Donnerstag, Juni 30, 2011

Aint no Party like the Chinese Communist Party


Am 1. Juli 1921 wurde die CCP in Shanghai gegründet. Also morgen vor 90 Jahren.
Heute befindet sich in dem unscheinbaren, aber hübsch in Schuss gehaltenen Gründungsort ein kleines Museum, direkt daneben der schick renovierte Konsumkomplex Xintiandi („Neue Welt“) mit Paulaner, hippen Kneipen und Luxusläden. Wenn das der Große Vorsitzende noch hätte erleben müssen!
Hätte ja ein wenig mehr Feierlichkeiten erwartet, zu mindestens hätte man uns gefälligst mal einen Tag frei geben können. Aber nein, nur blöde patriotische Gesänge im Fernsehen, muss das in der Metro jeden Tag ertragen. Besonders tut sich dabei Jackie Chan hervor, der mir langsam so richtig unsympathisch wird. Wo bleiben die Feuerwerke, die Paraden, die jubelnden Volksmassen? Da hätten wir Shanghaier doch mal richtig Gas geben müssen. Das toppen, was die blöden Beijinger zum 60. Jahrestag der Republikgründung 2009 abgezogen haben, wäre doch das Mindeste gewesen. Aber nein, alles, was uns einfällt ist ein wenig mehr Gefunkel als sonst. Demütigend! Naja, vielleicht geht ja morgen doch noch so richtig was. Jedenfalls Herzlichen Glückwunsch.

Mittwoch, Juni 29, 2011

出差 – Dienstreise

Werde gemeinsam mit meinem anderen deutschen Kollegen Paul, unserem völlig verpeilten chinesischen Projektleiter Peter und Sophia, der Übersetzerin nach Sanya zur Präsentation zweier Projekte geschickt. Abflug 6:30, aber gut, es gibt schlimmere Dienstreisen. Kommen um 10.00 an und lassen uns erst mal durch sämtliche Luxushotels der Insel karren, Recherche. Erster Stopp Mandarin Oriental, Peter und Sophia sind beeindruckt. Peter kapiert endlich, was schlichte Eleganz heißt und dass Luxus nicht automatisch mit Kitsch und dick auftragen verbunden ist.
Schickes Hotel, Sophia und ich teilen uns eine sogenannte Luxus- Suite. Natürlich kriege ich das Zimmer mit Meerblick, ihres hat eher Katastrophen- Aussicht. Tja, Scheiße, wenn man in der Hackordnung unten steht. Paul und mir fallen in der Besprechung fast die Augen zu, ziemlich schnell ist klar, dass wir mal wieder die Vorzeige- Langnasen geben. Für unsere in Nachtschicht zusammengekloppte Präsentation interessiert sich kein Mensch. Auch gut. Wenigstens ist das Essen echt lecker und das Hotel nicht übel, abends entspannen Paul und ich bei einem Cocktail, bis die Ruhe von dem hektischen Peter gestört wird. Lange Gespräche, Peter scheint das alles jedenfalls ungemein konstruktiv zu finden und ist glücklich.
Überraschend geiles Frühstück im Hotel, blöd, dass Paul und ich nur eine halbe Stunde dafür vorgesehen hatten, konnte ja keiner ahnen. Wir hauen ordentlich rein während die chinesischen Kollegen irgendwo anders frühstücken und werden anschließend von lustigen Typen, deren Verhältnis zu unserem Büro immer noch unklar ist, mit Sophia zu unserem Baugelände gekarrt. Peter hat zum Glück einen anderen Termin. Natürlich alles staubig, während Paul und ich eher pragmatisch angezogen sind, hat Sophia sich voll in Schale geschmissen und erleidet wahrscheinlich einen inneren Heulkrampf, weil ihre rosa Bommelschuhe gerade ziemlich dreckig und außerdem noch von einem auf dem Gelände umherstreunendem Schäferhundrüden mit etwas unschönem Interesse gewürdigt werden.
Unser Nachmittagstermin fällt aus und Peter ist glücklicherweise noch beschäftigt, weswegen Paul und ich an den Strand können. Sophia muss wohl oder übel mitmachen, sie erwirbt hektisch ein flottes Badekleidchen in schwarz und pink. Leute, ich rede hier nicht von einem pragmatischen Badeanzug, wie wir den von zu Hause kennen. Nein, das ist ein Teil mit angearbeitetem Röckchen, in dem sich Sophia aber immer noch sehr entblößt zu fühlen scheint. Unser netter Fahrer, Herr Zhao, stellt uns Handtücher und einen Schwimmring für Sophia bereit, wir beiden dürfen uns in einem seiner untervermieteten Appartements umziehen. Paule hat seine Schwimmsachen praktischerweise schon morgens angelegt. Während ich schon sämtliche Hüllen fallen lasse, muss Sophia die Tür zuschubsen und dreimal verriegeln. Bin schon längst umgezogen, als Sophia sich vorsichtig entblättert, unter der Schwimmbekleidung lässt sie natürlich die Unterhosen an. Wahrscheinlich bin ich in ihren Augen voll die schamlose Sau, weil ich a) einen Bikini trage, b) mich bei geöffneter Tür (wenn auch außerhalb des Blickfeldes) umgezogen habe und c) unter meiner schier obszönen frivolen Badebekleidung keine Unterwäsche trage. Sie realisiert, dass sie ihre schicken Alltags- Hosen nicht über ihr Kleidchen kriegt, ich versichere, das sähe aber aus wie ein ganz schicker Minirock und sie habe eine ganz tolle Figur, was ja noch nicht mal gelogen ist. Mann, sind Chinesinnen verklemmt!
Rede auf sie ein wie auf ein krankes Pferd, schließlich dackeln wir drei in Richtung Strand, Paul und ich vorneweg, Sophia mit ihrem gelben Schwimmring hinterher. Der gute Herr Zhao gibt uns noch Getränke und superleckere Mangos mit, wirklich ein ganz netter Mensch, wie die meisten Chinesen.
Wegen Sophia müssen wir einen Platz im Schatten suchen, die garstigr Sonne könnte ja die zarte Haut verbrennen oder gar bräunen. Wir müssen ganz schön laufen, bis wir einen Ort finden, der nicht von Fischern belegt ist.

Abhängen am Strand, Paul versucht mit mäßigem Erfolg Sophia schwimmen beizubringen. Wir genießen die Sonne, die Natur und die Ruhe, am Strand ist bis auf ein paar Netze flickenden Fischer und gelegentlicher Flaneure kein Mensch. Klar, die Chinesen kommen ja auch erst abends an den Strand, wenn die böse Sonne weg ist. Und schwimmen können die in der Regel sowieso nicht. Obwohl man Sanya nicht gerade als Traum bezeichnen kann, ist es doch nett, mal Shanghai und dem hektischen Leben dort zu entfliehen und im Meer schwimmen zu können.
Interessant auch, dass der chinesische Herr im Gegensatz zu den Damen deutlich freizügigere Badebekleidung bevorzugt. Nämlich Speedos. Als wir Sophia erklären, wir Westler fänden das ziemlich schwul und kein Mann, der etwas auf sich hielte, würde bei uns mit sowas rumlaufen, ist mal wieder schamhaftes Gekicher angesagt. Sie findet Speedos sexy. Ach ja, was sind unsere Kulturen doch verschieden!
Nach drei Stunden bezahlten Abhängens eine schnelle Dusche (Sophia kann sich zu ihrer übergroßen Erleichterung ungestört umziehen) und dann ab an den Flughafen. Jede Menge Reisegruppen in identischen Hawaiihemden, die mit lokalen Spezialitäten beladen sind und sich gegenseitig fröhlich fotografieren. Lustiges Volk.
Um Mitternacht sind wir endlich wieder zu Hause in Shanghai. Wie schon gesagt, es gibt echt schlimmere Dienstreisen.

Sonntag, Mai 15, 2011

斯蒂芬妮第二 – Stefanie #2

21.04.2011, Donnerstag

Verfolge gespannt im Netz Stefanies Flugstatus. Sie landet pünktlich und informiert mich zügig per SMS über ihre Ankunft. Als ich völlig aufgeregt nach der Arbeit die Tür aufschließe, freundet sie sich gerade mit Sieder an und bespielt ihn mit einem neuen, von Ali geschickten Fellmausi. Der Kater ist natürlich begeistert. Geschenke meiner Lieben werden übergeben, geiles T- Shirt und eine raffinierte Kette von Ali, Ferrero Küsschen von der guten Elli. Und meine Schwiegermutter hat einen Brief geschrieben. Bin gerührt.
Wir speisen beim Uiguren um die Ecke, besorgen im E- Mart das Nötigste und quatschen in meiner Küche bis spät in die Nacht. Schließlich haben wir uns jetzt acht Monate nicht gesehen und Skype ist hier in China wegen oft wegbrechender Verbindungen einfach nervig. Scheiß- GFW. Aber Stefanie will ja morgen trainieren und ich muss arbeiten, deswegen gehen wir dann irgendwann doch ins Bett.

22.04.2011, Freitag

Schleppe mich hundemüde, aber glücklich auf die Arbeit, Stefanie hat für heute früh schon einen Massagetermin klar gemacht. Und anschließend trifft sie den Meister im Volkspark. Ihren Trainingsfummel hat sie in Deutschland vergessen, macht ja nichts, dann kriegt s
ie halt einen von mir. Hauptsache, sie hat die mir zugedachten Geschenke alle in ihren Koffer gekriegt.
Abends gehen wir in einem schlichten, aber guten Restaurant an der Tongji- Universität essen und dann in einer netten Kneipe nebenan noch einen trinken. Fieser Temperaturabfall, Stefanie muss mir leider eine meiner dickeren Jacken mitbringen. Felix und zwei Freunde von ihm stoßen später dazu, netter Abend. In der Kneipe gibt es ein Aquarium, in dem träge Quallen ihre leuchtenden Bahnen ziehen. Geil! Das muss ich Ali unbedingt zeigen, wenn er mich das nächste Mal besuchen kommt. Sehr spacig und die Musik passt auch dazu. Wieder lange Küchengespräche, während Stefanie wegen der Zeitverschiebung richtig aufdreht, baue ich nach einer superstressigen Arbeitswoche voll ab. Egal, meine beste Freundin kommt ja nur einmal im Jahr, da will die gemeinsame Zeit gut genutzt sein. Dass irgendwie gerade Ostern ist, geht voll an uns vorüber.

23.04.2011, Samstag

Vormittag

Stefanie begibt sich zum Training in den Park, während ich komatös im Bett bleibe. Sieder erweckt mich zwar schon früh mit kernigen Pfotenhieben, aber nach der Raubtierfütterung kuschelt er sich friedlich ein und sieht sich die letzten Folgen von „Desperate Housewives“ mit mir an. Xiao Lu ist mit ein paar Freunden bis Dienstag nach Tian Mu Shan gefahren, also haben wir den Nachmittag frei. Die Temperaturen haben wieder angezogen und die Sonne scheint, was will man mehr.

Nachmittag:

Wir besuchen den Konfuzius- Tempel und bummeln durch die Altstadt. (Die richtige Altstadt, nicht die Drosselgasse- Version am Yu Garten). Buntes Treiben auf der Straße, gackernde Hühner und interessante Dinge, die zum Verzehr feilgeboten werden. Viecher wie Frösche, Tauben und Schildkröten sowie alle Arten von Fischen sind ja eindeutig zu bestimmen, aber bei man
chem Obst und Gemüse muss ich passen.
Anschließend Tianzifang, Alis Schuhe sind fertig und selbstverständlich finden sich wieder nette Sachen, die unbedingt käuflich erworben werden müssen. Da denkt man immer, man habe schon alle coolen Taschen/ Jacken/ T- Shirts/ Schals etc. dieser Welt, aber natürlich stolpert man doch wieder über das eine oder andere. Nachdem wir uns mit Grüntee- Eis, Pizza und Alkoholika gestärkt haben, bemerken wir auf dem Weg nach draußen einen Taschen- Laden, der gerade bestückt und wohl morgen eröffnet wird. Erstehe eine Wahnsinns- Tasche, die auf den ersten Blick mit floralen Mustern bedruckt zu seien scheint, die sich aber bei näherem Hinsehen als Totenschädel entpuppen. Und was für Farben! Bin die erste Käuferin, die Besitzer sind glücklich und verpacken meine Beute sehr liebevoll. Stefanie liebäugelt mit einer Tasche in Lila mit einer knallgrünen Libelle, ist aber denn doch kaufunlustig.

