Mittwoch, Oktober 18, 2006

Kerstin kommt

17.10.2006, Dienstag

Ich berichte Lily stolz auf chinesisch, dass wir gestern Abend einen chinesischen Film geschaut haben und es gelingt mir sogar, den chinesischen Namen meines Lieblingsschauspielers fehlerfrei auszusprechen (Zumindestens erkennt Lily, von wem die Rede ist.) Sie findet Stephen Chow auch klasse, was ihr natürlich etliche Sympathiepunkte einbringt.

Lily war gestern nicht untätig: Sie ist wohl im Internet gesurft und hat ein paar Reiseagenturen gefunden, die diesen Ausflug als Pauschaltour anbieten. Da sie so begeistert bei der Sache ist, beschließen wir, sie einzuladen. Als wohlerzogene Chinesin lehnt sie natürlich ab, wird aber fast ohnmächtig. Im Laufe des Tages wiederholen wir mehrere Male unsere Einladung, die sie zwar immer wieder ablehnt, aber auch immer öfter mal „wir“ statt „ihr“ sagt, wenn die Rede auf den Ausflug kommt.

Nach dem Unterricht surfen wir erstmal im Internet, um uns über die Hotelpreise zu orientieren. In einem meiner Reiseführer wird eines empfohlen, dass auch online zu finden ist. Also begeben wir uns da hin, ich bin begeistert! Das Hotel liegt mitten in der Stadt, hat kleine, aber sehr hübsche Zimmer, die uns ein freudlicher, ausgezeichnet Englisch sprechender Bediensteter auch gerne zeigt.

Nach dieser Aktion treffen wir rechtzeitig zur Happy Hour bei Barbarossa im Renmin Gongyuan ein, wo wir die Zeit bis zu unserem Treffen mit Kerstin, mit der wir schon im Stundentakt telefoniert haben, überbrücken. Endlich wieder guter Weisswein! Und coole Musik, gediegenes Ambiente, wir lieben diesen Ort. Der nette Kellner schätztund macht uns diskret auf das nahe Ende der Happy Hour aufmerksam. Ob wir schnell noch ein Glas bestellen wollten? Natürlich wollen wir und stellen mit Schrecken fest, dass wir zum Essen zu spät kommen. Also wieder telefonieren. Schließlich hetzten wir ins „Vegetarian Lifestyle“, wo wir endlich Kerstin, Jörg , Wesley, James und Stefan treffen. Dieser hat sich der Situation völlig angemessen in das Trikot der deutschen Nationalmannschaft gehüllt. Als das Restaurant schließt, setzen wir uns noch in den Park und plaudern, da das Barbarossa jetzt natürlich brechend voll ist.

Zuhause angekommen fahre ich den Laptop hoch und buche mit zitternden Fingern über Expedia das hübsche Hotel, was wesentlich günstiger ist, als direkt dort zu buchen. In einem Anfall von Spendierfreudigkeit gönne ich uns sogar eines mit Balkon, was nur unwesentlich teurer ist. Schließlich will ich meinen 40. Geburtstag in angemessener Umgebung begehen. Anschließend berausche ich mich noch lange im Netz an den Bildern unseres neuen Domizils.

Erstes Training

16.10.2006, Montag

Als ich aufstehe, kriege ich fast einen Koller. Am liebsten würde ich sofort im Marriot oder Hilton anfufen und mich dort einbuchen. Die Vorstellung, hier noch weitere drei Wochen zu verbringen und dann in der letzten Woche auch noch mit Ali macht mich fast wahnsinnig. Ich wollte Ali doch zeigen, wie klasse Shanghai ist, statt dessen befinden wir uns an einem von Shanghais uncoolsten Orten. Zwar ist die Metro um die Ecke, aber das dauert halt immer seine Zeit, von A nach B zu kommen. Stefanie und ich beschließen darauf, uns für die letzte Woche eine andere Unterkunft zu suchen, da der Unterricht dann sowieso vorbei ist.

