die Maid habe da schon Scheiße gebaut, wisse jetzt Bescheid und die Sache sei vom Tisch. Na denn.

17.10.2010, Sonntag

Xiao Lu und ich treffen uns wie immer eine Stunde vor Trainingsbeginn zum Warmüben. Bin mal gespannt auf die Begegnung mit der Maid.
Die kommt denn auch pünktlich und hält sich bescheiden im Hintergrund. Kein Wort über den gest-rigen Konflikt. Meister und Teeknülch erscheinen gemeinsam, auch ein junger Knabe, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Sein Vater hält wohl große Stücke auf Meister Wu und möchte, dass sein lascher Sohn sich anhand der traditionellen Kampfkünste körperlich ertüchtigt. Der Knabe hat ganz klar keine Lust, was ich verstehen kann. Fand Balletunterricht auch blöd als Kind und war froh, dass ich irgendwann mal so groß war, dass das keinen Sinn mehr machte. Dennoch bemüht sich der junge Mann, leider wenig erfolgreich. Auch Jeremy läuft irgendwann mal auf. Schlimmer Finger, hat jetzt schon vier Weiber geschwängert und seine aktuelle Gattin liebäugelt mit einem anderen Kerl. Soweit ich verstehe, hat sie Jeremy gefragt, ob da nicht eine kleine Menage a trois ginge. Ob sowas im Westen üblich sei, will Meister Wu wissen. Nee, so verdorben sind selbst wir nicht. Die Maid ist ungewöhnlich still.
Meister Wu ist blendender Laune und lädt uns zum Essen ein. Ich sehe meine Chancen auf ein inti-mes Nachmittagstraining schwinden, da Alkohol im Spiel sein wird, den Xiao Lu nicht verträgt.
Am Parkeingang werden saisongerecht bemalte Flaschenkürbisse und deren Samen feilgeboten. Ob wir die in Deutschland hätten, will Xiao Lu wissen. Naja, Kürbisse schon, aber nicht diese, höchstens als Dekorationsobjekte. Was? Dann müsse man das schleunigst ändern. Diese Kürbisse seien sehr schmackhaft und man könne sehr nahrhafte Suppen daraus machen. Er ersteht für ein paar Fen Kürbissamen, die mir mit der eindringlichen Mahnung, diese in Deutschland auszusähen übergeben werden. Ich verstaue die Samen mit großer Sorgfalt, werde ich dann Ali mitgeben. Meine Schwiegermama kriegt die Teile sicherlich zum keimen. Und von diesen roten getrockneten Beeren wird auch noch ein Beutel gekauft und mir geschenkt. Gut für die Augen und den Magen. Die Zappelmaid betrachtet uns mit schmalen Augen.
Leckerer Schmaus und prächtige Unterhaltung. Ich schaffe es, mächtigen Alkoholkonsum vorzutäu-schen und dabei nur ein kleines Glas Bier zu trinken, der neben mir sitzende Xiao Lu muss jedoch eine ganze Flasche leeren. Das war es denn mit dem Nachmittagstraining, aber dafür habe ich lecker gegessen und mich wunderbar unterhalten.

Sonntag, Oktober 24, 2010

丽露第三 – Lilo #3

14.10.- 15.10.2010, Donnerstag/ Freitag

Lilo ist sicher gelandet und trifft sich nach einer kleinen Stärkung mit Tori zum Shoppen. Nach der Arbeit stoße ich im Starbucks zu den Damen, Tori berichtet von ihrer Reise nach Tibet und Lilo hat natürlich mal wieder ein elektronisches Spielzeug erworben. Ein Taschenübersetzter, auf dessen Bildschirm man direkt Schriftzeichen malen kann. Nützlich. So was hatte ich schon für den Meister im Sinn, der nicht immer sicher in der Pinyin- Umschrift ist.
Lilo hat nach dem Shoppen Hunger, ich schlage das gute alte Vegetarian Lifestyle vor. Gierig ordern wir natürlich viel zu viel und werden von der Kellnerin ermahnt. Schaffen aber dann doch fast alles. Ich werde gefragt, ob ich eine VIP- Karte hätte? Nee, aber ich hätte gerne eine. Und das schon seit Jahren. Das Lifestyle ist da aber sehr knauserig, immerhin bekomme ich jetzt eine kleine Pappkarte, die ich mir bei jedem Besuch abstempeln lassen kann. Nach zehn Stempeln gibt es dann die begehrte VIP- Karte. Bin erfreut, meinem Ziel endlich näher gekommen zu sein.
Anschließend Absacker in der Captains Bar, die Mädels sind begeistert von dem Ausblick auf das glitzernde Pudong. Auch mir als alter Shanghaierin geht hier jedes Mal das Herz auf. Und in Deutschland kann man Mitte Oktober bestimmt nicht mehr im Freien sitzen.

