Dienstag, Juni 08, 2010

练功第二 – Training #2

05.06.2010, Samstag

Verpenne prompt Lilos Abreise und bin dann zu deprimiert zum Vormittagstraining. Kaufe statt dessen ein, vielleicht kann ich ja das leckere Doufu- Gericht irgendwie nachbasteln. Gut Essen ist bei Frust immer sehr hilfreich.
Schleppe mich nachmittags in den Park, über meinem Haupt hängen dunkle Wolken. Weil ich so schlecht drauf bin, will nichts so recht klappen und meine Stände sind ziemlich wackelig. Irgendwann kullern mir doch ein paar Tränen aus den Augen, Xiao Lu denkt, das sei wegen meines Versagens. Ich erkläre ihm, dass ich gestern so einen Klasse- Abend mit Lilo und Tori hatte und es jetzt mindestens vier Monate dauern würde, bis ich meine Freunde oder meine Heimat wieder sähe. Und ich sehr traurig sei, das Lilo jetzt weg wäre. Mein großer Bruder nickt verständnisvoll. Na ja, aus diesem Grunde habe er halt keine engen Freunde. Außer mir natürlich. Dann täte es auch nicht so weh, wenn man Abschied nehmen müsse. Auch eine Art, die Dinge zu betrachten. Ob er denn nicht oft einsam wäre? Doch, schon, aber da gewöhne man sich dran. Die meisten Leute hielten ihn sowieso für nicht ganz richtig im Kopf, weil er so intensiv übe. Es folgt ein sehr langes Gespräch über Einsamkeit, Freundschaft und mal wieder den Unterschied zwischen Deutschland und China.
Danach geht es mir dann besser und mit Tuishou klappt es auch halbwegs.

Skype mit Ali, der mir von Spargelorgien berichtet. Mehrere Ausgaben des „Spiegel“ hat er mir per Post geschickt, freue mich auf ein Päckchen aus der Heimat. Schade, dass man Spargel nicht auch verschiffen kann. Aber jetzt bin ich wieder einigermassen gut drauf.

06.06.2010, Sonntag

Vormittags:

Xiao Lu ist nicht im Park, also setzte ich mich auf ein sonniges Bänkchen, schaue den Schwertdamen zu und lese ein wenig. Meister Wu schlendert gut gelaunt herbei, als wir mit den Einzelbewegungen beginnen, keucht auch atemlos die kleine Zappelmaid heran. Kaum dass wir begonnen haben, kommt ein alter Bekannter des Meisters vorbei, mit dem er dann auch ausgiebig quatscht. Wir sollten dann mal schön weitermachen, weist er uns an. Kein Problem für mich, denn ich kann ja schon die meisten Einzelbewegungen, aber die Zappelmaid ist ganz schön überfordert. Sie fingert an ihren Schuhen rum, rennt dauernd zu ihrer Tasche und schaut auf ihr Phon und macht ihrem Namen alle Ehre. Die Blöße, mir die Bewegungen einfach nachzumachen, will sie sich ja auch nicht geben. Als absehbar wird, dass Meister Wu heute in Plauderstimmung ist, fügt sie sich zähneknirschend in ihr Schicksal. Korrigieren tue ich sie natürlich nicht, fühle mich dazu nicht befugt. Aus den Augenwinkeln nehme ich den hässlichen jungen Typen wahr, der mit dem wohl albernsten Strohhut, den ich je gesehen habe, anschlurft. Hackfresse plaudert erstmal mit der Maid, die über diese willkommene Ablenkung ganz froh ist. Wir laufen eine Schrittfolge, dann tritt ein eigentlich ganz sympathischer junger Mann schüchtern an den Meister heran. Er übt Pigua und hätte gerne mal des Meisters Meinung zu diversen Übungsmethoden gewusst. Natürlich darf er mal eine Probe seines Könnens geben und jetzt ist Meister Wu in seinem Element. Die nächsten eineinhalb Stunden wird nur doziert, zwischendurch wird mein Yingquan unter den kritischen Blicken etlicher fachkundiger Zuschauer korrigiert. Und da ist der Meister natürlich jetzt besonders penibel, kann ihm nichts recht machen. Ein Übergang in einen Stand auf einen Bein ist ihm nicht schwungvoll und hoch genug, so werde ich zur Demonstration erstmal farblos von den Beinen geholt. Aua. Ist aber ganz in Ordnung so, ich lerne was und der Meister steht gut da. Damit er noch besser dasteht, übe ich weiter, während Meister Wu den jungen Mann belehrt. Hackfresse hat seinen Strohhut an einen Baum gehängt und übt für sich Einzelbewegungen. Trotzdem für mich eher langweilig und unbefriedigend, denn einen großen Teil der Geschichten kenne ich schon und wegen meines miesen Chinesisch entgehen mir wichtige Details, die ich mir aber trotzdem aufschreiben lasse. Kann mir Ying ja dann übersetzen.
Zum Vorführen der Form schickt der Meister sein zur Zeit bestes anwesendes Pferd im Stall, nämlich mich, an den Start. (Warum ist der blöde Xiao Lu auch nicht hier!) Wieder heftige Kritik, aber als der Meister, ich und die Zappelmaid anschließend einen Teil der Form gemeinsam vorturnen, stehe ich wohl nicht mehr ganz so schlecht da.
Da er noch unbedingt Anwendungen demonstrieren will, muss Hackfresse ran. Frauen werden eher ungern verdroschen, obwohl auch ich schon einige üble Tritte und Hiebe kassiert habe. Klatsch, Peng, Bums, kann gar nicht so schnell gucken, der Meister sagt „Buhaoyisi“ (Entschuldigung), die Umstehenden machen „Oooooh“ und Hackfresse blutet aus der Nase. Die Maid zirpt leise Laute des Bedauerns und zappelt zu ihrer Tasche, aus der sie Papiertaschentücher kramt, während Hackfresse cool und kerlig abwinkt. Jungs, nichts wirkt auf eine Frau abtörnender als ein Verehrer, dem blutige Papiertaschentücher aus dem Rüssel hängen, während seine Rübe von einem albernen Strohhut gekrönt wird.
Nach dem Training meint der Meister, für mich sei das ja heute eher unbefriedigend gewesen und er und der eifrige Fragesteller entschuldigen sich. Macht doch nichts, mei guanxi.
Anscheinend sind für Chinesinnen nasenblutende Verehrer doch nicht so ganz unsexy, den die Maid und Hackfresse verschwinden ziemlich schnell gemeinsam, warum, kriege ich so schnell nicht mit. Vielleicht will sie seine Wunden pflegen.
Auf dem Weg zum Ausgang meint der Meister, jetzt müsse ich aber sehr dringend an der Ausführung und der richtigen Haltung der einzelnen Positionen von Ying Quan arbeiten, das Grundgerüst stehe ja jetzt. Lilo wird noch mal lobend erwähnt, auf den Fotos von der Kranich- Aufführung habe sie eine sehr gute Haltung. (Für die Sinologen: Der Begriff ist
架子, Jiazi, ziemlich komplex). Ja, bin wild entschlossen.

