Samstag, Januar 16, 2010

Karnevalsverein

Überraschenderweise überträgt CCTV 5 das "Spitzenspiel" zwischen Mainz 05 und Bayer Leverkusen. Mit Entsetzen muss ich mit ansehen, wie unser Fußballteam geschlachtet wird und zur Halbzeit 3:1 zurückliegt. Und bis auf das gelegentliche "piaoliang" bei guten Aktionen und "Meiyinci" kann ich herzlich wenig der chinesischen Kommentare verstehen. Noch nicht mal die Namen unserer Spieler. Und sowas wird auch noch im Ausland gesendet, was soll man denn jetzt von unserer wunderbaren Stadt denken?! Mitunter lachen die Kommentatoren auch noch hämisch.
In der 67. Minute schließt Bungert zum 3:2 an, hier im Fernsehen sah das nach Handspiel aus. Mittlerweile ist es hier Mitternacht, wollte eigentlich früh ins Bett, um morgen im Training fit zu sein, aber jetzt muss ich weiterschauen.
Das wird dann vermutlich die dümmste Ausrede für schlechte Trainingsleistung aller Zeiten: "Ich bin heute unfit, weil ich unbedingt bis in die Puppen meinem Team beim Verlieren zuschauen musste". Ja, das werden die Jungs ganz sicher verstehen. Mittlerweile steht es 4:2 gegen Mainz.

Action, Baby!

16.01.2010, Samstag

Vormittags:

Mein blöder Wecker hat auf dem Flug irgendeine Macke abgekriegt und piepst eine Stunde zu früh. Drecksding!
Heute ist es eher diesig und lausig kalt, hülle mich in dicke Klamotten und begebe mich in den Park, wo Xiao Lu tatsächlich auch schon geschmeidig am Üben ist. Wiedersehensfreude, statt der erhofften tigergleichen deutschen Katze gibt es halt nur Schoklolade. Macht nichts, er hat sowieso jetzt schon die dritte Katze. Das Vieh hat ihm ganz schön die Hände zerkratzt und ich stelle mitleidslos fest, er müsse sie dann wohl geärgert haben. Ich necke ihn ein wenig und sage ihm, dass Meister Wu behauptet habe, er sei sehr selten im Training. (Des Meisters andere Aussagen verschweige ich diskret). Alles Blödsinn, sagt er, es sei der Meister, der eher selten käme. Da ich des Meisters Neigung zu wüsten Geschichten und seinen ausschweifenden Lebenswandel kenne, bin ich geneigt, Xiao Lu zu glauben.
Mein Winterfummel wird bewundert und wir fangen schonmal mit Einzelbewegungen an. Mann, Nummer 11 hat gestern echt ganze Arbeit geleistet, mein Nacken und die Schultern tun höllisch weh, wie ein schlimmer Muskelkater. Heute werde ich mir diese Behandlung ganz bestimmt nicht angedeihen lassen. Als der Meister kommt, wird der Winterfummel erneut bewundert, der Meister ist mit dem Sitz wohl sehr zufrieden. Könnte nur am Hals etwas weiter sein, aber schon ganz hübsch so. Schnapsflasche und Pralinen werden übergeben, so wird der Koffer leichter.
Während des Trainings friere ich ganz schön, ich beneide die beiden Jungs um ihre schicken Edelstahl- Thermoskannen mit heißem Tee. Der fürsorgliche Meister gibt mir eine Tasse seines Tees, tut echt gut. Ich muss mir unbedingt für morgen so eine Kanne besorgen. Angeblich soll man ja keine kalten Extremitäten kriegen, wenn man sein Qi dahin leitet, aber bei mir funktioniert das irgendwie nicht.
Der Jadering- Perückenmann schlurft im winterlichen schwarzen Samtfummel heran und verteilt Kippen.
Klappt soweit alles ganz gut, Mian Zhang stolpere ich dem Meister hinterher und werde vom kritischen Xiao Lu beobachtet. Anschließend meint der, wenigstens habe ich das nicht komplett vergessen. Stück für Stück daran arbeiten, er wird mir helfen. Völlig überraschend meint Meister Wu, ich solle jetzt Ying Quan (Eagle Fist) lernen. Wow, damit habe ich nicht gerechnet. Diese Form ist sehr lang und sehr elegant mit einigen Sprüngen und Tritten. Hätte nicht gedacht, dass er mir das schon zutraut. Zum Glück ist die Eröffnungsbewegung ganz ähnlich wie Dong Bao Quan, Xiao Lu turnt vor und ich mache nach, während der Meister uns kritisch beobachtet. Gleich am Anfang ein Sprung von einem Bein auf das andere, dann ganz tief runter auf den Boden. Das übe ich ein paar Mal, stöhne Xiao Lu nach dem zehnten Aufrappeln aus der Grätsche was vor und sage, ich sei alt geworden. (Das hatte er letztes Jahr ständig von sich behauptet). Der muss darauf tierisch lachen und zeigt mir anhand einer ganz komplizierten Kombination, wie schön er das mal konnte, als er noch jung war. Der Meister muss hastig die Toilette aufsuchen (gestern zu viel gefressen) und Xiao Lu nutzt die Zeit, mir ein paar Partnerübungen beizubringen. Habe morgen bestimmt blaue Flecken, macht aber Spaß. Ich schlage vor, dass wir sowas ja mal öfter zusammen üben könnten. Waas? Nein, er sei ein Mann und ich eine Frau, er könne mich doch nicht verdreschen! Am Ende verletzte er mich noch. Verstehe einer Xiao Lu.
Die Taizu Quan laufen wir gemeinsam langsam, fühle mich wohl und jetzt ist mir schön angenehm warm. Locke und ein Kumpel schauen sich das Ganze an und erzählen auf dem Weg zum Ausgang wüste Geschichten, leider auf Shanghainese. Morgen wieder Training, fein.

