Sonntag, Oktober 25, 2009

Mega- Scheiß- Tag


25.10.2009, Sonntag

Vormittags:

Diesiges Wetter, bin müde, trabe aber trotzdem schon früher in den Park, Xiao Lu könnte ja vielleicht da sein. Ist er natürlich nicht, also beobachte ich auf einer Bank das muntere Treiben. Der Meister scheint heute zum Üben mäßig motiviert, wahrscheinlich gestern wieder mal gesoffen. Ich frage nach der Sache mit den Fingerknöcheln: In der Spielhölle von Xiao Lus Gattin beim Majang mit dem Tisch umgekippt. Aha. Wilder Kerl.
Locke verteilt erst mal Frühstückszigaretten, wir üben Einzelbewegungen und Schrittfolgen, klappt ganz gut. Wieder viel Publikum da, mit dem der Meister ausgiebig plaudert. Ein junger Mann im Trainingsanzug wird Meister Wu vorgestellt und führt seine Shaolin- Form vor. Anscheinend ist er gekommen, um sich Anweisungen für das richtige Üben zu holen, da ist der Meister natürlich voll in seinem Element. Klar, viel zu steif und unlocker, irgendwann dreschen die beiden mit dem Unterarmen aufeinander ein, dass die Fetzen fliegen. Der junge Mann mit voller Kraft, der Meister pariert das locker. Besser als Kino, mir fällt die Kinnlade runter. Das lockt natürlich noch mehr Zuschauer an, ich zähle knapp 18 Leute. Nicht umsonst gilt Meister Wu als einer der besten Kämpfer Shanghais. Ich stehe die meiste Zeit eigentlich nur rum und rauche eine Kippe nach der anderen, die mir die Zuschauer zustecken, ist aber trotzdem interessant. Mian Zhang wird dann aber auch noch sehr intensiv korrigiert, natürlich unter den kritischen Blicken des Jünglings. Mann, das ist aber auch echt eine sehr schwere Form, die ich mir da ausgesucht habe. Ist zwar kurz und sieht nach nicht viel aus, aber die Bewegungen müssen außerordentlich präzise ausgeführt werden, sonst ist das nichts. Und das erfordert sehr viel Koordination. Na ja, jeden Tag ein kleines Stück, wird hoffentlich noch. Auf dem Weg zum Ausgang erzählt der Meister mir ganz viel zu dem jungen Mann, von dem ich aber nicht viel kapiere. Ob ich mich gut amüsiert hätte? Na, logo!
Zu Hause mache ich mir eine Nudelsuppe und lege mich erst mal aufs Ohr. Die Hektik der letzten paar Tage und die ständige Schlaflosigkeit fordern halt irgendwann mal ihren Tribut.

Nachmittags/ Abends:

Bin wieder einigermaßen fit und freue mich auf das Training mit Xiao Lu, tolles Wetter und keine lästigen Musikanten auf dem Übungsgelände. Bin wild entschlossen, heute alles zu geben und habe nach dem Vormittagstraining viele Fragen. Als erstes entschuldige ich mich natürlich für meine gestrige Zickigkeit, neinneinnein, schon OK, er hätte das Mädel nicht einladen sollen. Nicht doch! Höfliches Geplänkel, ich erkläre noch mal eindringlich, dass es mir sehr leid täte. Ob er das Mädel denn jetzt unterrichten würde? Nein, natürlich nicht, er unterrichtet doch keine Frauen. Jedenfalls keine Chinesinnen. Das soll mal einer verstehen.
Wir haben uns gerade mit Einzelbewegungen warm gemacht, da klingelt mein Mobilfon. Ali ist dran und teilt mir mit, dass meine Mutter gestern gestorben ist. Scheiße! Fange an zu zittern wie verrückt, mir fällt fast das Fon aus der Hand.
Xiao Lu sieht, dass da gerade wohl keine guten Nachrichten übermittelt werden und schaut sehr besorgt. Nach dem Telefonat lässt er mich erst mal hinsetzen, hockt sich vor mich und streichelt tröstend meine zitternden Hände. 8.600 Km von zu Hause entfernt, vollkommen hilflos und trotzdem habe ich hier einen Freund, der an meiner Seite ist. Voll unter Schock, kann noch nicht mal heulen, bin echt froh, dass ich jetzt nicht alleine bin. Er zerrt mich dann anschließend in ein Teehaus, damit ich mich beruhigen kann. Seine Mama ist auch gestorben, als er gerade in Korea war und er konnte nichts machen. Also versteht er meine Situation sehr gut. Wir trinken Tee und führen ein außerordentlich intensives Gespräch über diverse Dinge, wäre mein Chinesisch doch nur besser!
Nachdem ich mich wieder einigermaßen im Griff habe, fahre ich zum Hotel zurück. Viele Telefonate und Chats, der arme Ali trägt jetzt die Hauptlast. Könnte ich doch nur etwas machen! Lilo und Stefanie sichern mir ihre Hilfe zu, schönes Gefühl, gute Freunde zu haben. Ob das jetzt in Deutschland ist oder in China.
Muss morgen den Flug schon wieder umbuchen. Keine Ahnung, wie schnell ich nach Hause komme, alles offen. Was für ein Mist!

Samstag, Oktober 24, 2009

Scheiß- Tag #2


24.10.2009, Samstag

Vormittags:

Habe mich schon die ganze Woche auf Training bei Sonnenschein im Park gefreut.
Aber im Zimmer nebenan sind wieder chinesische Gäste, die die ganze Nacht lautstark gefeiert haben, weswegen ich nicht schlafen konnte. Auf dem Gang stehen zwar zweisprachige Schilder, auf denen zur Ruhe gemahnt wird, die wohl aber eher dekorative Zwecke erfüllen. Na ja, ist halt ein lustiges Volk, Chinesen das Krachmachen verbieten zu wollen ist so, als wolle man Vögeln das Singen verbieten.
Vom Sportplatz der SISU dröhnt schon um 6:30 laute Discomusik, war mal wieder nichts mit länger schlafen. Auf dem Sportplatz stehen Pavillons und lustige Ballons mit Fähnchen zappeln in der milden Brise, anscheinend irgendein Sportfest oder so. Xiao Lu hatte angekündigt, heute Vormittag im Park zu sein, aber das weiß man ja bei dem nie so genau, also dämmere ich noch eine halbe Stunde vor mich hin und mache mich gemütlich fertig.
Tatsächlich ist Xiao Lu im Park, der Meister kommt auch ziemlich früh und erzählt was von einem Unfall, den er mal wieder bei Bau- und/ oder Umräumarbeiten hatte. Auf seinen mächtigen Fingerknöcheln kleben Pflaster, die er erst mal abreißt und erneuert. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, an den ständigen Unfällen des Meisters könnte auch seine Zuneigung zu harten alkoholischen Getränken nicht ganz unschuldig sein.
Xiao Xu kommt etwas später, diesmal ohne Entourage und Getränke und wird erst mal anständig eingekleidet. Sein Fummel ist nicht so hübsch geschnitten (der Saum ist länger als die Ärmel) und wegen seiner etwas dicklichen Figur sieht er darin aus wie ein übergroßer Pandabär und bewegt sich auch so. Das behalte ich aber lieber mal für mich. Xiao Xu wird ausgiebig in den Einzelbewegungen unterwiesen und erhält vom Meister eine Theoriestunde auf Shanghainese, während ich mit Xiao Lu das Fortgeschrittenenprogramm absolviere und coole Schrittfolgen lerne. Da der Meister gerade abgelenkt ist, frage ich ein wenig nach den wüsten Geschichten, Xiao Lu lacht und winkt ab, alles halb so wild. Na ja, einiges ist wohl schon dran, der Sache mit den Weibergeschichten und dem Training muss ich irgendwann doch noch mal auf den Grund gehen.
Xiao Lu überrascht mich mit einer unangenehmen Ankündigung für das Nachmittagstraining: Eine potentielle Schülerin wird zuschauen. Der Meister darf das nicht wissen, geheim! Waaas? Zuschauer? Ich bin nicht sonderlich begeistert. Wenn hier die üblichen Verdächtigen rumlungern oder irgendwelche Passanten zuschauen, macht mir das ja nichts aus, aber vor einer Interessentin vorgeführt zu werden, ist schon eine andere Sache. Vor allem, da ich Mian Zhang seit letzter Woche nicht mehr geübt habe, weil ich keine Gelegenheit dazu hatte. Aus meinem Unmut mache ich auch keinen Hehl und sage das Xiao Lu, ist doch nicht schlimm, meint der. Das Mädel sei doch erst zwanzig und habe keine Ahnung von Kampfkünsten, ich solle mal nicht so unlocker sein. Bin mal gespannt, ich kenne mich ja und weiß, dass ich in Situationen, die mir nicht passen, eine erstaunliche Zickigkeit an den Tag legen kann. Letztes Jahr hat er mir noch gesagt, Frauen würde er nicht unterrichten, das entspräche nicht der Tradition und jetzt kommt eine Schnalle? Das wird er mir erklären müssen.
Bei den Schrittfolgen bin ich dann auch sehr wackelig, zum Glück ist Xiao Xu ja noch schlechter als ich. Schon merkwürdig, wie sich die Stimmung auf die Trainingsleistung auswirken kann.
Zum Mittagssnack der lecker Luxusfladen, dann wird der eingesaute Fummel gewaschen und die übliche SISU- Deko (frisch gewaschene Klamotten) am Fenster angebracht. So langsam muss ich hier mal eine Wäscherei auftun, immer das Zeug im Handwaschbecken notdürftig auszuspülen bringt mittlerweile auch nicht mehr viel.
Vom Sportplatz her dröhnt „We will rock you", aber um was für eine Veranstaltung es sich handelt, ist immer noch nicht zu erkennen.

Nachmittags:

Anscheinend wird ein Fußballturnier ausgetragen, sieht mir aber nicht sonderlich ernst aus. Ich beschließe, heute Mittag die kernige Kampftussi zu geben, lege ein schwarzes T- Shirt mit einem Teddy- Roboter mit abgerissenem Kopf, aus dessen Hals ein Blutstropfen quillt, an und setze die Sonnenbrille auf. So.
In Kampfesstimmung bringe ich mich mit der richtigen Musik am Ohr und fahre schon etwas früher in den Park, damit ich cool auf dem Stein rumlungern kann, wenn Xiao Lu mit dem Mädel aufschlägt. Als ich mich dem Trainingsgelände nähere, ahne ich allerdings, dass das mal wieder kein guter Nachmittag werden wird. Wenn ich dachte, dass Saxophone schlimm klingen, wenn sie falsch bedient werden, werde ich eines Besseren belehrt: Auf dem Gelände sitzt ein Typ mit einer Zugposaune, die er ganz offensichtlich überhaupt nicht beherrscht. Vielleicht sollte ich morgen mal meine Flöte mitbringen, aber gegen Blechblasinstrumente kann ich damit sowieso nicht anstinken und außerdem spiele ich selbst eine chinesische Bambusquerflöte besser als diese Dilettanten westliches Saxophon oder Posaune.
Zum Glück kann ich diese akustische Beleidigung mittels des iPod einigermaßen ausblenden, das Mädel kommt, wird von mir ignoriert und fängt schon mal an, sich zu dehnen. Ich hasse mich für meine Zickerei.
Xiao Lu hat sich auch für eine Sonnenbrille entschieden, was er wohl witzig findet. Allerdings vergeht ihm das Lachen ziemlich schnell, als er mein Gesicht sieht. Wir machen uns warm, das Mädel wird auf den oberen Teil des Geländes geschickt und hampelt ein bisschen mit. Erscheint mir unhöflich, ich sage Xiao Lu, dass er dem Mädel doch auch was beibringen solle. Nein, heute nur zugucken. Na gut.
Ob ich mir die Schrittfolgen von heute morgen gemerkt hätte? Nö. Xiao Lu gibt Starthilfe, dann geht es, klar habe ich mir das gemerkt. Irgendwann lacht er mal, als er mir zuschaut und wird von mir angefaucht, er solle mich nicht auslachen. Oh, da ist aber jemand gar nicht gut drauf. Dann tritt natürlich der schlimmste Fall ein, Mian Zhang vorturnen und das verkacke ich erwartungsgemäß total. Das heißt, die Reihenfolge kriege ich hin, aber ich weiß genau, wo die Schwachstellen sind. Natürlich schaut das Mädel aufmerksam zu, was mir unsäglich peinlich ist.
Mit einem Teil der Form, den Xiao Lu anders ausführt, war Meister Wu nicht einverstanden, deswegen muss ich den unter den schrägen Klängen des Triumphmarsches aus der Posaune neu lernen. Das Mädel versucht, es nachzumachen und ich komme mir saublöd vor. Dann gehen wir die Form Stück für Stück mit intensiven Korrekturen durch, wobei ich mir natürlich nichts schenke. Xiao Lu befiehlt mir zwar mehrmals, eine Pause einzulegen, was von mir aber geflissentlich ignoriert wird. Werde doch hier nicht vor irgendwelchen Zuschauern abstinken. Geht dann irgendwann mal, aber ich bin mit mir mächtig unzufrieden. Zwischendurch bleiben immer mal Leute stehen und versuchen, die Bewegungen mitzumachen, ich fühle mich verarscht und werde immer unglücklicher. Xiao Lu beendet den Unterricht früher und ich versuche, ihm zu erklären, was mich so bekümmert, aber ich breche fast in Tränen aus. Nein, die Leute würden mich nicht auslachen, die fänden es cool, dass eine ausländische Schnalle chinesische Kampfkünste lernt. Glaube ich, würde mich beim Anblick von chinesischen Schuhplattlern auch prächtig amüsieren und das mächtig cool finden. Das Mädel übersetzt hilfreich und meint, die würden das bewundern. Die Arme, ist ja ganz süß und hat heute von mir so eine miese Show geboten bekommen. Vielleicht hat die ja jetzt keinen Bock mehr auf Tongbei, wäre schade, chinesische Frauen sind in diesem System deutlich unterrepräsentiert.
Auf dem Weg zum Ausgang versucht Xiao Lu mich zu trösten, ich solle nicht traurig sein, sonst wäre er auch traurig und dann wäre er böse. Will ihn nicht mit den Dingen belästigen, die mich sonst noch so peinigen und erzähle ihm dann einfach, dass ich mich ohne Stefanie und Lilo einsam fühlte und deswegen schlecht drauf sei. Bräuchte ich nicht, ich hätte doch noch einen Freund in Shanghai, nämlich ihn. Dann sagt er noch was, was mich sehr berührt: Der Meister hat mit ihm geschimpft, weil er Stefanie Dong Bao Quan nicht anständig beigebracht hat. (Er hat eine entscheidende Drehung vergessen, der Schussel). Und außerdem war der Meister teilweise mit Stefanies Haltung nicht zufrieden, warum er das nicht korrigiert habe? Hätte bei mir doch auch geklappt? Daraufhin hat Xiao Lu gesagt: „Wu Laoshi, Bettina shi women de, Stefanie shi Lanshou de." (Meister Wu, Bettina ist eine von uns, Stefanie ist eine von den Lanshou Übenden). Ganz anderes System, warum hätte er ihr das austreiben sollen? Hat Meister Wu dann wohl auch eingesehen.
Die betrachten mich als eine der ihren? Nicht als irgendeine Tussi, die hier einmal im Jahr antanzt und ein bisschen was lernt und Spaß hat? Bin jetzt erst recht voll durch den Wind.
Dass der Wechsel zwischen zwei unterschiedlichen Stilen wie Tongbei und Lanshou nicht einfach ist, hat Stefanie schon selber gemerkt. Deswegen übe ich ja auch außer zwei Yangstil Waffenformen nichts anderes, ich finde, im Yangstil kann man ganz gut an den Grundlagen arbeiten. Aber deswegen ist es ja auch so frustrierend, in Deutschland keinen anständigen Tongbei Lehrer zu haben, ja nicht einmal jemanden, der mit einem üben kann. Na ja, Stefanie hat ja jetzt hier ordentlich was gelernt, dann wird das zu Hause hoffentlich nicht mehr ganz so schlimm und frustrierend sein. Und ich kann ihr ja dann die korrekte Ausführung der Dong Bao Quan inklusive Drehung beibringen.
Noch eine kleine Anekdote am Rande: Um Stefanie eine Freude zu machen, wollte sich Xiao Lu nach ihrer letzten Trainingseinheit auf englisch verabschieden und „Please come again!" sagen. Das hat sie nicht verstanden und auch ich brauche mehrere Anläufe und die chinesische Ansage. Darüber war er wohl etwas unglücklich, da er Stefanie gerne unterrichtet hat. Aber nach einigen Korrekturen kriegt er den Satz dann auch fehlerfrei hin. Also Stefanie, jetzt weißt du, dass du bitte wiederkommen sollst. Und du bist eine sehr fleißige und sorgfältige Schülerin. Jedenfalls Xiao Lus Meinung nach.