24.04.2011, Sonntag

Vormittag:

Wunderschönes Wetter, Training mit Meister Wu, bin glücklich. Wegen Stefanies Hüftproblemen hatte der Meister ihr eine Massage angeboten, da Rose auch da ist, wird dieses Thema vertieft. Nach einigem Hin und Her Verabredung zur Massage am Mittwoch. Eigentlich war erst meine Behausung anvisiert, schließlich einigen wir uns doch auf Rose´s Wohnung, da sie eine anständige Massageliege besitzt und für uns kochen möchte. Auch wenn ich meinen Meister sehr gerne zu mir eingeladen, bewirtet und ihm meine Katze vorgeführt hätte, fällt mir ein richtiger Berg vom Herzen. Denn erstens ist meine Wohnung nicht sonderlich groß, zweitens kann ich keinen angemessenen Platz zum Massieren bieten und drittens nicht gut chinesisch kochen.

Nachmittag:

Wir fahren nach Zhoujiajiang, einem kleinen Wasserdorf in der Nähe. Gut mit dem Bus zu erreichen und jetzt im Frühling besonders nett. Mit Ali war ich im Winter da, mit Stefanie zusammen das letzte Mal im Rahmen des China- Camps im Dezember 2007.
Damals hatte sie hier die Erhu erworben, die auf dem Rest der Reise als „Arschgeige“ verunglimpft wurde. Heute ein ganz anderes Bild, alles blüht und ist grün. Interessante Erfahrung. Wir lassen uns mit einem Boot durch die Kanäle rudern, erstehen Haarpfeile, Armreifen, niedliche Notizbücher und coole Becher aus Bambus. Essen in einem kleinen Restaurant an einem der Kanäle, ich schaffe es, meine Sonnenbrille dort zu vergessen. Gut, die war jetzt nicht teuer, aber da mir Brillen generell nicht stehen und ich diese eigentlich ganz gerne mochte, ärgerlich.

25.04.2011, Montag

Stefanie hat sich bereit erklärt, mit Sieder zum Tierarzt zu fahren. Um deutscher Staatsbürger zu werden, braucht der Kater eine Tollwutspritze vom chinesischen Amtstierarzt sowie einen EU- tauglichen Mikrochip. Nach einem Monat Wartezeit kann dann sein Blut entnommen werden, dass dann zwecks Titerbestimmung an ein Labor in Deutschland geschickt werden muss. Sind die Werte in Ordnung, muss das Tier drei Monate warten, bevor es in die EU einreisen kann. Schritt eins und zwei hatte ich im Februar schon hinter uns gebracht, ich muss sagen, dass die Mitarbeiter der Shenpu- Klinik (Amtstierarzt) sehr behutsam und sensibel mit meinem kleinen Kater umgegangen sind. Soll nochmal einer sagen, Chinesen hätten kein Herz für Tiere! Also wird heute ein Termin bei einer deutschen Tierärztin ausgemacht, die dann Freitag die Blutentnahme durchführen wird. Nicht ganz einfach, denn die Tierärztin erfreut sich unter den Shanghaier haustierbesitzenden Expats großer Beliebtheit.
Wir treffen uns abends im Barbarossa, die Zeit ist knapp und wir müssen alle unsere Stammkneipen abfrühstücken. Mittlerweile steht Stefanie dem Taxifahren auch nicht mehr so skeptisch gegenüber, nachdem sie erkannt hat, dass die meisten Taxiborgs meine Adresse zügig erkennen. Und die alte Hüfte will ja auch nicht mehr so, da ist es natürlich nett, wenn man direkt vor die Haustür chauffiert wird und nicht von der Metrostation noch nach Hause laufen muss.

26.04.2011, Dienstag

Super warm und schwül in Shanghai, heute Abend ist dann Sashas dran, nicht wirklich weit von meiner Arbeitsstelle entfernt. Grandiose Steinofenpizza, Stefanie und ich lechzen beide schon danach. Unabhängig voneinander verlaufen wir uns aber beide absolut blöd in der French Concession, nachdem ich zum zweiten Mal an der schwer bewachten amerikanischen Botschaft vorbeitigere und von einem Typen, der mit einem Hochdruckreiniger die Straße säubert, fast in den Rinnstein getrieben werde, bin ich kurz vorm Aufgeben. Stefanies Telefon ist abgeschaltet, habe nicht übel Lust, in das nächste Taxi heimwärts zu springen. Wie durch ein Wunder stehe ich plötzlich vor dem Sashas, ergattere einen hübschen Tisch im Garten und ordere mein Lieblingsgetränk. Kurze Zeit später hetzt auch schon Stefanie heran, der Abend ist gerettet. Lecker Pizza, Happy Hour auch noch ausgenutzt: Erfolg auf ganzer Linie.

27.04.2011, Mittwoch

Xiao Lu ist wieder da und so kommt Stefanie in den Genuss von zwei Trainingseinheiten pro Tag. Abends kocht Rose für uns, vorher wird Stefanie von Meister Wu massiert. Bestimmt keine angenehme Angelegenheit, aber eine große Ehre. Zhen Rui ist auch noch eingeladen, als ich nach langem Suchen endlich Roses Wohnung finde, ergötzen sich die Herren an einem Western mit Clint Eastwood und Rose rotiert in der Küche. Blöderweise ist ihr das Salz ausgegangen, so dass sie improvisieren muss. Finde ihre Speisen trotzdem sehr gelungen, auch wenn die beiden chinesischen Feinschmecker anscheinend anderer Meinung sind. Ich jedenfalls hätte das nicht so hinbekommen.

28.04.2011, Donnerstag

Heute abend kocht Meister Wu, freue mich schon den ganzen Tag auf diesen Festschmaus. Gestern
bei einer Zigarette im Treppenhaus bei Rose hatte er mir verschwörerisch zugeraunt, er habe auch mehrere Flaschen guten Schnapses am Start. Da ich die Neigung der Chinesen zu schamlosen Übertreibungen und Ausschmückungen kenne, hatte ich das allerdings nicht so ernst genommen.
Xiao Lu holt mich mit seinem schicken neuen Motorroller an der Metrostation ab, genieße diese kurze Fahrt.
Da Wujie geladen ist, darf Rose von dieser Einladung nichts wissen, muss doch echt mal erheben, was diese beiden eigentlich für Probleme miteinander haben.
Da gibt es nämlich wilde Gerüchte. Lederhut, der den Start ins Tigerjahr mitgefeiert hatte ist auch mit dabei, heute allerdings eher lässig gedresst. Im Laufe des Abends und mit steigendem Alkoholpegel scheint er immer mehr Gefallen an mir zu finden, was ich umgekehrt nicht behaupten kann. Richtig heißt er Gu Yuanfu oder so und übt im Volkspark Chen- Stil. Und geschieden ist er auch.
Außer uns nehmen noch natürlich Xiao Lu, Jeremy, Zhen Rui und zu meiner Überraschung auch die Zappelmaid an dem Schmaus teil. Der Schnaps fließt dann tatsächlich in Strömen und die Zappelmaid entpuppt sich als kernige Säuferin. Zwar kichert sie immer mädchenhaft und behauptet, angeschickert zu sein, aber ich ha
be bis jetzt noch keine chinesische Frau derartig kippen sehen. Das kleine Luder toppt ja fast Stefanie und mich und das will schon was heißen. Unfassbar. Aufgetischt wird wieder, bis die Schwarte kracht, zu meiner Freude auch das Doufu nach des Meisters Art. Mmmmh, lecker! Im Gegensatz zu sonst wird nach dem Essen nicht gesittet zum Teetrinken übergegangen, sondern fröhlich weiter gesoffen. Und zwar alles, was das Haus zu bieten hat. Jeremy und Zhen Rui geraten in eine heftige Diskussion, die Stefanie noch ein wenig anstachelt. Ich kriege davon eher wenig mit, weil ich mich mit Xiao Lu über Snooker unterhalte, ein Spiel, dass er sehr zu schätzen scheint und das gerade im Fernsehen übertragen wird. Ein dicklicher Shanghaier besiegt gerade einen hässlichen Engländer. Stefanie und ich sind noch voll Herrinen der Lage und auch die Zappelmaid kann noch aufrecht stehen und sich klar artikulieren, was man von Lederhut nicht gerade behaupten kann. Tatsächlich bringt er es fertig, sich beim Anstoßen mit Meister Wu ein Glas Rotwein über das blütenweiße Sweatshirt zu kippen und kramt alle seine Englischkenntnisse hervor, um lallend mit Stefanie und mir Konversation zu machen. Für mich ist das noch schwerer zu verstehen, als wenn er gleich chinesisch gesprochen hätte. Aber auch ich erlebe meinen Moment der Schande: Stoße fröhlich mit Zhen Rui an und äußere enthusiastisch auf chinesisch, wir seien nicht nur Tongbei- Geschwister, sondern auch gute Freunde. Verständnisloser Blick, der neben mir sitzende Xiao Lu wiederholt mich wortwörtlich, nur anscheinend in den richtigen Tonhöhen. Wie demütigend. Aber Zhen Rui freut sich. Mann, wahrscheinlich kommt mein Chinesisch für die so rüber wie das Säuferenglisch von Lederhut. Wenn meine Grammatik auch besser ist.
Wir brechen zu später Stunde auf, blöderweise wohnt Lederhut in der Linping Lu nicht weit von uns entfernt und so wir teilen uns ein Taxi. Natürlich kriegt er es weder auf die Reihe, eines einzufangen beziehungsweise dem Fahrer korrekt über unser Ziel anzuweisen, so dass ich das tun muss. Unterwegs muss ich mir sein Gebrabbel anhören und so oft seinen Namen wiederholen, bis er zufrieden mit der Aussprache ist. Lasse den Fahrer dann in der Chifeng Lu halten, Lederhut muss ja nicht wissen, wo genau ich wohne. Will ihm die Kohle für unsere Strecke geben, was er ritterlich und lautstark ablehnt. Bewerfe ihn anschließend mit einen 20,- Yuan Schein und wir springen Höflichkeitsfloskeln artikulierend aus dem Taxi. Stefanie und ich trinken in der Küche noch einen Absacker, lassen den Abend Revue passieren, schauen Fotos und lachen uns scheckig.

29.04.2011, Freitag

Vormittags fährt Stefanie mit Sieder zur Tierärztin. Bin auf der Arbeit total nervös, hoffentlich geht alles glatt und das Vieh lässt sich anstandslos einfangen. Vor meinem inneren Auge sehe ich meine Wohnu
ng total lädiert und meine Freundin mit tiefen, heftig blutenden Fleischwunden vor mir. Die beiden haben um 10.00 ihren Termin, um 12.00 die erlösende SMS: Alles OK. Rufe Stefanie gleich an lasse mir alles schildern. Bin ein wenig stolz, dass die Tierärztin meinen Kater wohl auch außergewöhnlich schön fand. Ja, bei Männern bin ich wählerisch.
Nach all den Strapazen der letzten Woche und vor allem des heutigen Tages sinken wir ermattet bei Wein und Knabbereien vor dem Fernseher nieder und gönnen uns einen ruhigen Abend.

