Sonntag, Juni 27, 2010

梅雨 – Pflaumenregen

26.06.2010, Samstag

Vormittags:

Bin nach Hongkong und einer anstrengenden Arbeitswoche Freitag Abend derartig ermattet, dass ich mich schon früh ins Bett schleppe (auf die Party eines befreundeten Büros habe ich keinen Bock) und beim Videoschauen ganz farblos einschlafe.
Samstag früh bin ich immer noch total bematscht, mache mich aber fertig und betrachte sorgenvoll den Himmel. Es nieselt leicht, da ist Xiao Lu sowieso nicht im Park, lohnt sich also nicht, früh hinzufahren. So gegen viertel nach Acht schreibe ich eine SMS an dem Meister, ob denn Training stattfände und wenn ja, wo? Park oder Stadion? Als ich eine Stunde später noch keine Antwort habe, lege ich mich wieder hin und schlafe noch drei Stunden.
Bin zwar nicht mehr ganz so bematscht, hab aber wirres Zeug geträumt und bin leicht desorientiert, geht nach Kaffee und Dusche dann aber wieder. SMS vom Meister, er sei gerade vom Park heimgekommen, er habe sein Phon daheim vergessen und deswegen meine SMS nicht mehr rechtzeitig gesehen. Ja ja, bestimmt auch bei Regen keinen Bock gehabt und gerade erst aufgewacht. Entschuldige per SMS mein Fernbleiben, morgen käme ich ganz bestimmt. Meister hat Gesicht bewahrt, ich habe Gesicht bewahrt, alles gut. Er schreibt, wenn es morgen nicht regnen würde, käme auch Rose. Das finde ich klasse, bei der Gelegenheit frage ich mal vorsichtig, ob denn Xiao Lu was gesagt hätte ob er nachmittags käme? Ja, wenn es nicht regnet, kommt er. Bestens. Schaue mir noch mal das Video von Ying Quan an, die habe ich ja jetzt länger nicht mehr geübt.

Nachmittags:

Das Wetter scheint zu halten, warte auf einer Bank lesend auf Xiao Lu. Der pirscht sich von hinten an mich heran und schreit mir „Autsch“ ins Ohr. Kreische vor Schreck und verpasse ihm erstmal eine.
Das Trainingsgelände ist mit Blättern und Ästen bedeckt, wir schnappen uns jeder einen Besen und fegen es sauber. Kann nirgendwo frische Kippen oder die für unseren Stil typischen Fußspuren entdecken, ganz sicher war der Meister heute früh nicht im Park. Der alte Fuchs.
Wir haben uns ja jetzt länger nicht mehr gesehen und uns natürlich viel zu erzählen. Ja, Xiao Lu hat auch den Eindruck, dass die Bewohner Hong Kongs eher kommerziell orientiert sind. Ich meine, Geld wäre ziemlich egal, Hauptsache gesund. Diese Einstellung scheint ihm zu gefallen. Da wir gerade beim Thema verreisen sind, zeigt er mir Bilder, die er während seines Korea- Aufenthaltes aufgenommen hat und erklärt mir, wer und was darauf zu sehen ist. Interessant. Und weil das so interessant ist, schauen uns auch gleich noch zwei andere Typen über die Schulter.
Unter den Bäumen unseres Übungsplatzes ist es schummerig, wenig Leute sind im Park und in der Luft liegt ein süßer Duft. Erfreue mich beim Üben der Einzelbewegungen an dem üppigen Grün und bin zufrieden und entspannt. Sogar der auf dem Hügel nebenan sein Instrument quälende Saxophonspieler geht mir mal nicht auf die Nerven. Anscheinend empfindet Xiao Lu das nicht so oder erinnert sich daran, dass ich bei anderen dieser Gelegenheiten äußerst ungut abgegangen bin, deswegen brüllt er irgendwann mal zu dem Typen, er solle gefälligst mal leiser spielen. Der Typ entschuldigt sich, dreht sich um, quäkt noch ein wenig weiter und trollt sich schließlich.
Wir üben schweigend und sehr sorgfältig, ich bin sehr, sehr glücklich. Bei Tui Shou haben wir wahnsinnigen Spaß, versuche, mich an alle die Manöver zu erinnern, die Xiao Lu mir bis jetzt beigebracht hat und diese anzuwenden. Klappt natürlich nicht, er ist halt einfach zu gut. Aber er freut sich, dass ich es wenigstens versuche.
Bei Frauen gegen Männer sei Tui Shou immer etwas grenzwertig, meint er. Im Gerangel könne man Damen da schon mal unbeabsichtigt an intimen Körperteilen berühren, das sei ihm unangenehm. Mit mir ginge das, wir wären ja schließlich so was wie Geschwister. Freue mich, dass er das so sieht und mich unterrichtet. Rose hatte da durchaus schon andere Erfahrungen. Manche Typen haben der beim Tui Shou schon gezielt an die Hupen gegriffen und sich anschließend feixend entschuldigt, was sie sehr sauer gemacht hat. Kann ich verstehen, wäre ich auch. In der Tat gibt es sogar einen umgangssprachlichen Ausdruck für solche erschlichenen intimen Kontakte, nämlich 吃豆腐, Tofu essen. Kann in einer abgeschwächten Form aber auch „flirten“ oder „anbaggern“ heißen.
Da wir gerade beim Thema Umgangssprache und Kampfkünste sind: Der Stil, den der Oster so gerne kreisend übt, 八卦, Bagua bezeichnet in der Umgangssprache auch „lästern, tratschen.“ Tja, Oster, da musst du in deinem blog beim nächsten Wudang- Aufenthalt schon etwas konkreter werden, ob du jetzt gerade zirkulierst oder tratscht.
Der Park schließt und wir quatschen noch ein wenig. Wenn es morgen früh nicht regnet, kommt Xiao Lu auf jeden Fall. Dann würde es richtig voll, sagt er. Neun Leute: Meister Wu, er, ich, Rose und ihr Kumpel Wang Ming Bo, die Zappelmaid und Hackfresse und die anderen Namen kriege ich nicht mit. Wang Ming Bo kommt auch? Warum das denn, der übt doch Yang Stil? Das weiß Xiao Lu jetzt auch nicht. Aber angesichts dieser Tatsache ist nach dem Training mal wieder ein üppiges Festmahl zu erwarten, weswegen das Nachmittagstraining wahrscheinlich ausfällt.
Auch gut, Wang Ming Bo ist echt lustig und den habe ich seit April nicht mehr gesehen und lecker Essen ist immer gut. Auch wenn ich lieber trainiert hätte.