Abends:

Irgendwie habe ich wahnsinnige Lust auf Weißwein, aber keine Lust, auszugehen. Im Carrefour entdecke ich zu meiner Freude in der Backwarenabteilung einen etwas dunkleren brotartigen Gegenstand, auf dem was von Weizenvollkorn steht. Zusammen mit einer Flasche australischen Chardonnays wandert der in den Einkaufskorb, wird mir an der Kasse aber wieder entrissen, da kein Strichcode draufklebt und er deswegen nicht abkassiert werden kann. Mist, na dann halt Crepe mit ordentlich Gewürz und Knoblauch bei meiner Lieblingsnahrungszubereiterin, die auch ganz glücklich ist, mich zu sehen.
Chatte mit Lilo, die gut angekommen ist und im trüben Deutschland den angenehmen Temperaturen Shanghais und der Warmherzigkeit der Chinesen im Allgemeinen nachtrauert. Die Bude wird aufgeräumt, während nebenan die Chinesen langsam auf Betriebstemperatur kommen.
Dazu muss man sagen, dass chinesische Reisegruppen immer grundsätzlich die Türen und Fenster ihrer Zimmer weit aufzureißen pflegen, es könnte einem ja was entgehen. Die Glotze wird dann auf Maximalbeschallung gestellt und man besucht sich gegenseitig. Dabei wird dann geraucht und gerne auch gesoffen und sich lautstark unterhalten, die Glotze muss ja übertönt werden. Oder man bestellt sich eine Fußmassage. Oder alles zusammen. Die Herren tragen dann grundsätzlich keine Oberbekleidung und rollen ihre Hosenbeine hoch. Für das ganze gibt es auch einen Begriff: 热闹, rènào. Dass mir dazu keine angemessene deutsche Übersetzung einfällt, wirft wirklich ein beschämendes Licht auf unser Land. Aber wenigstens die Mainzer dürften damit was anfangen können.
Die Weißweinflasche wird entkorkt und angemessen genossen. Während ich auf Skype auf Stefanie warte, schwätze ich mit einem netten Knaben aus München, der großes Interesse an China hat. Eine chinesische Schnalle ruft auf meinem Mobilfon an und brüllt irgendwas von einem Freund, den sie sucht. Als ich ihr erkläre, dass sie sich offensichtlich verwählt hat und auflege, schickt sie mir gleich eine erklärende SMS. Ich tippe also noch mal im Klartext, ich wisse nichts von einem Freund, sie habe sich verwählt und wer sie denn sei. Die Dame entschuldigt sich, sie sei halt sehr besorgt um den Freund, dumm gelaufen. Mei Guanxi, keine Ursache. China ist verrückt.

Sonntag, Oktober 11, 2009

Business as usual #4

11.10.2009, Sonntag

 

Vormittags:

 

Habe mich die ganze Nacht schlaflos und heftig niesend im Bett rumgewälzt, war ja klar, dass ich eine Erkältung kriege. Geht aber noch, also Training. Bin die einzige Schülerin, noch nicht mal Locke schlägt auf. Eine klasse Einzelstunde beim Meister, Es hapert bei mir zwar etwas mit der Konzentrationsfähigkeit, aber ich komme ganz gut mit. Die Form versuche ich unter besonderer Berücksichtigung der Gewichtsverlagerungen zu laufen, klappt auch.

Nach dem Unterricht erklärt der Meister, er fühle sich „hen shufu" (sehr wohl) und erkundigt sich noch mal genau, wann Stefanie denn käme. Flugzeug landet Dienstag früh? Dann Mittwoch im Training? Ja, das ist der Plan. Und wir sehen uns dann Samstag wieder.

 

Nachmittags/ Abends:

 

Die Tickettussi ist zwar da, erklärt mir aber, sie könne nicht für mich umbuchen, da ich das Ticket nicht bei ihr gekauft habe. Na, dann halt nicht. Sie schreibt mir aber die Hotline- Nummer von China Eastern auf, wo ich auch gleich anrufe. Nach ein paar Minuten in der Warteschleife schaffe ich es, mein Ticket umzubuchen, 900 RMB Gebühr, geht ja direkt. Sehr schön, dann ist ja alles geritzt.

Die Genossen von der Reinigungsbrigade vertreiben mich höflich, aber bestimmt aus dem Zimmer, in der Zwischenzeit kläre ich, ob ich auch länger hier im Hotel bleiben kann. Ja, geht, also das auch in trockenen Tüchern.

Treffe mich mit Xiao Lu im Park, irgendwie läuft es gar nicht rund und ich habe am Wasser gebaut. Muss an der Erkältung liegen. Er denkt natürlich, das läge daran, dass nichts bei mir klappt und ein klärendes und tröstendes Gespräch folgt. Danach läuft es besser und ich bekomme zur Belohnung einen Mondkuchen, der aus den Tiefen des Rucksacks gezaubert wird. Eine zierliche kleine Maus mit pinkfarbenen Strechhosen und Glitzerschühchen schaut uns zu und fragt ganz interessiert, was das für ein Stil sei? Fachgespräch mit Xiao Lu, es stellt sich heraus, dass sie aus Chongqing ist und in Shanghai studiert. Und auch Xing Yi übt. Xiao Lu fordert sie auf, doch mal eine Probe ihres Könnens zu geben, die Maus geht in Position und entschuldigt sich erst mal für ihr Schuhwerk. Dann stößt sie einen Schrei aus und lässt in einer Schrittfolge heftigste Schläge niederkrachen, das ganze auch noch supertief und sehr geschmeidig. Wow! Mit der Maus würde ich mich nicht anlegen wollen! Sie erntet anerkennende Worte von Xiao Lu und winkt ab, die Schuhe... Als die Maus weg ist, meint Xiao Lu dann allerdings, das habe zwar heftig (lihai) ausgesehen, aber alles nur äußerlich. Mit innerer Kraft und Entspanntheit könne man viel mehr ausrichten. Das üben wir dann auch gleich mal, die Prinzipien von Yin und Yang an den einzelnen Körperteilen und in den Bewegungen werden erörtert. So komme ich zu einer 1a Stunde in Theorie und Praxis, Meister Wu erklärt so was leider nicht. Eigentlich wollte ich ja als Gedächtnisstütze noch ein Video von der Form schießen, leider ist es mittlerweile zu dunkel. Na ja, nächste Woche halt.

Abends brühe ich mir Nudelsuppe auf und chatte mit Lilo, die allerdings ständig aus dem Netz fliegt. Mieses Wetter in Wudang, da wird ja Shanghai für sie die reinste Kur werden.

Samstag, Oktober 10, 2009

Stress

10.10.2009, Samstag

 

Habe mich entschieden, noch zwei Wochen länger hier zu bleiben. Das heißt, der Flug muss umgebucht und das Visum verlängert werden. Hier im Guesthouse gibt es einen Ticketservice, allerdings kommen die erst um 9:00. Angeblich. Wurde mir jedenfalls gestern an der Rezeption ausgerichtet. Um 9:00 kommt keiner, die Maus an der Rezeption sagt, es sei unklar, ob jemand erschiene. Warte ne halbe Stunde, versuche selber, bei China Eastern anzurufen, spricht natürlich keiner Englisch, übers Internet geht die Umbuchung auch nicht. Muss im Park unbedingt Oskar treffen, haue also dahin ab. Der Meister ist prächtig drauf, ich überbringe ihm die frohe Kunde, dass ich zwar länger bliebe, aber ab nächste Woche nur am Wochenende kommen könnte. Der gefürchtete Rotkotvogel erwischt sowohl Oskar als auch mich, ich habe nur einen Klecks auf der Schulter, Oskar hat allerdings die volle Breitseite abbekommen.

Nach dem Training fahren Oskar und ich ein Stück mit dem Bus, dann gurken wir mit seinem Motorroller durch Pudong zum Amt für öffentliche Sicherheit. Pudong finde ich langweilig, Riesen- Avenuen, kaum Verkehr, voll die Retortenstadt. Da lobe ich mir doch diese Seite des Huangpu, viel netter und gewachsene Architektur. Oskar ist ein sehr risikofreudiger Fahrer und quatscht die ganze Zeit. Von Zeit zu Zeit brüllt er andere Verkehrsteilnehmer mit seinem breiten amerikanischen Akzent an („get out off me way, motherfucker! This is the bike lane, you goddamned basterd!"), was aber keinen weiter stört.

In der Ausländerbehörde ziehe ich die Nummer 216, momentan ist gerade 148 dran und nur zwei Schalter sind geöffnet. Oha, ob ich das bis 15:00 zurück in den Park schaffe? Neben mir sitzt eine nervige Deutsche, die wichtig mit ihren Unterlagen raschelt und ständig belangloses Zeug in ihr Mobilfon quatscht. Nach zwei Stunden des Wartens werde ich etwas nervös und schicke dem Meister eine SMS, er möge doch bitte Xiao Lu sagen, ich käme später. Dann geht auf einmal alles rasend schnell, ein weiterer Schalter wird geöffnet und die Nummern springen rasant vor. Anscheinend waren einige des Wartens müde und sind abgehauen. Ich gebe meinen Pass und den Antrag zusammen mit meiner polizeilichen Meldung ab, muss in eine Webcam lächeln- alles klar, Freitag kann ich den Pass abholen. Wichtigste Hürde geschafft.

Zum Park fahre ich mit dem Taxi, schicke unterwegs eine SMS, das alles klar wäre und ich doch pünktlich käme und bin um 14:45 im Park.

Zu meinem Entsetzen hat sich der grauenhafte Saxophonspieler wieder auf unserem Trainingsgelände breit gemacht, also lauere ich auf einer Bank. Der Saxophonspieler trollt sich zum Glück, als Xiao Lu kommt, dafür wird aber der Zaun des Parks gerade gestrichen, was grauenhaft stinkt. Möchte nicht wissen, was für Umweltgifte wir da jetzt noch zusätzlich inhalieren. Die Hosen sind fertig, sehr hübsch. Als Xiao Lu hört, dass ich den ganzen Tag unterwegs war und noch nichts gegessen habe, zaubert er aus seinem Rucksack einen leckeren Keks hervor. Lilo und er werden sich sicher prächtig verstehen, denn dieser Rucksack ist ein Füllhorn der nützlichen Dinge wie Nahrung, klappbaren Kleiderbügeln und dergleichen. Xiao Lu hat sich in den Kopf gesetzt, dass ich bei einer bestimmten Einzelbewegung endlich mal Fa Jing produzieren soll, schließlich knallen meine Arme auch leise. Xiao Lu sagt, das er darüber sehr glücklich sei. Ein Riesenschritt, meint er und ich bin sehr stolz. Die Form klappt auch so einigermaßen, muss das einfach noch öfter wiederholen. 

Mittlerweile bin ich ziemlich matt und hungrig, mit Buch zu Pizza- Hut, das Zeug stopft wenigstens ordentlich. Muss ständig niesen und die Gräten tun mir auch weh, das hat mir jetzt gerade noch gefehlt. Fühle mich einsam und krank, deswegen wird im Zimmer erst mal die Glotze eingeschaltet, wenigstens hat man dann Ansprache. Keine Lust auf das lahme Internet, lieber schön ins warme Bett und noch ein wenig lesen.

Freitag, Oktober 09, 2009

Business as usual #3

09.10.2009. Freitag

 

Vormittags:

 

Die Staatsferien sind vorbei und das merkt man auch deutlich am Straßenverkehr. Heute sind nur Oskar und ich da, später kommt dann noch Xiao Dou, der junge Mann, den ich noch von letztem Jahr kenne. Da werden wieder viele Anwendungen geübt, die der Meister ausgiebig erklärt. Ist für Oskar natürlich blöd, aber den scheint das nicht zu stören. Für mich klasse, denn Xiao Dou ist sehr ambitioniert und stellt schlaue Fragen, von denen ich auch profitiere. Dem Meister geht es nach der gestrigen Pause anscheinend wieder prächtig, allerdings haben seine beiden Katzen ihm das Bein zerkratzt. Selber dran schuld, er geht mit den Tieren manchmal ganz schön ruppig um. Da er heute wieder zum Arzt muss, machen wir früher Schluss. Ist mir nicht ganz unrecht, denn ich habe letzte Nacht sehr lange mit Ali gechattet und bin hundemüde.

 

Nachmittags/ Abends:

 

Kann nicht schlafen und stinke deswegen beim Nachmittagstraining mit Xiao Lu ganz schön ab. Ich glaube, so schlecht war ich noch nie. Na ja, werde die Form ja wohl noch in den Griff kriegen. Ich versuche, Xiao Lu als Dankeschön zum Essen einzuladen, was der aber ablehnt. Nein, das ginge nicht. Ich hätte jetzt schon so viel Geld ausgegeben, um herzukommen, ich sei ja nur eine arme Studentin, da ginge das nicht. Verstehe einer die Chinesen!

Nach dem Training eile ich in das Elektronikkaufhaus, die Frau von gestern ist nicht da. Ich wedele aber mit meiner Quittung, ein wenig Gekreische zwischen den Standbesitzern und siehe da: Meine Akkus sind da! Wahnsinn. Die Frau vom Stand ruft die andere Frau von gestern zur Sicherheit noch mal an, ob ich denn wirklich Vorkasse geleistet hätte. Ja, alles klar. Man darf sich das hier nicht so vorstellen wie bei uns einen Elektronik- Fachmarkt. Dies hier ist ein ziemlich vergammeltes Gebäude, in dem sich auf zwei Etagen diverse Stände befinden. Unten ist die Computerabteilung, oben die für Mobiltelefone. Alles sehr provisorisch. Dass in diesem ganzen Chaos was klappt, ist eigentlich kaum vorstellbar. Na ja, China halt.

Donnerstag, Oktober 08, 2009

Halbzeit

08.10.2009, Donnerstag

 

Um drei Uhr nachts meldet mir die Wunderwaffe dröhnend den Eingang einer SMS. Fluche und ziehe mir die Decke über den Kopf, um 6:00 weckt mich eine auf dem Sportplatz unter kernigem Gebrüll exzerzierende Truppe der Wachschergen. Ich schaue mal nach, wer mich denn da heute Nacht mit einer SMS beglückt hat: Meister Wu (oder vielmehr sein der englischen Sprache mächtiger Sohn) schreibt auf englisch, heute kein Unterricht, sein Bein wäre schlimm, er könne nicht laufen und wolle zwecks Spritze zum Arzt. Kommt mir jetzt auch nicht ungelegen, also schlafe ich noch mal zwei Stunden. In den Park fahre ich dann nicht. Zwar hat Xiao Lu gestern gesagt, er käme morgens da hin, aber man weiß ja nie.

Ich mache mich gemütlich fertig und bummele durch den Lu Xun Park zu der Einkaufsstraße, die auch der Bus Nummer 18 immer entlang fährt. Ist ja auch körperliche Ertüchtigung. Recht nette Geschäfte, in einem erwerbe ich eine preiswerte Sonnenbrille, da ich keine dabei habe. Auf dem Rückweg schaue ich in dem Laden vorbei, in dem ich letztes Jahr meine Wunderwaffe gekauft habe. Einer der Akkus ist schon im Eimer, deswegen suche ich einen neuen. Nach einigem Rumgefrage lande ich an einem Stand, die mir angeblich die Akkus bestellen können. 60,- RMB pro Stück, natürlich gegen Vorkasse. Na gut. Ein Bestellzettel wird ordnungsgemäß ausgefüllt, die Standbesitzerin stellt Fragen, die ich nach bestem Können beantworte und mein Chinesisch wird gelobt. Ich erhalte eine Quittung, auf die die Fonverkäuferin ihre Mobilnummer schreibt, morgen um 16:00 sind die Akkus angeblich da. Lassen wir uns mal überraschen. Stehe auf dem Rückweg zum Guesthouse neben einem Pulk Motorradfahrer an der Ampel, da quatscht mich ein schnurrbärtiger Herr, der seine Gemahlin auf dem Rücksitz hat, auf englisch an. Sein Name sei Soundso, wo ich denn herkäme? Ah, Deutschland! Zum ersten Mal in Shanghai? Nein? Ob mir die Stadt gefiele? Ja schön! Dann noch einen angenehmen Aufenthalt! Die Ampel springt auf Grün, der Herr verabschiedet sich freundlich, gibt Gas und braust davon. Chinesen sind einfach geil.

Den Nachmittag verbringe ich in der French Concession auf den Spuren der 30er Jahre Architektur, habe aber dummerweise die Kamera im Zimmer liegen lassen, ich Trottel. Na ja, gibt ja noch mehr zu entdecken.

Keine Lust, abends auszugehen, hole mir bei Carrefour eine Flasche hoffentlich halbwegs anständigen Weißwein und pappiges Brot, heute Abend ist Fernsehen angesagt. SMS von Meister Wu, morgen 9:00 Heping Park, bestens.

Mittwoch, Oktober 07, 2009

Fa Jing- Volles Rohr

07.10.2009, Mittwoch

 

Vormittags:

 

Endlich mal prima geschlafen, deswegen bin ich früh im Park, Xiao Lu leider nicht. Egal, ich beobachte ein Damenquintett bei der 24er Yang Stil Form. Alle tragen rosa Anzüge, an die sie Jasminblüten geheftet haben. Entzückend. Langsam kommt der Herbst nach Shanghai, Morgens und Abends kann es schon mal frisch werden, aber immer noch sehr angenehm.

Oskar und ich sind die einzigen Schüler, da der andere Tongbei- Typ nicht da ist, beschließt Meister Wu, diese Stunde dem „Fa Jing" zu widmen. Das müsse ich jetzt endlich mal anständig lernen. Und das heißt, dass wir natürlich ordentlich verdroschen werden beziehungsweise selber auf den Arm oder die Hand des Meisters dreschen müssen bis zum Abwinken. In der Theorie hört sich das ja alles gaaanz einfach an: Schön entspannt Faust oder Handfläche vorschnellen lassen, dabei die Hüfte drehen, kurz vor dem Auftreffen einen kurzen Impuls geben. Und natürlich muss der Geist durch das Ziel denken und beim Kontakt Energiepotential freigesetzt werden. Kommt alles von innen aus dem Körper, bloß keine Kraft benutzen. Und schön präzise immer exakt den selben Punkt treffen. Wenn man das richtig macht, knallen die Ärmel unserer Fummel. Meine flappen manchmal ein bisschen, außerdem ist das noch schwieriger, wenn man ein konkretes Ziel wie eine Hand dabei ins Auge fassen und treffen muss. Mein rechter Unterarm ist von den Schlägen bald grün und blau, der Meister findet es anscheinend ziemlich kernig, dass ich lache, wenn er mich haut. Seine chinesischen Studenten jammern da in der Regel.