Freitag fliegt Lilo, damit sie auch ja China und Shanghai in guter Erinnerung behält, geht sie mit mir und meinen Kollegen im Chongqing- „Restaurant“ zu Mittag essen. Da sie erst nächstes Jahr im Oktober wieder kommt, wollte ich sie den Flieger nicht besteigen lassen, ohne den köstlichen Jiachang Doufu gekostet zu haben. Und außerdem ist das meine letzte Chance, mit meiner Freundin zu quatschen. Shanghai zeigt sich von seiner schönsten Seite, das Wetter ist prächtig und erwartungsgemäß mundet das Essen hervorragend. Wie sich herausstellt, ist meine Vermieterin mit einem Klempnertrupp heute Morgen um halb acht angerückt und hat Lilo aus dem Bett geschmissen. Das ist natürlich wenig nett, aber wie es scheint, funktioniert der Abfluss nach drei Anläufen zur Reparatur und Sauerei im Badezimmer jetzt wieder.
Abschied von Lilo, war so nett mit ihr und wir werden uns jetzt eine ganze Weile nicht sehen, traurig. Aber ich kann mich ja auf meinen nächsten Besucher hier freuen: Ali kommt Weihnachten für drei Wochen. Eine davon werden wir in einem hübschen Resort auf Hainan verbringen und schön entspannen. Und ich werde ihm dann mein Shanghai zeigen zu können.
(Die beiden Tage aus Lilos Sicht kann man hier nachlesen.)

Donnerstag, Oktober 21, 2010

放假第四次 – Ferien #4

30.09.2010, Donnerstag

Morgen ist der erste freier Tag unserer Ferienwoche, eigentlich wollte ich ausschlafen und habe deswegen extra die Ayi abbestellt. Bin davon ausgegangen, dass am Nationalfeiertag sowieso niemand Lust auf Training hat. Chat mit Xiao Lu, er ist ab halb neun im Park. Na gut, dann doch Training.
Der Zustand meiner Hand hat sich nur unwesentlich verbessert, bin deswegen ziemlich unglücklich. Der nette Arzt in der Ausländerabteilung des Huashan- Krankenhauses (empfehlenswert) erklärt mir, dass ich mir da wohl den Radialis- Nerv ziemlich übel gequetscht habe. Auch bekannt als Fallhand oder „Parkbank- Syndrom“. Kann dauern, nichts zu machen. Mist.
Da wir eine Woche frei haben, kann Mike Sieder, unsere Bürokatze natürlich nicht so lange alleine im Büro bleiben. Erkläre mich bereit, den kleinen Kerl bei mir aufzunehmen. Nach der Arbeit wird Mike in die von mir eigens besorgte Transporttasche gelockt und mitsamt Klo, Futter und Spielzeug in ein Taxi verfrachtet. Der erste Taxifahrer schmeißt uns auch prompt aus seinem Fahrzeug, er mag wohl keine Tiere. Wüste Beschimpfungen, der zweite Taxifahrer ist ein Netter und nimmt regen Anteil an Sieders Gejaule, der über seine Gefangenschaft in der zwar schicken aber doch einengenden Tasche natürlich nicht sehr begeistert ist. Konversationen mit chinesischen Taxifahrern können den Sprachkenntnissen echt dienlich sein, wie ich schon mehrfach festgestellt habe.
Sieder erkundet vorsichtig meine Wohnung, zum Glück rafft er ziemlich schnell, wo er seine Geschäfte zu verrichten hat. Dass er mir beim Pinkeln zuschaut, mag dabei geholfen haben. Er erweist sich als sehr höflicher und angenehmer Gast.