30.04.2011, Samstag

Schlafe aus, während Stefanie trainiert. Nachmittags treffen wir Xiao Lu, der mich dann auch gleich fragt, ob ich denn schon mit Meister Wu über den weiteren Verlauf unseres Nachmittagstrainings gesprochen habe, wenn Stefanie wieder weg ist? Tatsächlich hatte ich dem Meister eine mail geschrieben und der daraufhin irgendwas zu Xiao Lu gesagt, aber das war anscheinend nicht eindeutig genug. Breche frustriert in Tränen aus und erkläre Xiao Lu, dass ich keinen Bock mehr hätte, mich zum Deppen zu machen. Noch drei Monate, dann kann der Kater einwandern und dann werden wir China verlassen. Für immer. Ende der Durchsage.
Für einen Moment scheint die Zeit still zu stehen und dunkle Gewitterwolken heran
zuziehen. Stefanie blickt interessiert von einem zum anderen. Aber nahtlos müssen wir dann Mian Zhang üben, ich werde mit der Säbelform korrigiert, die Xiao Lu auf einmal „piaoliang“ findet, Stefanie wird zum alleine Üben verdonnert und Xiao Lu und ich üben Tui Shou. Natürlich sind alle meine Angriffe raffiniert, subtil und superklasse, besser als Rose und ich bin die beste Tui Shou Ausländerin in ganz China, ach was, auf der ganzen Welt. Ja, klar. Mann, Chinesen!
Abends Captain´s Bar, frustrierend. Mein Entschluß ist gefasst, ich werde bald nach Hause zurückkehren. Aber auf der Terrasse der Bar sitzend realisiere ich, dass ich das eigentlich noch gar nicht will. Shanghai ist einfach die geilste Stadt der Welt, die Wolkenkratzer in Pudong glitzern verführerisch. Natürlich will ich hier nicht den Rest meines Lebens zubringen, aber in drei Monaten schon abhauen? Keine Ahnung, was ich machen soll und wie ich den Rest vom Jahr hier plane. Alles so schwierig, betäube mich mit Long Island Ice Tea.

01.05.2011, Sonntag

Vormittag:
Entspanntes Training, wegen der Maiferien brennt die Luft im Park. Auf dem oberen Teil ( Xingyi- Territorium) des Geländes macht sich eine Großfamilie breit, die den Tag mit einem ausgedehnten Picknick zu verbringen gedenkt. Zelte werden konzentrisch aufgebaut, üppige Speisen herbeigeschleppt. Aber auch unsere Seite kann punkten: Rose hat echt guten grünen Tee sowie mehrere Kannen heißen Wassers und Zubereitungsutensilien mitgebracht. Und auch noch ihre Säbel mitgeschleppt. Die Großfamilie bietet uns ihre Speisen an, nachdem der neugierige Meister Wu die Deckel der Töpfe angehoben und an jedem Gericht kritisch geschnüffelt hat. Ach nee, so gierig sind wir ja denn doch nicht. Höfliche Ablehnung, obwohl der Meister und ich auch doch schon gerne mal gekostet hätten. Zhen Rui, unser Teemeister kommt heute nicht, aber außer mir können alle anderen aus unsrer Trainingsgruppe Tee halbwegs anständig zubereiten und verkosten. Mist, vielleicht kriege ich irgendwann mal die Gelegenheit, zu einer Weinprobe einzuladen. Wobei da dann die chinesische Seite wahrscheinlich nach Eiswürfeln und Cola oder gleichwertigem zum mixen verlangen wird.
Am Ende kommen Rose und ich auch noch dazu, unsere Form vorzuturnen, wobei ich eigentlich kaum korrigiert werde. Und natürlich macht der Meister auch viele Dinge ganz anders.

Nachmittags:

Die Großfamilie kampiert immer noch auf dem Gelände, reiße mich zusammen, obwohl ich immer noch Trübsal blase. Mian Zhang und Dongbao Quan werden korrigiert, letztere hatte ich schon lange nicht mehr geübt. Weise vorwurfsvoll auf die unterschiedliche Ausführung der Säbelform hin, macht nichts, sagt Xiao Lu. Solange man kapiert, wie die Anwendungen gehen, ist das OK. Morgen haben wir auch noch einen Tag, denn wegen der Maiferien muss ich nicht arbeiten. Wie das hier allerdings weitergehen soll, wenn Stefanie weg ist, weiss ich nicht.

Abends:

Stefanie und ich beschließen, was für die Schönheit zu tun und fahren in die Dagu Lu, um unsere Hufe bearbeiten und aufhübschen zu lassen. Geht doch nichts über eine kleine Beauty- Anwendung. Da der Nagellack dann doch ziemlich lange zum Trocknen braucht und wir ihn nicht ruinieren wollen, erwerben wir schicke Gummilatschen und schlurfen in das israelische Restaurant ge
genüber, wo wir uns mit orientalischen kleinen Happen stärken. Die Dagu Lu ist eine ziemlich kleine aber feine Straße, Luxuscompounds, dementsprechend groß ist auch das Angebot an seriösen Spas, Massagesalons und Restaurants. Und fliegende DVD- Händler mit den neuesten englischen Filmen, da wird natürlich auch gleich mal zugeschlagen. In der Straße lungern auch zwei Bettler herum, die aber ganz friedliche Gesellen zu seien scheinen. Leute, als Obdachloser hat man hier echt keine guten Karten, mir tun diese Leute immer leid. Auf der Terrasse des Restaurants können wir dann folgendes beobachten: Einer der Bettler erscheint mit einer Torte in Form eines fröhlichen Tigerkopfes, anscheinend ein Überbleibsel aus einer Bäckerei, den er stolz erst uns und dann seinem Kumpel präsentiert. Andächtig wird der Kuchen bewundert und die Schokoladenaugen des Tigers verzehrt. Mittlerweile schaut auch die Oberkellnerin zu. Kurze Konversation mit den Bettlern, dann geht sie in das Restaurant und kommt mit zwei Kuchengabeln, Tellerchen und Servietten wieder, die sie den Bettlern gibt. Die beiden verziehen sich auf die andere Straßenseite, wo sie auf einer kleinen Mauer Platz nehmen und bedächtig die Torte verspeisen. Dabei sehen sie aus wie zwei feine alte Herren, die einen netten Abend mit einem Freund verbringen. Ich bin von dieser Szene absolut gerührt. Diese beiden alten Knaben haben echt Würde im Leib. Während wir hier sitzen, exotische Köstlichkeiten in uns reinstopfen und die frisch lackierten Fußnägel wedeln, stellt für diese beiden ein abgestandener Kuchen den Höhepunkt des Tages dar, der vornehm und andächtig genossen wird. Lerne mein Leben richtig schätzen. Wir geben den Bettlern dann auch unser gesamtes Kleingeld, für die sind 5 RMB wahrscheinlich das Sahnehäubchen des Tages, jedenfalls bedanken sie sich überschwänglich.

02.05.2011, Montag

Vormittags:

Meister Wu lässt die Bombe platzen und verkündet, dass er ab jetzt nur noch Sonntags unterrichten werde. Für mich jetzt nicht so schlimm, aber für diejenigen, die bei ihm im Volkspark trainiert haben, natürlich ziemlich schlimm. Na, dann wollen wir doch mal sehen, wer sich denn ab jetzt so hier einfinden wird. Die Zappelmaid kommt wie immer zu spät, anscheinend gilt für sie das mit nur Sonntags nicht, denn der Meister wiederholt die Ansage nicht noch mal. Nach dem Training gehen Rose, Judd, Stefanie und ich gemeinsam essen, lange Gesichter. Aber was will man machen.

Nachmittags:

Wir erzählen Xiao Lu von des Meisters Ansage, der daraufhin echt geschockt zu sein scheint. Erst mein Gezicke und jetzt auch noch das! OK, dann ab jetzt Sonntags nachmittags heimlich Training bei mir in der Wohnanlage.

Abends:

Wir schauen die gestern erworbenen DVD, schlagen uns mit Knabbereien den Pansen voll und hängen ab. Wird wieder stressig morgen und Stefanie reist ja auch schon bald ab, wie schade!

03.05.2011, Dienstag

Treffen uns abends mit Judd und einem Kumpel von ihm im Lifestyle und schlemmen hervorragend. Judds andere Leidenschaft neben Tongbei ist Ultimate Frisbee, sein Kumpel Andy spielt das auch und so lernen Stefanie und ich einiges über diese Sportart. Demnächst Riesen- Turnier hier in Shanghai, obwohl ich nicht denke, dass ich Gefallen an diesem Sport finden könnte, ziehe ich in Erwägung, mir das Turnier mal anzuschauen.
Gehen noch einen trinken, Judd ist frustriert, dass Meister Wu ihn nicht ernst zu nehmen scheint und erwägt, sich um die förmliche Aufnahme als Meisterschüler zu bemühen. Wir denken, dass das keine so gute Idee ist. Als Judd rausbekommt, dass wir schon desöfteren bei Meister Wu zu Hause waren und ich sogar Neujahr dort verbracht habe, ist er noch frustrierter. Kann mir mittlerweile auch nicht mehr erklären, warum der Meister Judd so ablehnt, vor allem, da er so eine kleine Ratte wie Jeremy zu sich nach Hause eingeladen hat. China ist kompliziert.

04.05.2011, Mittwoch
Stefanies letzter Tag, ich bin traurig und hoffe insgeheim auf einen Vulkanausbruch oder eine sonstige Naturkatastrophe. Passiert natürlich nichts, wir lassen uns abends massieren und gehen noch mal in Vegetarian Lifestyle essen. Absacker in meiner Küche, irgendwie sind wir beide matt. Stefanie freut sich auf zu Hause, kann sie verstehen. Wie genau ich hier meinen Abgang plane, weiss ich immer noch nicht.

05.05.2011, Donnerstag

Immer noch kein Vulkanausbruch, Scheiß- Arbeitstag. Hetzte nach Hause, wo Stefanie schon auf gepackten Koffern hockt. Taxi zum Lu Xun Park an die Flughafenbushaltestelle, wenigstens haben wir noch 20 Minuten zum Plaudern. Winke ihr nach, als der Bus abfährt und trotte zu Fuß nach Hause, unterwegs erledige ich Einkäufe und bezahle Rechnungen. War wie immer eine geile Zeit, diesmal wartet aber zum Glück jemand auf mich. Diesmal geht Mike Sieder nicht auf Wanderschaft, um nach dem netten Gast zu suchen, wie er es nach Alis Abreise getan hat. Der Kater und ich kuscheln uns vor der Glotze ein, er tatzt sanft auf mein Gesicht, als mir dann doch ein paar Tränen aus den Augen kullern. Als sich mein kleines Tier schnurrend auf meinem Hintern einrollt, bin ich dann doch wieder einigermaßen in der Reihe. Stefanies Flug hebt pünktlich kurz vor Mitternacht ab, wünsche ihr im Gedanken eine gute Reise



Mittwoch, April 20, 2011

事势第五 – Stand der Dinge #5

Job:

Reihe mich am 14. März wieder in das Heer der arbeitenden Massen ein und knechte zu brutalen chinesischen Bedingungen (Krankheitstage zählen als unbezahlter Urlaub, Überstunden werden nicht anerkannt oder vergütet) für ein pseudo- deutsches Büro. Wenigstens sind die Kollegen sehr nett und ich habe ein Projekt auf Hainan. Da darf ich dann zur Begutachtung des Baugeländes auch schnell mal hinfliegen. Gibt Schlimmeres, aber alt werde ich in diesem Schuppen bestimmt nicht.