Oskar wird zum Statisten degradiert, da er ja kein Chinesisch kann und die ausführlichen Erläuterungen des Meisters sowieso nicht versteht. Zum ersten Mal sehe ich auch die Schnallen von der Wu- Stil Gang wieder, die erkennen mich auch und dürfen gleich auch ein wenig hauen. Sie werden allerdings von ihrem Lehrer versetzt, deswegen schauen sie uns ein wenig bei den Schrittfolgen zu, die wir natürlich auch mit mächtig Fa Jing laufen und ziehen dann ab. Auch bei der Form alles mit Kraftfreisetzung, muss mich allerdings noch zu sehr auf die Reihenfolge konzentrieren, als dass ich hier irgendwas freisetzen könnte. Außerdem führt der Meister manche Teile völlig anders aus, als Xiao Lu mir das beigebracht hat, das verwirrt mich zusätzlich.

Beim Umziehen kommt der arme Meister kaum in seine Hosen, Akupunktur und Spritzen haben wohl wenig gebracht. Langsam mache ich mir echt Sorgen, hoffentlich hat der sich nichts angebrochen oder so. Auf dem Weg zum Ausgang frage ich ihn, ob er nicht mal zum Arzt will? Bringt nichts, Akupunktur wird es schon richten. Na dann.

 

Nachmittags/ Abends:

 

Hole mir den Luxusfladen und krache nach dessen Verzehr wie eine Tote aufs Bett. Nach einer Stunde Schlaf geht es, im Park ist auf unserem Trainingsgelände zum Glück niemand. Um unsere Ansprüche gegen etwaige lästige Eindringlinge mit Musikinstrumenten geltend zu machen, setzte ich mich auf einen Stein und schaue einem Typen mit Nunchakos zu, der gegenüber übt. Nicht mein Ding, würde mich damit wahrscheinlich selbst außer Gefecht setzen.

Xiao Lu war gestern beim Frisör und hatte heute morgen keinen Bock, da zu viele Leute im Park, aber er hat sich um meine Hosen gekümmert. Leider hatte der Schneider nur noch Stoff für ein Paar, egal. Bin sehr erfreut, die Hosen sind jetzt in der Mache.

Ich bitte ihn, mit mir die Schrittfolgen zu wiederholen und schreibe mir die Abfolge auf. Ist noch besser als Video, denn so ist man gezwungen, das für sich selbst klarzukriegen. Ich wiederhole die Schritte, bis es endlich sitzt., das mit dem Fa Jing lasse ich mal lieber.

Mir werden die letzten Bewegungen der Form beigebracht, eine Abfolge von Schlägen mit dem poetischen Namen „Fünf Blumen explodieren". Ich fürchte allerdings, bei mir explodiert da nichts, sieht wohl eher aus wie ein Kind, das schwächlich mit den Armen rudert. Die ersten drei Schläge sollten schön im Gesicht landen, die beiden letzten an der linken und der rechten Schulter. Diese Anwendung wird auch ausgiebig geübt. Ich spreche ihn auf die Unterschiede zwischen ihm und den Meister an. Er meint, entweder wäre des Meisters Ausführung bestimmter Teile nicht piaoliang oder nicht nützlich. Und jeder Schüler entwickele irgendwann mal seine eigene Interpretation einer Form. Der Meister betont halt mehr den kämpferischen Aspekt, er selber ist halt mehr der Ästhet. Ich beschließe, mich an Xiao Lus Interpretation der Form zu halten.

Wir schauen uns in meinem schlauen Buch meine Aufzeichnungen vom letzten Jahr an und wärmen liebe Erinnerungen auf. Zum Thema Fa Jing meint er, das sei doch ganz einfach, man müsse doch nur ganz entspannt usw. Ausländer würden das nicht kapieren, aber der Kampfkünste kundige Chinesen schon, deswegen würden sie ja auch in der Öffentlichkeit den Fuß vom Gas nehmen und ihre Fähigkeiten verbergen. Soso, Ausländer sind nicht in der Lage, das zu verstehen. Das wollen wir doch mal sehen.

Habe keinen Bock, noch groß auszugehen, fresse daher eine Tüte Chips und chatte ausgiebig mit Lilo in Wudang. Gleich werde ich noch mal das Architekturbuch studieren, dann früh ins Bett. Bin nach der Toberei heute hundemüde. Morgen dann volles Rohr Fa Jing.

Dienstag, Oktober 06, 2009

Shanghai Triathlon #2

06.10.2009, Dienstag


Vormittags:


Die Uni hat anscheinend wieder angefangen, schade, war so schön ruhig hier die letzten Tage. Im Bankettsaal findet wohl eine Hochzeit statt, jedenfalls werden üppige Blumengebinde herbeigeschleppt und im Aufzug transportiert eine Gruppe Chinesen Unmengen Schnaps. Da der Meister heute nicht kommt, bin ich mit Xiao Lu zum Training verabredet. Und der fährt ein ganz anderes Programm als Meister Wu.Erst mal ohne Unterbrechung eine Stunde lang alle Einzelbewegungen, dann Schrittfolgen. Groß gequatscht wird nicht. Ich finde die Schrittfolgen ganz schön kompliziert, egal, weitermachen. Zwei Durchgänge in Zeitlupentempo, dann zwei Durchgänge mit Schmackes. Und bitteschön so tief, wie es geht. Und es geht immer noch ein wenig tiefer. Versuche mühsam, meine Arme in die richtige Reihenfolge zu bringen, da wird auch schon an meiner Fußstellung rumgemeckert. Nein, so ginge das nicht, machen alle anderen Schüler falsch, ich soll das gefälligst richtig machen, das wäre dann Gongfu. Bewegt sich mein Fuß auch nur um einen Millimeter, wird heftig geknurrt. Nach einer Stunde intensiven Übens der Schritte ist er halbwegs zufrieden und verordnet mir eine Zigarettenpause. Der Wu- Stil Typ ist mittlerweile aufgetaucht und übt mit einer älteren Dame. Den hatte ich dieses Jahr noch gar nicht gesehen, dachte schon, die Wu- Stil Gang hätte sich einen anderen Platz gesucht. Beobachte die beiden in der Pause, Wu- Stil sieht echt blöd aus, finde ich. Nicht trödeln, weiter geht es, noch eine Stunde lang Form. Wenigstens höre ich jetzt öfter mal das Wort „piaoliang". Ich petzte, dass Oskar noch nicht mal wusste, wie diese Form heißt und Xiao Lu schüttelt den Kopf. Oskar sei halt ein Schwätzer.
Nach diesem Intensivtraining beschließen wir, uns den Nachmittag frei zunehmen, Xiao Lu ist ziemlich erkältet (sind irgendwie alle angeschlagen dieses Jahr) und ich hätte bei diesem herrlichen Wetter nichts gegen ein wenig Shopping. Wir quatschen noch ein wenig und meine Meinung über das Üben von Anwendungen wird bestätigt. Er zeigt mir die Anwendung zu dem heute Erlernten und sagt dann, das sei sehr wichtig zu wissen. Viele Ausländer würden so Taiji üben: Er schließt halb die Augen, lächelt entrückt und macht die „Hände im Wolkenfluß". Das sei ganz falsch, zwar vielleicht hübsch anzusehen, aber ohne Inhalt und Sinn. Stimmt. Über des Meisters ausländische Studenten im Volkspark regt er sich auch noch auf: Sollten die doch in den Heping- Park kommen, wenn die von ihm lernen wollten. Er hält es für unter des Meisters Würde, sich den Stress zu machen und da hinzufahren. Sehe ich eigentlich genauso, aber das ist nicht meine Sache. Wir ziehen und um und Xiao Lu katapultiert sich in die Liga der Coolness- Götter: Er hat ein Batman T- Shirt an! Ich fange begeistert an zu kreischen und weiß selbstverständlich, was Batman auf chinesisch heißt (蝙蝠侠, biãnfúxiá). Über meine enthusiastische Reaktion ist er etwas verunsichert, aber ich erkläre, dass das mein Lieblingssuperheld sei und ich den total lihai und bangjile (voll geil) fände. Die Filme findet er auch klasse, was haben wir doch für Gemeinsamkeiten! Ein verdecktes Lob bekomme ich auch noch: Er meint, allen anderen Ausländern sei es zu stressig, mit ihm zu üben, weil er so streng sei. Ich fand es prima und das sage ich ihm auch. In der Nähe des Parks befindet sich ein Krankenhaus, oft sieht man Rekonvaleszente, die von ihren Verwandten im Rollstuhl durch den Park geschoben werden. Auf dem Weg zum Ausgang kommt uns eine Gruppe entgegen, die eine hutzelige uralte Oma durch die Gegend schiebt. Die Oma hält in der Hand eine brennende Kippe. Krass.

Nachmittags/ Abends:


Halte mich gar nicht lange auf und mache mich nach dem Verzehr von Brot und Nudelsuppe und einer kurzen Internet- Recherche auf die Socken. Mit Bus und Metro in die French Concession, dann laufen. Am Volksplatz werde ich fast in der Tür der Metro eingequetscht, hier ist die Hölle los. Jetzt weiß ich, warum Chinesen das Kungfu erfunden haben.
Ich will in die Taikang Lu, die wegen ihrer geringen Größe nicht im Stadtplan verzeichnet ist, aber ich weiß ungefähr, wo ich hin muss. Natürlich latsche ich erst Mal in die falsche Richtung, also umdrehen und zurück. Auf dem Stadtplan sehen die Entfernungen immer so gering aus, aber „an der Metrostation links, die zweite Querstraße rechts und dann gleich wieder links" kann schon mal schnell in einen fast einstündigen Fußmarsch ausarten. Und das bei meinem Tempo. Finde die Taikang Lu, auch hier brennt natürlich die Luft. Hand- Augen Koordinationsübungen, ich erstehe ein entzückendes Paar Stoffschuhe, etwas eng, aber die Verkäuferin meint, die würden sich noch weiten. Will das mal glauben. Für den Rückweg gönne ich mir ein Taxi, meine Füße schmerzen und ich habe keinen Bock, den ganzen Weg zur Metro wieder zurückzulaufen. Dieser kleine Ausflug war mindestens so anstrengend wie das Training heute morgen, bin fix und fertig. Zu Hause werden schnell noch Klamotten eingeweicht, dann die neuen Schuhe auf dem Weg zum Hausmannskost- Lokal eingelaufen. Diesmal bescheide ich mich mit zwei Gerichten, Auberginen mit Kartoffeln und Brokkoli mit ordentlich Knoblauch, lecker. Die Schrittfolgen werden wiederholt, läuft nicht befriedigend, morgen mehr anstrengen!

Montag, Oktober 05, 2009

Wieder versöhnt

05.10.2009, Montag


Vormittags:


Sehr angenehmes Wetter, als ich in den Park komme, ist Oskar schon da und hat mir einen Datenstick mit den Videoaufzeichnungen von neulich mitgebracht. Damit ich auch ja verstehe, was das für Schrittfolgen sind, hat er sie auch noch mit einem Stimmkommentar versehen. Eine wirklich grandiose Idee, da Oskar sowieso die korrekten chinesischen Bezeichnungen weder kennt noch aussprechen kann und einen ganz schlimmen amerikanischen Akzent hat. Allerdings finde ich es sehr anerkennenswert, dass er sich solche Mühe gegeben hat und bedanke mich recht herzlich. Xiao Lu ist natürlich nicht da, Feigling. Locke macht es sich schon mal auf einem Stein gemütlich und hat sich was zum Knabbern mitgebracht (Tee und Röstkastanien).

Heute hat der Meister seinen Joppen vergessen, geht aber auch so. Dem armen Mann geht es nicht gut, Hüfte und Bein bereiten weiter Probleme, obwohl er sich selber akupunktiert hat. Nachmittags wird er einen Arzt aufsuchen, ist wohl besser. Morgen wird er dann auch nur Mittags im Renmin Gongyuan Unterricht abhalten, ist sonst zu anstrengend für ihn. Recht so, soll er sich mal schonen. Ich weiß noch nicht, ob ich da denn hinfahre, hängt davon ab, wie sich das hier mit Xiao Lu entwickelt. Außerdem sind da denn nur westliche Kerle und dann ist mehr Dresche angesagt, fürchte ich. Nicht zu vergessen auch die chinesische Ferienmeute, da bin ich eigentlich nicht so scharf drauf. Mal sehen.

Oskar erzählt mir, er habe sich gestern massieren lassen, eigentlich auch keine schlechte Idee. Könnte ich mir heute Abend mal angedeihen lassen.

Einzelbewegungen, Schrittfolgen, Kombinationen, wegen des Hüftproblems des Meisters pausieren wir viel. Als wir die Form laufen, schaut die freundliche Dame wieder zu. Sie führt in einer Umhängetasche ein Schwert mit sich, wusste doch, dass sie vom Fach ist. Dann wird völlig überraschend Oskar aufgefordert, seine Mian Zhang Form vorzuhampeln. Er fängt zunächst mal mit der Tai Zu Quan an, wird dann aber sofort von Meister Wu unterbrochen. „Cotton Palm" übersetze ich hilfreich, weiß er nichts mit anzufangen, der Meister macht die Anfangsbewegungen vor. Oh, die zweite Form! Bin erschüttert, dass Oskar noch nicht mal weiß, was er da eigentlich ausführt. Jetzt lebt und übt der schon über vier Jahre hier in China und kann immer noch nicht ansatzweise Chinesisch. Beschämend. Aber immerhin will er ja jetzt endlich mal mit dem Erlernen dieser Sprache anfangen, sobald seine chinesische Freundin zurück ist. Er bekleckert sich bei der Form auch nicht gerade mit Ruhm, aber es ist ja auch fies, wenn man so spontan was vorführen muss, was man länger nicht mehr geübt hat. Ich muss dann auch noch ran, werde heftig korrigiert, aber dann auch vom Meister ordentlich gelobt. Oskar ist ziemlich beeindruckt und meint, ich hätte mich gegenüber letztem Jahr verbessert, aber ich wiegele ab und sage, das läge an meinen guten Lehren. Außerdem kommt mir da wahrscheinlich auch meine Figur entgegen. Und ich liebe es einfach, Formen zu laufen, das vereint alle Einzelbewegungen und Schritte, das sieht man mir wahrscheinlich auch an.

Nachmittagstraining ist unklar, der Meister wird sich drum kümmern, ich bin sehr dankbar. Mit dem halb entblößten Locke bummeln wir zum Parkeingang und beobachten unterwegs eine Tui Shou (auf Wunsch des Osters hier die chinesische Bezeichnung) übende Gruppe. Da hat Meister Wu natürlich wieder ordentlich was zu lästern, er erzählt, er habe mal mit einem Verwandten des Tui Shou Lehrers gesoffen und sogar der sei der Meinung gewesen, dass der Lehrer nix druff habe. In Shanghai sei das auch allgemein bekannt. Oh Mann, die Kampfkunstszene, ein Haufen Tratschweiber!

Nach der freundlichen Begrüßung gestern durch meine Lieblings- Nahrungszubereiterin ist heute natürlich ein Fladen fällig. Ich kapiere jetzt erst mal, dass die Mädels sich aufgeteilt haben: Die Junge mit dem etwas dickeren und üppig gefüllteren Luxusfladen steht gleich hinter der Brücke am Eingang der Fressgasse, die Ältere, Kräftige mit ihren Crepes dann ca. 20 Meter weiter. Das junge Mädel winkt fröhlich, also Luxusfladen. Mann, da hatte ich mich auch schon drauf gefreut. Während sie das Ding zubereitet, fragt sie mich, seit wann ich denn zurück wäre? Seit letzter Woche, sage ich und bin unendlich gerührt, dass sie mich trotz einjähriger Abwesendheit wiedererkannt hat. Liegt vielleicht auch an den blauen Pumphosen. Ich bin so erfreut darüber, eine meiner Lieblingsspeisen endlich mal wieder in den Händen zu halten, dass ich schon auf der Straße einen kräftigen Happen nehme. Mmmmh, lecker!

Das Zimmer ist noch nicht aufgeräumt und die Genossinnen von der Säuberungsarbeitseinheit nicht in Sicht, also schreibe ich ein paar mails und hänge ab.

Lese Yürgens und Lilos Posts aus Wudang und entnehme ihnen, dass Yürgens Chinesisch offensichtlich noch schwer zu wünschen übrig lässt, Lilo hingegen scheint jetzt auch endlich die Wichtigkeit des Übens von Anwendungen entdeckt zu haben. Ich kann nur immer wieder betonen: Leute, das ist echt wichtig, sonst versteht ihr nicht, was ihr da macht. Man muss ja nicht unbedingt kämpfen können, aber man sollte wissen, wozu die Bewegungen gut sind. Ansonsten sollte man besser Jazztanz oder so was machen.