Nachmittags:

Komme im Hotel an und auf einmal geht ein ohrenbetäubender Krach los: Ein Feuerwerk wird gezündet. Ein Blick aus dem Fenster zeigt: Im Haus gegenüber wird geheiratet. Gott, ist das laut! Da bekomme ich schonmal einen Vorgeschmack auf das Frühlingsfest.
Die Sonne lugt zaghaft durch den Dunst und ich beschließe, in der Stadt was zu essen und das MoCA zu besuchen. Außerdem brauche ich eine Thermoskanne. Das Dilemma ist, dass ich zwar aus dem Stegreif sämtliche Klamotten-, DVD- und Kampfkunstartikelläden Shanghais nennen könnte, aber keine Ahnung habe, wo man ganz simplen Hausrat herbekommt. Ich nehme daher den Weg durch die schmalen Gässchen mit den alten Häusern, vielleicht habe ich ja Glück. Sowas kann unter Umständen auch nach hinten losgehen, weil in diesen Gässchen oft nur spezielle Waren wie etwa für Autoteile, Abflussrohre oder eben Nagellack und Kosmetik angeboten werden. Ich habe aber Glück, alte Shanghaier Nachbarschaft, hier gibt es alles. Schon im dritten Lädchen finde ich das Gesuchte, ganze 33,- Kuai (ca. 3,30 Euro) für eine schicke Edelstahl- Thermoskanne. Wollte ja keinen Hausrat kaufen, bevor ich keine Wohnung habe, aber das musste sein. Bin ganz stolz auf mich.
Komme an einer Wohnanlage vorbei, vor deren Eingang gerade Kracher in Herzform ausgelegt werden. Scheint heute ein guter Tag zum Heiraten zu sein, ich mache, dass ich wegkomme, bevor gezündet wird.
Im Volkspark bahne ich mir einen Weg durch den Heiratsmarkt und riskiere ein paar Blicke auf die ausgehängten Zettel. Ist nichts Anständiges dabei, aber um mich herum findet zwischen den Eltern und Großeltern der Heiratswilligen ein reger Informationsaustausch statt.
Barbarossa wird gerade renoviert und/ oder umgebaut. So komme ich wenigstens nicht in die Versuchung, mich Happy- Hour Exzessen hinzugeben, aber hoffentlich behält das seinen alten Charme.
Wie immer eine klasse Ausstellung im MoCA, natürlich darf man auch wieder ungeniert fotografieren. Nach dem Besuch des Museums trabe ich ins Gongdeli, das älteste vegetarische Resturant Shanghais. Nicht so gut wie das Lifestyle und auf der Karte gibt es keine Bilder, so dass man nach Gutdünken entscheiden muss. Die Beschreibung der Gerichte ist auch eher vage, die Bestellung eher Glückssache. Ich ordere drei Gerichte, der Bedienscherge meint, das sei zuviel. Waaas? Das wollen wir dochmal sehen! Tatsächlich habe ich bei der Bestellung ein glückliches Händchen bewiesen und ich schaffe es, fast alles zu verspeisen. Laufe zum Hotel zurück und chatte ein wenig.
Die Projektdateien sind mittlerweile angekommen, die werde ich mir jetzt mal reinziehen, damit ich Montag voll durchstarten kann. Mainz 05 spielt heute abend, werde die Daumen drücken.
Morgen wieder Training, soll sonnig werden und ich habe heiße Getränke - was will man mehr!