Abends:

Kaufe mir bei Carrefour vegetarische Jiaozi, bereite diese zu und lerne anschließend chinesisch. Chat mit Ali, in Mainz ist Johannisfest. Da wäre ich jetzt gerne auch, es gibt halt Dinge, die man fern der Heimat schmerzlich vermisst. Morgen kickt Deutschland gegen die Engländer, hoffentlich kommt es zum Elfmeterschießen, denn dann gewinnen wir bestimmt. Beginne, ernstlich über einen Heimaturlaub nachzudenken, sollten wir ins Finale kommen.

27.06.2010, Sonntag

Vormittags:

Es scheint nicht zu regnen, also mache ich mich fertig. Rette meine Abendbrot- Lieferung, als ich das Haus verlasse, beginnt es zu nieseln. Als ich am Park ankomme, gießt es in Strömen. Mache mir gar nicht erst die Mühe, den Park zu betreten sondern drehe gleich um zur nächsten Bushaltestelle. SMS vom Meister, es regne, heute kein Training. Ja, das habe ich mir fast gedacht.
Zu Hause schaue ich mir Ip Man 2 auf chinesisch mit grotesken englischen Untertiteln an. Eher laue Handlung, aber sehr gut choreographierte Kampfszenen.
Draußen gießt es in Strömen und es gewittert, so sieht also die berüchtigte Pflaumenregen- Saison aus. Offiziell hat diese hier in Shanghai am 17. Juni begonnen und soll etwa drei Wochen dauern. Danach sind dann Temperaturen um die 36- 40° zu erwarten. Im Süden chinas gibt es bereits schwere Überflutungen. Ying hat mir geraten, wegen der dann hohen Luftfeuchtigkeit Entfeuchter zu besorgen, die im Kleider- und Lebensmittelschrank aufgestellt werden, damit die Klamotten und Nahrungsmittel nicht vergammeln. Habe ich natürlich sofort gekauft, schließlich habe ich keine Lust auf muffige Klamotten. Momentan aber sehe ich noch nicht die Notwendigkeit, die Entfeuchter zu installieren.
Sieht so aus, als ob es sich einregnet, brühe mir einen Kaffee und mache meine Chinesisch- Hausaufgaben fertig.

Nachmittags:

Überraschenderweise klart es Mittags ein wenig auf, vielleicht geht ja was mit Training? Mache mich also in den Park auf, leider selber Effekt wie heute morgen. Warte trotzdem zehn Minuten auf Xiao Lu, vielleicht war der ja schon unterwegs? Dann könnten wir wenigstens Tee trinken gehen. Xiao Lu kommt natürlich nicht, kann ich ihm auch nicht verübeln. Macht nichts, muss sowieso noch einkaufen gehen.
Im E- Mart ist ein für China bei Regen typisches Phänomen zu beobachten: Am Eingang des Supermarkts steht ein Scherge mit länglichen Plastiktüten, in die die nassen Regenschirme der Käufer eingetütet werden. Bin immer wieder erstaunt, für was dieses Riesen- Land alles Arbeitskraft an den Start werfen kann.
Gönne mir Olivenöl und Balsamico- Essig, da kann ich mir heute zum Abendessen einen leckeren Salat machen. Basilikum oder Limetten gibt es keine, wird aber auch so gehen. Kartoffeln und Eier habe ich ja noch, also Tortilla mit Tomatensalat und dazu einen Chardonnay, da lässt sich gut gestärkt Fußball schauen.

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