Wir erzählen Lily von unserem Projekt „Putuo Shan“, ihre Augen leuchten auf und sie zerrt sofort ein Amulett aus dem Ausschnitt, dass ihr ihre Tante von dort mitgebracht hat. Sie wollte da schon immer hin, hat aber kein Geld. Anscheinend ist sie eine freie Mitarbeiterin der Schule, ansonsten verdient sie nichts und lebt daher enorm sparsam. Sie verspricht uns, nachzuhören, wo wir die Tickets kaufen können.

Nach dem Unterricht (wo wir mal wieder kläglich bei der „Listening Comprehension“ scheitern) hetzten wir nach Pudong, um uns von Wu Ji foltern zu lassen. Aus irgendeinem Grund fährt die U- Bahn ab einer Station einfach wieder zurück, weswegen wir an der nächsten Station hastig dieses Transportmittel verlassen und uns ein Taxi schnappen. Natürlich kommen wir eine halbe Stunde zu spät, Klasse! Während ich bei schwüler Hitze, beobachtet von amüsierten Chinesen und einem sehr kritischen Meister stoisch im tiefen Stand meine Übungen mache, stelle ich fest, dass es wohl doch keine sehr brilliante Idee war, sich am Abend vorher sechs Gläser Wein hinter die Binde zu kippen. Wu Ji stellt nüchtern fest, dass wir wohl zu Hause nicht sonderlich viel geübt haben, was wir auch beschämt zugeben. Naja, geübt haben wir ja schon, nur irgendwie nicht ganz richtig.

Nach dem Training sind wir so erschlagen, dass wir bei einer Fertigsuppe zusammen mit Alessandra „God of Cookery“ mit Steven Chow gucken. Wenigstens hellt das meine Laune beträchtlich auf.

Ruhetag

15.10.2006, Sonntag

Eigentlich war für heute heftiges Lernen angesagt, aber als ich um 8:00 in diesem fiesen, dunklen Loch erwache, habe ich keine Lust, aufzustehen. Um 9:30 schließlich quäle ich mich aus dem Bett und versuche halbherzig, ein wenig die Grammatik durchzuarbeiten. Schließlich halte ich es nicht mehr aus, stopfe die Bücher in die Tasche und suche draussen nach einem netten Ort, finde aber keinen. Nun ist die Hungqiao Lu ja nicht gerade der Nabel Shanghais, leider gibt es in der Nähe nicht mal einen Park oder irgendwas anderes Nettes. Also scharre ich verzweifelt an Stefanies Tür, sie hat ebenfalls Lust auf Frischluft (sofern man hier von sowas reden kann), wir tigern ins Einkaufszentrum, laben uns an Nudelsuppe und bummeln durch die Geschäfte. Dabei entdecken wir einen genialen Laden, der total abgefahrene Computermonitore verkauft, so zum Beispiel für den Fast- Food Freund in Form einer roten Frittentüte oder für den Fussballfan in Form eines Fußballfeldes. (Das wäre was für dich, Elli). Mein absoluter Liebling ist natürlich ein riesiger Batman, in dessen einer Schwinge der Monitor untergebracht ist. Als wir entzückt versuchen, diese Sachen zu fotografieren, schießt gleich ein Bediensteter herbei, der uns das untersagt. Naja, im Land der Produktpiraterie sind die wohl etwas dünnhäutig mit sowas.

Nach diesem kleinen Ausflug klappt das Mittags dann auch mit dem Lernen, weswegen wir uns Abends mit einen kleinen Spaziergang (3/4 Stunde) zu Sascha´s belohnen, wo wir auch noch rechtzeitig zur Happy Hour eintreffen. Sascha´s hat einen wunderschönen, ruhigen Garten, der einen die Hektik der Großstadt vergessen lässt und wir sind im 7. Himmel. Nach dem Genuss einer hervorragenden Pizza und mehreren Gläsen anständigen Weines beschließen wir, unser Projekt „Diesmal schaffen wir es nach Putuo Shan“ mal wieder anzugehen. Putuo Shan ist eines von Chinas vier budhistischen Hauptheiligtümern und befindet sich auf einer winzigen Insel. Uns wurde das als der Himmel auf Erden beschrieben. Da wir das letztes Jahr schon nicht geschafft haben und Stefanie das Jahr davor auch nicht, wollen wir es diesmal unbedingt auf die Reihe kriegen. Beschwingt vom Wein machen wir uns auf den Heimweg, verlaufen uns promt und brauchen fast eine Stunde.