Training:

Xiao Lu taucht wieder auf und hat gleich mal beschissene Neuigkeiten für mich: Nachmittagstraining ist nicht mehr! Nach sehr langem Hin und Her finde ich heraus, dass jemand (wer auch immer) das Gerücht verbreitet hat, ich hätte Meister Wu im vergangenen Jahr keine Unterrichtsgebühr bezahlt. Ist natürlich Quatsch, aber Xiao Lu hat das geglaubt und war natürlich sauer auf mich. Anscheinend hat auch jemand anders Anstoß daran genommen, dass er mich unterrichtet. Und der muss ziemlich wichtig gewesen sein. Nach weiterem endlosen Gezacker erklärt er sich bereit, das auch weiterhin zu tun, nur im Heping Park geht das nicht mehr. Also vielleicht in meiner Compound oder auf dem Gelände der Tongji- Universität, mal sehen. (Am Institut für Materialprüfung und Statik wäre mir natürlich am Liebsten. Geiler Ort)
. Mein Gott, was sind Kampfkünstler kompliziert! Dafür lädt er mich aber eines Sonntags in seine Gegend ein, wo ich ihm bei seinem Abendtraining gegenüber der Spielhölle seiner Gattin zuschauen darf. Spannend! Lerne gleich mal ein paar seiner zahllosen Geschwister kennen, die in den Häusern nebenan Geschäfte betreiben und mache Bekanntschaft mit interessanten Trainingsgeräten und –methoden, die in der Öffentlichkeit des Parks nicht zum Einsatz kommen. Fühle mich geehrt.
Meister Wu lädt Wang Ming Bo, einen dicken Freund von Rose ein, sich Tongbei mal anzuschauen. Wang, der sonst Yang- Stil übt, findet das so interessant, dass er ab sofort bei jeder sich bietenden Gelegenheit mitübt, sich gleich mal Fummel schneidern lässt und auch eifrig Notizen macht. Das wiederum findet Meister Wu ziemlich unangemessen und an uns geht die Ansage, bestimmte Dinge nicht zu zeigen, wenn Wang dabei ist. Für den Meister ist das so, als ob man einen Freund nach Hause einlüde und der auf einmal alle Dinge, die ihm gefallen, an sich nähme. Kann Meister Wu verstehen. Und irgendwie scheint er der Annahme zu sein, Wang wolle auch Tongbei unterrichten, was er jedem erzählt und was natürlich bei uns Schülern für helle Empörung sorgt. Rose merkt auch irgendwann, dass die Stimmung etwas angespannt ist und wendet sich hilfesuchend ausgerechnet an mich. Druckse erst ein wenig herum, kläre sie dann aber auf, soweit ich das kann. Dass der Meister selber die Gerüchte in die Welt gesetzt hat, verschweige ich hübsch. Und ich kann mich ja immer noch mit meinem schlechten Chinesisch rausreden. Rose ist natürlich schwer betroffen und eilt nach dem Training Meister Wu hinterher, um diese unschöne Sache zu klären. Bin mal gespannt, ob sie es geschafft hat.

Film:

Meine Tongbei- Brüder Andy und Jud haben einen Film über die Independent Musikszene hier in China gemacht und ich bin zur Vorpremiere eingeladen. Absolut empfehlenswert, bin beeindruckt. Mir war nie so klar, dass die Entscheidung, Punkmusiker zu werden, hier derartig weitreichende Konsequenzen hat. Sogar den totalen Bruch mit wirklich allem und totale gesellschaftliche Ächtung bedeutet. Respekt.
Der Film heisst „Down: Indie rock in the PRC“. Hoffe sehr stark, dass die beiden einen Vertrieb dafür finden oder den bei irgendwelchen Festivals platzieren können. Falls jemand die Chance hat, den Film zu sehen: Anschauen!!!

Freunde:

Eines unserer Vereinsmitglieder, Felix, tritt einen Job bei einem großen internationalen Softwareunternehmen in SH an. Was ich in einem Jahr nicht geschafft habe, leistet er bei einem einzigen Starbucks- Besuch bei sich um die Ecke: Er gabelt nette Leute auf. Wohne anscheinend in der falschen Gegend und/ oder bin zu unkommunikativ. Jedenfalls profitiere ich von seiner grandiosen Steilvorlage und habe ab sofort Leute zum Weggehen, die auch gute Happen zu schätzen wissen. Wir testen Restaurants, Kneipen und Spas und unternehmen interessante Ausflüge. Shanghai rockt!

Besuch:

Morgen, am 21.04.2011 kommt Stefanie. Bin schon total aufgeregt. Sieder beobachtet sein Weibchen bei den Vorbereitungen auf diesen lieben Besuch und ahnt große Zusammenhänge. Hoffentlich verstehen die beiden sich. Blicke zurück auf das eine Jahr, das seit ihrem letzten Besuch vergangen ist und muss schmunzeln. Da sie natürlich viel trainieren wird, bin ich gespannt, was sie so zu berichten hat. Und ich freue mich schon darauf, mit ihr um die Häuser zu ziehen und sie meinen neuen Bekanntschaften vorzustellen.

Donnerstag, Februar 17, 2011

无业 – Arbeitslos

Gehe meine Arbeitssuche erst mal gemütlich an und schicke am zweiten Arbeitstag nach den Ferien ein paar Bewerbungen raus. Zwei Stunden später habe ich drei Bewerbungsgespräche für diese und die nächste Woche klargemacht.
Freue mich, mit Meister Wu trainieren zu können, leider machen mir das Wetter oder des Meisters Vorliebe zu nächtlichen Sauf- und Zockgelagen öfters mal einen Strich durch die Rechnung. (Zu des Meisters Ehrenrettung muss man sagen, dass er nur zweimal wegen vorhergehenden Ausschweifungen das Training absagt).
Habe Glück und bin Samstag die einzige Schülerin. Meister Wu mag mich ja gerne, aber mit mir kann er nicht so viel labern wie mit seinen anderen Schülern, weswegen er am Einzeltraining mit mir wohl nicht so wahnsinnig viel Spaß hat. Später kommt dann noch für eine Stunde ein Typ Ende fünfzig in Zivilklamotten an, der in die Grundlagen unseres Stils eingewiesen wird und sich als sehr begeisterungsfähiger Schüler erweist. Meister Wu hat jemanden zum Quatschen und ich profitiere auch. Grundlagen sind ja nie verkehrt und der Typ ist ganz witzig. Mich bezeichnet er fröhlich als seine „shijie“, ältere Lehrschwester, wir lachen beide. Wenigstens weiß der Typ, was sich in Kampfkunstkreisen gehört.
Sonntags voller Auflauf, Jud hat noch zwei Interessenten mitgeschleppt. Auch meine Intimfeindin ist am Start. Einzig Xiao Lu bleibt verschollen. Mache mir langsam Sorgen um ihn. Stelle fest, dass Sonntag echt der uninteressanteste Trainingstag ist, aber was will man machen.
Meister Wu willigt ein, auch Montag in den Park zu kommen, sehr schön. Eiseskälte, obwohl die Sonne kräftig scheint. Ich nutze die Gunst der Stunde, um ihn ausgiebig zu einer bestimmten Einzelbewegung zu befragen, die ich noch nicht so richtig begriffen habe. Der Meister ist erfreut und erklärt mir die Anwendungen dieser Bewegung sehr ausführlich. Und er bringt mir ein paar Kombinationen bei, die er sonst nur in den eigenen vier Wänden übt. Soll ja keiner sehen, was wir so drauf haben. Bin sehr beglückt, aber es wird noch besser. Rose kommt mit zwei Säbeln. Jetzt ist Meister Wu natürlich nicht mehr zu halten. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit lehrt er uns Theorie und Praxis und erzählt unterhaltsame Geschichten, die sogar ich begreife. Die Säbelform üben wir dann auch, wobei hauptsächlich Rose korrigiert wird. Ich bin etwas nervös, denn schließlich habe ich diese Form ausschließlich von Xiao Lu gelernt und führe sie nun zum ersten Mal dem Meister vor. Stelle mich dann anscheinend nicht so blöd wie befürchtet an, Mittwoch wird vertieft. Leider schneit es am Mittwoch dann, was ich sehr betrüblich finde.

Erledige Dinge, zu denen ich wegen Arbeitsüberlastung bis jetzt nicht gekommen bin, stelle mich bei diversen Büros vor und lerne Chinesisch. Kaufe bei Ikea Hasenjahr- Fuppes, das hatten sich die Zimmers gewünscht. Nun, Christine, habe Topflappen und Puschen. Und Platzdeckchen, die finde ich allerdings selber sehr geschmackvoll. Entdecke auf dem Gelände der Tongji- Universität das Institut für Materialprüfung und bin begeistert: Etliche Wolkenkratzer im Maßstab 1/20 oder kleiner in ihrer Struktur nachgebaut und getestet. Die Modelle stehen vor dem Institut oder den umgebenden Parkanlagen, in denen ich mich auch gleich noch mit den Universitätskatzen anfreunde. Fotografiere wie verrückt.

Treffe unsere Frankfurter Freundin Weiwei, die Neujahr bei ihren Eltern in Südchina verbracht hat und jetzt in Shanghai ihren Sohn besucht. Ich freue mich sehr, sie wiederzusehen, wir lachen und haben Spaß. Weiwei ist überwältigt von den rapiden Veränderungen in Shanghai und entsetzt über die Probleme, mit denen sich die jungen Leute hier heutzutage herumschlagen müssen. So hat die Freundin ihres Sohnes neulich auf Geheiß ihrer Eltern mit ihm Schluß gemacht, weil er keine eigene Wohnung aufweisen kann. Finden wir beide empörend. Aber wie soll sich denn ein junger Mann im heiratsfähigen Alter von ca. 5.000 RMB Monatsgehalt in einer Stadt wie Shanghai eine Wohnung kaufen können? Mir tun die jungen Leute hier echt leid, Neujahr hatten sich Rose und ich schon mit des Meisters Sohn sehr ausgiebig darüber unterhalten.
Lotse Weiwei durch die Shanghaier Metro und freue mich, dass ich mich hier als Ausländerin besser auskenne als sie. Naja, Weiwei lebt hier ja auch schon seit fast zwanzig Jahren nicht mehr.

Die Elektrik in meiner Bude gibt langsam den Geist auf, traue mich kaum noch, irgendein Gerät in Betrieb zu nehmen oder das Licht einzuschalten. Die Klimaanlage im Schlafzimmer lässt regelmäßig die Sicherung durchbrennen, also kein warmes Schlafzimmer. Bin mal gespannt, ob mein Vermieter die tatsächlich reparieren lässt, nachdem ich die Mieterhöhung verweigert habe. Egal, meine letzte Stromrechnung war sowieso exorbitant. Die Notfallnummer der Elektrizitätswerke ist auf einmal ungültig, zum Glück kann mir mein netter Pförtner helfen. Der OK- Man wird mein allerbester Freund, wir rauchen oft gemeinsam eine, während er die Hauptsicherung meiner Bude repariert.
Trotz des Endes der staatlichen Ferien wurde immer des Nachts noch fröhlich gefeuert, der heutige Tag (Donnerstag, 17.02.2011) markiert jedoch das endgültige Ende der Neujahrsfeierlichkeiten. Heute ist der fünfzehnte Tag, Vollmond und somit 元宵节,Laternenfest. Habe schon einige Kinder mit Laternen auf der Straße gesehen und fühlte mich seltsam an Sankt Martin erinnert. Momentan mal wieder heftiges Feuerwerk, genieße die funkelnden Lichter. Sozusagen das große Finale. Morgen werden wohl dann die hübschen Laternen, die in den vergangenen Wochen zahllose Gebäude schmückten, entfernt werden, schade. Hadere mit mir, ob ich die von mir an meinem Erkerfenster angebrachte auch abnehmen soll. Ach nee, das Ding ist zu hübsch, und wenn die Chinesen das ganze Jahr über Weihnachtsdeko hängen lassen, werde ich als unwissende Ausländerin doch wohl meine Laterne solange nicht abnehmen, bis sie auseinanderfällt und von der Sonne unansehnlich geworden ist.

Sonntag, Februar 13, 2011

兔年快乐 – Fröhliches Hasenjahr!

01.02.2011, Dienstag

Will in meiner Freizeit wenigstens ordentlich trainieren, deswegen schleppe ich mich in den Volkspark. War da schon ewig nicht mehr zum Üben, weil ich ja arbeiten musste. Warte eine Viertelstunde, kommt keiner. Versuche, dem Meister eine SMS zu schicken. Klappt aus irgendwelchen Gründen nicht, beschließe daher, wenigstens etwas für die Gesundheit zu tun und im Vegetarian Lifestyle zu dinieren. Werde wie immer gefragt, ob ich eine Mitgliedskarte hätte. Nee, aber diese Pappkarte mit den Stempeln drauf, habe vier, die Mitgliedskarte gibt es ab zehn. Die Bedienstete geht weg und kommt mit einem Formular auf Chinesisch wieder, das sie mir zu erklären versucht. Kein Problem, kann doch lesen. Fülle das Formular aus, einige Fragen der Bediensteten und zehn Minuten später überreicht mir die Oberkellnerin meine Mitgliedskarte. WOW! Vegetarian Lifestyle ist mit diesen Karten sehr eigen und die sind fast unmöglich zu bekommen. Jetzt habe ich eine. Ritterschlag! (Später kriege ich raus, dass die im Januar 6- jähriges Jubiläum hatten und es im Rahmen einer Sonderaktion die Mitgliedskarten schon ab vier Stempeln gab). Das neue Jahr fängt ja gut an.