Werde gleich mal um den Lu Xun Park laufen, die Gegend da sah mir recht interessant aus. Vielleicht entdecke ich ja noch das eine oder andere coole Geschäft und das Zimmer wird in der Zwischenzeit aufgeräumt. Falls nachmittags kein Training stattfindet, werde ich mal über eine Massage nachdenken.


Nachmittags:


Bei meinem Bummel finde ich ganz in der Nähe eine ziemlich große Apotheke, gut zu wissen. Irgendwo in dieser Straße gibt es auch ein Architekturbüro, muss ich mal näher erheben. Kaum bin ich wieder zu Hause, da kommen auch schon die Zimmerfeen. Ganz schlechtes Timing, also erkunde ich den Campus. Ich stelle fest, dass er durch den Kanal in zwei Hälften geteilt wird, auf der anderen Seite sind sehr schicke neue Gebäude und schöne Außenanlagen. Aber auch hier auf der Altbauseite gibt es einen kleinen Hain mit Bänken. Keine Nachricht vom Meister, wird jetzt auch mal Zeit, sich umzuziehen und in den Park zu fahren. Man weiß ja nie. Kein Firlefanz mit lustigen Shirts, ich schmolle noch. Als ich den Park betrete, eine Nachricht von Meister Wu: Xiao Lu ist unterwegs. Mann, der macht es aber spannend. Auf unserem Trainingsgelände hockt ein Typ mit Saxophon und dudelt vor sich hin. Leider nicht im entferntesten so gut wie die alten Knaben gestern. Normalerweise sitzt der auf dem kleinen Hügel nebendran und nervt nicht so, keine Ahnung, was den heute bewogen hat, sich ausgerechnet hier hinzusetzen. Xiao Lu kommt dann auch gleich und ich bin erst mal ziemlich patzig, meine Klamotten hänge ich demonstrativ an einen anderen Baum als er die seinen. Ich hätte gestern auf ihn gewartet, warum er denn nicht angerufen hätte? Och, er telefoniert eigentlich nicht. Knurr. Ich drücke ihm meine Visitenkarte mit Mobilfonnummer in die Flosse und sage, das sollte er sich dann mal lieber angewöhnen. Oder wenigstens dem Meister Bescheid sagen. Wäre ja nicht sauer, wenn er keine Zeit habe, aber Bescheid wüsste ich schon gerne. Beim Aufwärmen spiele ich noch ein wenig die beleidigte Leberwurst, aber dann müssen wir beide lachen und gut ist. Fahrlässigerweise hatte ich Xiao Lu alle Videoclipse mit Schrittfolgen, die ich letztes Jahr von ihm aufgenommen habe, zukommen lassen, jetzt denkt der, ich hätte die drauf und alle werden gelaufen. Und zwar tief. Seine Rache für mein Gezicke. Na gut, sei ihm gegönnt.

Der Saxophonspieler beendet seine Zigarettenpause und nimmt sein Gedudel wieder auf. Zunächst mal immer die drei gleichen Töne, dann sehr eigenwillige Interpretationen von „El Condor pasa", „Scarborough Fair" und „Yue baidao wode xin" (Der Mond steht für mein Herz, populärer Schlager). Und zwar nur immer eine Strophe dieser drei Lieder, immer wieder von vorne und vor allem saulaut. Nach nicht ganz fünfzehn Minuten bin ich so weit, dass ich dem Typen am liebsten den Hocker unter dem Hintern wegkicken und ihm sein Instrument in den Schlund stopfen würde. Ich überlege kurz, ob ich ihm Kohle geben soll, damit er abhaut, aber was willste machen, der Park ist halt für alle da und er war vor uns hier. Ich kriege von dem Getröte Kopfweh und die Konzentration ist beim Teufel, deswegen stinke ich bei den Schrittfolgen und den Teilen der Form, bei denen ich noch unsicher bin, ganz schön ab. Trotzdem kriege ich einen kurzen neuen Teil beigebracht, eine Folge von Tritten und Sprüngen. Mit zwei Posen ist Xiao Lu nicht zufrieden, muss ja alles „piaoliang" sein. Dann werden die Hände und Fäuste zurechtgezerrt und es setzt Klapse. Holla, bin überrascht, würde mich von keinem anderem Mann hauen lassen, aber gut, er darf das.

Weil der Saxophontyp uns beide nervt und nach Xiao Lus Empfinden zu viele Leute im Park unterwegs sind und uns beobachten, machen wir früher Schluss und quatschen noch ein wenig. Gestern war er auf Familienbesuch, dass er zum Mittherbstfest zur Schwiegermutter musste, war wohl nicht geplant. Ich frage ihn, ob seine Schwiegermutter ihn denn mögen würde, da muss er verlegen lachen. Na, wenn er mich hauen darf, kann ich ja wohl auch indiskrete Fragen stellen. Ja, seine Frau hat vier Schwestern, alle geschieden. Deswegen mag seine Schwiegermutter ihn, da er wohl der einzige Mann ist, der es mit einer ihrer Töchter noch aushält. Mal abwarten, vielleicht wird ja diese schöne Familientradition doch noch fortgesetzt.

Was das Training angeht: Morgen ist er da, ganz bestimmt, morgens und mittags. Auch wenn der Meister nicht da ist, ganz egal, aber ich soll bitte nicht mehr sauer sein. Ach Gott, wie könnte ich!


Abends:


Wundere mich im Bus über das erhöhte Polizeiaufgebot in der Gegend. Da ich mächtig hungrig bin, ziehe ich mich schnell um und haste zum Stadion, um Pizza zu assimilieren. Toller Plan: Heute Abend kickt Shanghai Shenhua gegen Guangzhou und am Stadion ist die Hölle los, ein Meer von blauen Trikots und Ticketverkäufern. Das erklärt auch die vielen Bullen: Nach einem Heimspiel neulich gegen Beijing (das Verhältnis zwischen Shanghai und Beijing entspricht etwa dem zwischen Mainz und Wiesbaden), das Shenhua 2:1 verlor, wurde wohl einem Beijing- Fan von den Blauen Teufeln (in etwa so was wie die Ultras in Mainz) das Jersey abgenommen und feierlich verbrannt. Der Besuch eines Spieles von Shenhua fehlt noch auf meiner Liste, heute Abend muss das aber nicht unbedingt sein.

Pizza- Hut ist brechend voll, da sich etliche Fans vor dem Spiel noch schnell stärken. Mit ordentlich Gewürz schmeckt die Käsepizza sogar. Interessant: Trotz der vorgerückten Stunde wird einem (Chinesen wie Ausländern) beim Betreten des Restaurants ein fröhliches „Good Morning" entgegengeschmettert, alles ist schon auf Halloween dekoriert und die Angestellten tragen Teufelshörner. (Das ist noch gar nichts: Im SISU Guesthouse stehen sogar schon fröhlich vor sich hinpulsierende Weihnachtsbäume. Oder vielleicht stehen die da immer noch). Nach den Essen trabe ich zum Massagesalon und entscheide mich todesmutig für eine Körpermassage. Eine ebenso interessante wie schmerzhafte Erfahrung, da sich die korpulente Masseurin auf meinen Rücken hockt und zielsicher alle kritischen Punkte ausfindig macht, was sie mir ausgiebig erläutert. Ja, der böse Lendenwirbelbereich. Und die Oberschenkel sind auch ganz schön verspannt. Klar, habe ja auch Muskelkater wie nur was, ich versuche zu erklären, warum. Weiß nicht, was anstrengender ist, die Massage oder die Konversation. Nächstes Mal dann doch lieber nur Fußmassage.

Schaue mir das Fußballspiel im Fernsehen an, das Stadion ist nur zu einem Drittel besetzt. Ganz schön schwaches Bild für eine Stadt wie Shanghai: Ins Hongkou Stadion passen 30.500 Personen, in den Bruchweg 20.300. Und der ist immer ausverkauft. Und dabei hat Shanghai mehr als zehnmal so viele Einwohner als Mainz. Es wird um eine halbe Minute zeitversetzt gesendet, höre die Menge schon toben, bevor die entsprechenden Situationen im Fernsehen gezeigt werden.

Shenhua siegt 2:1.

Sonntag, Oktober 04, 2009

Versetzt

04.10.2009, Sonntag


Vormittags:


Strahlender Sonnenschein, ich wache trotz des späten zu Bettgehens früh auf. Die mit meinem Blut vollgesogene Mücke wird im Bad gestellt und erlegt. So, jetzt ist Ruhe im Karton. Statt früh in den Park zu fahren, surfe ich ein wenig im Netz, das so früh am Morgen die interessanten Seiten wie Spiegel- online einigermaßen schnell lädt. Mit Freude stelle ich fest, das Mainz 05 Hoffenheim 3:1 besiegt hat, prächtig.

Xiao Lu ist nicht im Park, vielleicht hatte die Schwiegermutter da auch was gegen. Während ich auf einer Bank auf Meister Wu warte, schießt Locke auf mich zu und fragt mich, ob denn der Meister heute käme? Ja? Um neun? Alles klar. Bin wieder die einzige Schülerin, wir üben schön Einzelbewegungen, Locke schaut zu und macht ein paar Bewegungen mit. Nebenan ist wieder der andere Tongbei- Typ, der vom Meister sehr kritisch beäugt wird. Ich stehe mit dem Rücken zu dem Typen und kann ihn nicht sehen, gelegentlich faucht Meister Wu jedoch und macht mich auf Unzulänglichkeiten aufmerksam, die ich kritisch beobachte. Die Schrittfolgen laufen wir sehr langsam und vier Linien hintereinander, was unglaublich anstrengend ist, da ich sehr tief stehe. Der Meister sagt, solange dieser Typ anwesend sei, sollten wir mal schön die Bewegungen ohne „Fa Jin" (Freisetzen der Kraft) ausführen, der brauche ja nicht zu wissen, was wir so drauf haben. (In meinem Fall nicht viel). Schon interessant, dieses Konkurrenzdenken. Werde in den Formen korrigiert, wir pausieren viel, da des Meisters Hüfte und sein Bein nach dem Treppensturz immer noch leicht lädiert sind. Ich sage ihm, er solle sich schonen und auf seine Gesundheit achten, da muss er lachen. Einige alte Freunde gesellen sich dazu und es gibt lustige Geschichten aus der Zeit, als Meister Wu selber noch Schüler war. Wie immer werden meine Sprachkenntnisse hinterfragt und der Meister bemerkt, unser Lehrer habe mir beim Verfassen meiner chinesischen mails doch sicher geholfen. Mist, so leicht bin ich zu durchschauen!

Habe ja schon beschrieben, wie hier bei Sonnenschein und warmem Wetter die Damen mit Schirmen ihre Haut zu schützen suchen, bei den Herren ist ein anderes Verhalten zu beobachten. Die nämlich rollen dann ihre Hosenbeine hoch beziehungsweise ihre Hemden bis unter die Achselhöhlen, so dass der nackte Bauch zu sehen ist. So auch Locke, der mit uns zum Ausgang schlendert und mit dem Meister plaudert.

An der SISU will mir der blöde Wachmann im Gegensatz zu seinem Kollegen gestern das Haupttor nicht aufmachen, ich soll außen rumlaufen. Blödmann. Dafür ist der am Seiteneingang aber total freundlich, der kennt mich ja auch schon.

Mal schauen, ob Xiao Lu heute Nachmittag kommt, werde vorsichtshalber mal Mian Zhang sorgfältig wiederholen.

Stefan hat mir eine Offline- Nachricht hinterlassen, um 19:00 Treffen vor dem Starbucks am Volksplatz. Weiß zwar nicht so genau, wo da einer ist und kenne nur den im Volkspark, aber das wird sich ja wohl klären lassen. Freue mich schon, endlich mal wieder deutsch reden und über Fußball quatschen zu können. Dann werde ich auch meine letzten Geschenke los.


Nachmittags:


Auf unserem Trainingsgelände übt, von einer Hammondorgel begleitet, ein Chor. Setzte mich daher auf eine Bank nebendran und warte auf Xiao Lu. Auf der Bank neben mir sitzen zwei alte Typen mit Saxophonen und jammen, was das Zeug hält. Ja, wir sind hier in der Jazzhauptstadt Chinas. Hatte ganz vergessen, wie laut diese Instrumente sein können. Zu den Saxophonisten gesellt sich bald ein Kumpel mit Mundharmonika, der flott aufspielt.

Nach einer halben Stunde ist immer noch kein Xiao Lu da und ich schäume vor Wut. Ist ja kein Ding, wenn er mal keine Zeit oder Lust hat, aber dann soll er mich gefälligst anrufen und Bescheid sagen. Wenn der glaubt, dass meine Wut bis morgen verraucht ist, hat er sich aber mächtig getäuscht. Bin mal gespannt, ob sich der feine Herr morgen überhaupt traut, zum Vormittagstraining aufzulaufen. Meister Wu will ich mit so einem Mist jetzt nicht auch noch über Gebühr belästigen, denn der gute Mann tut sowieso außergewöhnlich viel für mich und hat außerdem seinen Bruder aus Taiwan zu Besuch. Um den Weg nicht umsonst gemacht zu haben, zahle ich 10,- RMB Eintritt und besichtige die Tiere. Die Großkatzen gibt es noch und die Gehege sind recht groß, wenn auch nicht schön oder artgerecht eingerichtet. Der Tiger liegt schlafend in der Sonne, eine Chinesin neben mir versucht zweisprachig auf englisch und chinesisch, ihn zu ein wenig Aktivität zu ermuntern, vergebens. Fahre wieder nach Hause, da ich keine Lust habe, mich mit dem Wachschergen am Haupteingang anzulegen, laufe ich gleich zum Nebeneingang. Auf dem Weg dahin kommt mir die üppigere der beiden Fladendamen entgegen, grüßt und strahlt mich an. Wow, war bis jetzt doch erst einmal dort und schon erkennt sie mich wieder! Werde da mal wieder öfters einkehren müssen. Beim Betreten des Zimmers erspähe ich eine Mücke, die sofort mit dem Handtuch ins Nirvana geschickt wird. Ich dürfte heute Nacht ruhig schlafen können.


Abends:


Nach ein wenig Rumgegammel fahre mit meinem Lieblingsbus in die Stadt, um Stefan zu treffen. Natürlich gibt es am Volksplatz jetzt zwei Starbucks, einen auf der Volksparkseite und einen auf der gegenüberliegenden. Mist. Na ja, wozu gibt es Mobiltelefone. Da ich früh dran bin, wollte ich mich eigentlich im Li Ning Laden auf der Nanjing Lu ein wenig durchshoppen, nehme aber zügig davon Abstand. Wie es scheint, ist die gesamte Shanghaier Bevölkerung auf diesen grandiosen Gedanken gekommen, an der Hauptunterführung ist der Besucherandrang sogar derartig groß, dass der Fußgängerstrom von Verkehrspolizisten geregelt wird, die mittels Megaphon die Menge dirigieren. Ist mir dann doch zu blöd, so drehe ich um und warte vor dem Starbucks am Volkspark. Ein schmächtiger junger Knabe labert mich auf englisch an und sagt, er sei sehr interessiert an Westlern. Ah ja? Ja, und ich sähe ja so typisch aus mit meinen blonden Haaren, den blauen Augen und der großen Nase. Falsche Ansage, allein dafür hätte er ein paar aufs Maul verdient. Dann lässt er eine Kaskade von Erklärungen zu seiner persönlichen Situation in einem absolut unverständlichen Englisch auf mich niederrauschen, der ich nur entnehme, seine Eltern seien arm, er arbeitslos da erst 15 Jahre alt und in China dürfe man erst ab 18 arbeiten (Blödsinn) und am Verhungern. Ja, und? Ja, ob ich denn bitte mit ihm essen gehen würde? Er würde mich auch bestimmt nicht bescheißen. Wird mir zu blöd und ich sage ihm, ich müsse jetzt gehen, drehe mich um und haue ab. Das Würstchen verfolgt mich winselnd, bis ich ihn vor den Augen der Bullen anbrülle, er solle machen, dass er Land gewinne. Was er dann auch zügig tut.

Stefan wartet dann natürlich auch mit seiner Freundin Candy vor dem Starbucks an Raffels City, aber wir finden uns doch noch. Ich werde in ein schickes Restaurant zum Essen eingeladen, wie nett. Stefan spricht ja wirklich bemerkenswert gut deutsch und ist ein ganz feiner Kerl und ich bin so froh, dass ich nach fast eineinhalb Wochen Chinesisch endlich mal wieder in meiner Muttersprache quatschen kann. Er hat jetzt einen ziemlich guten Job bei einer deutschen Firma, der ihm auch Spaß macht. Freut mich sehr für ihn. Witzigerweise stellt sich heraus, dass er ganz in der Nähe des Heping Parks und in der Nähe des Meisters wohnt. Ach, Shanghai ist ein Dorf!

Die arme Candy spricht leider weder deutsch noch besonders gut Englisch, so dass das für sie eine eher langweilige Veranstaltung ist. Ich entschuldige mich vielmals für diesen Umstand und komme mir sehr unhöflich vor, sie sagt, das wäre nicht so schlimm. Wenn Lilo und Stefanie dann da sind, werden wir noch mal zusammen weggehen und ich verspreche, dass wir uns dann auch bemühen werden, chinesisch zu reden. Die beiden müssen morgen sehr früh zu einer Hochzeit aufbrechen und deswegen früh ins Bett, das kommt mir nicht ungelegen, da ich nach der gestrigen Nacht selber Nachholbedarf an Schlaf habe. Wir verabschieden uns herzlich und verabreden, uns dann wiederzutreffen, wenn die beiden anderen Mädels da sind.