01.10.2010, Freitag- 08.10.2010, Freitag

Vormittags, Meister Wu:

 Prächtiges Wetter und herrlich entspannte Trainingstage, die Zappelmaid ist wohl auf Hei-maturlaub. Stattdessen üben Rose und Jud öfter mit, so wird Fortgeschrittenenprogramm gefahren. Und mit der Säbelform wird auch endlich angefangen. Keine sehr kluge Idee mit einer immer noch widerspenstigen Hand, aber wir üben ersatzweise mit Stöcken, die nicht sonderlich schwer sind. Auch wieder doof, denn so weiß ich nicht, ob ich diese Waffe auch richtig handhabe. Säbel haben ja im Unterschied zu Schwertern nur eine scharfe Seite und die sollte dann schon effektiv eingesetzt werden. Macht nichts, Hauptsache, ich kriege den Bewegungsablauf drauf und der hat nichts mit dem zu tun, den ich von meiner Schwertform kenne. Klar, andere Waffe.
 Jud bringt seine Profi- Kameraausrüstung mit und nimmt Xiao Lu´s Mian Zhang aus mehreren Perspektiven auf. Helle Aufregung im Park, da wird gefilmt! Massenauflauf. Anschließend filmt der Meister unter Xiao Lu´s und meinen kritischen Blicken Jud bei der Tai Zu Form. Jud möchte das jeden Monat aufnehmen, um sich korrigieren zu können, keine schlechte Idee, wie ich finde. Ich verzichte auf das Vorturnen vor Kamera, nach Sichtung des Materials sind wir der Meinung, dass Xiao Lu eine Karriere als Wujia- Filmdarsteller einschlagen sollte. Der lacht und winkt ab, versuche, ihn mir in historischem Fummel und mit langen Haaren vorzustellen. Schwierig.
 Spontane „Früher war alles besser“ Diskussion. Habe Meister Wu selten dermaßen erregt gesehen, lautstark äußert er sich über die Ungerechtigkeit des Systems und die Tatsache, dass für die einfachen Bürger die Lebenshaltenskosten und die Kosten für medizinische Versorgung ins Unermessliche schießen, während korrupte Beamte alles in die eigene Tasche stecken und die Reichen immer reicher werden. Und auch mein großer Bruder hat dazu was zu sagen: Warum stützt China den Euro und insbesondere Griechenland, wo doch so viele Chinesen gerade auf dem Lande im Armut leben? Und erntet dafür nur Undank, die westlichen Länder fordern eine Abwertung des Yuan! Soll sich China doch erst mal um seine eigenen Leute kümmern! Aber leider dürfe man gegen sowas ja nicht demonstrieren, sonst käme man in den Knast. Habe von Volkswirtschaft ja nur eine eher diffuse Ahnung, die ich auf Chinesisch schon gar nicht formulieren kann. Außerdem fühle ich mich als Ausländerin nicht berechtigt, zum Thema Regierung und dergleichen irgendwelche Kommentare zu äußern. Schaue mich aber vorsichtshalber nach eventuell in den Büschen lauernden Schergen der Staatssicherheit um und krame verzweifelt nach Phrasen wie „Ich will meinen Konsul sprechen“ und „Ich habe mit dieser Sache nichts zu tun“ in meinem Wortschatz. Zum Glück kann Rose die ganze Situation etwas beruhigen.
 Der nette Baji- Typ schaut auch öfters mal vorbei und erkundigt sich vorsichtig nach meinem Namen. Er selber nennt sich „Rocky“. Aha. Muss sehr an mich halten, um mich nicht vor Lachen schreiend auf dem Boden zu wälzen.
 Hasenzahn hat seit Neuestem einen Schüler, dem er die hohe Kunst des Xingyi beibringt. Sehr knackiger Knabe Ende Zwanzig, im Sommer habe ich ihn schon beobachtet, wie er in knappen Hosen und mit nacktem Oberkörper einen jungen Baum attackierte. Augenweide. Witzigerweise sieht er von den Gesichtszügen her meinem Lieblingscousin ziemlich ähnlich, überhaupt entdecke ich häufiger Chinesen, die mich an irgendwelche Leute in Deutschland erinnern. Hasenzahns Trainingsmethoden finden wir aber alle nicht so toll, der leckere Knabe übt unter voller Anspannung. Was soll es, weide mich heimlich an seinem makellosen Körper, richtig hübsche und gut gebaute Männer kriegt man ja hier nicht so oft zu sehen.