02.02.2011, Mittwoch - Silvester

Nachmittags Chinesisch- Unterricht, abends sind Rose und ich beim Meister eingeladen. Oskar hat eine schlimme Erkältung und kann nicht kommen. Wenn Jud wüsste, dass wir drei beim Meister eingeladen sind, würde er sicher vor Neid platzen, klar, dass wir dem das nicht unbedingt unter die Nase reiben.
Gemütliches Abendessen bei den Wus, nur die Familie, Rose und ich. Es wird aufgetischt, dass sich die Balken biegen, des Meisters Gattin weist mich in das korrekte Knabbern von Kürbiskernen ein. Ich werde gleich für den nächsten Tag zum Mittagessen wieder eingeladen, wie nett! Xiao Lu soll da dann auch kommen, Rose hat schon was anderes vor.
Der Meister hat eine neue Katze, so einen riesigen Brocken habe ich selten gesehen. Da braucht er aber wirklich nicht mehr auf Lilos tigergleichen Kater neidisch sein.
Danke mit Roses Unterstützung als Übersetzerin ungelenk der Familie Wu und versuche, meinen Dank für diese überaus wichtige Einladung zu übermitteln, auch im Namen meines Gatten, der mich in der Ferne in guten Händen wisse. Die Wus winken ab, wir hätten uns ja auch um den Meister gekümmert, als er in Deutschland war. Des Meisters Gattin nimmt mich in den Arm und knuddelt mich.
Leute, auch wenn ich hier manchmal fast verzweifeln möchte: Mein Meister und seine Familie gehören zu den warmherzigsten und herzlichsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe. Und das lässt mich alle Schwierigkeiten vergessen.
Entspannter Abend, wir futtern, bis die Schwarte kracht und schauen Fernsehen. Die Neujahrsshow auf CCTV hat den Charme der 80ger Jahre, grauenhaft. Aber auf Star TV läuft die „Mr. Zhou Live Show“. Herr Zhou ist hier enorm populär, hat ein freches Maul und zieht aktuelle Themen durch den Dreck. Vor dreißig Jahren hätte er für solche Äußerungen noch in einem Arbeitslager in der Inneren Mongolei Latrinen ausheben dürfen, heute kann er ganz frei im Fernsehen ablästern. Und das am Neujahrsabend. Ich verstehe zwar den Wortwitz von Herrn Zhou nicht so ganz, da er auch teilweise Shanghainese redet, aber die Wus und Rose wälzen sich vor Lachen auf dem Boden.
Rose und ich empfehlen uns dann so um 22.00, Shanghai liegt mittlerweile unter schwerem Beschuss. Hetze hakenschlagend den Detonationen ausweichend zum Family Mart und erstehe eine Flasche Weisswein. Vor dem Eingang meines Hauses entzündet ein Nachbar gerade eine 1m3 Feuerwerksbatterie. Chinesen geben sich nicht mit so läppischen Raketen zufrieden wie wir, nein, ein einigermaßen würdiger Feuerwerkskörper muss schon mindestens die Dimensionen einer Flakkanone haben. Recht so, kerniges Volk! Und das Feuerwerk haben sie ja sowieso erfunden.
Genieße bei einem Glas Wein gemeinsam mit dem Kater von meinem Wohnzimmerfenster aus das um uns herum explodierende Shanghai. Bin heiter und entspannt, kann jetzt nur noch aufwärts gehen.

03.02.2011, Donnerstag

Klemme mir Xiao Lus Geschenk unter den Arm und schwinge mich ins Taxi. (Finde später heraus, dass es auch einen direkten Bus von mir zu des Meisters Behausung gibt- Nächstes Mal halt).
Fühle mich dann doch etwas blöd, dass ich zwar für Xiao Lu was dabei habe, nicht aber für die Familie Wu, die mich ja schließlich schon wieder bewirtet. Gut, die hatte ich gestern schon ordentlich mit Geschenken bedacht, aber ich komme mir trotzdem doof vor. Kaufe daher schnell noch einen üppigen Obstkorb für 88,- RMB, das einzige Vernünftige, was auf die Schnelle zu kriegen ist. Mama Wu beschimpft mich daraufhin natürlich prompt. Viel zu höflich, das wäre doch jetzt wirklich nicht nötig gewesen! Mir egal, wenigstens ist mein Gewissen beruhigt. Ein anderer Knülch ist schon anwesend, schick in einem für hiesige Verhältnisse sogar recht flotten Anzug gekleidet. Er wird mir zwar nicht namentlich vorgestellt, aber ich gehe davon aus, dass er wohl einer meiner Tongbei- Brüder ist. Ja, wir sind alle eine große Familie. Das ist ja das Schöne, wenn man Kampfkünste übt.
Xiao Lu lässt auf sich warten, schließlich greift der Meister zum Telefon und ruft bei ihm an. Er hofft, dass nicht Xiao Lus Gattin abheben möge, die fürchtet er nämlich. Interessant, der Sache muss ich mal auf den Grund gehen. Früher hatten die beiden wohl mal ein ganz gutes Verhältnis zueinander und der Meister pflegte regelmäßig mit ihr Mahjang zu spielen, da muss irgendwas passiert sein.
Xiao Lu kann dann aus irgendwelchen Gründen doch nicht kommen, wie ärgerlich. Habe ich sein Geschenk für nix und wieder nix mitgeschleppt.
Wie immer superleckeres Essen, Anzug ist sehr nett, bietet mir zackig und formvollendet Kippen an und hat ganz schnell raus, wie ich heiße. Seinen Namen bekomme ich jedoch trotz intensivem Zuhören nicht mit.

Bemerke ein über der Eingangstür zur Wohnung prangendes Schild mit Schriftzeichen, die ich nicht kenne, aber darunter steht in lateinischen Buchstaben "Om mani padme hum". Aha. Interessant. Wer ist wohl der Buddhist in des Meisters Familie? Er wohl sicher nicht, da hatte scheinbar Mama Wu ihre Hände im Spiel. Jedenfalls gab es dieses Schild bei meinem letzten Besuch noch nicht.

Entspannte Stimmung, schaue mit Mama Wu Fernsehen. Es läuft ein Beitrag, in dem die Körpergrößen westlicher und chinesischer Filmstars verglichen werden, der Heilige Steven ist auch dabei. Kreische entzückt und erkläre Mama Wu, dass ich den besonders Klasse fände. Ja, der sei wirklich sehr lustig. Punkte, indem ich ganz viele chinesische Stars beim Namen zu nennen weiß.

Nach sehr ausgiebigem Essen und Teetrinken verabschiede ich mich gegen 17.30. Mama Wu rafft etliche Süßigkeiten, Nüsse, Kürbis- und Sonnenblumenkerne in eine Tüte, die superleckeren dicken Bohnen und eingelegten Tofu packt sie auch noch hübsch eingedost dazu. Und als Nachtisch die geilen mit schwarzem Sesam gefüllten Klebreisbällchen, für deren Zubereitung mir noch etliche Anweisungen gegeben werden. Werde über die Neujahrsferien bestimmt nicht verhungern. Bin mir mittlerweile fast sicher, dass Mama Wu und meine Schwiegermutter auf unheimliche Art Zwillinge sind.
Breche völlig ermattet auf dem Sofa zusammen und schaue mit Sieder DVDs. Draußen wird weiter wie verrückt geballert.

04.02.2011, Freitag

Tue heute das, worauf ich mich schon seit langem gefreut habe: Nämlich gar nichts. Gut, mein Fellwecker weckt mich zwar schon ziemlich früh, da er gefüttert werden will und spielen möchte. Als Zeichen seiner Liebe zu mir legt er mir das Rattenmausi aufs Kopfkissen. Bloß gut, dass er hier keine chten Mäuse fangen kann. Seinem Begehren verleiht er mit ein paar sachten Pfotenhieben Nachdruck. Aber den Rest des Tages verbringen wir dösend vor der Glotze. Schön.

05.02.2011, Samstag

Zheng Rui hat ein Treffen mit seinem Baulöwen- Kumpel klargemacht, schmeiße mich also in Schale und fahre in die Stadt. Herr Zhou ist auch ganz nett, aber Bauunternehmer und kein Architekt. Er hat eine Architektin aufgetrieben, die übersetzt. Herr Zhou will natürlich seinem alten Kumpel Zheng Rui einen Gefallen tun und schaut sich dann halt mal diese ausländische Architektin an, die bis jetzt (für seine Verhältnisse) nur Klickerprojekte gemacht hat. Er baut dann eher so Bürotürme oder Einkaufszentren ab 50.000 m2 aufwärts. Aber von meinen Softwarekenntnissen ist er dann doch beeindruckt. Da Herrn Zhous Firmensitz in Ordos in der Inneren Mongolei ist, fühlt sich Zheng Rui verpflichtet, zügig an meiner Stelle zu erklären, dass ich wegen unseres Meisters Shanghai nicht verlassen würde. Dafür bin ich ihm auch sehr dankbar, denn ich wollte die Innere Mongolei zwar schon immer mal besuchen, aber keinesfalls dort leben. Aber vielleicht geht ja was mit freier Mitarbeit? Mir ist von Anfang an klar, dass ich keine Lust habe, diese Art von Arbeit zu machen. Auf Abruf schnell im Tudorstil einen Wolkenkratzer hinrotzen? Habe da denn doch noch Ideale. Versuchen, uns gegenseitig aus der Affäre zu ziehen, ohne dass jemand Gesicht verliert. Klappt jedenfalls von meiner Seite aus ganz gut, denn meine Arbeitserlaubnis und damit auch mein Aufenthaltstitel sind an eine Anstellung gebunden. Als Freiberufliche dürfte ich hier nur arbeiten, wenn ich eine Firma gründen würde. (Was allerdings auch nicht allzu kompliziert ist). Wir verbleiben, dass wir uns beide mal so unsere Gedanken machen. Zheng Rui ist happy und schreibt mir am folgenden Tag eine lange, das Gespräch zusammenfassende mail. Da die aber in ziemlich komplexem Chinesisch ist, beantworte ich sie zunächst nicht. Lieber auf Hilfestellung von Ying warten.

06.02.2011, Sonntag

Da Xiao Lu versprochen hatte, heute im Park zu sein, schäle ich mich früh aus dem Bett und springe voll bewaffnet und mit Geschenk in den Bus. Geiles Wetter, aber wegen des ständigen Geballers hängt eine Dunstwolke über der Stadt.
Warte am Parkeingang, natürlich kommt der feine Herr Lu nicht. Aber der chinesische Xingyi- Stil übende Steve Buscemi erspäht mich und schießt freudestrahlend und wild grüßend auf mich zu. Hahaha, frohes neues Jahr, warte hier gerade auf meinen Shixiong, der mich mal wieder versetzt. Blödmann. Geschenk schon wieder nicht losgeworden. Egal.
Sieder und ich hängen auf dem Sofa rum und arbeiten DVDs ab. Der Schacht des DVD- Gerätes übt auf den Kater eine unheimliche Anziehungskraft aus und auch die sich plötzlich auf dem Fernseher bewegenden Bilder findet er faszinierend. Macht seinem Ingenieur- Namensgeber alle Ehre.
Der Wohlstandsgott kehrt heute auf die Erde zurück, deswegen wieder schweres Bombardement. Kenne ich schon vom letzten Jahr und bin vorbereitet. Habe allerdings den Eindruck, dass dieses Jahr etwas weniger gefeuert wird. Naja, einen sachten Hasen begrüßt man halt verhaltener als einen wilden Tiger.