First Contact

14.10.2006, Samstag

Heute treffen wir uns mit Wu Ji, Michael und Xiaonan, um mal die Trainingspläne für die nächsten Wochen klarzumachen. Nach guter chinesischer Sitte geschieht das natürlich im Rahmen eines zünftigen Mittagessens. Wu Mao Gui ist von seinem Trip nach Deutschland noch so ausgelaugt, dass er erstmal entspannen (= saufen und mit Kumpels labern bis spät in die Nacht) muss und leider nicht mitkommt. Wu Ji ist auch sehr erfreut, uns zu sehen, aber bevor irgendetwas in Richtung Training besprochen wird, müssen wir erstmal eine Gesinnungsprüfung ablegen. Warum wir denn Lan Shou lernen wollten? Ob wir denn zu Hause auch fleißig üben würden? Stefanie begeht den Fehler, zu sagen, dass sie gerne kämpfe. Bevor Wu Ji denkt, wir würden uns regelmäßig prügeln, beeile ich mich, dies richtig zu stellen. Nachdem wir eine halbe Stunde lang unsere moralische Integrität unter Beweis gestellt haben, lässt er sich schließlich herab, mit uns Termine abzumachen. Für uns ist das eine große Ehre, denn wir sind die zweiten bzw. dritten Ausländer überhaupt, die er unterrichtet.

Abends treffen wir uns dann mit Rose, einer Engländerin, die die hiesige Taijiszene ein wenig aufmischt, natürlich wieder zum Essen. Eigentlich wollte sie uns gleich zu irgendeiner Push- Hands Gruppe schleifen, aber wir möchten lieber erstmal gemütlich lästern. Nach dem Essen lassen wir uns dann noch in einem Friseursalon eine kleine Rückenmassage verpassen, ein echter Weiberabend also. Die Masseurin versucht, mit mir Smalltalk zu betreiben und natürlich scheitere ich nach mehreren Phrasen kläglich. Immerhin raffe ich, dass sie meine Arme für sehr lang hält.

Freitag, Oktober 13, 2006

Wochenende!

13.10.2006, Freitag

Während die beiden anderen Mädels sich gestern abend lecker Pizza einverleibt haben, habe ich in einem Anfall von Strebsamkeit die heutige Lektion perfekt vorbereitet, indem ich jedes mir unbekannte Wort nachgeschlagen und notiert habe. Außerdem habe ich die Grammatik sehr ausgiebig studiert. Irgendwie fühlte ich mich unserer Lehrerin gegenüber schuldig, die sich wirklich sehr intensive Gedanken darüber macht, wie sie uns Pfeifen Chinesisch beibringen soll.

Wir haben ihr unser deutsches Lehrbuch ausgeliehen, um ihr zu vermitteln, was wir eigentlich können sollten und so fragt sie uns, (auf deutsch!), was für chinesische Volkslieder wir kennen. Mir fällt als erstes „Mo Li Hua“ (Jasminblüten) ein, da wir die Melodie nicht kennen, bitten wir sie, es für uns zu singen. Lily wird abwechselnd rot und blass, nimmt ihre Brille ab und singt dann wunderschön dieses Lied für uns, während sie auf ihrem Schenkel leise den Takt klopft. Wir sind gerührt und applaudieren herzlich.