Nachmittags:

Xiao Lu wird erstmal schadenfroh berichtet, dass Hackfresse sich heute morgen eine blutige Nase geholt hat. Der lacht schallend und ist ganz offensichtlich hoch erfreut. Hackfresse pflegt wohl regelmäßig in der Spielhölle von Mrs. Xiao Lu abzuhängen und ihm dummes Zeug ins Ohr zu drücken, was ihm ordentlich auf den Zeiger geht. Bestimmt käme der auch heute Abend, um ihm was vorzujammern. Xiao Lu meint, Hackfresse wäre wohl eher schlichten Gemütes und habe was an der Klatsche. Was der denn arbeiten würde? Na, nichts. Das sei aber für chinesische Jugendliche ohne Hochschulabschluss nicht ungewöhnlich. Wenigstens ist Xiao Lu´s Göre unter, die verkauft jetzt Kosmetika in einem Kaufhaus.
Nach dem Geläster bin ich gut drauf und freue mich. Diesmal vertiefen wir eine Schrittfolge namens „Lü“, die eigentlich nicht sehr kompliziert aussieht, aber ganz schnelle Gewichtswechsel und Schläge enthält. Also doch sehr kompliziert ist. Xiao Lu will natürlich, dass ich die ganz schnell und mit Fajing laufe, steht hinter mir und zählt mit, ich komme ganz schön ins Schwitzen. Er meint immer, ich soll mir das wie Walzer oder so vorstellen. Hier treffen traditionelle chinesische Trainingstechniken und deutscher Perfektionsdrang aufeinander, von keinem anderen Mann der Welt würde ich es mir gefallen lassen, mit einem Stock gehauen zu werden.
Zwischendurch kommen wir mal auf das Eheleben in unseren jeweiligen Ländern zu sprechen, wurde heute Nachmittag Zeugin eines heftigen Streites, Dinge gingen in der Wohnung über mir zu Bruch und flogen aus dem Fenster. Na ja, im Westen sei es doch üblich, dass die Typen mit ihren Kumpels söffen und anschließend ihre Weiber vertrimmten, meint Xiao Lu. Gott, was zeigen die hier denn im Fernsehen?! Im China sei das nicht so. (Halte ich für ein Gerücht. Vielleicht denkt er, ich sei wegen meines saufenden und prügelnden Ehemannes nach Shanghai geflüchtet?) Todernst sage ich, das sei keineswegs so. In Deutschland würden vielmehr die Weiber ihre Gatten verdreschen und zwar, ohne zu saufen. Das habe ich in Shanghai auch schon öfters beobachtet und sei ganz froh über diese kulturelle Gemeinsamkeit. Xiao Lu wird blass. Nein, nein, nein, stimmt so nicht! (Dazu muss man mal sagen, dass in China die Shanghaier Männer den Ruf haben, unter dem Pantoffel zu stehen). Natürlich sind die Shanghaier Männer jederzeit Herr der Lage. Ja, klar.
Nach der intensiven Korrektur durch Meister Wu heute morgen ist er denn mit Ying Quan auch recht zufrieden und meint, das sei meine beste Form, besser als Taizu. Sehe ich zwar nicht so, aber ich denke, diese Form ist auf dem Weg, meine beste zu werden.
Bald wird hier in Shanghai der Pflaumenregen einsetzen, ein Monat Hitze und ununterbrochen Regen, also kein Training. Bin deswegen etwas traurig, nicht so schlimm, meint Xiao Lu. Dann kommt er halt mal wieder vorbei und wir können Tuishou üben. Auf einmal scheint der Pflaumenregen nicht mehr so unerfreulich. Nächste Woche mal wieder Samstag und Sonntag arbeiten, dafür haben wir dann wegen des Drachenbootfestes drei Tage hintereinander frei. Hoffentlich fängt die Regenzeit nicht gerade dann an.

Zu Hause versuche ich das Jiachang Doufu zu basteln, aber statt hübsch knusprig zu werden schrumpft das Zeug nur. Esse trotzdem auf und habe anschließend Magenschmerzen. Wische meine Bude auf und habe immer noch schwarze Krümel unter den Füßen. Wegen des guten Wetters habe ich Tag und Nacht die Fenster geöffnet und meine Wohnung dreckt schneller ein, als man „Spundekäs“ sagen kann. Habe die Schnauze voll, eines ist klar: Eine Ayi muss her!

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