07.02.2011, Montag

Vielleicht kommt Shen Ayi heute, etwas unklar. Schließlich sind immer noch Ferien. Flüchte jedenfalls vorsorglich und schaue mir einen buddhistischen Tempel in einer Vorstadt an.
In der Metro sitzt neben mir eine Familie mit einem unglaublich dicken Kind. Die Familie führt zwei sehr große Tüten mit langsam auftauendem Fleisch mit sich. Wohl auf dem Weg zu einem Festschmaus. Lecker.
Die Straße von der Metro zum Tempel säumt ein sehr großer Fischmarkt, interessant, das feilgebotene Viehzeug und die Volksgenossen bei der kritischen Auswahl desselben zu beobachten. Muss ständig aufpassen, nicht in irgendwelche Fischabfälle zu latschen.
Der Tempel ist sehr hübsch und idyllisch an einem Wasserlauf gelegen. Außerdem gibt es eine ganz reizende Pagode, die ich natürlich bis ganz nach oben ersteigen muss. Klasse Idee bei Höhenangst. Meine letzte Tat in meinem alten Büro war der Entwurf eines kleinen Parks, in dem unbedingt historisierend eine Pagode und ein buddhistischer Tempel eingebunden werden mussten. Deswegen schien mir dieser heutige Ausflug auch ganz angemessen. Stelle fest, dass mein Entwurf anscheinend ganz OK war, auch wenn ich mit den Planungsansätzen nicht einverstanden war.
Fahre zum Blumenmarkt, auf dem wegen der Ferien allerdings nichts los ist. Schade, hätte gerne eine hübsche Orchidee gehabt.
Da das Cloud 9 Einkaufszentrum sowieso auf dem Heimweg liegt, beschließe ich, ein wenig zu bummeln. Huldige im dortigen Carrefour, der im Gegensatz zu meinem auch viele westliche Produkte feilbietet, dem Wohlstandsgott und kaufe Unmengen von Käse, ein wenig Wein, Kekse und Weißbrot. Auf dem Weg von der Metrostation noch ein schneller Besuch im DVD- Laden, wo ich unter anderem den Film „Four Lions“ schieße.
Shen Ayi hat die Bude auf Hochglanz gebracht, schlage mir den Magen mit Weißbrot und Blauschimmel- und Gruyerekäse voll, während ich mit dem Kater die gerade erworbenen DVDs anschaue. „Four Lions“ ist zum Brüllen komisch, einer der besten Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Soll im April in Deutschland anlaufen, unbedingt reingehen!
Von dem übermäßigen Käsegenuss kriege ich prompt Pansenrattern. Egal, hat sich gelohnt.

08.02.2011, Dienstag

Letzter Ferientag, bin ganz froh, es endlich mal wieder zum Training in den Volkspark zu schaffen. Außer Jud und Rose sehe ich meine anderen Brüder und Schwestern ja sonst kaum. Frühlingshafte Temperaturen, da ist man doch gleich viel entspannter.
Im Volkspark wird dann auch ein ganz anderes Tempo vorgelegt als Sonntags im Heping- Park. Klar, die hier Trainierenden haben ja auch ein ziemlich hohes Niveau. Für mich interessant, wie meine Mitschüler so drauf sind und ich bin erleichtert, dass auch die nicht immer alles perfekt hinkriegen.
Wang Ming Bo, ein alter Kumpel von Rose und eigentlich Yang Stil Meister übt seit Neuestem wohl auch Tongbei. Interessant. Muss ich Stefanie unbedingt erzählen, wir beide haben 2006 ziemlich viel mit ihm geübt, Stefanie auch schon vorher. Bin glücklich, jetzt mehr Zeit zum Üben zu haben.

Dienstag, Februar 01, 2011

春节 – Neujahr

Es ist merkwürdig hier. Weihnachten und Sylvester hatten hier kaum eine Bedeutung, aber das chinesische Neujahr hat hier echt was. Für mich ist das Gefühl des Übergangs wesentlich stärker als in Europa. Zu sehen, wie Shanghai binnen zwei Wochen regelrecht ausstirbt kann einem schon Schauer über den Rücken jagen.
Schon vor Wochen fing Xiao Lu an, rote Socken zu tragen. Er ist in Jahr des Hasen geboren, deswegen muss er jetzt das ganze Jahr was Rotes tragen. Morgen ist hier Sylvester und auch sein Geburtstag. Aber doch nicht sein richtiger. Xiao Lu feiert den Tag seiner Empfängnis. Und das war seiner Auffassung nach der 21.01. er ist zwar am 02.02. auf die Welt gekommen, aber war er nicht vorher fast ein Jahr im Bauch seiner Mutter?
Besorge trotzdem ein Geschenk für ihn, ein rotes Sweatshirt mit einem Hasen drauf und dem Zeichen für Glück. Vielleicht zu groß, aber ich kann das umtauschen. Hauptsache, mein großer Bruder geht beschützt durch das Jahr des Hasen.
Mache mir Sorgen um meine Katze, aber Sieder scheint das Geballer nicht zu stören. Seit einer Woche wird Feuerwerk verkauft, seit zwei Tagen wird gefeuert. Leute, und das hier ist nichts im Vergleich zum Westen. Wir ballern zum Jahreswechsel vielleicht eine Nacht für zwei Stunden. Hier geht das eine Woche lang. Und zwar ohne Unterbrechung. Meine Compound ist hübsch geschmückt und ich habe für die kommenden Tage Lebensmittel gebunkert. Und eine flotte Laterne aufgehängt. Und das Zeichen für Glück an meinen Kühlschrank gepappt. Was soll jetzt noch schiefgehen.
Frohes neues Jahr!

事势第四 – Stand der Dinge #4

Job:
Mache mit meinem letzten Projekt eine Punktlandung, feuchter Händedruck und das war es fast. Würde mich dann doch interessieren, wie mein Entwurf beim Kunden angekommen ist, vielleicht bekomme ich ja Rückmeldung. Sonntag (vor dem Neujahrsfest ein Arbeitstag) muss ich mir noch meine Allowance abholen. Auf das Neujahrsessen mit meinem Büro habe ich natürlich keinen Bock. Frage mich, was ich aus dem vergangenen Jahr so mitnehme. OK, Einblick darin, wie Dinge hier so laufen, aber mein größter Gewinn hat vier Beine und rotes Fell. Ist ja auch was.
Erfahre, dass andere Kollegen freiwillig gekündigt haben, aha. Schade eigentlich, dass die Dinge so auseinanderfallen, hätte echt gut laufen können. Egal, abhaken, weitermachen.
Treffe auf einer Party einen Boss, bei dem ich mich beworben hatte. Der will sofort ein Interview mit mir. Bin zwar etwas zögerlich, da ich gerade meinen dritten Long Island Ice Tea am Hals habe, aber was soll es. Läuft gut, aber vor Neujahr geht hier sowieso nichts. Mal sehen.

Guanxi:
Zu beschreiben, was hier zu dieser Zeit abgeht, ist echt schwierig. Chinesisches Neujahr wirft schon mindestens drei Wochen vor den eigentlichen Festlichkeiten seinen Schatten. Seit zwei Wochen verlassen täglich eine Millionen Menschen Shanghai in Richtung Heimat, was sich in der Metro deutlich bemerkbar macht. Restaurants sind immer ausgebucht, da man Essen geht. In den Supermärkten ist jeden Tag die Hölle los, nahtloser Übergang von Weihnachten zu dem richtigen Fest. Man sollte sich mal unser Weihnachten vorstellen und das mit 10 potentzieren. Und das trifft es nicht annähernd.
Zheng Rui (Teeknülch) organisiert ein Essen mit Meister Wus Schülern. Sitze zwischen Rose und der Zappelmaid und blicke auf das vergangene Jahr zurück. Ein Jahr in Shanghai, keinen Job, keine Freunde und meine Trainingsleistung auch nicht verbessert. Während alle um mich herum fröhlich sind, kullern mir Tränen aus den Augen. Schäme mich, Rose redet auf mich ein wie auf ein krankes Pferd.
Die Zappelmaid flirtet mit ihren westlichen Tongbei- Brüdern, würde dem Luder am liebsten den Hals umdrehen. Ihr westlicher Name ist „Phoebe“. Alberner könnte es kaum sein, Rose und ich verdrehen unsere Augen. Aber wir weiblichen Schülerinnen prosten unserem Meister zu, auch wenn ich dem Miststück am liebsten ein Messer in den Rücken gerammt hätte. China halt. Sie weiss, dass ich sie hasse, ich weiss, dass sie gegen mich kämpfen wird wo sie nur kann, trotzdem sitzen wir hier und umarmen uns. China kann manchmal ganz schön kompliziert sein.
Die Wus und ich fahren mit derselben Metro heim, Wu Junior fragt mich beiläufig, ob ich denn zum Frühlingsfest hier sei? Klar, das verbringen ich und meine kleine Katze gemeinsam. Nee, nee, die Wus laden mich ein. Und das zum Jahreswechsel. Letztes Jahr war ich quasi am ersten Weihnachtsfeiertag eingeladen. Dieses Jahr Heiligabend. Mit Rose zusammen, das ist eine wirklich sehr große Ehre und ich bin sehr bewegt.
Einen Tag später klingelt nachts mein Telefon, der Teeknülch oder vielmehr Zheng Rui oder Richard. Hey, mein ehemaliger Mitschüler hat ne Baufirma und sucht Architekten. Schick dem doch mal deine Mappe, hast du während der Feiertage Zeit? Bin total gerührt. Könnte spannend werden, für ein Local Design Institute zu arbeiten.
Finde es jedenfalls total nett von Zheng Rui, dass er sich für mich so ins Zeug legt. Ein paar Tage später erfahre ich von Xiao Lu, dass der Meister für mich alle Beziehungen, die er hat, ausgespielt hat. Und allen anderen den Befehl erteilt hat, mich aufzuheitern, da ich doch neulich offensichtlich so traurig war. Und eine billigere Wohnung sollte ich auch haben, die werden sie suchen.
China ist sowas von geil.

事势第三 – Stand der Dinge #3

Job:

Einen Tag vor Alis Ankunft platzt unser Hauptprojekt und meinem Chef fällt auf, dass mein Vertrag ja im Januar ausläuft. Der wird dann also nicht verlängert. Toll, schönes Weihnachtsgeschenk. Was willste machen, ist nicht das erste Mal, dass mir betriebsbedingt gekündigt wird. Fairerweise hilft mir mein Büro aber, meine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu verlängern, da muss ich mir also keine Sorgen machen. Habe ja auch einiges auf die Seite gelegt, so dass ich entspannt suchen kann, ohne mir über Kohle Gedanken machen zu müssen. Blöd nur, dass es momentan in Shanghai schweinekalt ist, sonst hätte ich wenigstens wie verrückt trainieren können. Und das Frühlingsfest steht vor der Tür, da geht hier sowieso nichts. Naja, also Lebenslauf aktualisieren, raussschicken und abwarten. Aber die festliche Stimmung ist natürlich gedämpft.