Nachricht von Lilo aus Wudang, ist gut angekommen und hatte schon gleich einen lustigen Abend, fein. Georg hat mir auch ihren Post gemailt, noch mal ganz herzlichen Dank für diesen Service!

Mittherbstfest- Nachtrag

03.10.2009, Samstagabend


Erfrischt springe ich aus dem Bett, dusche und hübsche mich auf. Kann der Versuchung nicht wiederstehen, einen Minirock anzulegen, die sollen hier doch mal sehen, dass ich auch andre Klamotten am Start habe als blaue Pumphosen.

Xiao Lu kann ich vom Bus aus cool auf seinem Elektroroller rumlungern sehen, während ich ihn beobachte, setzt er auch noch eine Sonnenbrille auf. Megacool.

Die von mir gekauften Mondkuchen sind anscheinend von sehr guter Qualität, er nickt anerkennend und zeigt mit dem Daumen nach oben. Ich quetsche mich auf den Rücksitz des Rollers und ab geht es zu des Meisters neuer Behausung. Rein äußerlich kann ich keinen großen Unterschied zwischen Alt- und Neubau ausmachen, aber Meister Wus Wohnung ist eine echte Überraschung. Er hat eine eigene Küche und ein Bad mit Dusche, durch die Küche gelangt man in das innenliegende Wohn- und Esszimmer, dessen Wand ein Flachbildschirm schmückt. Daran schließt sich das Zimmer von Wu Junior an, das sehr hübsch eingerichtet ist. Vom Wohnzimmer aus führt eine Treppe in die über eine Gaupe großzügig belichtete Dachstube, wo Meister Wu haust. Sehr nett. Einen großen neuen Kühlschrank hat er auch, ebenso neue Möbel. Wir bewundern die Wohnung gebührend, ich freue mich für den Meister, das hat der gute Mann auch verdient! Außer Xiao Lu und mir sind noch ein lustiges kleines Männlein, das mir bis zur Schulter reicht und seine Ehefrau geladen, die dem Meister beim Kochen hilft. Das Männlein ist ein langjähriger Schüler des Meisters und bereitet uns sogleich einen Tee. Wir sitzen noch keine zehn Minuten auf der Holzbank, da ruft Xiao Lus Gattin an, kurze Debatte, dann entschuldigt er sich, er müsse nach Hause. Oh. Hatte mich sowieso schon gewundert, dass er diesen nach Neujahr zweitwichtigsten Familientag (etwa vergleichbar mit dem amerikanischen Thanksgiving) nicht im Kreise seiner Lieben verbringt. Später erklärt mir der Meister, Xiao Lus Schwiegermutter sei über diese Tatsache außer sich vor Zorn gewesen, weswegen er schleunigst zurückbeordert wurde. Überhaupt scheint mir diese Dame sehr leicht reizbar zu sein: Erbost darüber, dass der feine Herr Schwiegersohn nichts täte außer üben und sich nicht an der Hausarbeit beteiligte, hat sie schon mal sein Zeug durch die Wohnung geschmissen. Arme Sau, ist doch auf der ganzen Welt das gleiche.

Mir zu Ehren hat der Meister fast ausschließlich vegetarisch gekocht, wie unglaublich rücksichtsvoll. Im Hintergrund plärrt aus der Glotze eine Musiksendung und das lustige Männlein singt inbrünstig mit. Zum Essen gibt es Schnaps und Rotwein, halte mich aber vornehm zurück, schließlich will ich hier nicht vollgesoffen vom Hocker kippen und chinesischer Schnaps hat es echt in sich. Die Konversation wird fast ausschließlich in Shanghainese geführt, ich amüsiere mich aber trotzdem prächtig und erteile ein wenig Sprachunterricht. (Das Wort „Schnaps" dürfte hier jetzt bekannt sein). Die deutschen Tugenden werden gelobt, ich revanchiere mich mit Komplimenten zu China und seiner Bevölkerung und erkläre inbrünstig, dass ich dieses Land sehr schätze. Im Fernsehen läuft eine Dokumentation zur jüngeren chinesischen Geschichte, der Meister lässt seinen Arm mit einer weit ausholenden Geste über Speisen und den bescheidenen Wohlstand seiner Wohnung kreisen und meint, jetzt ginge es den Chinesen gut. Früher sei das nicht so gewesen. Das Männlein und seine Gemahlin stimmen zu, diese Leute haben auch bestimmt in der Vergangenheit einiges mitgemacht.

Nach dem Essen rennen wir zum Fenster und bewundern den wunderschönen Mond, anschießend wird sehr ausgiebig Tee getrunken, wir gucken ein Video, in dem ein Knülch aus Suzhou (schlecht) die Form ausführt und quatschen. Das Männlein darf seine Fähigkeiten demonstrieren, wird vom Meister gehauen und ich bin ganz erleichtert, dass auch langjährige Schüler offensichtlich nicht ganz perfekt sind. Der Pu'er Tee wird mit dem Klappmesser, das Lilos Freund Mirko selbst gefertigt und Meister Wu geschenkt hatte, zerteilt, die Qualität des Messers wird allgemein bewundert. Die Größe von Lilos Katzen wird wieder thematisiert, während der Meister mit seiner Tigerkatze schmust. Langsam könnte man hier einen Lilo- Fanclub aufmachen. Wir haben Spaß und der Meister und das Männlein singen den Mond lobpreisende oder patriotische Lieder. (Das heißt, eigentlich singt das Männlein, der Meister fällt brummend ein, wenn das Männlein nicht mehr ganz textsicher ist). Chinesen sind ja so was von Klasse! Ich wünschte, mein Vater könnte mich sehen, der mich als kleines Kind an diese Kultur herangeführt und mir meine ersten chinesischen Worte beigebracht hat. Na ja, wer weiß, vielleicht schaut er ja vom Mond aus zu.

Es wird später und später, langsam sollte ich mal nach Hause. Weiß aber nicht, ob das unhöflich wäre, zumal das Männlein und seine Frau keine Anstalten machen, zu gehen. Schließlich erlöst mich der Meister, in dem er mich quasi rausschmeißt, er und das Männlein geleiten mich mit Taschenlampe zur Hauptstraße und rufen ein Taxi. Der Taxifahrer wird vom Meister instruiert, fährt dann aber falsch und wird von mir angekrischen. Oh, er dachte, er solle in den Jin´an Distrikt. Nee. Er fährt mich dann zum SISU Hotel, weiteres Gekreische und dann rafft er endlich, dass ich im SISU Guesthouse wohne. So weit bin ich schon, dass ich mit Shanghaier Taxifahrern über den richtigen Weg diskutieren kann, cool. Nebenan ist Ruhe, allerdings sirrt die böse Mücke wieder penetrant an meinem Ohr, obwohl ich mir das Kissen über den Kopf ziehe. Schließlich schlafe ich dann doch noch ein.

Samstag, Oktober 03, 2009

Mittherbstfest

03.10.2009, Samstag

Vormittags:

Konnte kaum schlafen, da nebenan die Chinesische Reisegruppe fröhlich lärmend bis in die Puppen feierte, dann hielt mich eine sirrende Mücke wach. Das blöde Biest hat mich auch gestochen, weswegen ich mich ständig sehr undamenhaft an diversen Körperteilen kratzen muss. Heute ist mal das linke Auge zugeschwollen, zum Glück nicht so schlimm wie neulich das rechte. Geht dann auch ziemlich schnell wieder. Na, jetzt sind beide Augen durch, zum Glück habe ich ja nur zwei.

Strahlend blauer Himmel und Sonnenschein über Shanghai, angenehme Temperaturen- das wird ein schöner Tag. Bin früh im Park zum Aufwärmen mit Xiao Lu, außer uns beiden kommen keine weiteren Schüler. Heute vor vier Jahren habe ich ihn und Meister Wu kennen gelernt, ein Jubiläum, sozusagen. Wir üben sehr ausgiebig Einzelbewegungen und eine sehr komplizierte Schrittfolge, die vor allem bei Xiao Lu korrigiert wird. Bei der langsamen Ausführung komme ich ja noch mit, muss bei der schnellen aber passen. Formkorrektur gibt es für uns beide auch noch, für ihn natürlich auf einem völlig anderem Niveau. Während der Meister mit Bekannten quatscht, üben Xiao Lu und ich einträchtig vor uns hin. Am Ende der Übungseinheit wird die Order, sich um 17.00 am Parkeingang einzufinden wiederholt, dem geht eine Konversation zwischen den beiden Jungs in maschinengewehrartigem Shanghainese voraus. Ich meine, das Wort „Motorrad“ gehört zu haben, anscheinend darf ich wieder auf Xiao Lus Elektroroller mitfahren, cool. Der Meister erzählt stolz, er habe einen Riesen- Krug Schnaps für den Festschmaus und ich ahne Schlimmes. Aber er habe auch Pu´er und Oolong Tee, da bin ich aber erleichtert.

In dem Süßwarenladen frage ich nach Mondkuchen, die haben natürlich keine. Letzte Rettung: Carrefour. Da kauft natürlich gerade halb China für die heutigen Feierlichkeiten ein. Es gibt ein Spezialregal mit Mondkuchen, das ziemlich geplündert aussieht. Ich beobachte kurz das Kaufverhalten der Einheimischen und reiße dann eine der letzten Packungen, die anscheinend besonders gut ankommen an mich. Bin zufrieden, die Verpackung ist dezent und geschmackvoll, hoffentlich schmeckt der Inhalt auch. Egal, Hauptsache, der Form Genüge getan und nicht mit leeren Händen aufgekreuzt. Eine Stange Kippen kaufe ich dann auch noch, schließlich steckt mir der Meister ständig welche zu und ich komme fast nie dazu, mich zu revanchieren.

Das Zimmer ist gesäubert, nach einem Becher Nudelsuppe und einem Kaffee lege ich mich zu einem Schönheitsschläfchen aufs gemachte Bett.

Nachmittags/ Abends:

Es ist jetzt hier halb zwei Nachts, ich kehre gerade von einer äußerst vergnüglichen Feier bei Meister Wu zurück und bin viel zu müde, um noch groß zu schreiben. Den Nachtrag gibt es morgen.

Freitag, Oktober 02, 2009

Business as usual #2

02.10.2009, Freitag


Vormittags:


Es regnet nicht und durch den Dunst dringen sogar Sonnenstrahlen. Lilo sollte in diesen Minuten hier landen, hoffentlich kommt sie im allgemeinen Ferienverkehr gut nach Wudang weiter. Ich bin sehr früh dran, wenig Verkehr auf der Straße und der Bus ist angenehm leer. Leider ist Xiao Lu nicht da, gestern wohl zu heftig gefeiert oder er hat keine Lust, sich die weißen Leinenschühchen im Modder des Trainingsgeländes schmutzig zu machen. Bin mal wieder die einzige Übende, so komme ich wieder in den Genuss einer Einzelstunde bei Meister Wu Mao Gui, wie wunderbar! Lockenköpfchen gesellt sich auch noch zu uns, beschränkt sich aber vornehmlich auf das Beobachten. Mir werden wieder schön die Bezeichnungen der Bewegungen aufgeschrieben und es stellt sich heraus, dass ein flacher Handkantenschlag an den Hals meine absolute Paradedisziplin ist. Lihai! Der Lockenkopf darf wieder als Prügelknabe und Negativbeispiel (er benutzt Kraft, nicht seinen Körper) herhalten, was ihn aber nicht weiter stört. Ich lerne, dass nicht Kraft, sondern Können den Menschen schlägt. (力不打人,功打人。) Diesen Satz werde ich mir hinter die Ohren schreiben. Ein großgewachsener Herr in einem blauen Hemd lauscht interessiert den Ausführungen des Meisters, wenig später stehen dann auch noch zwei krötige Knaben in rosa Shirts andächtig am Rande. Ein Bild für die Götter, hätte ich am liebsten fotografiert. Als ich mir was notiere, schießen die Kröten sogleich herbei um mir über die Schulter zu schauen und rätseln über meine Niederschriften. Das sei deutsch, erklärt der Meister, die Kröten sind beeindruckt. Immerhin kann einer sich sinnvoll bei dem Erraten der richtigen Pinyin- Umschrift einbringen, die dürfen also weiter zuschauen. Schrittfolgen werden geübt, mittlerweile haben wir ein ganz ordentliches Publikum. Ist ja auch wesentlich interessanter, im Park bei Sonnenschein Ausländern dabei zuzusehen, wie sie sich blamieren als im Staatsfernsehen dauernd Militärparaden anzugucken. Nach einer Weile wird das langweilig, und die Menge zerstreut sich.

Nebenan übt ein anderer Typ auch Tongbei- Einzelbewegungen und das ist nun wirklich interessant. Der Meister erklärt mir, sein Meister und der Meister des anderen Typen hätten beide zusammen gelernt (das bezeichnet man hier als „Tongbei- Brüder"), aber dann völlig unterschiedliche Wege eingeschlagen. Er macht mich auf die unterschiedlichen Ausführungen der Bewegungen hin und ich bin beeindruckt. Bei uns hat das wesentlich mehr Schmackes und die Bewegungen sind kraftvoll und präzise, bei dem Typen sieht das ziemlich lasch aus. Eine freundliche, hübsche und schlankgliedrige Dame in den Fünfzigern schaut zu und stellt Fragen, ihr wird der korrekte Schnitt unseres Fummels erklärt. Sie scheint mir Sachkunde zu besitzen, denn sie trägt Trainingshosen und –schuhe und wirkt sehr geschmeidig. Lockenköpfchen ist des Englischen ein wenig mächtig und kriegt von mir auf Chinesisch den Unterschied zwischen „Who are you?" und „How are you?" beigebogen. Bei der Gelegenheit kriege ich raus, dass er Yue Irgendwas heißt. Die freundliche Dame ist beeindruckt, dass ich mich grob auf Chinesisch verständigen kann, mittlerweile klappt das auch mit dem Verstehen besser. Der Meister meint, mir sähe man ja wenigstens an, dass ich regelmäßig üben würde, Lockenkopf Yue aber sei faul und deswegen eine Pfeife. Ich wiegele ab, Locke Yue lacht. Mian Zhang wird von Meister Wu heftig korrigiert, ich bin begeistert und wiederhole, als gäbe es kein Morgen. Interessant, er korrigiert ganz andere Sachen als Xiao Lu. Naja, die beiden haben ja auch eine völlig andere Statur, Xiao Lu ist groß, schlank und elegant, der Meister bullig und eine Kampfmaschine. Schließlich meint er, jetzt ginge es langsam gerade so eben, ich sei da wie Michael. Der habe auch lange gekämpft und seine Dummheit verflucht.

Zum Schluss noch ein wenig Push Hands, die freundliche Dame darf auch mitmachen und lacht fröhlich, als sie durch die Gegend geschleudert wird. Als wir uns umziehen, komme ich endlich auch mal dazu, Kippen an alle zu verteilen. Ein älterer Bekannter des Meisters schlurft schmauchend herbei (ich glaube, bis auf Xiao Lu und unseren Lehrer Zhu raucht jeder chinesische Mann, den ich kenne), der mich in ein Gespräch über diverse Fremdsprachen verwickelt und der Meinung ist, Deutsch sei schwer zu lernen. Ach was! Meister Wu kann noch die wichtigsten Grundbegriffe (Essen, Schlafen, Weizenbier, Danke) und wird von mir heftig gelobt. Ich werde gefragt, ob wir denn in Deutschland einen Lehrer hätten und schinde Eindruck mit der Tatsache, dass der aus Shanghai ist.

Als wir zum Parkausgang schlendern, lädt mich Meister Wu zum morgigen Mittherbstfest ein, 17.00 am Parkeingang, dann irgendwie zu ihm nach Hause. Ich freue mich sehr über die Einladung und nehme dankend an, der Meister erklärt mir die Bedeutung dieses Festes und wie gefeiert wird (natürlich mit üppigem Essen). Oha, jetzt bin ich aber in Verlegenheit: Ich weiß, dass man da Mondkuchen verschenkt, wo kriege ich die bloß her? Will ja auch keinen abgepackten Mist, sondern leckere einkaufen, wie viele verschenkt man denn üblicherweise? Da muss ich mich dringend noch mal kundig machen, zur Not gibt es halt Kippen und guten Schnaps. Hoffentlich hat der Schnapsladen um die Ecke über die Feiertage auf.

Im Bus unterhalte ich mich mit einem sehr netten Äthiopier, der hier Wirtschaftswissenschaften studiert. Freundlicher Mensch, er meint, Shanghai sei gegen sein Drittweltland (den Ausdruck benutzt er, nicht ich) voll der Kulturschock gewesen. Glaube ich gerne.


Nachmittags/ Abends:


Mein Zimmer ist aufgeräumt, auch das kleine Malheur mit der Toilette wurde beseitigt. Gereinigt wurde sie jedoch nicht, egal, ich empfange hier ja keinen Besuch. Heute Mittag schmeckt dann auch die Nudelsuppe wieder, von irgendwo her dringt laute Musik und im Zimmer neben mir grölt die chinesische Reisegruppe. Ich tippe des Meisters Aufzeichnungen ab und versuche, ein wenig im Netz zu surfen. Gehe mal davon aus, dass Xiao Lu mich mittags bespielt, wenn nicht, schaue ich mir halt das neue Tiergehege im Park an, da kam ich letztes Jahr nicht zu. Angeblich soll es da auch Tiger geben. Früher wurden hier unter anderem ein Löwenpaar, ein Tiger, ein Leopard und ein Bär unter unwürdigen Verhältnissen gehalten, abends konnte man die großen Katzen dann immer brüllen hören, wenn sie weggesperrt wurden. Jetzt ist das nicht mehr so, entweder sind die Tiere jetzt besser untergebracht oder in eine bessere Welt eingetreten. Auf dem Campus ist es angenehm ruhig, Geschäfte und Mensa geschlossen, richtig beschaulich.