Freitag, Januar 15, 2010

Alte Freunde, neue Freunde

15.01.2010, Freitag
Schlafe tierisch schlecht und wähne mich morgends viel zu spät. Mache mich hektisch fertig, nur um festzustellen, dass ich mich in der Uhrzeit um eine Stunde vertan habe. Pünktlich um 9.00 stehe ich im Büro auf der Matte, wo ich auch gleich meinen Chef kennen lerne und sofort an einer Besprechung teilnehme. Da ich immer noch sehr an der Zeitverschiebung zu knabbern habe, fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren oder mich sinnvoll einzubringen. Wir haben noch zwei neue Mitarbeiter: Zwei kleine Kätzchen, die Markus, mein Chef, vor dem ertränkt werden gerettet hat und die im Büro Mäuse fangen sollen. Hello Kitty!
Werde noch eingewiesen, die Dateien wird man mir schicken, dann kann ich mich übers Wochenende schonmal einarbeiten. Ich bitte Matthew (Herrn Ma), mein Hotel zu verlängern und die Wohnung in der Quyang Lu klarzumachen. Hoffentlich ist die noch frei. Die Wohnung ist zwar klein und man muss etwas länger zur Metro laufen, aber der Ausblick und die nette Vermieterin machen das wett. Von Seiten der Kollegen wird mir versichert, dass nette Vermieter Gold wert sind. Außerdem kann man vielleicht im Garten der Anlage nach der Arbeit nett trainieren und ein Kino und -sehr wichtig- ein Carrefour befinden sich auch noch in der Straße. Hoffentlich wird das was.
Da der Meister Freitags mittags im Volkspark unterrichtet, beschließe ich, da mal vorbeizuschauen, vielleicht ist er ja da. Ansonsten besuche ich halt das MoCA. Er ist, außerdem noch Rose, Judd, Oscar, Xiao Dou, Andy (den ich noch nicht kannte) und ein mir unbekannter chinesischer Schüler, Jeremy kommt später auch noch. Die freuen sich auch alle mächtig, mich zu sehen und dass ich jetzt hier einen Job habe und länger bleibe. Jetzt gehöre ich endlich richtig dazu und bin nicht nur eine Schnalle, die einmal im Jahr hier aufschlägt und ein bisschen mithampelt. Unter der Woche werde ich leider nicht mit denen üben können, vielleicht in den Ferien. Egal, ich freue mich, bekannte Gesichter und vor allem Meister Wu wiederzusehen. Der wird von allen Mainzern (ja, auch von Yürgen) gegrüßt und ist erfreut. Der Meister sieht richtig gut aus, hat abgenommen und ist fröhlich und entspannt. Die Hüfte ist auch wieder in Ordnung, traditionelle Medizin hat es schließlich gerichtet. Und weil ich mich so freue, schaue ich dann auch zwei Stunden zu und rauche und quatsche in den Pausen mit meinen Lieben. Das MoCA kann ich ja auch noch zu einem anderen Zeitpunkt besuchen. Laut Aussage des Meisters ist Wujie immer noch sehr beschäftigt mit seiner Arbeit. (Was genau der macht, haben Stefanie und ich bis heute noch nicht begriffen, irgendwas beaufsichtigt Wujie auf der Goldfischfarm seines Cousins. Natürlich brennen wir darauf, da mal einen Ausflug hin zu machen. Vielleicht klappt das ja im April).
Xiao Lu hat er schon länger nicht mehr gesehen. Da steckt wohl eine mit ihrem Gatten unzufriedene Mrs. Xiao Lu dahinter, wie der Meister mir und Rose augenzwinkert verrät und gleich noch ein paar pikante Details oben drauf legt. Pantoffelheld. Mal sehen, ob der morgen kommt.
Nach dem Training will ich im Vegetarian Lifestyle was essen, Judd beschließt spontan, mich zu begleiten und erweist sich als recht angenehmer Gesprächspartner, der auch gene mal lästert. Na, da kann ich mit ein paar Interna geschmeidig punkten. Außerdem kennt er sich in der Speisekarte sehr gut aus, die ja saisonal verschieden ist. Wichtig, denn einige der Gerichte hätte ich mir sonst nie bestellt, da ich die Winterkarte nicht kenne. Und er spricht fließend chinesisch. Da er auch sehr ernsthaft übt, ist es schön, mit ihm zu quatschen, denn wir teilen da gemeinsame Erfahrungen von Frust und Selbstzweifel. Letztes Jahr hat Meister Wu mir gegenüber erwähnt, dass Judd sich sehr verbessert habe. Das erzähle ich im jetzt und rette seinen Tag.