Während der letzten Tage haben sich unsere Defizite gnadenlos offenbart: Meine Aussprache ist zwar einigermassen, aber ich spreche zu wenig und habe deswegen Schwierigkeiten mit der Anwendung. Stefanie ist mutig und labert einfach los, aber ihre Aussprache und ihr Satzbau sind fürchterlich. Dafür prägt sie sich ziemlich schnell Vokabeln bzw. Zeichen ein. Alessandra hat einen riesigen Wortschatz, kann aber auch die Anwendungen nicht richtig gut und hat extreme Schwierigkeiten mit der Aussprache. Das liegt einfach daran, dass es im Italienischen manche Laute wie „ch“ einfach nicht gibt. Trotzdem hält sie das nicht davon ab, so lange in allen möglichen Varianten auf die Einheimischen einzuquatschen, bis die gewünschte Reaktion erfolgt.

Auf dem Gelände unserer Schule entdecken wir eine „ Ka Fei Ba“ und begehen den Fehler, uns einen italienischen Kaffee zu bestellen. Eine Jungfrau mahlt erst die Bohnen, füllt sie in ein reagenzglasartiges Gefäß, befeuert einen Bunsenbrenner darunter und schaut dann erstmal mindestens 5 Minuten zu, wie das heiße Wasser erst in einen Teil des Kolbens läuft, um dann auf wundersame Weise rückständefrei in einen anderen Teil dieses Versuchsaufbaus gesaugt zu werden. Nach ca. 14 Minuten halten wir beide einen perfekten vierfachen Expresso in den Händen. Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass wir den Nachmittagsunterricht hellwach verfolgt haben.

Während wir in „Vegetarian Lifestyle“ mit vier Personen acht Gerichte verdrücken, klingelt mein Handy . Da ich es nicht gewöhnt bin, in China angerufen zu werden, merke ich das garnicht. Als ich an der Kasse stehe, um für meine eingekauften vegetarischen Fertiggerichte zu zahlen, klingelt es ein drittes Mal- Kerstin! Hungrig, genervt und mit einem bösen Jetlag. Am liebsten möchte ich sie durch die Telefonmuschel umarmen und trösten, aber da ich gerade auf einer Hauptstrasse stehe und in etwa 5 Sekunden mindestens zweihundert Fahrzeuge auf mich zurasen werden, fällt mein Trost etwas kurz aus. Armes Ding, werde ihr gleich mal ne SMS schreiben.

Während ich hier sitze, spielt Mainz 05 gegen Aachen und offensichtlich führen die Aachener 2:1. Mist. Hier ist es mitten in der Nacht, aber da ich natürlich unbedingt wissen will, wie es ausgeht, werde ich mich noch weiter wachhalten müssen. Hier im Fernsehen wird das Spiel leider nicht übertragen, also bin ich auf das Netz angewiesen.

Donnerstag, Oktober 12, 2006

Schlaflos in Shanghai

12.10.2006, Donnerstag

Gestern Abend haben wir noch eine äußerst interessante Entdeckung gemacht: Neben unserem Wohnheim befindet sich offensichtlich eine illegale Majang- Spielhölle. Jedenfalls sitzen da in diversen kleinen Räumen wild rauchende Leute, saufen Schnaps und zocken. Man konnte sehen, wie etliche Einhundert- Yuan Scheine den Besitzer wechselten. Alessandra beschliesst daraufhin, ein Majang- Spiel zu erwerben, vielleicht können wir ja so etwas Kohle machen, um unseren doch recht ausgiebigen Rotweinkonsum zu finanzieren.

Irgendwie haben wir alle Schwierigkeiten, einzuschlafen bzw. die ganze Nacht durchzuschlafen. Wir haben schon von Saufen-und-Spät-ins-Bett gehen über Nichts-saufen-und-spät-ins-Bett-gehen bis Nichts-saufen-und-früh-ins-Bett-gehen alles Mögliche durchprobiert , aber irgendwie hilft nichts. Gestern war dann mal wieder die erste Variante angesagt, was dann dazu führte, dass ich heute morgen den Wecker überhört habe und um 10:00 ungeduscht und ohne Frühstück und –schlimmer- Kaffee in den Klassenraum rennen musste.