Zu Ehren der hart arbeitenden chinesischen Bevölkerung und der Volksrepublik lege ich ein T- Shirt an, auf dem „ I- The working class" steht. Glaube aber nicht, dass jemand diese feine Ironie zu würdigen weiß. Zur Vorsicht schaue ich dann doch mal im Wörterbuch nach, was „Feier", „Nationaltag" und „Arbeiterklasse" auf chinesisch heißt, man kann ja nie wissen.

Auf dem Weg zum Park erspähe ich an einem Geschäft ein handgeschriebenes Schild, auf dem „Star Trek" in Englisch und Chinesisch steht. Cool. Was das wohl sein mag? Die Zentrale der Shanghaier Trekkies? Werde der Sache mal auf den Grund gehen müssen.

Xiao Lu kommt pünktlich und wir wiederholen das böse Arm- und Faustgewirbel aus der Form, zunächst als Einzelbewegung. Meine Güte, ist das kompliziert! Aber es sieht ziemlich cool aus, auch wenn ich sehr lange brauche, um es hinzukriegen. Ich bin richtig wütend über meine Beschränktheit und kreise mit den Armen, bis sich mir im Kopf auch alles dreht. So nett und sachte Xiao Lu sonst auch ist, als Lehrer kann er ganz schön unerbittlich sein. Immer, wenn ich was vermassele, erfolgt wütendes Gebrüll aus dem Hintergrund, das Wort „piaoliang" höre ich heute eher selten. Ich solle locker und sanft wie eine Katze, nicht mit Kraft wie ein Tiger zuhauen. Aber Tiger sind doch auch nur Katzen, wenn auch große? Na gut, stimmt auch wieder.

Xiao Lu hat schwarze Übungshosen an, wie ich neidisch feststelle, die finde ich viel schicker als die blauen. Echt? Findet er nicht, blau sei viel hübscher. Ob ich denn nur dieses eine Paar hätte? Logo, hat er mir doch letztes Jahr geschenkt. Oh, dann müsse ich mir welche machen lassen. Toll, wo denn bitteschön? Er wird sich drum kümmern. Auch das Mondkuchenproblem wird angesprochen, er meint, eine Packung mit anständigen würde so 100,- RMB kosten. Aber er besorgt welche. (Habe vom Bus aus neben dem Schnapsladen ein Süßwarengeschäft gesehen, vielleicht hole ich dann auch noch welche, will ja nicht mit leeren Händen kommen). Schrittfolgen werden auch geübt, er will mir möglichst viele beibringen. Genau das will ich nicht, ich erkläre ihm, dass ich lieber weniger, dafür aber sorgfältig lernen wolle, ich könne mir das sowieso nicht alles merken. Das leuchtet ihm dann auch ein und ich jammere ihm vor, wie frustrierend es sei, in Deutschland ohne Lehrer und allein zu üben. Sicher, immerhin habe ich ja auch noch Stefanie, aber in diesem Fall bin ich die Einäugige unter den Blinden. Das versteht er auch. Seine Säbelform und Einzelbewegungen daraus demonstriert er auf mein Verlangen hin, sehr elegant! Naja, eines Tages lerne ich das auch noch. Er führt das ganze in ultratiefen Ständen aus, meiner Meinung nach sehr flott und geschmeidig. Nein, nein, nicht mehr so schön wie früher, er sei alt geworden. (Das sagt er in letzter Zeit ständig, dafür verpasse ich ihm dann auch jedes Mal eine und widerspreche energisch).

Beim Verlassen des Parks unterhalten wir uns über Katzen, er habe gehört, die deutschen Katzen seien so riesig. Ach ja? Wer ihm das denn erzählt habe? Na, Meister Wu, der hat das mit eigenen Augen gesehen. Ich kenne ja des Meisters Neigung zu blumigen Ausschmückungen und Übertreibungen, aber dann fällt bei mir der Groschen: Er war ja auch bei Lilo zu Hause und hat da ihre vierbeinigen Hausgenossen gesehen. Ja, jetzt wird mir einiges klar. Das erkläre ich Xiao Lu und erläutere die Namen der Katzen, das findet er total witzig. Ich glaube, er ist jetzt schon ein glühender Bewunderer Lilos.

Ich habe Hunger und wahnsinnigen Appetit auf chinesisches Essen, ziehe mich hastig um, stopfe Oberinspektor Chens fünften Fall in die Tasche und eile hurtig in die Fressgasse. Fast keine Geschäfte offen, hoffentlich wenigstens das Lokal, in dem wir letztes Jahr so gerne diniert haben. Zum Glück ist das geöffnet und ist auch rappelvoll, was für die Qualität der Speisen spricht. Gierig ordere ich chinesische Fritten, Rührei mit Tomate und die phänomenalen Auberginen mit Kartoffeln in der dicken Sauce. Hatte ganz vergessen, wie riesig die Portionen sind, schaffe aber die Auberginen komplett und das Rührei zum größten Teil. Die Fritten sind nicht ganz so lecker, da mit irgendetwas Seltsamem paniert. Für diesen üppigen und köstlichen Schmaus zahle ich ganze 39,- RMB inklusive Bier.

Im Hongkou- Stadium findet ein Rockkonzert statt, kann die frenetisch jubelnde Menge bis hierher hören. Die Musik ist auch nicht übel, werde gleich mal erheben, was für eine Gruppe das ist. Über Shanghai hängt fett der fast volle Mond, das Wetter scheint morgen gut zu werden. Sehr schön.

Donnerstag, Oktober 01, 2009

中国生日快乐! - Alles Gute zum Geburtstag, China!

01.10.2009, Donnerstag


Um ausschlafen zu können, habe ich zum ersten Mal seit meiner Ankunft die Vorhänge zugezogen, werde aber trotzdem um 8:00 von Böllerschüssen geweckt. Draußen regnet es in Strömen, die Wolkenkratzer in Pudong sind nicht zu sehen. Schlafe noch mal ein und schaue mir dann im Fernsehen die Parade an, um morgen mitreden zu können. Zum Frühstück gibt es die restlichen Vanillepuddingküchlein. Da ich den Anblick im Gleichschritt marschierender Soldaten eher langweilig finde, nicke ich immer wieder ein, auch wenn einige in ihren Uniformen ganz niedlich aussehen. Die zivile Parade ist da schon interessanter, hat wirklich was von Fastnacht an sich. Hier draußen in Hongkou sind die Straßen wie ausgestorben, entweder sind die alle im Zentrum oder schauen fern. Da ich den hiesigen Medien entnommen habe, dass zu den Festivitäten annähernd 5,6 Millionen Besucher in Shanghai erwartet werden, sehe ich von einem Besuch des Stadtzentrums ab, der Dauerregen lädt auch nicht gerade dazu ein.

Intensive Körperpflege wird betrieben und die Trainingshosen gewaschen, hoffentlich trocknen die bis morgen. Das Klo ist verstopft, kein schöner Anblick. Egal, wenigstens fließt das Wasser, wenn auch langsam, ab, heute wird das sowieso keiner richten.


Eine chinesische Reisegruppe wird auf meinem Stockwerk einquartiert und begrüßt sich erst mal lärmend. Obwohl ich ja weiß, dass Chinesen gerne mal laut reden, habe ich doch jedes Mal die Befürchtung, es könne was Schlimmes passiert sein, wenn ich das Gekreische höre. Dabei sind die einfach nur gut drauf. Die Reisegruppe zieht Kamerabehängt vermutlich ins Stadtzentrum ab und ich habe wieder meine Ruhe. Im Fernsehen wird ständig die Parade wiederholt und ich vergnüge mich mit dem gestern erworbenen Architekturbuch, recherchiere einige Büros im Internet und schreibe e- mails an diverse Freunde. Die Zimmeraufräumbrigade lässt mich auch tatsächlich in Ruhe, habe schon die Erfahrung gemacht, dass „Do not disturb" Schilder grundsätzlich als dekoratives Türelement betrachtet und ignoriert werden. Ich versuche, in den westlichen Medien nachzuschauen, wie die Feierlichkeiten dort aufgenommen wurden, aber das ist hoffnungslos, da nichts lädt. Abends hört es endlich auf zu regnen und über Shanghai krachen die ersten Feuerwerke, die ich jedoch nicht sehen kann, da es zu bewölkt ist. Lilo dürfte jetzt nach China unterwegs sein, denke an sie. Im Fernsehen beginnt die große Feier in Beijing, die ich halb mitverfolge, während ich mich mit den Aufzeichnungen des Meisters beschäftige. Mein Gott, der Mann hat aber auch eine Sauklaue! Die Geburtstagsfeier endet damit, dass der Staatspräsident unter einem prächtigen Feuerwerk mit ethnischen Minderheiten tanzt. Sehr hübsch, werde morgen Xiao Lu sagen, ich sei sehr bewegt gewesen.

Und so schnell geht ein Tag mit rumgammeln ins Land, bin Mian Zhang wenigstens einmal durchgelaufen und habe dabei einige Defizite entdeckt, bin echt froh, wenn morgen wieder trainiert wird.

Regentag

30.09.2009, Mittwoch

Vormittags:

Bin früh wach, draußen regnet es in Strömen. Also sinke ich wieder in die Kissen zurück, im Park wird dann jedenfalls nicht trainiert werden. Der Meister hatte mal was von „bei Regen am Fußballstadion" gesagt, der wird sich schon noch melden. Stehe dann doch auf, leiere den Rechner hoch und brühe mir einen Tee auf. Prompt geht eine SMS auf meinem Fon ein: „ To day practise?" Ich smse auf chinesisch zurück, es regne, wo trainiert würde? (Mittwochs kommen ja auch Oskar und David, deswegen gehe ich davon aus, dass irgendwas stattfindet). Der Meister schreibt zurück, er würde heute gerne seinen Meister besuchen, ob das OK wäre? Na klar, will den armen Mann ja nicht über Gebühr strapazieren. Außerdem bin ich für eine kleine Auszeit nicht undankbar. Also Freitag dann? Ja, bei Regen am Stadion. Alles klar.

(Letztes Jahr noch hätte mich das völlig verzweifeln lassen. Waaas? Regen? Kein Training? Aber ich bin doch nur vier Wochen hier!)

Das Auge sieht ganz gut, wenn auch etwas verwegen aus, kann mich also wieder unter Menschen wagen. Der Regentag schreit nach Museum und Buchläden, ich mache mich fertig und bin schon sehr früh auf dem Weg in die Stadt. Vorher tue ich an der Rezeption aber erst mal das, was wir Deutschen am besten können: Ich beschwere mich. Ich weiß ja, dass die hier Satellitenfernsehen haben, bei mir kommen aber nur vier Sender und die auch noch verschneit. Nicht, dass das chinesische Fernsehen so klasse wäre, aber Deutsche Welle oder wenigstens CCTV 9 (englischsprachiger Kanal des chinesischen Staatsfernsehens) hätte ich wegen der Nachrichten doch schon gerne. In der Stadt haben viele Geschäfte noch nicht auf, die City of Books zum Glück aber schon. Herrlich, so shoppe ich mich erst mal durch sieben Etagen mit Büchern. Da es ein ganz normaler Werktag und außerdem noch ziemlich früh ist, ist hier auch wenig los. Mittlerweile bin ich ziemlich begeistert über den Nationalfeiertag und die Aussicht, einen Tag den Kopf frei zu haben. Ich erstehe zwei DVDs mit Frühwerken des heiligen Stephen Chow, anschließend bummele ich weiter zum Foreign Languages Bookstore. Da fällt mir gleich im Erdgeschoss das neueste Buch des von mir sehr geschätzten Autors Qiu Xiaolong in die Hände, ich kenne es noch nicht. Der ist gebürtiger Shanghaier und nach denn Vorfällen in Beijing 1989 in den USA im Exil geblieben. Ich habe bis jetzt alle seine Krimis um Genosse Oberinspektor Chen, die hier in Shanghai spielen, verschlungen, allerdings auf Deutsch und in Deutschland. Dabei habe ich immer voller Wehmut an diese Stadt gedacht und beim Lesen hatte ich immer die ganzen Orte vor Augen, die in den Büchern erwähnt wurden, ebenso die typischen Bewohner Shanghais. Jetzt bin ich völlig elektrisiert bei dem Gedanken, dieses Buch nicht nur im englischen Original lesen zu können, sondern auch noch am Originalschauplatz. In der Kunstabteilung stöbere ich ein wenig in den Architekturbüchern, ich suche ein bestimmtes, werde aber nicht fündig. Ein Ausländer labert mich an, er suche chinesische Comics, könne das aber den Bediensteten nicht klarmachen. Wie sich herausstellt, ist er Deutscher und wird von mir gleich in die City of Books geschickt. Ich bummele durch den menschenleeren Volkspark zum Museum of Contemporary Art, das ich mir aus professionellem Interesse anzuschauen gedenke. Unterwegs quatschen mich zwei Mädels an und behaupten, sie seien selber Touristinnen aus Wuxi . Höfliches Geplauder, die eine kann auch ein paar Brocken Deutsch. Was ich denn vorhätte? Ob ich nicht Bock habe, mit ihnen eine kleine Teeprobe zu machen, das sei ganz toll, wir drei Mädels? Ja, klar, anschließend sitze ich mit einem Kilo völlig überteuerten Tee da und ihr sackt eine Provision ein, bin doch nicht auf den Kopf gefallen! Ich entschuldige mich, ich müsse leider in 20 Minuten meinen Freund treffen, vielleicht ein anderes Mal.

Im MOCA gibt es nur Videoinstallationen, nicht so mein Ding, aber egal, bei 20,- RMB Eintritt kann man nicht meckern. Ich versorge mich noch mit Vanillepuddingküchlein, dann fahre ich nach Hause.


Nachmittags/ Abends:


Mein Zimmer ist noch nicht gemacht und die Aufräumkolonne noch in weiter Ferne, also labe ich mich an Kaffee und Küchlein. Die Glotze zeigt beim Einschalten ein anderes Bild und nach ein wenig Rumgedrücke auf beiden Fernbedienungen und der Eingabe einer mächtig geheimen Geheimnummer (0000) steht mir die volle Vielfalt des Satellitenfernsehens zur Verfügung. Internationale Sender wie Deutsche Welle oder BBC wie im letzten Jahr gibt es zwar nicht (wohl geblockt), aber wenigstens CCTV 9. Na bitte, geht doch!

Ich stelle leichte Erkältungssymptome an mir fest, kein Wunder bei den Temperaturen und den gekühlten Transportmitteln. Aber nichts, was eine Aspirin nicht richten könnte.

Da mir der Sinn nach ein wenig Abwechselung von Haferkeksen und Nudelsuppen steht, beschließe ich, den Carrefour zu suchen, der hier in der Quyang Lu um die Ecke sein soll. Tatsächlich finde ich den auch zügig, allerdings ist die Wegeführung innerhalb des Ladens ziemlich kompliziert. So muss man erst durch die Haushaltsabteilung im ersten Stock, bevor man in die Lebensmittelabteilung gelangt. Hier erwebe ich einen brotartigen Gegenstand, Erdbeer- Yoghurtgetränk, Butter und Scheibenkäse, dessen Bezeichnung als solcher eine Beleidigung für alle Kühe ist. Außer mir irren noch zwei andere Ausländer durch den Laden, Schweden, wie sich herausstellt, auf der Suche nach Mehl. Dieser Carrefour ist eher auf die Bedürfnisse der Chinesen ausgerichtet, in dem, den ich 2006 mal besucht habe, gab es die ganze Palette westlicher Segnungen wie echtem Käse und dergleichen. Naja, besser als nichts. Den Rückweg nutze ich zu einer näheren Exploration der Gegend, auch die Fressgasse wird aufgerollt: Das Lokal mit der Hausmannskost gibt es zum Glück noch. Mittlerweile ist auch das Zimmer gemacht, ich beschwere mich freundlich bei den Zimmerfeen darüber, dass ich jetzt schon den dritten Tag hintereinander kein Wasser bekommen habe- wird flugs geliefert. Jetzt kann der Feiertag kommen, Wasser, Klopapier und Lebensmittel gebunkert, DVD, Bücher und Glotze am Start: Morgen wird erst mal ausgepennt!

Mit Xiao Lu hatte ich verabredet, dass wir uns auf jeden Fall im Park treffen. Draußen regnet es aber weiterhin in Strömen, da macht Training wohl eher wenig Sinn. Ich ziehe mir frische Klamotten an und begebe mich zur Bushalltestelle, wo ich eine geschlagene halbe Stunde auf den Bus warte. Merke: In Shanghai bei Regen besser die Metro benutzen, Taxis und Busse sind eher unzuverlässig. Mittlerweile koche ich vor Wut: Warum hat der Kerl auch kein Mobilfon? Dann hätte ich ihn wenigstens warnen können! Hoffentlich denkt der jetzt nicht, ich hätte ihn versetzt. Komme 20 Minuten zu spät und sehe Xiao Lu nicht auf dem Trainingsgelände, sein Moped allerdings steht vor dem Eingang. Wie von Furien gehetzt renne ich in den Park und da steht er unter einem Baum. Was ein Glück. Ich entschuldige mich atemlos für mein zu spät kommen und erkläre meine Zivilkleidung mit dem Mistwetter. Macht nichts. Ob ich mir den Teil von gestern denn gemerkt hätte? Ja, na ja, denke schon, war gestern aber mies drauf und das Auge und so... Heute bin ich mal mit dem Lachen über Kleidungsstücke dran: Auf Xiao Lus geringeltem Shirt steht: „New York 1976 Punk Rock." Ob er denn wisse, was Punk Rock sei? Nein, was denn? Da ich das schlecht erklären kann, spiele ich Luftgitarre, zeige den Mittelfinger, kreische und headbange ein bisschen, anschließend erkläre ich, wie Punker aussehen. Aha. Ja, das hat er schon mal gesehen. Na gut, Zentrum des Punk ist auch Beijing, Shanghai ist eher für Jazz und Indie bekannt. Ich setzte noch einen drauf und erkläre, dass ich mit 16 auch Punker war und alles andere als brav. Oh.