Ali:

Hole Ali vom Flughafen ab und freue mich. In Shanghai hat es geschneit, ist also nicht besser als zu Hause. Meine Wohnung findet Ali überraschend gemütlich. Sieder flüchtet beim Anblick des anderen Mannes in meinem Leben erst mal ins Bad, wo er sich empört heulend auf das Waschbecken kauert. Nach ein wenig gutem Zureden siegt seine Neugier und er beschnüffelt das Gepäck und beginnt, sich mit Ali anzufreunden. Schon am nächsten Tag finde ich die beiden friedlich zusammengekuschelt im Bett wieder, als ich vom Einkaufen nach Hause komme. Bin gerührt. Meine beiden Männer! Schlaues Tier, so schnell hat er noch nie zu jemandem Vertrauen gefasst.
Mache Ali mit meinen Lieblingsorten bekannt, die Taikang Lu findet er natürlich auch Klasse. Meinen Geburtstag feiern wir bei Glühwein und Käsefondue nach. Meine Freunde haben ihm Geschenke mitgegeben, danke an alle! Stefanie hat Katzenspielzeug geschickt, auf das Sieder natürlich voll abfährt. Sein Liebling ist sofort eine fette rotzhässliche Naturfellmaus, die klingelt und quietscht und an einer langen Gummischnur hängt. (Von Ali und mir das „Rattenmausi“ genannt). Und von Ali kriegt er einen Mainz 05 Fressnapf. Bin happy, endlich kann mein Kater von anständigem Geschirr speisen und hat schönes Spielzeug.
Weihnachten verbringen wir auf Hainan in einem richtig geilen Resort. Wir beide sind total urlaubsreif, Entspannung pur. Heiligabend stellt man uns ein riesiges, von innen beleuchtetes Lebkuchenhaus in die Bude. Wir tauschen traditionell zu den Klängen des Weihnachtsoratoriums unsere Geschenke aus. Phantastisches Essen in sommerlicher Kleidung unter Palmen, während Bing Crosby diskret von einer Weissen Weihnacht träumt. Verrückt. War Weihnachten noch nie weg von zu Hause und ich wollte dieses Fest schon immer mal mit einen fetten Cocktail am Hals im Warmen feiern.
Muss wieder arbeiten und Ali erkundet die Stadt auf eigene Faust. Er hat Spaß, lässt sich die Haare scheren und schleppt jede Mange Nahrungsmittel an. War klar, dass mein Gemahl in der Lebensmittelabteilung von Carrefour Stunden verbringen kann. W- LAN richtet er mir auch noch ein und auch ein DVD- Spieler sowie ein Heizlüfter werden erworben. Leider lässt das Ding mehrere Male die Hauptsicherung meiner Wohnung rausfliegen, weswegen die netten Herren von den Elektrizitätswerken mittlerweile meine besten Freunde sind.
Sylvester verbringen wir in einem tollen Hotel in der Innenstadt. Wegen des Hochhausbrandes im November leider keine Feuerwerke, aber am Neujahrstag genießen wir ein hervorragendes Früh-stück mit grandioser Aussicht auf die Stadt, besuchen die Biennale im Kunstmuseum und gehen shoppen. Schade, dass Ali zum chinesischen Neujahr nicht hier sein kann.
Am ersten Sonntag des neuen Jahres gehe ich trainieren und Ali kommt später, um uns zuzuschauen. Fröhliches Wiedersehen mit dem Meister, die beiden haben sich jetzt knapp vier Jahre nicht getroffen. Das letzte Mal, als ich hier 2006 meinen Geburtstag gefeiert habe. Da muss man natürlich gemeinsam essen gehen. Keine Zappelmaid, aber der nette Teeknülch ist dabei. Xiao Lu wird auch noch schnell herbeitelefoniert. Leckeres Essen, Ali ist begeistert. Photos werden auch noch geschossen, ich freue mich.
Nach drei schönen Wochen muss mein Gatte dann leider wieder nach Hause. Setze ihn in ein Taxi und instruiere den Schergen, an welchem Terminal er ihn abzusetzen hat. Trabe zur Arbeit und bin traurig. Als ich abends nach Hause komme, erwartet mich Sieder an der Tür, kreischt vorwurfsvoll und wischt zwischen meinen Beinen durch nach draußen. Mir gefriert das Herz, das hat er noch nie gemacht. Vielleicht ist er enttäuscht, dass das nette große Menschenmännchen jetzt auf einmal weg ist und sucht es. Klare Sache: Das Vieh kommt mit nach Deutschland, egal was ich dafür tun muss.

Dienstag, Dezember 14, 2010

事势第二 – Stand der Dinge #2

Training:
Xiao Lu wundert sich, dass der Meister ihn so gar nicht nach meinen Trainingsfortschritten fragt oder was wir denn überhaupt so üben. Ob er mich denn danach gefragt habe? Nee, auch nicht. Mich wundert das auch ein wenig, entweder vertraut der Meister uns und sieht Erfolge, so dass er nicht fragt oder er hat mich abgeschrieben. Muss mich mal vorsichtig bei Rose erkundigen, wenn sie das nächste Mal kommt. Als ich Xiao Lu erzähle, der Meister fände, dass Rose die Säbelform „feichang piaoliang“ (außerordentlich schön) ausführe, ist er in seiner Ehre gekitzelt. „Rose ist fett“ sagt Xiao Lu und piaoliang sei ihre Form auch nicht wirklich, das habe er gesehen. Naja, fett ist Rose jetzt nicht gerade, wie ich finde. Gut, Damen in unserem fortgeschrittenen Alter neigen manchmal zu ein wenig mehr Üppigkeit um die Hüften und am Bauch. Aber fett? Bestimmt nicht.
Dafür werde ich jetzt gnadenlos korrigiert, das werde ich doch bestimmt hübscher hinkriegen als Rose. Versuche, mein Bestes zu geben. Und bei den Einzelbewegungen ist er auch sehr streng. Als ich einmal wegen diverser Dinge ziemlich mutlos und verzweifelt ins Training komme und mir bei seinem Gemecker irgendwann mal die Tränen in die Augen treten, denkt er, das sei seinetwegen. Ziemlich ernst erklärt er mir, ich sei jetzt über die Stufe des „xuexi“ (lernen) hinaus, das hier sei jetzt „lianxi“ (üben). Und das sei viel härter, denn am Ende stehe „gongfu“ (Können). Versichere ihm hastig, dass ich sein Vertrauen außerordentlich zu schätzen wisse und erkläre, was mich so bedrückt. Er hört verständnisvoll zu und tröstet mich. Bester Freund.
Wir freunden uns mit einer kleinen Parkkatze an, der ich öfters mal Futter mitbringe. Der arme kleine Kerl hat was am Auge und freut sich jedes Mal, wenn er uns sieht. Würde ihn am liebsten einfangen und zu einem Tierarzt bringen, aber wenn ich anfange, mich hier um jede Parkkatze zu kümmern, werde ich meines Lebens nicht mehr froh.
Kriege auch raus, was da neulich mit seinem Bruder los war. (Xiao Lu hatte mir das Training abgesagt, da sein Bruder beim Streit mit Nachbarn ein paar aufs Maul bekommen hatte und er ihn ins Krankenhaus und zu den Bullen begleiten musste).
Nachbarn haben geheiratet, wenn der Bräutigam die Braut bei ihren Eltern abholt, versuchen Freunde und Verwandte, dies spielerisch zu verhindern. Um sie umzustimmen, muss der Bräutigam dann ganz ganz viele rote Umschläge mit Geld verteilen, bevor er endlich die Braut mitnehmen darf. (Bei Yings Hochzeit war das ein Punkt des Missmutes ihrer Eltern. Ihr Gemahl hat anscheinend nicht genug Knete locker gemacht, jedenfalls der Auffassung ihrer Eltern nach).
Xiao Lus Bruder ging schauen, bekam keinen roten Umschlag und wurde dar ob sehr ungehalten. Ein Wort gab das andere, schließlich flogen Fäuste und des Bruders Nasenbein brach. 2000,- RMB, um es zu richten, ganz schön viel Geld für hiesige Verhältnisse. Und Schmerzensgeld musste auch noch gezahlt werden, ich glaube, so 5000,- RMB. Oder drei Jahre Knast. (Wer an wen kapiere ich allerdings nicht so ganz, obwohl ich die Geschichte sowohl von Xiao Lu als aucch von Meister Wu höre. Natürlich jeweils anders ausgeschmückt). Xiao Lu meint, sein Bruder sei sowieso nicht ganz richtig im Kopf. Bei der Gelegenheit erfahre ich auch, dass alle Lus unter einem Dach wohnen. Das Haus hat drei Stockwerke mit vier Parteien pro Stock. Zehn davon gehören zur Familie Lu. Krass.

Wetter:
Der November ist unglaublich schön und jetzt im Dezember verfärben sich tatsächlich auch endlich die Blätter der Bäume. Und es riecht wie bei uns im Herbst. Ziemlich viele Bäume in Park sind immergrün und es gibt auch viele Palmen, aber an unserem Trainingsgelände wächst ein Zierahorn, der sich in prächtigen Rottönen präsentiert. Viel Laub rieselt auf unser Trainingsgelände, das von Xiao Lu sorgfältig aufgefegt wird. Dabei darf ich ihm nicht helfen, fegen ist Männerarbeit. Versuche, ihm zu erklären, dass in Deutschland auch Frauen die Gasse fegen und wie wichtig es gerade in ländlichen Gegenden sei, dass Sonntags alles hübsch sauber ist. Die Deutschen sind ein merkwürdiges Volk.
Ein Typ sägt von einem der Bäume einen ziemlich dicken Ast ab. Ob das denn in Ordnung sei? Ach, kümmert doch sowieso keinen. Xiao Lu erklärt mir, dass dieser Baum sehr hartes Holz habe, aus dem man prima Siegel schnitzen könne. Und dann kann der Typ einfach so im Park einen Baum ansägen? Die Chinesen sind ein merkwürdiges Volk.
Nach chinesischer Auffassung ist Winter, deswegen trägt Meister Wu jetzt lange Unterhosen. Bis zum 11.12. ist das Wetter auch noch bombig. Heute am dritten Advent jedoch regnet es in Strömen und es geht ein unangenehmer Wind. Also ziehe auch ich lange Unterwäsche an und nehme zum Training heißen Tee mit ordentlich Ingwer, Zitrone und den mir von Xiao Lu geschenkten roten Beeren mit. Obwohl es angeblich knapp 10° über Null sind, frieren mir fast die Hände und Füße ab. Da das mit dem Fajing bei mir heute so gar nicht klappen will, halte ich Meister Wu meine Griffel unter die Nase. Die ersten beiden Glieder meines Zeige- und Mittelfingers sind weiß, die Nägel blau. Oha. Herz und Durchblutung nicht in Ordnung. Ob ich Medizin nähme? Nee, natürlich nicht. Warum und welche denn auch. Der Meister denkt kurz nach. Naja, dann aber wenigstens vor dem Schlafengehen Hände und Füße ordentlich in heißem Wasser baden. Ja, werde ich machen.
Und es soll noch kälter werden. Ab Mittwoch soll es nachts sogar frieren und vielleicht auch etwas schneien. Zum Glück habe ich bei Marks & Spencer einen flotten Daunenmantel ohne Glitzer und ordentliche Stiefel ohne Absätze gefunden. Was in China im Allgemeinen und erst recht bei meiner Größe schon ziemlich schwierig ist.

Weihnachten:
Schon seit dem ersten Advent haben die Kassiererinnen beim E- Mart, seit dem ersten Dezember auch die bei Carrefour Nikolausmützen auf und aus den Lautsprechern säuselt Weihnachtsmusik. Mein Favorit: Christmas in New York von den Pogues, gesungen von einem Kinderchor. Geil, wie engelsgleiche Stimmen die ganzen Beschimpfungen intonieren. Angesichts des (anfänglich) milden Wetters bin ich noch gar nicht in Weihnachtslaune, versuche jedoch, mich durch das Abbrennen von Kerzen besinnlich zu stimmen. Da jedoch Sieder großes Interesse an den Kerzen zeigt, sehe ich davon zügig ab. Habe keine Lust, mit einer verletzten Katze durch halb Shanghai zu jagen.
Ich lausche den Roten Rosen und schwelge in lieben Erinnerungen an vergangene Tage und an das Tote Hosen Konzert letztes Jahr.
Zur Eröffnung eines Einkaufszentrums nahe unseren Büros ist an meiner Metrostation ein buntes Riesenrad aufgebaut worden. An der Station werden sowieso Nieren gegrillt, sieht aus und riecht also fast wie Weihnachtsmarkt. Deutschland ist eingeschneit, Frankfurter Flughafen dicht. Stehe in der Metro, schaue Nachrichten und kann kaum glauben, was ich sehe. Hoffentlich kommt Ali nächsten Mittwoch da überhaupt raus.
Bei Carrefour gibt es sogar einigermaßen annehmbaren Weihnachtsschmuck. Sehe vom ursprünglich avisierten Erwerb eines Plastikbaumes ab, da Sieder den sowieso als eigens für ihn angeschafftes Spielzeug betrachten und sofort zerlegen würde. Aber eine Girlande und ein paar mattgoldene Plastikglocken als Innenschmuck gehen dann doch. Sieht sogar recht geschmackvoll aus. Jedenfalls für hiesige Verhältnisse. Da die Glocken auch bimmeln, üben sie natürlich magische Anziehungskraft auf meinen vierbeinigen Freund aus, aber er kommt nicht dran, was ihn frustriert jaulen lässt.
Da die Chinesen zu ihrem Neujahr, was in Bezug auf Familienzusammenkünfte die gleiche Bedeutung wie Weihnachten für uns hat, ihre Buden prächtig zu schmücken pflegen, muss natürlich auch Dekor für die Außenseite der Tür her. Als einzige ausländische Bewohnerin dieses Hauses muss ich schließlich Zeichen setzten. Kaufe also den kitschigsten Türschmuck, den ich bei Carrefour finden kann, einen Weihnachtsmann mit teilweise erhabenen Schriftzügen, der von pinkfarbenen, ebenfalls erhabenen Herzen umrahmt ist. Geschmacks- Overkill. So. Weihnachten und der Herr Gemahl können kommen. Mittlerweile wird auch lokal immer heftiger dekoriert, vor dem Jing’an Tempel und in Xintiandi dürfte es richtig krass sein. Mein Kollege Jingfeng erklärt mir, dass Weihnachten für junge Chinesen vor allem eine willkommene Gelegenheit zum Partymachen ist. Na denn, mögen die Spiele beginnen!