Nach dem Unterricht war ich dann viel zu platt, um mit den beiden anderen Mädels auf Tour zu gehen, weswegen ich mich jetzt in meinem Zimmer vor die Glotze gesetzt habe. Unfassbar: Über 30 Kanäle, einer davon in Englisch und auf allen läuft nur Mist. Zu meiner großen Freude berichtet CCTV 5 über die Europa- Cup Qualifikation und ich sehe eine Zusammenfassung des Spiels Deutschland gegen ein offensichtlich osteuropäisches Land. Vielleicht die Slowakei? Egal, jedenfalls gewinnen wir 4:1 und ich lache mich schlapp über die chinesische Aussprache der Namen von Ballack, Schweinsteiger und Podolski.

Mittwoch, Oktober 11, 2006

Meuterei

11.10.2006, Mittwoch

Als ich um 10.00 den Klassenraum betrete, sitzt da eine pickelige kleine Chinesin, die mich gleich anstrahlt und sich als Lily, unsere neue Lehrerin vorstellt. Ich frage mich, ob die in unserem Zimmer Wanzen installiert haben. Wie sich herraustellt, ist Stefanie nach einer schlaflosen Nacht zu dem Entschluss gekommen, ohne Umschweife nach einer neuen Lehrerin zu fragen, also sind sie und Alessandra gleich ins Büro getrabt und haben nach einer neuen Lehrerin verlangt. Lily legt sich auch sofort voll ins Zeug, erkennt zügig unsere Schwächen (die Aussprache) und fordert uns kräftig. Ich finde es interessant, Alessandra zuzuhören, denn bis jetzt kannte ich Chinesisch von Ausländern nur mit einem grauenhaften deutschen Dialekt (uns), jetzt höre ich mal die italienische Variante.

Etwas unschön an der Situation ist, dass unsere alte Lehrerin hospitiert, richtig peinlich wird es, als Lily uns den Satz: “Du hättest erst mit deinem Lehrer reden sollen, bevor du dich beschwerst“ übersetzen lässt. Aber wir krümmen uns erst richtig vor Scham, als die beiden Mädels nach der Mittagspause vor uns stehen und fragen, welche von beiden uns denn nun weiter unterrichten soll. Eigentlich hätten wir denen im Büro Bescheid sagen sollen, haben das aber irgendwie verpennt. Da Stefanie uns die Suppe eingebrockt hat, starren Alessandra und ich unbeteiligt an die Decke und überlassen es ihr, der alten Lehrerin mitzuteilen, dass wir dann doch lieber mit Lily weitermachen wollen. Selten war ich in einer peinlicheren Situation.

Da das Wetter hier in Shanghai immer noch sehr warm ist, wir aber alle nur festes Schuhwerk dabei haben, beschliessen Alessandra und ich, uns im nahegelegenen Einkaufszentrum nach etwas leichteren Schuhen umzuschauen. Freunde, ich sage euch: Solltet ihr Nachhilfe in modischen Fragen brauchen, dann geht mal mit einer Mailänderin einkaufen. Alessandra findet mit sicherem Griff aus einem Berg von Pullovern auf einem Grabbeltisch den schicksten mit dem höchsten Kaschmiranteil und keift dann noch mit dem Händler auf Chinesisch und ich traue mich kaum noch, einen Schuh überhaupt nur in die Hand zu nehmen aus Angst vor ihrem kritischen Urteil. Am Ende erstehen wir dann beide ein Paar schicke Converse- Segeltuchschuhe und kehren erschöpft in der Food- Plaza des Einkaufszentrums ein. Nach der Schuhaktion sind wir dann leider zu platt, um noch groß zu lernen und quatschen lieber noch auf der Terrasse.

Zweifel

10.10.2006, Dienstag

Unsere Lehrerin trägt heute Glitzer und labert uns die erste Stunde wieder nur voll. So hatten wir uns den Unterricht eigentlich nicht vorgestellt. In der Pause beratschlagen wir Mädels und kommen zu dem Schluss, dass wir, sollte das so weitergehen, nach einer anderen Lehrerin fragen werden. Einerseits fürchten wir, unsere Leherin könnte ihren Job verlieren, anderseits sind wir ja schließlich hergekommen, um etwas zu lernen. Der Unterricht verbessert sich unwesentlich und so sind wir in einem echten Konflikt: Sollen wir erst mit der Lehrerin reden oder gleich nach einer anderen fragen? Eine chinesische Freundin rät uns, uns gleich zu beschweren, aber so ganz wohl ist uns dabei nicht.