Nach dem Essen will ich eigentlich nur schauen, ob ich die Nagellackgasse wiederfinde und wiederstehe tapfer der Versuchung, was zu kaufen. Außerdem finde ich auch noch den Laden mit Pekingoperbedarf, den die Mädels letztes Jahr gesichtet haben. Prima, wenn das mit der Wohnung klappt, soll ein prächtiger Kopfputz mit ordentlich Bommeln dran mein neues Heim schmücken. Fastnacht bin ich damit bestimmt die Königin. Vorsichtshalber schaue ich auch noch, ob es das Massagestudio, das Stefanie aufgetan hat, noch gibt. Auch das ist noch da und in einem Anfall von Übermut beschließe ich, angesichts des morgigen Trainings voll aufs Ganze zu gehen und mir eine Körpermassage zu gönnen. Massagen (egal, ob nur Teile des Körpers oder alles) sind hier immer für zwei Dinge gut: Erstens dienen sie der Gesundheit und zweitens sind sie eine 1a Gelegenheit, Chinesisch zu üben. Auch wenn man sich manchmal unangenehme Dinge anhören muss.
Mein Masseur ist blind. Das ist echt interessant, denn daraus, dass ich lange Haare habe und beschissen Chinesisch spreche, schließt er messerscharf, dass da eine ausländische Frau vor ihm liegt. Nachdem er sich tastend einen Überblick über meine Körpergröße verschafft hat und diese exakt schätzt, scheiden Koreanerinnen und Japanerinnen schonmal aus. Ich werde wie ein junger Hund zielsicher im Nacken gepackt und dann brutal eine Stunde lang bearbeitet. Vor allem die Schultern und die Lendenwirbel. Während der Prozedur drückt mir der Masseur irgendwann mal sein Namensschild in die Hand. Masseeure haben hier grundsätzlich keine Namen, sondern Nummern. Er ist Nummer 11. Ist ja wie im Borg- Kollektiv. Schimpfe gibt es auch (Wirbelsäule krumm, zu dürr). Aktive Mithilfe ist gefragt und ich muss ständig sagen, ob und wo es wehtut. Ja, eigentlich fast überall. Ich entschuldige mich für mein mieses Chinesisch, das ginge schon, sagt Nummer 11, ich solle viel Fernsehen, das wäre gut, um die Sprache zu lernen. Stimmt, die Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Kopf und die Wirbelsäule werden krachend eingerenkt, schließlich hat Nummer 11 mich ganz gut in der Reihe.
Zufrieden ist er nicht, bin wohl voll der Härtefall. Am besten morgen und übermorgen nochmal kommen, dann wird das was. Mal sehen, nach dem Training könnte das durchaus nötig sein. Ob ich mir seine Nummer gemerkt hätte? Klar und deutlich wiederhole ich: "Shiyi" und Nummer Elf ist zufrieden.
Als ich den Laden verlasse, merke ich erstmal, was die vergangenen drei Monate und das Trainingsdefizit meinem Körper angetan haben. Zum ersten Mal gehe ich wieder aufrecht und gerade und spüre meine Struktur. Da ich sowieso auf der Ecke bin, bummele ich begeistert über mein langsam wiederkehrendes Körpergefühl über die Nanjing Lu und durch ein Luxuskaufhaus. Um diese Jahreszeit sind kaum Touristen in der Stadt und somit auch keine nervenden Fake- Verkäufer unterwegs, sehr angenehm.
Im Hotel übe ich ein bisschen Tongbei, um morgen nicht ganz so krass abzustinken und merke ganz schnell, dass sowohl an dem Körpergefühl als auch an den Kampfkünsten derbe gearbeitet müssen wird. Mian Zhang zum Beispiel klappt garnicht, aber das hatte ich ja noch nie richtig drauf. Aber jetzt habe ich ja Zeit. Und wenigstens einmal in der Woche einen brillianten Lehrer. Was ein Glück!