Nachmittags, Xiao Lu:

 Training mit Xiao Lu, es wird langsam Herbst und in der Luft hängt der süße Duft des Osmanthus. Ich liebe diese Jahreszeit am meisten, vor allem das Licht am Spätnachmittag, das dem Park eine verwunschene Atmosphäre verleiht. Wenig Leute unterwegs, wir üben sehr gewissenhaft alle 24 Einzelbewegungen unseres Stiles unter verschiedenen Aspekten. Ich lerne viele Dinge, die regulären Schülern so nicht unbedingt beigebracht werden und muss versprechen, dieses Wissen auch nicht weiter zu geben. Warum Xiao Lu ausgerechnet mich zu sowas auserkoren hat, werde ich nie verstehen. Vielleicht hatten wir ja in einem früheren Leben eine innige Beziehung, Waffenbrüder oder so was. Ich glaube zwar nicht an Reinkarnation, aber wenn man in Asien lebt, beginnt man doch einige westliche Sichtweisen in Frage zu stellen.
Was die Säbelform angeht, hat Xiao Lu auch einen besonderen Ehrgeiz entwickelt: Ich muss jetzt ganz schnell den Vorsprung der anderen Ausländer aufholen. Und gerade bei dieser Waffe zeigt sich für mich, was für ein toller Lehrer er ist. Xiao Lu kennt echt jede Finte und reagiert blitzschnell. Schwert habe ich erst richtig gut von Ramona gelernt, die zwar theoretisch weiß, wie die Anwendungen sind, aber nie mit dem Schwert kämpfen könnte. Xiao Lu hingegen kann mit dem Säbel auch wirklich umgehen. Ich muss ihn mit meinem Zweig angreifen und noch bevor ich ihm die Halsschlagader aufschlitzen kann, hat er die Sehnen meiner waffenführenden Hand durchtrennt, bevor er mir mit einem eleganten Schlenker den Bauch aufschlitzt, die Eingeweide durchbohrt und die Füße schlimm verwundet. Ich lerne, dass auf den Brustkorb oder vielmehr das Herz des Gegners zu zielen nichts bringt. Zu viele Knochen, die Klinge könnte brechen. Obwohl chinesische Säbel ihrer Form nach sehr nach brutalem Hacken aussehen, wird in der Anwendung doch eher geschnitten oder gestochen. Das macht man eher mit japanischen Samurai- Schwertern, die auch anders geschliffen sind. Beim Hacken könnte die Waffe ja im Knochen stecken bleiben, zu viel Zeit geht beim Versuch, sie los zu rütteln verloren. (Wie so oft muss ein unschuldiger Baum in Heping Park für diese Demonstration herhalten). Bin von den Klötzen.
 Dienstag besucht Xiao Lu mich, um Sieder zu bewundern, der sich jedoch scheu versteckt. Ich werde getadelt, meine Katze gehorche mir nicht, aber ist das nicht typisch? Ob seine Katzen denn auf ihn hören würden? (Mittlerweile hat der Meister ihm auch noch Aomi, seine Burmakatze aufgenötigt). Kleinlaut muss er zugeben, dass die auch eher ihrem eigenen Willen folgen. Wir gehen gemeinsam meine aufzeichnungen zu Tongbei durrch und er hilft mir, da ich des Meisters Klaue nicht immer entziffern kann.
 Donnerstag- und Freitagmittag hat Xiao Lu leider keine Zeit für mich, wie schade. Dafür spiele und schmuse ich mit meinem vierbeinigen Mitbewohner und gammele ein wenig. Freitag erkunde ich auf der Flucht vor der Ayi das Gelände der Tongji- Universität. In der Chifeng Lu entdecke ich ein nettes kleines Restaurant, dass sehr annehmbare Pizza feilbietet. Gut zu wissen. Der Quyang Park bei mir um die Ecke wird auch noch auskundschaftet, nicht so schön wie der Heping Park. Sitze in der Sonne, lese und mache die Bekanntschaft einer kleinen Tigerkatze. So eine Fellzeichnung habe ich noch nie gesehen: Das Tier ist schwarz und hat helle beige- graue Streifen. Aber mein kleiner Freund ist niedlicher.