Dienstag, Oktober 10, 2006

Blamage

09.10.2006, Montag

Natürlich waren unsere gestrigen Exzesse nicht ganz folgenlos. Im Registrierungsbüro teilt man uns mit, man würde gleich einen Test mit uns machen, um unsere sprachlichen Fähigkeiten einschätzen zu können. Die verbleibende Zeit nutzen wir, indem wir hektisch in unseren Büchern blättern und verzweifelt versuchen, alles zu wiederholen, was wir je gelernt haben. Ziemlich schnell wird uns klar, dass wir wahrscheinlich ziemlich abstinken werden. Die restlichen Studenten scheinen alle so um die zwanzig zu sein, umso erleichteter sind wir, als man uns in einen Raum führt, in dem eine nette Italienerin unseres Alters sitzt. Der Test wird natürlich ein ziemliches Debakel, da wir über die Hälfte der Zeichen nicht kennen und überhaupt nicht raffen, was genau von uns verlangt wird. Zum Glück geht es Alessandra ähnlich. Also beschließt man, dass wir drei eine Klasse bilden sollen und stellt uns unsere Lehrerin vor, eine dickliche, bebrillte Chinesin so um die dreissig in einem äußerst gewagtem Rüschenfummel. Was den chinesischen Sinn für Mode angeht, sind wir ja Einiges gewohnt, aber dies hier ist ein echter Härtefall. Sie textet uns dann die nächsten paar Stunden auch kräftig zu, lediglich die am Rande ihrer Leistungsfähigkeit laufende Klimaanlage, die den Raum in einen Kühlschrank verwandelt, hält und davon ab, einzuschlafen. Falls jemand gedacht hatte, wenigstens beim Mittagessen der chinesischen Sprache entkommen zu können, wird aller Hoffnung beraubt: Li Laoshi geht mit und bringt uns bei, wie wir auf chinesisch bestellen und macht Konversation mit uns. Anschließend weitere zwei Stunden zuhören und ein kurzer Blick in das Buch. Mann, sind wir froh, dass der Unterricht endlich vorbei ist!

Alessandra hat man ebenfalls in eine fensterlose Zelle gesteckt, also machen wir das erstmal klar und norden sie anschließend auf Shanghai ein, indem wir ihr helfen, eine chinesische SIM- Karte für ihr Handy und das wiederaufladbare Metro- Ticket zu besorgen. Dann schleppen wir sie in die Stadt und gehen lecker essen. Zu unserer Freude entdecken wir bei dieser Gelegenheit haufenweise DVD- Stände und decken uns erstmal anständig ein.

Abhängen

08.10.2006, Sonntag

Nachdem wir ausgeschlafen haben, beschweren wir uns erstmal kräftig über das fensterlose Zimmer und bekommen ein neues zugewiesen. Dann begeben wir uns in die Stadt und besuchen im Museum für moderne Kunst eine sehr interessante Ausstellung, anschließend bummeln wir durch diverse Buchläden. Wir müssen mit Entsetzten feststellen, dass nahezu alle Stände mit raubkopierten DVDs aus dem Stadtbild verschwunden sind. Mist, dabei hatten wir doch eine ellenlange Wunschliste! Immerhin erstehe ich zwei Hongkong- Prügel Filme und auch Stefanie kann sich den letzten Harry Potter sichern. Auf der in allen Farben des Universums erleuchteten Nanjing Lu bummeln wir zu einem vegetarischen Restaurant, das wir noch von unserem letzten Aufenthalt hier kennen, beweisen aber bei der Wahl der Speisen kein sehr glückliches Händchen. Leider ist die Speisekarte nicht bebildert, so dass wir auf gut Glück bestellen müssen. Aber immerhin werden wir satt.