Donnerstag, Januar 14, 2010

Shanghai one way #2

Habe fast die Klinke in der Hand, als Torsten alias Toaster anruft und mich verabschiedet. War ja nicht im Training am Freitag, also konnten wir keinen letzten Schoppen gemeinsam leeren. Der gute Kerl.
Bevor wir zum Flughafen fahren, will ich noch schnell die Post hochbringen und schaffe es, den Wohnungsschlüssel im Schloß abzubrechen. Trottel. Na, wenigstens steht mein Zeug schon vor der Hütte.
Bei der Fahrt über die Theodor- Heuss- Brücke weide ich mich so lange es geht an der Mainzer Skyline, dann blicke ich nach vorne und die scheebedeckte Landschaft überlagert sich mit dem Stadtbild von Shanghai.
Innige Umarmung am Flughafen, Ali drückt mir noch ein Geschenk in die Hand und haut dann ab, bevor wir beide rührselig werden. Der Koffer wird auf die Waage gewuchtet, die stolze 34 Kilo zeigt. Für diese geringfügige Überschreitung des maximal zulässigen Gewichts muss ich keine Strafe zahlen, aber einen Wisch unterschreiben, dass ich China Eastern nicht verklagen werde, sollte das Gepäckstück seine strukturelle Integrität verlieren. Das Handgepäck wird zum Glück nicht gewogen, aber ich schätze mal, dass das mindestens auch nochmal 15 Kilo sind. Also schleppe ich fast mein Körpergewicht an Gepäck. Naja, muss mich halt den Sitten meines Gastlandes anpassen.
Kippen im Duty Free, auch der Anstecker mit der deutschen und der chinesischen Flagge wird nochmal gekauft. Öffne Alis Geschenke (eine sehr hübsche und geschmackvolle Halskette und ein Schlüsselanhänger mit einer strassbesetzen Wutz) und bewundere die von ihm liebevoll gebastelte Karte. Als wir abheben, fühle ich mich seltsam: Letztes Jahr noch war ich mit einem Mörder- Hass auf mein altes Büro in den Flieger gestiegen und hatte geschworen, eigentlich nicht wiederkommen zu wollen und mir auf Gedeih und Verderb in Shanghai was zu suchen. Jetzt ist das alles geregelt und ich reise zum ersten Mal nicht als Touristin, sondern als Arbeitnehmerin ein.
Der Flug verläuft ruhig, der Sitz neben mir bleibt leer, so dass ich mich hübsch ausbreiten kann.
In Shanghai ist es zwar kalt, aber es scheint die Sonne. Schön, in Deutschland hat es bei meinem Abschied geschneit.
Auf der Fahrt in die Stadt kommen wir am Expo- Gelände vorbei, beeindruckend. Erste Konfrontation mit einem Taxischergen, die Fahrerin weiss nicht so genau, wo sie hinmuss und drückt mir ihr Fon in die Hand. Ich soll mal für sie im Hotel anrufen und eine Wegbeschreibung anfordern. Klasse, solche Nummern habe ich echt vermisst.
Das Hotelzimmer ist schlicht, aber mit Breitband- Internetanschluß. Im englischsprachigen Teil der Hotelangebote wird neben dem Symbol von Messer und Gabel "Snake" offeriert. Und zwar von 19:00 bis 23:00 in der Merrylin Cafeteria. Aha. Klar, die fressen hier ja alles. Ich liebe Chinglish.
Leiere als erstes mal den Rechner hoch und probiere das kleine Programm aus, mit dem man angeblich die Brandmauer überwinden kann. Siehe da: Nicht nur ist das Netz sehr schnell, das Programm funktioniert auch noch ohne großes Gefummel!!! Blogspot, Youtube, geht alles, allerdings nur mit dem Internet Explorer. Mir doch egal, Hauptsache, die Zensur ausgetrickst. Wer weiß, wie lange, wird man sehen. (Das Ding gibt es hier).