Nach dieser kleinen Erheiterung gibt es ein paar Vorübungen und Zack- darf ich vorturnen! Klasse, warum musste ich auch meine engste und am tiefsten geschnittene Hose anziehen. Die rutscht mir jetzt fast über den Hintern. Haargummi habe ich auch nicht dabei, sehe wahrscheinlich erbärmlich aus. Egal, wird trotzdem schön weitergelernt. Als der Regen heftiger wird, versuche ich Xiao Lu zum Teetrinken einzuladen. Nee, er hat Husten, da trinkt er keinen Tee. Erstaunlich, diese unterschiedlichen Ansätze westlicher und östlicher Medizin. Also quatschen wir unter meinem Regenschirm über alles mögliche, auch über den Feiertag morgen. Er ist schon ganz aufgeregt und freut sich darauf, die Paraden in Beijing im Fernsehen anzuschauen. Na gut, bei uns gibt es auch Leute, die Fastnachtsumzüge klasse finden, warum also nicht auch Militärparaden. Werde mir das dann auch anschauen. Außerdem deutet er an, der Meister würde uns vielleicht zum Mittherbstfest zu sich ins neue Heim einladen. Oh, welche Ehre! Bin mal gespannt.

Nach dem Busdrama am Nachmittag entscheide ich mich für die Metro und schaue im Architekturbuchladen neben der Metrostation vorbei. Dort finde ich zwar nicht das Buch, das ich suche, aber ein ziemlich gutes Buch über die städtebauliche Konzeption der Expo und eine ziemlich dicke Schwarte mit allen zeitgenössischen chinesischen Architekten. Der Preis von 360,- RMB schreckt mich eigentlich weniger ab, vielmehr die Tatsache, dass ich das Ding ja auch noch nach Hause schleppen muss. Während ich noch gedankenversunken darin blättere, macht mich die Verkäuferin höflich darauf aufmerksam, dass der Laden jetzt schlösse. Kurzentschlossen erwerbe ich die Bücher, wird schon irgendwie gehen. Habe bis jetzt noch alles irgendwie heimgekriegt.

Ich schleife meine Einkäufe ins Zimmer, föhne mir die Haare trocken und stopfe das Buch von Qiu Xiaolong in die Tasche. An der Rezeption entrichte ich die Kaution für die kommende Woche, so gibt das morgen keinen Stress. Dann tigere ich zu Pizza- Hut und kriege einen wunderschönen Tisch am Fenster zugewiesen. Eine große Gemüsepizza und ein Bier werden geordert, die Bedienmaus macht mich darauf aufmerksam, dass die Pizza 30cm oder so Durchmesser habe. Na und? Sehe ich etwa so aus, als würde ich das nicht schaffen? Als das Bier kommt, schlage ich das Buch auf und beginne zu lesen. Absolutes Glücksgefühl. Die Pizza assimiliere ich bei einem zweiten Bier, lese, schaue aus dem Fenster und erfreue mich des Anblicks der draußen vorbeilaufenden Menschen und dieser Wahnsinnsstadt. Was kann das Leben schön sein.

Während ich im Hotelzimmer mit Freunden chatte, gehen die ersten Feuerwerke los. Ich bin für morgen gewappnet, hänge das „Do not disturb" Zeichen an die Tür und freue mich aufs Ausschlafen- Mögen die Spiele beginnen!

Dienstag, September 29, 2009

Scheiß- Tag

29.09.2009, Dienstag

Vormittags:

Wache auf und fühle mich, als hätte ich die vergangene Nacht durchgesoffen. Dabei habe ich doch nur brav Tee und O- Saft getrunken. Mein Kopf ist wie mit Watte ausgestopft, mir ist schwindelig und mein rechtes Auge geht auch nicht auf. Scheiße, dieses Programm hatte ich doch schon letztes Jahr! Das darf ja wohl nicht wahr sein. Um 8:00 schleppe ich mich nach unten, nur um festzustellen, dass es leicht regnet. Na klasse, dann ist Xiao Lu sowieso nicht im Park. Also wieder zurück ins Zimmer, vielleicht sagt Meister Wu ja auch ab. Zwischenzeitlich kühle ich das Auge mit Getränkedosen. Als ich bis 8:30 nichts von Meister Wu gehört habe, torkele ich zum Bus und fahre in den Park. Immerhin habe ich es geschafft, eine Kontaktlinse in das Auge zu zwängen, öffnen kann ich es aber immer noch nicht. Gar nicht so leicht, einäugig durch die Gegend zu rennen, vor allem bei dem hiesigen Verkehr. Natürlich ist keiner da, setzte mich auf eine Bank und warte auf den Meister, der dann auch bald kommt. Klar gibt es besorgte Bekundungen wegen des Auges, anhand meines Langenscheid- Sprachführers erkläre ich, das Auge sei nicht entzündet, nur das Lid geschwollen. Ist das gleiche, meint der Meister und ich muss mich hinsetzten, er klatscht mir einen Lappen auf das Auge und fängt an, die Schwellung wegzumassieren. Dann reibt er noch ein paar Mal die Handflächen aneinander und presst sie auf das Auge. Komisch, dachte immer, Schwellungen solle man kühlen. Bei der Aktion schafft er es, mir meine Kontaktlinse rauszurubbeln, ich kann die gerade noch so wieder reinquetschen. Aber erstaunlich, wie sanft die riesigen Pfoten des Meisters sein können.
Einzelstunde, ich lerne drei weitere Einzelbewegungen und darf dann alles bisher Gelernte auf Video aufzeichnen. Klasse! Ansonsten bin ich nicht sonderlich aufnahmefähig, der Meister muss um 11:00 weg, da er noch anderswo unterrichtet. Am Nationalfeiertag kein Unterricht, da er da den Boden in seinem neuen Haus richten will. Auch gut, dann kann ich mich ein wenig unter die feiernde Menge mischen. Es ist unklar, ob der Nachmittagsunterricht stattfindet, der Meister wird das klären.

Nachmittags:

Sauge meine mails aus dem Netz und muss über des Osters Bericht, den mir Georg freundlicherweise täglich zumailt, schmunzeln. Tja, das mit dem An- und vor allem Runterkommen ist so eine Sache und dauert seine Zeit. Auch mir kam es so vor, als sei ich nie hier weggewesen, aber so richtig im vollen Tongbei- Modus bin ich auch noch nicht. Ist auch schwierig, wenn man wie ich fast ein ganzes Jahr ohne Korrektur vor sich hinübt (Yürgen und Lilo waren ja immerhin in kürzeren Abständen bei ihrem Lehrer), da kommt man sich manchmal schon vor wie im freien Fall. Zu diesem Thema hatte Oskar einen überraschend klugen Vergleich: Er meinte, das sei wie ein Haarschnitt, mit der Zeit würde alles wild durcheinander wachsen, dann müsse man halt zum Friseur und das richten lassen.
Falle auf das Bett und versinke zwei Stunden in komatösen Schlaf.
Als ich aufwache, ist das Auge wieder etwas mehr zugeschwollen und ich bin immer noch total bedröhnt. Keine Nachricht von Meister Wu, fahre in den Park und warte. Modischen Firlefanz schenke ich mir, muss ja mit diesem Auge nicht noch zusätzlich auf mich aufmerksam machen. Mein Mobilfon bimmelt und der Meister brüllt mir irgendwas ins Ohr, ich brülle zurück, ich sei im Park und Xiao Lu nicht da. Der Meister wird bei ihm zu Hause anrufen (Xiao Lu ist der einzige Chinese, den ich kenne, der kein Mobilphon hat), aber da kommt er schon des Weges. Das Auge wird wieder mit Ausdrücken der Anteilnahme bedacht. Hatte eigentlich vorgehabt, Xiao Lu im Scherz zu erzählen, ich habe bei den Anwendungen ein paar in die Fresse gekriegt, lasse das aber lieber bleiben. Als erstes darf ich mal hübsch alle Schrittkombinationen in einem Stück und natürlich schön tief laufen, stelle mich nicht sehr geschickt an. Bei der Form klappt es dann besser, hoffentlich kann ich mir das auch merken. Dong Bao Quan muss ich auch noch vorturnen, Xiao Lu ist eigentlich ganz zufrieden und freut sich, dass ich nichts vergessen habe. Aber selbstverständlich ist hier an vielen Stellen Detailarbeit zu leisten. Es fängt zu regnen an, ich habe Kopfweh und wir machen noch ein wenig Push- Hands. Xiao Lu muss sich „Keine wie du" von Laith al Deen anhören und findet das auch sehr schön, anschließend schenkt er mir ein Einweg- Regencape. Süß.
Nach Ausgehen ist mir nicht zumute, also Käsecräcker im Hotelzimmer. Bin müde und schlapp, besser mal früh ins Bett gehen.

Montag, September 28, 2009

Business as usual

28.09.2009, Montag

Vormittags:

Erstmal ganz herzlichen Dank an Georg für die Übermittlung der Wahlergebnisse (Schwarz- Gelb? Araagh!) und des Posts von Yürgen. (Kann mich Lilo nur anschließen: Typisch. Ich frage mich, wann der Tag kommt, an dem der Oster seinen Kopf nicht mehr findet). Stefanie schreibt mir, dass es noch ein Kranich- Shirt in L für Xiao Lu gibt und sie das schon bei Lilo abgeholt hat und mitbringen wird. Bestens, danke, Mädels!
Entgegen der Vorhersage herrscht gutes Wetter und Xiao Lu ist auch schon früher im Park zum Aufwärmen. Der Prügelknaben- Knülch von vorgestern gesellt sich dazu und macht ein bisschen mit, beschränkt sich dann aber darauf, schmauchend am Rande zu sitzen und zuzuschauen. Für einen Chinesen ungewöhnlich hat der viele Locken, aber auch eine ordentliche Pläte, was ihn ein wenig wie Krusty der Clown aussehen lässt. Gestern kam Xiao Lu natürlich nachmittags in den Park, der Meister hat ihn zu spät angerufen, das tut mir leid. Ich erzähle ihm freudestrahlend die Sache mit dem Shirt, er bedankt sich artig.
David, der Australier und Oskar erscheinen auch zum Training. Mist, dann wird natürlich ganz anders geübt, nämlich super viele Einzelbewegungen und Kombinationen, ebenso Schrittfolgen. Und das in sehr schneller Abfolge, kann ich mir natürlich nicht merken. Egal, ich mache halt einfach mit. Oskar bemerkt meine Verwirrung, reißt seine Videokamera aus dem Rucksack und bedeutet Meister Wu wort- und gestenreich (Chinesisch spricht er immer noch nicht), er möge das doch bitte wiederholen, damit er es für mich filmen könne. Ist mir zwar etwas peinlich, aber das finde ich sehr nett von Oskar. In einer Pause erzählt mir Xiao Lu, er habe einen Fernsehbericht über unsere Wahlen gesehen (er kennt sogar den Namen unserer Kanzlerin), außerdem den mit den Terrordrohungen. Darüber war er ziemlich besorgt. Keine Ahnung, was die hier im Staatsfernsehen erzählt haben, aber die Bilder waren ziemlich bedrohlich. Lockenköpfchen bringt sich ein und meint, er würde gerne mal nach Haidebao in Deutschland, da sei es so schön. Häh? Dann fällt bei mir der Groschen: Ach ja, Heidelberg. Die Schönheit deutscher Landschaften wird von mir schamlos gepriesen. Oskar und David sind der Meinung, man solle außer Gongfu noch einen Ausgleichsport machen, so spielt Oskar Basketball und David schwimmt, wie er Xiao Lu und dem Lockenkopf auf chinesisch erklärt. Ob Xiao Lu denn schwimmen könne? Nein, nie gelernt. Krass. Um auch etwas zu diesem Gespräch beizutragen, erzähle ich Xiao Lu, dass Stefanie gerade mit dem Bauchtanzen angefangen habe. Ah, interessant, er schlängelt sich ein wenig vor mir hin und her um zu zeigen, dass er das kennt. Übermütig schlage ich vor, ich könne sie ja fragen, ob sie mal für ihn tanzt, woraufhin er rot wird und schamhaft kichernd die Hand vor den Mund hält. Anscheinend dann doch zu erotikgeladen für die hiesigen Verhältnisse. Der Meister hat seinen Tee vergessen (vorgestern waren es die Trainingshosen), vielleicht kann er ja mit dem Oster eine Selbsthilfegruppe gründen.
An der Form wird dann auch noch gearbeitet und Xiao Lu muss irgendeine sehr komplizierte Schrittfolge aus entweder einer anderen Form oder irgendeiner Kombination vorturnen. Für mich sieht das irre elegant und zackig aus, aber der Meister findet das schlecht ausgeführt. Warum das so ist, kapiere ich zwar nicht ganz, aber es ist interessant zuzusehen, wie so eine Granate wie Xiao Lu korrigiert wird. Oskar wird mir die Videos Mittwoch mitbringen, heute Nachmittag treffe ich mich wieder mit Xiao Lu. Sehr fein.

Nachmittags:

Heute Mittag ist das Panda- Shirt an der Reihe, kann es gar nicht erwarten, das Xiao Lu vorzuführen. Der schüttet sich dann auch vor Lachen aus, liest den Text und kriegt noch mal Lachanfälle. Mist, ich glaube, ich muss das mal übersetzen, bevor ich hier weiter damit rumlaufe.
Habe ihm die letztes Jahr aufgenommenen Videoclipse auf USB- Stick mitgebracht, er hat einen MP 3- Spieler dabei und zeigt mir seine. Cool.
Ich bitte ihn, mit mir die gestern erlernten Schrittfolgen zu wiederholen und darf die auch auf Video aufnehmen. Anschließend wird an der Form weitergearbeitet, meine Güte, was habe ich mir denn da für Kompliziertes ausgesucht! Ich habe diese Form schon ein paar Mal gesehen und fand die ganz hübsch, diese ganzen Details hatte ich gar nicht mehr so in Erinnerung. Aber schön viele Tritte, fiese Schläge und tiefe Stände, cool. Jedenfalls schenke ich mir nichts und arbeite verbissen, während sich Xiao Lu mit einer alten Dame unterhält, die zu dieser Zeit neben uns immer eine Stunde Qigong übt. Als kleinen Appetithappen zeigt er mir dann noch das Programm für morgen, da gibt es denn Armgewickel und noch mehr Tritte. Geil! Zum Glück ist diese Form nicht so lang (deswegen wollte ich sie ja auch lernen), dann kann man noch Feinarbeit leisten. Xiao Lu meint, ich könnte sie ja dann Lilo und Stefanie vorführen, wenn die kämen. Ja, so hat dann jeder was zum Vorführen.
Beim Umziehen patscht er sich wieder auf seinen Bauch, meint, er sei zu fett und nicht schön anzuschauen und hält sich kichernd seinen Fummel vor die Plautze. (Bloß gut, dass ich ihm aus Deutschland pfundweise Schokolade mitgebracht habe.) Außerdem weist er auf die fehlende Körperbehaarung chinesischer Männer hin. (Heute morgen hatte David beim Umziehen einen üppigen Pelz auf Brust und Rücken sowie eine farbenfrohe Tätowierung am Oberarm offenbart. Die fanden der Meister und er wohl nicht so geil, aber das Fell wurde mit Gekreische kommentiert). Ich versichere ihm, dass ich seinen Körper schon sehr sexy fände und auf Behaarung nicht so stünde, das macht ihn anscheinend stolz. Seinen Lieblingstitel ( eine koreanische Sängerin) dudelt er mir dann auch noch vor, den finde ich sogar überraschend schön. Dachte ja, wir würden uns nie annähern, was Musik angeht. Morgen werde ich ihm mal was vorspielen, was ihm gefallen könnte, vielleicht Laith al Deen oder so.
Auf dem Campus ist vor dem Auditorium die Hölle los, vielleicht üben die ja für den Nationalfeiertag. An allen öffentlichen Gebäuden prangen rote Transparente, die die Errungenschaften der Kommunistischen Partei preisen und die Straßen sind mit Fähnchen geschmückt. Im Fernsehen werden die tapferen Soldaten der Volksbefreiungsarmee gezeigt, die für die Böllerschüsse (natürlich 60) und die Paraden üben. Hatte mir das schlimmer vorgestellt, aber hier in Shanghai wird die komplette Innenstadt gesperrt, der Bund sowieso. Feuerwerk wird es natürlich auch geben, aber ich glaube, ich werde es mir schenken, das in der Stadt anzuschauen. Von hier habe ich ja einen Logenplatz.
Im Zimmer wird erst mal bis zum Abwinken die Form wiederholt, während der dreckstarrende Fummel einweicht. Hatte eigentlich vor, zu Pizza- Hut zu tigern und mir ein Bier und Pizza einzuverleiben, chatte aber dann doch lange mit Ali, der mir Auszüge aus Zeitungsartikeln sendet und fresse dabei eine Tüte Chipse. Bin jetzt doch zu faul, noch mal vor die Hütte zu gehen, lieber hier noch ein wenig rumgammeln.