Anschließend begeben wir uns in eine sehr nette, arabisch aufgemachte Bar im Volkspark, wo man auf einer lauschigen Terasse an See Chill- out Musik hören, Wasserpfeife rauchen und endlich mal vernünftige (weil importierte) Alkoholika zu sich nehmen kann. Erfreulicherweisr herrscht gerade Happy Hour, das heißt, die Getränke kosten nur die Hälfte, was angesichts der Preise durchaus lohnenswert ist. Natürlich machen wir von diesem Angebot ausgiebig Gebrauch, verpassen die letzte Metro und kehren beschwingt in unser Wohnheim zurück, wo wir betäubt ins Bett fallen.

Schlimmer geht nimmer

07.10.2006, Samstag

Etwa zwei Stunden vor der Landung fängt mein linkes Auge an, wie verrückt zu brennen. Wir mussten wegen SARS ein Formular mit Angaben zu unserer Gesundheit ausfüllen und natürlich habe ich bei der Frage, ob ich unter Husten, Schnupfen und dergleichen leide, kein Häkchen gemacht, da ich keine Lust habe, in einem chinesischen Hospital in Quarantäne gesteckt zu werden. Der Typ an der Kontrolle aber würdigt uns keines Blickes und sackt wortlos die Formulare ein, obwohl ich mich offensichlich schwer erkältet an ihm vorbeischleppe. Tja, Willkommen in China!

Wir fahren mit dem Bus in unser Studentenwohnheim, als der Bus die Huangpu- Brücke überquert und ich die grandiose Skyline wiedersehe, geht mir das Herz auf. Mittlerweile läuft aus meinem Auge gelber Sabber und ich höre fast nichts mehr. Na toll, jetzt habe ich auch noch eine Bindehautentzündung. Im Studentenwohnheim die nächste unangenehme Überraschung: Eines unserer Zimmer ist zwar hübsch groß, hat aber kein Fenster. Da wegen der Feierlichkeiten zur Gründung der Nation niemand Kompetentes da ist, können wir das auch erstmal nicht ändern.

Stefanie schleppt mich in das nächste Einkaufszentrum, wo wir tatsächlich eine Apotheke finden und Mittel gegen Erkältung und Bindehautentzündung erstehen. Nach ein paar Stunden Schlaf wird es tatsächlich dann etwas besser und wir erkunden die Umgebung und versorgen uns erstmal mit ein paar Grundnahrungsmitteln wie Rotwein und Kaffee. Dem Rotwein sprechen wir dann auch auf der kleinen Terrasse vor unserer kakerlakenverseuchten Küche kräftig zu.

Auf nach China!

06.10.2006, Freitag

Da ich immer noch eine fette Erkältung habe, sehe ich dem Langstreckenflug mit gemischten Gefühlen entgegen. Außerdem frage ich mich, wie ich so blöd sein konnte, meinen wohlverdienten Urlaub nicht unter Palmen, sondern in einer stressigen Großstadt mit einem stressigen Sprachkurs zu verbringen.

Mittwoch, Oktober 04, 2006

Reisevorbereitungen

04.10.2006, Mittwoch

Nach einen sehr anstrengenden aber auch sehr schönen verlängerten Wochenende mit unserem Meister sitze ich jetzt auf fast gepackten Koffern. Übermorgen geht es für Stefanie und mich vier Wochen ab nach Shanghai zum Sprachkurs und hoffentlich bieten sich auch wieder reichlich Trainingsmöglichkeiten. Nach dem ganzen Stress der vergangenen Tage bin ich im Kopf noch gar nicht auf Urlaub eingerichtet und kann mir nicht vorstellen, dass ich mich bald schon wieder in irgendeinem Park von irgendwelchen Meistern demütigen lasse, während 20 Leute drum herumstehen und Maulaffen feilhalten. Ich hoffe sehr stark, dass ich in China auf dieses blog hier draufkomme und von unseren Erlebnissen berichten kann. Noch scheint das zu klappen, aber wer weiss, was der Regierung noch so einfällt. Da Stefanie ihren Laptop mitnimmt, könnte es sogar sein, dass wir Bilder hochladen können. Falls wir nicht wieder -wie letztes Jahr- so blöd sind, uns unser Zeug klauen lassen. Eigentlich wollte ich auch mit einem Chat- Kumpel unserer Freundin Kerstin (die am 17.10 auch nach Shanghai kommt) auf ein Spiel von Shenhua gehen und den Chinesen ein paar deutsche Fangesänge beibringen, aber irgendwie habe ich das nicht mehr auf die Reihe bekommen. Schade, ich hätte gerne Karsten Janckers dummes Gesicht gesehen, wenn das halbe Stadion " Karsten Janker, Fussballdepp" gröhlt, aber das wird jetzt wohl nix mehr.