Nach einer schnellen Dusche suche ich mein Büro auf und lerne meinen neuen besten Freund, Herrn Ma kennen. Der hat auch schon gleich ein paar Wohnungen am Start, von denen ich mir heute noch zwei anschauen kann. Die Kollegen sind auch sehr nett, Zhen hat Geburtstag und so komme ich gleich in den Genuss eines Mittagessens, dafür wünsche ich ihr aber geschmeidig auf Chinesisch alles Gute zum Geburtstag und darf das ganze auch noch singen. Was tut man nicht alles, um sich bei den Kollegen einzuschleimen und in den Genuss einer kostenlosen Mahlzeit zu kommen. Anschließend werde ich in mein Projekt eingewiesen, bin allerdings nicht sonderlich aufnahmefähig. Verspricht aber anscheinend ganz schön chaotisch zu werden. Egal, wird spannend.
Wohnung Nummer eins befindet sich fast in meinem vertrauten Jagdgebiet. Nämlich in der Quyang Lu, von Carrefour aus nochmal ein paar hundert Meter in nördlicher Richtung. Circa 10 Minuten von der Metro, also fast die Distantz Grebenstraße/ Schillerplatz. Nicht übel. Bin zunächst etwas desorientiert und frage einen Wachschergen nach der Hausnummer. Der wirft einen Blick auf den mir von Herrn Ma ausgedruckten Zettel und behauptet, das Haus Nummer 620 habe kein 17. Stockwerk, ich sei falsch. Blödmann. Also die Wunderwaffe gezückt und die Vermieterin angerufen, die angeblich des Englischen mächtig sein soll. Pustekuchen. Die Dame spricht mit mir rapides Chinesisch, holt mich am Tor ab und scheißt den Wachschergen zusammen. Ich werde mit einem Schwall von Ansagen und Fragen auf Chinesisch überschüttet, auf die ich nach bestem Wissen eingehe. Ob ich an der Tongji- Universität studiert habe? Naja, nicht wirklich, da mal nen Kurs gemacht, habe aber eigentlich in Deutschland gelernt, aber mein Lehrer kommt aus Shanghai. Nein, ist das denn zu glauben? Kein Wunder, dass ich so gut spräche! Was sind Chinesen höflich.
Die Wohnung wird gerade renoviert, die Vermieterin entschuldigt sich für die Baustelle und erörtert wortreich, welche Maßnahmen noch getroffen werden. Kein Balkon (wo soll ich Wäsche trocknen?) und die Wohnung ist sehr klein. Aber ein wirklich bemerkenswerter Ausblick, wenn auch nicht so spektakulär wie in der SISU. Immerhin kann ich den Tomorrow Square sehen, nicht ganz unwichtig für eine Alienexpertin. Frau Chen meint, da die Wohnung sehr weit oben sei, sei die Luft hier auch gut. Außerdem sei es ruhig. Da hat sie wohl recht. Außerdem ist sie sehr mütterlich, wann ich denn angekommen sei? Heute morgen? Bestimmt sehr müde? Ja, aber egal. Die Frau geht mir bis zum Kinn, aber sie schafft es, mich halb in den Arm zu nehmen und fürsorglich auf mich einzuquatschen. (Merke: Mein Chinesisch ist am Besten, wenn ich entweder völlig übermüdet oder vollgesoffen bin).
Die Sanierungs-, Reinigungs- und Einrichtungsarbeiten werden noch ca. 1 1/2 Wochen in Anspruch nehmen, das täte ihr leid. Sie begleitet mich noch nach unten, im Aufzug lerne ich potentielle Nachbarn kennen. Eine alte Dame fragt Frau Chen mit unverholener Neugier über mich aus, ob ich denn verstehen würde? Ich nicke mit dem Kopf und grinse die alte Dame an, die freundlich lächelt. Coole Hood. Und ich wollte schon immer mal eine Wohnung richtig hoch oben in einem Hochhaus haben.