09.10.2010, Samstag

Wir fangen wieder an, zu arbeiten und das bedeutet auch das Ende von Mikes und meiner harmoni-schen Wohngemeinschaft. Der kleine Kater lässt sich ohne Murren in die Tasche verfrachten, erst als wir meine Wohnung verlassen, fängt er an zu protestieren. Taxi ins Büro, der Kater heult und ich heule auch. Hatte mich gerade daran gewöhnt, dass zu Hause jemand auf mich wartet, jetzt bin ich wieder alleine.
Während der Arbeit schläft mein kleines Tier auf meinem Schoß zusammengerollt, schwerer Ab-schied. Meine Wohnung kommt mir leer vor, muss wieder heulen. Wenigstens kommt Donnerstag Lilo auf ihrem Rückweg nach Deutschland hier vorbei, immerhin ein gewaltiger Lichtblick.

Dienstag, Oktober 05, 2010

丽露第二 – Lilo #2

Mittherbstfest, wir haben drei Tage frei. Erwerbe vorsichtshalber tonnenweise Mondkuchen, man weiss ja nie. Gekeife mit der Kassiererin bei Carrefour, die nicht glauben will, dass meine Mondkuchen- Präsentpakete zum Angebot „Kaufe zwei, zahle eines“ gehören. Ich behalte Recht. Ein Paket wird unter den Kollegen verteilt und auch die Ayi bekommt einen prachtvollen Kuchen, für den sie sich artig schriftlich bedankt.
Am Tag des Festes fällt leichter Regen, hocke schon mit einem Zentner Mondkuchen und einer Stange Kippen im Park, als der Meister mir per SMS mitteilt, dass heute nicht trainiert würde. Auch gut.
Meister Wu lädt mich dieses Jahr leider nicht ein, aber zum Glück hat sich Lilo diese Zeit für eine ihrer Trainingsaufenthalte ausgesucht. Schlafe dumm auf meinem rechten Arm ein, an Lilos An-kunftstag habe ich die komplette feinmotorische Kontrolle über meine rechte Hand verloren. Klasse. Wir haben trotzdem jede Menge Spaß. Den ersten Tag lassen wir ruhig angehen und erledigen die notwendigen Dinge wie Telefonkarten aufladen und dergleichen. Elli hat Ferrero Küsschen mitgeschickt, bin gerührt. Und Mainz 05 ist Tabellenführer, unfassbar!
Am zweiten Tag fahren wir in die Stadt und versorgen zunächst mal die Bürokatze. Bummel auf der Nanjing Lu, ich mache Lilo auf den Li Ning Sportladen aufmerksam, den sie erwartungsgemäß geil findet. Sie erwirbt praktische Armstulpen, ich eine schicke Windjacke. An der Kasse kriege ich mit, wie eine Verkäuferin der anderen zuzischt, sie solle mal vorsichtig mit ihren Äußerungen sein, wir sprächen chinesisch. Die junge Dame schlägt kichernd und schamhaft errötend die Hände vors Gesicht und flüchtet verlegen. Was sie über uns gesagt hat, haben wir jetzt nicht mitbekommen, aber ihre Scham ist für uns Genugtuung. Stärkung mit Kaffee und anschließende Massage, wir lassen uns eine Stunde lang bearbeiten. Interessanterweise konzentrieren sich die Masseure ausschließlich auf unseren Schulter- und Nackenbereich. Bildschirmarbeit und Langstreckenflüge fordern halt ihren Tribut. Meine Masseurin ermahnt mich eindringlich, intensive Leibesübungen zu betreiben. Damit ich das auch ja verstehe, spricht sie sehr langsam und deutlich. Krümme mich vor Scham auf der Liege, das darf ich echt Meister Wu oder Xiao Lu nicht erzählen. Kein Wunder, dass ich eher selten zur Massage gehe.