Freitag, Dezember 10, 2010

举行婚礼 – Hochzeit

20.11.2010, Samstag

Vormittag:

Habe zwei Tage auf der Schnauze gelegen und verspüre Bewegungsdrang. Da mein Pelzwecker mich sowieso aus dem Bett wirft und das Wetter auch recht angenehm ist, fahre ich in den Park. Habe gehört, dass der Meister seit neuestem Samstags einen Schüler in Tuishou unterweist, da bin ich doch mal neugierig. Außerdem kann ich da gegen die Zappelmaid Flagge zeigen.
Der Schüler entpuppt sich überraschenderweise als der Jadering- Perückenmann, der uns gleich mal mit Frühstückszigaretten beglückt. Außer mir kommt dann auch keiner mehr und ich kriege eine unbezahlbare Lektion in Tuishou. Weil ich mich dabei besser anstelle als der Jadering- Perückenmann, werde ich intensiver bespielt, ich muss mich Samstag einfach häufiger aus dem Bett quälen.
Hat Meister Wu nicht morgen Geburtstag? Ja, schon, aber er feiert diesmal nicht. Ob wir in Deutschland das denn täten? Nee, auch nicht, nur die runden Geburtstage oder wenn wir Bock hätten. Besorge auf dem Heimweg aber eine gute Flasche Rotwein und eine Stange Kippen, die ich in eine geschmackvolle Tragetasche stecke. Der Meister ist ein feiner Kerl und herzensgut, möchte ihm wenigstens mit einer kleinen Geste meinen Respekt erweisen.

Nachmittag:

Meine erste Frage an Xiao Lu ist, ob der neulich gerettete kleine Vogel denn noch lebe. Klar, den habe er zu einem Kumpel gebracht, der ganz viele Vögel halte, dem Tierchen ginge es gut. Mag das kaum glauben, freue mich aber. Dass ich so fröhlich bin, macht auch Xiao Lu glücklich. Wer weiss, vielleicht hat ja der Vogel die Heimfahrt nicht überlebt und den Kumpel gibt es gar nicht oder Xiao Lus Katzen haben ihn erwischt. Aber das ist typisch China: Damit jemand, mit dem man in irgendeiner engeren Beziehung steht nicht traurig wird, erzählt man dem halt, was er hören will. Eigentlich ein sehr sympathischer Zug, aber im Geschäftsleben kann einen das manchmal in den Wahnsinn treiben.
Entspanntes Üben, ich erzähle vom Vormittagstraining. Ob die Zappelmaid dagewesen sei? Nee, vielleicht krank oder der Meister hat ihr den Kopf zurechtgerückt. Morgen Nachmittag dann kein Training, bin ja auf Yings Hochzeit eingeladen und schon ganz gespannt. Dann morgen früh? Ja, geht klar.

21.11.2010, Sonntag

Vormittag:

Natürlich um halb neun kein Xiao Lu da, was ich ganz schön farblos finde, wo doch Meister Wu heute Geburtstag hat. Aber gut, in China haben Geburtstage eigentlich keine große Bedeutung.
Wieder keine Zappelmaid im Training, dafür aber der Teeknülch und später auch Jeremy und der junge Knabe. Händige mein Geschenk aus, das der Meister leicht überrascht entgegennimmt. Nette Trainingsstunde, der junge Knabe haut schon früher ab und der Teeknülch lädt nach dem Unterricht noch zum Essen ein. Kann ja nicht, die Gründe erkläre ich nochmal umschweifig. Nicht dass die denken, ich hätte keine Lust, an einem Essen zu Ehren meines Meisters teilzunehmen! Meine Entschuldigung wird anscheinend akzeptiert.

Nachmittag:

Hübsche mich für die Hochzeit auf. Yings größte Sorge war meine Garderobe, bitte fröhliche Farben! Meine etwas eleganteren Fummel sind jedoch alle Schwarz oder in gedeckten Farben, aber der schicke beim Einkaufsbummel mit Lilo und Tori erworbene Kaschmirschal sorgt dann doch für einen Farbtupfer.
Fahre mit dem Taxi zum Zoo, wo die Hochzeit in einem Restaurant stattfindet. Ich muss vom Eingang noch ein ganzes Stück laufen. Sehr schöner Park, wenig Leute unterwegs. Das Wetter ist herbstlich und ein wenig nebelig, aber immer noch angenehm.
Wir Ausländer sind an zwei Tischen ganz hinten im Saal platziert, an meinem Tisch sitzen unter anderem noch ein sehr nettes Architektenpaar und zwei fidele ältere Hamburger Knaben namens Klaus und Horst. Horst macht in Hebebühnen und Offshore- Schlauchbooten und ist geschäftlich hier, während Klaus irgendwann mal seinen Beruf an den Nagel gehängt und einen Campingplatz in Kroatien aufgemacht hat. Cool. Er und Horst sind dicke Kumpels aus alten Tagen und haben schon Shanghai kräftig aufgerollt, was ihnen anscheinend großen Spaß gemacht hat. Überhaupt scheinen sie für jeden Blödsinn zu haben zu sein, was ich sympathisch finde.
Die dick geschminkte Ying in ihrem rauschenden westlichen Brautkleid ist schon ganz nervös, aber hübsch sieht sie aus! Wir werden zur feierlichen Zeremonie auf die Dachterrasse des Restaurants gebeten, die festlich dekoriert ist. Bin überrascht, meine sehr geschmackvoll zurechtgemachte Ayi in der vordersten Reihe sitzen zu sehen. Wie sich herausstellt, Yings Mutter. Aha. Jetzt weiss ich auch, wo Ying ihre Methodik her hat.
Am Arm ihres Vaters schreitet Ying unter einen blumengeschmückten Pavillon, der Bräutigam nähert sich vom anderen Ende. Er kniet vor ihr nieder, als Zeichen ihrer Gunst steckt Ying ihm eine weiße Rose an den Anzug. Nach eindringlichen Ermahnungen des Vaters an den Schwiegersohn wird die Hand der Braut übergeben und das Paar schreitet zu den Klängen des Triumphmarsches aus Aida der Bühne entgegen. Dort folgt ein ausgiebiges von einem geschwätzigen Fettsack moderiertes Programm, das wir Ausländer aber nicht verstehen und dem wir aus der Ferne wegen der eifrig filmenden und fotografierenden Hochzeitsschergen sowieso nicht folgen können.
Was ich aber faszinierend finde: Einige der chinesischen Hochzeitsgäste tragen –ähem- sehr legere Alltagskleidung. (Wusste schon vorher, dass das hier Usus ist, bin aber trotzdem über diese Diskrepanz erstaunt). Zwei Typen neben mir in Jogginganzügen rauchen und saufen Bier, während vorne das Brautpaar Champagner über eine Gläserpyramide rieseln lässt. Krass.
Nach der Zeremonie gibt es erst mal eine zweistündige Pause, die wir zum Erkunden des Zoos nutzen. Es wird langsam etwas nebelig und wir haben den Zoo fast für uns alleine. Ich lotse unsere kleine Truppe an den traurigen Pandas vorbei zu den Tigern. Die Sibirischen schlafen zusammengekuschelt in ihrem Freigehege. Im Wassergraben schwimmt offensichtlich von Zoobesuchern zur Tigeranimation hineingeschmissener Müll.
Ätzend.
Der einsame südchinesische Tiger hingegen läuft unruhig auf und ab und gibt Klagelaute von sich. Ob er weiss, dass seine Art so gut wie ausgestorben ist und es nur noch so ca. 30- 40 Kollegen gibt?
Traurig.
Vor dem Festmahl stehen Ying und ihr Gemahl in traditionellen chinesischen Kostümen zu Fototermin bereit, wir nehmen an unserem Katzentisch Platz und die ersten Speisen werden aufgetischt. Das Brautpaar muss derweil vorne auf der Bühne allerlei derbe Späße über sich ergehen lassen. Schließlich nimmt Jun seine Gattin Huckepack und eilt mit ihr aus dem Saal.
Ich amüsiere mich prächtig und unterhalte mich nett. Horst ist ganz begeistert von Shanghai und denkt auch darüber nach, für 2- 3 Jahre hierher zu ziehen. Da er ebenfalls verheiratet ist, ist der Umgang des Ehegatten mit der Fernbeziehung natürlich ein Thema.
Ein Gericht nach dem anderen wird aufgetragen, auch an uns Vegetarier wird gedacht. Ying trägt mittlerweile ein elegantes türkisfarbenes Abendkleid. Weitere Spiele und Bespaßung, schließlich wechselt Ying in einen umwerfenden roten Qipao und das Brautpaar macht die Runde, um an jedem Tisch einzeln mit den Gästen anzustoßen. Ihrem Gatten wird von einem schalkhaften chinesischen Hochzeitsgast ein Glas mit einer Mischung aus Soja- und Chilisauce mit ordentlich Salz und Zucker aufgenötigt, dass dieser nichtsahnend trinkt. Wir Westler wundern uns nur, dass der Gatte kurz vor Erreichen unseres Tisches grün im Gesicht wird und zur Toilette eilt, so dass Ying alleine mit uns anstößt. Ob der sich vor Laoweis ekellt?
Bei dieser Gelegenheit werden dann auch die roten Umschläge übergeben, die von der rosa gekleideten Brautjungfer in eine riesige Handtasche eingesackt werden. Und das war es dann auch schon, die Hochzeitsgesellschaft zerstreut sich schnell. Da gucken einige der Westler ganz schön dumm aus der Wäsche, sind sie es doch gewohnt, dass es bei deutschen Hochzeiten nach dem Essen erst so richtig los geht.
Ying lädt einen kleinen Kreis ihrer Schüler dann noch für einen Umtrunk zu sich nach Hause ein, klar sind wir neugierig, wie sie wohnt und fühlen uns wegen dieser Einladung sehr geehrt. Ihre Wohnung ist mit unendlich vielen Hochzeitsfotos dekoriert, das Schlafgemach festlich geschmückt. An jeder Ecke des Bettes thronen üppige chinesische Kuchen mit Glückssymbolen, was für nächtliche Riten damit verbunden sind, wage ich nicht zu fragen. Da wir alle am nächsten Tag wieder arbeiten müssen und auch dem Brautpaar endlich Ruhe gönnen wollen, verabschieden wir uns bald.
Teile mir mit Horst und Klaus ein Taxi, die in dem Hotel, in dem wir 2005 unsere Vereinsrundreise gestartet hatten wohnen. Da die Fahrt sehr lange ist, hat Horst viel Zeit, von mir Erkundungen über Shanghaier Mietpreise und dergleichen einzuholen, während Klaus mit nahezu kindlicher Begeisterung auf dem Vordersitz das nächtliche Stadtbild bewundert. Kriege einen Eindruck von der Strecke, die Ying zum Unterricht bei mir zurücklegen muss und habe Respekt.