Sonntag, September 27, 2009

Neue Bekanntschaften

27.09.2009, Sonntag

Vormittags:

Bin wieder früher im Park, leider kein Xiao Lu da. Na gut, dann schaue ich halt den anderen Übenden zu, schon interessant, wie viele Schwertformen es gibt.
Ich bin die einzige, die heute zum Training erschienen ist, also eine Einzelstunde beim Meister. Unbezahlbar. Er will mir pro Tag zwei Einzelbewegungen und die dazugehörigen Schrittfolgen beibringen, das ist eine sehr vernünftige Idee, finde ich. So hatte ich mir das auch vorgestellt. Natürlich wird mir das auch alles systematisch aufgeschrieben. (Werde mir bald ein neues Heft kaufen müssen). Für mich sehr wichtig, dann kann ich mir das wesentlich besser merken. Als wir den ersten Teil der Form üben, schaut uns eine Dame zu und kreischt anschließend irgendwas in Shanghainese: Der Meister übersetzt, die fand mich wohl ziemlich gut. Ich winke ab und sage, er sei halt ein sehr guter Lehrer. Die Dame zeigt ungeniert mit dem Finger auf mich und stellt Meister Wu Fragen beziehungsweise äußert weitere Kommentare, aber das wird mir leider nicht übersetzt. Von Mian Zhang ist er erwartungsgemäß nicht sonderlich angetan, die Anfangsbewegung ist auch sauschwer, da werde ich ordentlich dran arbeiten müssen. Xiao Lu wird er ausrichten, dass ich heute Nachmittag was vorhabe, dann kann der arme Kerl mal entspannen.

Nachmittags/ Abends:

Statt mich aufs Ohr zu legen, mache ich mir es mit einer Nudelsuppe vor dem Rechner bequem und versuche, des Meisters Kritzeleien entziffern und zu systematisieren. Mir wird dabei einiges klar, aber da kommt noch viel Arbeit auf mich zu. Schnell gehen drei Stunden vorbei, wird bald Zeit, in die Stadt zu fahren. Ich sehe, dass der Oster seinen ersten Post veröffentlicht hat, aber mittlerweile wird mir im Google Reader nicht mal mehr die Vorschau angezeigt. Falls vielleicht irgendjemand so nett seien könnte, mir das zu mailen, wäre ich nicht undankbar.
Fahre mit dem Bus in die Stadt, im Fernsehen läuft ein Beitrag über die Wahlen in Deutschland und irgendwas über Terrordrohungen, schwer bewaffnete Bullen vor dem Oktoberfest sind zu sehen. Gott, ist das alles weit weg.
Auf die Nanjing Lu und Buchläden habe ich nicht so Lust, also laufe ich durch den Volkspark in Richtung Lifestyle. Im Park ist ja wie jedes Wochenende Heiratsmarkt, immer sehr interessant. Tatsächlich labert mich ein kleiner krötiger Typ an, behauptet, er sei Englischlehrer und will mich auf einen Drink einladen. Ach nee, vielen Dank. So offensiv kannte ich das bis jetzt noch nicht.
Den Klamottenladen finde ich auf Anhieb und laufe fast Amok. Hätte mich dumm und dusselig kaufen können, bescheide mich dann aber mit drei Shirts (unter anderem das im „China rockt #3" Post abgebildete mit dem Panda, das mit der Schnalle, die abgeknallt wird, war mir dann doch zu hart) und eine im Preis reduzierte coole Tasche. Dieses Panda- Shirt passt farblich exakt zu meinen Übungshosen, kann es gar nicht erwarten, es Xiao Lu vorzuführen. Dem fallen bestimmt die Augen aus dem Kopf. Angesichts solcher Großeinkäufe gibt es gratis noch einen Schlüsselanhänger und eine flotte Sacktasche für die erworbenen Waren. Das wird nicht mein letzter Besuch gewesen sein.
Da ich ungewohnt entschlussfreudig war, bin ich viel zu früh dran und tigere befriedigt über meine Einkäufe noch ein wenig durch die Gegend. Ach ja, Frauen sind ja so leicht zu beglücken.
Tori kommt eine halbe Stunde zu spät, da sie im Stau steckt, setze ich mich schon mal ins Lokal. Erfreut sehe ich, dass meine Lieblingsnudelsuppen wieder zu haben sind, also kann ich meine Lebensmittelvorräte aufstocken.
Als Tori dann kommt, verstehen wir uns auf Anhieb gut und sie hat interessante Dinge zu erzählen. (Hatte nach Lilos Schilderungen auch nichts anderes erwartet). Wird bestimmt lustig, wenn die mit Kind und Kegel in Wudang aufschlägt und Lilo und Yürgen besucht.
Das Bestellen überlässt sie dann mir. Die Speisen munden ihr auch, was mich sehr erleichtert. Freundlicherweise lädt sie mich auch noch ein, wäre doch nicht nötig gewesen! Anschließend hamstere ich acht der Nudelsuppen, die restlichen vier sackt Tori als Proviant für die Reise nach Wudang ein und kauft noch weitere Lebensmittel, da sie auf ökologisch korrekte Speisen Wert legt. Finde ich Klasse. Die Wushu- Schule, in der sie trainiert, ist fast um die Ecke, jetzt weiß sie, wo sie sich vor oder nach dem Training eindecken kann. Wenn sie aus Wudang zurück ist, schleife ich sie mal mit zu Meister Wu, das wird bestimmt lustig. Leider wohnt sie ziemlich weit weg, dafür aber schön im Grünen, ein langer Weg.
Fahre mit der Metro nach Hause, unterwegs besorge ich mir den leckeren Sherryartigen Fusel, da ich nach meinem ersten gehaltvollem Essen seit meiner Ankunft das Bedürfnis nach einem Verdauungsgetränk habe.
Wie die Wahlen in Deutschland laufen, interessiert mich ja doch, aber Spiegel online lädt saulangsam, muss dann halt morgen früh mal schauen.

Samstag, September 26, 2009

Nachtrag

Beim Nachmittagstraining hat Xiao Lu ganz interessiert nach Lilo und ihrem bevorzugtem Stil gefragt, ob das denn schön (piaoliang) anzuschauen wäre? Wusste jetzt nicht, ob er den Stil oder Lilos Ausführung desselben meinte, jedenfalls wurde dies von mir selbstverständlich vehement bejaht.
Ob ich denn auch Wudang Taiji üben würde? Nee, natürlich nur Heyi Tongbei und ein wenig Schwert und Fächer. Schade, er hätte das noch nie gesehen und sei sehr neugierig. Auf die Gefahr hin, dass Lilo mir jetzt die Freundschaft kündigt, habe ich entgegnet, dass sie sicherlich sehr gerne bereit wäre, bei ihrem Besuch eine kleine Probe ihres Könnens abzulegen und er das ganz bestimmt hen piaoliang finden würde: Xiao Lu war begeistert.

Chinesische Verhältnisse

26.09.2009, Samstag

Vormittags:

Kaum geschlafen, aber egal. Bin schon um wieder früh im Park, damit ich mich mit Xiao Lu aufwärmen kann. Um ihm meine Versöhnungsbereitschaft zu demonstrieren, habe ich extra die blauen Hosen angelegt und das Gesamtbild mit einem Catwoman- Shirt abgerundet. Sein Geschenk habe ich natürlich auch dabei. (Erwartungsgemäß kommt Catwoman auch granatenstark an).
Um 9:00 trifft der Meister und zu meiner großen Freude auch Herr Si ein, der gute Mann! Ist ganz schön grau geworden seit letztem Jahr, aber immer noch gut drauf. Außerdem kommt noch ein etwas pummeliger junger Mann, der mir als Xiao Xu vorgestellt wird. Heute ist der zum vierten Mal dabei, Meister Wu hatte ihn schon angekündigt. Xiao Xu schüttelt mir freudig die Hand und sagt: „Pleased to meet you", sehr nett. Das heißt also Anfängerprogramm, wofür ich eigentlich sehr dankbar bin, denn so kann ich von der Pike auf lernen. Und gegen Xiao Xu sehe ich natürlich nicht schlecht aus. Xiao Lu übt im Hintergrund seinen Kram beziehungsweise korrigiert einen anderen Knülch, der mittlerweile auch dazugestoßen ist. Aber mir unter die Nase zu reiben, wie Scheiße mein Chinesisch sei, kann er sich dann doch nicht verkneifen. Unverschämtheit! Aber er hat ja leider nicht unrecht.
Mein Buch füllt sich mit Begriffen zu Einzelbewegungen und Trainingsanleitungen, auch der neue Schüler schreibt eifrig mit und hilft dem Meister bei der Pinyin- Umschrift. Ich bin begeistert, so wollte ich schon immer lernen! Dieses Notizbuch wird ein Füllhorn des Tongbei- Wissens.
Für die Päuschen hat Xiao Xu schon Kippen für den Meister bereit gelegt, ich kriege natürlich auch eine. Wie aufmerksam! Irgendwann kommt auch mal ein süßes aufgestyltes Girlie vorbei (bei den Girlies hier sind Hotpants im Moment der letzte Schrei) und schaut zu, geht dann aber wieder weg. Xiao Xu erzählt mir freudestrahlend, das sei seine Freundin und ich sage, die sei aber sehr hübsch. Für dieses Kompliment bedankt er sich freudestrahlend. Nebenan dehnt sich ein Knabe, auf dessen Hemd auf dem Rücken der deutsche Adler prangt und auf dem vorne „Deutschland" geschrieben steht, ich bin entzückt. Das Girlie kommt mit einer Tüte voller Wasserflaschen für die ganze Truppe wieder und verteilt diese. Das ist ja unglaublich. Hier hat man wenigstens noch RESPEKT vor älteren Leuten und Höflichkeit und Anstand im Leib! Davon könnten sich die vorlauten Blagen bei uns mal ne Scheibe abschneiden.
Mittlerweile sind wir zu den Schrittfolgen übergegangen, da fange ich leider wieder an, zu schwächeln. Xiao Lu schießt aus dem Hintergrund auf mich zu und befiehlt mir, mich hinzusetzten, das fällt aber zum Glück nicht weiter auf, da der Meister damit beschäftigt ist, alle 24 Schrittfolgen des Tongbei- Systems in mein Buch zu schreiben und dabei von Xiao Xu und dem Girlie tatkräftig unterstützt wird. Der andere Knülch darf zwischenzeitlich immer mal als Negativbeispiel (nicht locker genug) und Prügelknabe herhalten. Und schon trifft die nächste Gruppe junger Leute ein, zwei Mädels und zwei Typen, die aber gleich auf Xiao Lu losstürmen. Eines der Mädels ist ziemlich groß und sieht ihm ähnlich, wahrscheinlich seine Tochter. Bei dieser Gruppe ist Push- Hands angesagt, erst mal darf einer der Typen ran, während der andere angeberisch sein kurzbehostes Bein auf einen Stein stellt, damit man auch ja seine fette Tätowierung an der Wade gut sieht. Der Typ zieht natürlich den kürzeren, danach ist die Tochter dran und macht echt ne gute Figur. Klar, bei dem Vater...
Und dann muss Xiao Lu alle 24 Schrittfolgen vorturnen, damit wir mal einen Eindruck davon bekommen. Dann fangen wir mit den ersten Bewegungen der Form an, Xiao Xu guckt zu und wir turnen unter den kritischen Blicken des Meisters vor. Ich werde gelobt, dann korrigiert der Meister noch mein Dong Bao Chuan, mit Xiao Xu übe ich die Anfangsbewegungen, kann ja nicht schaden.
Xiao Xu und das Girlie ziehen ab, Xiao Xu winkt mir zu und ruft „Bettina, see you". Na so was, hat der sich doch tatsächlich meinen Namen gemerkt! Was für ein aufmerksamer junger Mann.
Beim Umziehen patscht Xiao Lu auf seinen Bauch und meint, er sei fett geworden, was ich boshaft bejahe und frage, ob er in letzter Zeit zu viel gegessen habe. Nein, das käme vom Üben sagt er und macht es mir vor. Dann darf ich noch seine tollen Unterarmmuskeln anpacken und mir anhören, ich sollte mal zusehen, dass das bei mir bald auch so aussähe. Herr Si brüllt aus dem Hintergrund, ich wäre sowieso zu dünn, was von dem Meister mit meiner fleischlosen Diät erklärt wird. Das befinden alle anwesenden Herren für „Bu hao" (Nicht gut). Tja Freunde, das habe ich mir leider nicht so ausgesucht. Dafür spanne ich mal meinen Bizeps, was dann doch Anerkennung auslöst.

Nachmittags:

Ich öffne die dubiose Suppe, es liegt ein Beutel mit einer scharf riechenden Paste bei. Nachdem ich das Zeug aufgebrüht habe, dreht sich mir fast der Magen rum und der Becherinhalt landet unverkostet in der Kloschüssel. Wenigstens habe ich ein Gefäß für meine vegetarischen Nudeln, die dann auch köstlich schmecken. Mein völlig verschwitzter Fummel wird gewaschen, war auch echt nötig. Außerdem hat mir im Park einer der Rotkot- Vögel einen sauberen Blattschuss verpasst, das muss sofort ausgewaschen werden. Statt zu schlafen, versuche ich das Gekrakel des Meisters zu entziffern und sauber abzutippen. Mein Lieblingswörterbuch lädt hier leider nicht, also müssen große Teile der Transkribierung bis zu meiner Rückkehr warten. Bin mit Xiao Lu um 15:00 im Park verabredet, der verpennt aber und lässt mich 20 Minuten schmoren.
Dafür lerne ich jetzt aber eine neue Form (Mian Zhang, Baumwoll- Hand). Das macht viel Spaß, wenn es auch anstrengend ist. Aber Klasse für Hintern und Beine. Ich bin nicht wirklich zufrieden mit mir, aber Xiao Lu wird mir das hoffentlich schon beibiegen.
Das von mir mitgebrachte Kranich- Shirt ist ihm leider trotz Hüftgold zu groß. Mist. Hoffentlich haben wir noch eines in einer kleineren Größe und eines der Mädels kann das mitbringen.
Natürlich bin ich auch neugierig, was seine familiären Verhältnisse angeht und frage mal, was denn das Fräulein Tochter so macht, die ist ja schon 20 Jahre? Und ob sie denn jetzt einen Freund habe, das dürfe sie nach chinesischer Tradition ja mittlerweile wohl? Ob sie denn arbeite? (Dazu muss man sagen, dass Xiao Lu absolut vernarrt in seine Tochter ist).
Nein, einen Freund hat sie nicht, noch zu jung und unreif seiner Meinung nach. Ein potentieller Kandidat hat von ihm beim spielerischen Gerangel ordentlich was abgekriegt und daraufhin seine Ambitionen aufgegeben. Ich kriege mal wieder zu hören, dass chinesische und westliche Jugendliche völlig verschieden seien. Ach ja? Und was ist mit Xiao Xu? Der ist doch auch erst 19 und hat eine Freundin. Naja, also nicht völlig verschieden. Ich sage scherzhaft, vielleicht sei Xiao Lu ja eifersüchtig? Vielleicht habe die Tochter einen Freund, von dem er nichts wisse? Ausgeschlossen, sagt er. Jaja, mein Lieber, träume weiter, Eltern werden in dieser Hinsicht auf der ganzen Welt von ihren Kindern betrogen. Arbeiten tut die feine junge Dame nicht. Seit ihrem Schulabschluss vor zwei Jahren sitzt sie zu Hause und hängt den ganzen Tag vor dem Computer oder geht aus. Ich weiß, dass es im Hause Lu zwei Rechner gibt, also keine Entschuldigung, nicht mit mir zu chatten oder wenigstens meine mails zu beantworten. Ja, einer ist kaputt (aber den wird er reparieren lassen), den anderen benutzt die Tochter und hat ihn mit Passwort gesperrt. Unfassbar. Ich wäre von meinen Eltern zügig durch Taschengeld- und Internetentzug hinreichend zur Arbeitssuche motiviert worden und würde meinen Kindern solche Flausen ebenso austreiben. Sieht man mal, was die Einkind- Politik hier ausrichtet. Letztes Jahr wollte sie wohl nach Japan zum studieren, aber damit war Xiao Lu nicht einverstanden, weil Japaner Scheiße sind. Dann lieber Deutschland, aber das wollte das Gör nicht.
Den Namen der Tochter kriege ich auch noch raus, man weiß ja nie, wozu das noch gut sein wird.

Nach dem Training zerre ich mein verschwitztes Zeug aus der Tasche und wiederhole das Erlernte, soll ja nicht flöten gehen. Dann hole ich mir –diesmal am richtigen Stand- den geliebten Fladen. Schade, der Luxusfladen wird nicht mehr produziert, überhaupt scheint mir in der Fressgasse im Vergleich zu letztem Jahr wenig los zu sein. Außerdem versorge mich noch mit ordentlich Fruchtsäften und mache es mir dann auf dem Bett gemütlich. Morgen treffe ich mich ja mit Tori, dann kann ich den Nachmittag zum Hand- Augen Koordinationstraining benutzen, praktischerweise befindet sich der Laden mit den abgefahrenen Shirts in unmittelbarer Nähe des Lifestyle.