Besuch vom Meister

03.10.2006, Dienstag

Freitag früh um 5:00 haben Lilo und ich unseren Shanghaier Meister Wu Mao Gui und seinen Übersetzer Michael vom Flughafen abgeholt. Wir hatten das Glück, die beiden letztes Jahr in Shanghai kennen zu lernen und mit ihnen trainieren zu dürfen, anschließend hat der Meister uns und einen anderen Verein hier besucht. Letztes Jahr war er noch völlig aufgekratzt, da das seine erste Reise außerhalb Chinas war, dieses Jahr war er dann schon ganz cool und auch mit dem Essen wesentlich experimentierfreudiger und im Umgang mit Messer und Gabel deutlich geübter.

Ich hatte mich ein ganzes Jahr lang darauf gefreut, ihn wieder zu sehen und von ihm zu lernen, als er dann grinsend aus dem Flieger fiel, habe ich mich fast nicht mehr eingekriegt. Bei diesem Besuch hatten wir auch endlich mal die Möglichkeit, ihm Mainz zu zeigen und waren überrascht, dass er so auf die römischen Dinge abgefahren ist.

Die Seminare waren klasse, außerdem haben wir unendlich viel gequatscht und hatten echt eine große Zeit. Schade, dass es hier nicht solche Typen gibt, was für ein Privileg für unseren Verein, dass sich so ein Mann Zeit nimmt, uns Luschen vernünftiges Taiji beizubringen. Jetzt haben wir die beiden Jungs an unsere Bensheimer Freunde weitergereicht, da bleiben sie noch eine Woche. Da ich ja Freitag nach China fliege, kann ich die beiden also theoretisch zwei mal vom Flughafen abholen.

Mittwoch, September 20, 2006

EM- Qualifikationsspiel gegen San Marino

06.09.2006, Mittwoch

Die ehemaligen „Klinsmänner“ werden jetzt die „Löwen“ genannt, ein Tribut an den Nachnamen des amtierenden Trainers Joachim Löw. Hört sich auch irgendwie cooler an. Und so erzielt das Team vor ca. 5.000 angereisten deutschen Fans auch den höchsten Auswärtssieg einer deutschen Nationalmannschaft in der Länderspielgeschichte mit einem 13:0 gegen die völlig überforderten Amateure des Zwergstaates. Manuel Friedrich schreibt erneut Vereinsgeschichte, indem er als erster Mainzer Spieler ein Tor in einem Länderspiel schießt. Am Ende hat fast jeder Spieler der Nationalmannschaft ein Tor geschossen, einzig Jens Lehmann entschied sich dagegen, einen Elfmeter zu verwandeln. Das wäre aber auch zu unsportlich und demütigend für die armen Jungs aus San Marino gewesen. Somit sind wir in unserer Gruppe erstmal an der Tabellenspitze und können den folgenden Begegnungen gelassen entgegensehen.

Fußballweltmeister Italien wird im ausverkauften Stadie France von der französischen Mannschaft verdient 3:1 deklassiert, eine späte Revanche für das verlorene Finale. Somit steht Italien auf dem vorletzten Tabellenplatz vor der Fußballgroßmacht Färöer. Hähä, wenn die so weitermachen, qualifizieren die sich noch nicht mal für die EM.