Obligatorischer Besuch des Cybermart, Lilo hat natürlich mal wieder ein elektronisches Spielzeug (Tablet- PC) im Sinn, über das wir uns kundig machen. Gekauft wird erst mal nicht.
Abendessen mit dem Meister und Xiao Lu, endlich werde ich meine Mondkuchen, wenn auch verspätet los. Witziger Abend, Meister Wu ist voll in seinem Element und erzählt kuriose Geschichten. Wir wagen vorsichtig zu fragen, ob er denn mal wieder Lust habe, in Deutschland zu unterrichten? Ach nee, er sei zu alt für sowas. Aber Xiao Lu könne ja kommen! Triumph! Der wehrt bescheiden ab, er könne doch keine Fremdsprachen! Ach was, sagt Meister Wu, Bettina kann ja übersetzen. Na, dann mal sehen. Was mich an dieser Sache ganz besonders freut: Meister Wu wird ziemlich oft von Leuten eingeladen und kriegt bei diesen Gelegenheiten kräftig Puderzucker in den Arsch geblasen. Deswegen nimmt er nicht oft Einladungen an, weil ihn das langweilt. Auf unsere aber hat er sich gefreut, weil diese eine lässige und zwanglose Angelegenheit zu werden versprach. Ja, wir hatten auch Spaß und schließlich sind Lilo und ich ja auch zwei ganz Nette.
Am nächsten Tag wird nach zähem Feilschen Lilos Spielzeug errungen, die Verhandlungen führe ich. Bin nicht ganz zufrieden, hätte das Ding auch noch 100,- RMB drücken können, meine ich. Die sich anschließende Gebrauchseinführung durch den Verkäufer verfolge ich nicht wirklich und Lilo ist nach dem Gefeilsche noch zu sehr durch den Wind, als das sie sich was hätte merken können. Ein großer Fehler, denn das Spielzeug hat keine Gebrauchsanweisung, obwohl es Deutsch kann.
Treffen mit Tori und Aufrollen der Taikang Lu, am Ende bin ich stolze Besitzerin eines Kaschmir-schals, Nylon- Körpertatoos, einer umwerfenden Bomberjacke aus Sweatshirtstoff mit eingestickten spielenden chinesischen Löwen und eines Handygebamsels aus Kimonostoff mit Glöckchen dran. (So finde ich das Ding wenigstens zügig in den Tiefen meiner Tasche). Unnötig zu sagen, dass die beiden anderen Damen bei unserer kleinen Tour ebenso erfolgreich waren. Stärkung bei Pizza und alkoholischen Getränken, die Einkäufe werden bewundert.
Lilo und ich müssen beide am nächsten Morgen früh raus, Absacker in meiner Küche. Wir liegen beide schon im Bett, als Lilo eine SMS von Elli bekommt: Bayern 2:1 geschlagen! Immer noch Tabellenführer! Darauf müssen wir erst mal eine rauchen, unfassbar!

Montag, Oktober 04, 2010

异客在异乡 – Fremde in einem fremden Land #2

Zwei Wochen in Deutschland und es ist, als sei ich nie fortgewesen. Wache zwar jeden Morgen völlig desorientiert auf und habe Angst, zu spät zur Arbeit zu kommen und bin ansonsten ziemlich unentspannt, aber endlich kann ich meine Leute wiedersehen. Training und anschließendes Apres- Qi mit Lilo und Elli im Heiligen Aal. Noch viele Sachen zu regeln, aber schließlich komme ich endlich dazu, stressfrei Klamotten und Schuhe kaufen und auch zum Friseur. War nach acht Monaten Shanghai auch mal nötig.
Herrn Burland und seine charmante Gemahlin lerne ich dann auch endlich kennen, er schafft es sogar, ein einigermaßen anständiges Foto von mir zu schießen. (Habe mich langsam schon gefragt, ob ich wirklich so schlimm aussehe oder einfach nur unfotogen bin).
Am Ende meines Urlaubs dann doch noch Mega- Stress: Der Lüfter meines Rechners macht die Hufen hoch und das, nachdem wir das Teil gerade neu aufgesetzt hatten. An meinem letzten Abend in Mainz also hektisches grob-auf-die-Reihe-bringen des Rechners, nichts mit entspanntem Abschieds- Training mit den Mädels und lecker Essen mit dem Herrn Gemahl.
Reise mit einem halbwegs eingerichteten Rechner zurück nach Shanghai, hoffentlich schaffe ich es, ins Netz zu kommen. Alles andere wäre eine Katastrophe.
Netz funktioniert, aber auf einmal fühle ich mich hier sehr einsam. Alle anderen Leute haben schwarze Haare und ich knalle mit meiner Größe und meiner Haarfarbe mal wieder voll raus. Und Sachen, die in Deutschland reibungslos liefen, sind auf einmal wieder kompliziert. Oder Sachen, die in Deutschland kompliziert sind, sind hier auf einmal kein Problem. Man hört ja immer wieder, Shanghai sei eine so stressige und laute Stadt. Stimmt nicht, meine Wohnung in der Mainzer Altstadt ist lauter als die hier in Shanghai und die Shanghaier sind ganz schön entspannt. Jedenfalls, wenn sie flanieren. Das tun sie nämlich sehr gemächlich und unter voller Ausnutzung der Bürgersteigbreite, gerne auch mit den besten Freundinnen/ Freunden untergehakt. Und telefoniert oder mit dem Mobilfon sonstiges getrieben wird dabei auch. Kann mich als zielorientierte Deutsche manchmal zur Weißglut treiben, vor allem, wenn ich mit schweren Einkaufstaschen beladen bin. Das einzig wirklich stressige in Shanghai sind für mich die Menschenmassen und die weiten Entfernungen, obwohl ich es sowohl zum Park als auch zur Arbeit echt nicht weit habe.
Bin dann in meiner ersten Arbeitswoche gleich auch mal zwei Tage krank. Frage mich, ob es das alles hier wirklich wert ist.
Bauschäden in meiner Bude, Tauwasserbildung an einer Erkerwand. Chinesen haben halt keine Ahnung von Bauphysik, leider weiß ich nicht, was „diffusionsoffener Anstrich“ auf Chinesisch heißt, sonst würde ich meiner Vermieterin mal was erzählen. Aber wahrscheinlich ist das Zeug hier sowieso sauteuer. Klimaanlage im Schlafzimmer tropft auch, zum Glück sind die Temperaturen wieder so erträglich, dass man sie nicht unbedingt einsetzen muss.
Komme von der Arbeit nach Hause und entdecke, während ich mir die Schuhe ausziehe, im Bade-zimmer eine träge krabbelnde Kakerlake. Bin wie gelähmt. Dass es das Viehzeug hier gibt, wusste ich natürlich, aber da ich neun Monate keine zu Gesicht bekommen hatte, wähnte ich mich sicher. Also Schuhe wieder an und ab zum E- Mart, wo Giftköder und Spray erworben werden. Das Biest soll verrecken, bevor es seinen Kumpels Bescheid sagen kann.
Die Giftköder werden in Bad und Küche verteilt, der Spray griffbereit unter der Spüle deponiert. Jetzt wird auch Shen Ayi wissen, was Sache ist und auf der Hut sein.
Kaufe mir die neue Staffel von Dr. House und ein paar Filme als Trostpflaster. Bin angenehm über-rascht, es gibt sogar Untertitel und die brauche ich bei Dr. House trotz guter Englischkenntnisse allein wegen der ganzen Fachausdrücke. Kann mich auch bei Vegetarian Lifestile mit meinen geliebten Nudelsuppen eindecken, es geht aufwärts.
Training mit Xiao Lu, wir arbeiten sehr systematisch an den Einzelbewegungen und den dazugehörigen Schrittfolgen. Bin glücklich, denn als Deutsche und als Ingenieurin finde ich Systematik natürlich klasse. Es gibt eine bestimmt Reihenfolge für diese Übungen und die klappern wir jetzt ab. Nehme mein Projekt „Dokumentiere Heyi Tongbei“ wieder auf.
Fortsetzung des Chinesisch- Unterrichts, danach geht Ying pinkeln und schließt natürlich die Schie-betür meines Badezimmers. (Ich mache das nie, bin ja schließlich alleine). Nach dem Öffnen der Tür starren wir beide auf eine auf der Schwelle liegende Kakerlake, die offensichtlich ihrem Schöpfer gegenüber getreten ist. Wir beide kreischen, dann fege ich das leblose Insekt auf, Ying nimmt die Tüte mit runter. Anscheinend hat das Vieh den Köder gefressen und ist unter der Tür verendet. Gut, soll den anderen eine Warnung sein. Fühle mich mal wieder gestresst.