Wohnung Nummer zwei ist gleich um die Ecke an der Dalian Xi Lu in einem älteren Wohnblock, das Gebäude liegt in zweiter Reihe, also nicht direkt an der Hauptverkehrsstraße. Definitiv mein Jagdgebiet, denn das ist gleich neben der SISU. Habe noch Zeit bis zum Termin und setze mich rauchend auf eine Bank in einer kleinen Grünfläche, die von den Anwohnern genutzt wird, um ihre Köter zu lüften. Um mir ein wenig Kurzweil zu bereiten, schreibe ich eine SMS an den Meister, in der ich mich für Samstag zum Training ankündige. Antwort kommt umgehend: OK. Wie gut, dass ich mir vorletztes Jahr Winterfummel habe schneidern lassen, allein der hat mein Koffergewicht ordentlich hochgetrieben, da er aus sehr dickem Tuch ist. Ich fürchte Schlimmes, denn in Deutschland habe ich wegen des ganzen Stresses so gut wie nicht geübt.
Drehe noch eine Runde durch die Freßgasse und entdecke den Luxusfladenstand, nicht aber die korpulente Crepe- Dame. Vielleicht zu kalt für sie. Überlege kurz, ob ich mir einen Fladen gönnen soll, aber mir ist vom Mittagessen und grässlichem Kaffee noch leicht blümerant.
Zu meinem Entsetzen wird der Hausmannskost- Laden gerade renoviert, hoffentlich behalten die den Koch! Diese Kaschemme war für mich eine der Hauptattraktionen dieser Hood, da wusste ich wenigstens, dass das Zeug, was ich ordere, tatsächlich vegetarisch ist und auch noch schmeckt.
Immer noch Zeit, egal, rufe die Frau des Vermieters an, die tatsächlich englisch spricht. Werde erstmal angekeift, weil ich am falschen Eingang warte. Auch diese Wohnung wird gerade renoviert und ist genauso klein, wenn auch etwas günstiger geschnitten als die erste. Sie liegt im dritten Stock eines alten viergeschossigen Gebäudes, den Balkon hat man leider zugemauert, um Wohnfläche zu gewinnen. Aber dieser Raum bringt nicht wirklich was. Mittlerweile ist es dunkel, beim Blick aus dem Fenster erahne ich einen kleinen Parkplatz und eine Wasserfläche. Die Frau des Vermieters weist prahlerisch auf den "See" hin. Doch wohl eher ein Bach oder Kanal, korrigiere ich höflich. Ja, haha, ihr Englisch sei halt nicht so gut, hahaha. Der Vermieter , Herr Zhang, baut sich hinter seiner fetten Gemahlin auf und erklärt wichtigtuerisch, da die Wohnung gleich eben der SISU läge, sei sie sehr begehrt. Es gäbe mehrere Anwärter. Und da sehr gründlich und aufwendig renoviert würde (haha), sei die Wohnung nicht vor Februar zu beziehen. Wenn überhaupt schon so schnell. Die Frau Gemahlin fragt mich, ob ich denn Hausstand habe? Nein? Wieso denn nicht? Weil ich gerade vor ein paar Stunden hier angekommen bin, du blöde Schnepfe. (Letzteren Halbsatz schenke ich mir dann doch). Naja, die Wohnung hat was und ist günstig gelegen, aber die Vermieter verheißen Ärger. Und ich fürchte, dass sich die Wasserfläche im Sommer in eine stinkende Moskitobrutstätte verwandeln wird.
Na gut, sieht also so aus, als müsse ich erstmal weiter im schicken Motel 186 wohnen bleiben. Was jetzt? Weitersuchen? Eigentlich ist die Dalian Lu fast raus, also in die Quyang Lu mit geilem Ausblick und cooler Hood und von da weitersuchen? Schwierig.
Fahre mit der Metro in Richtung Hotel, eine Haltestelle vor dem Volksplatz muss ich aussteigen. Sehe die mir so vertrauten Wolkenkratzer, deren prächtige Beleuchtung gerade anspringt und fühle mich sehr seltsam, irgendwie zwischen allen Welten. War hier jetzt keine drei Monate weg, alles ist so vertraut und doch so anders.
Trabe durch die Straßen auf der Suche nach einem Minimarkt, finde schließlich einen Kedi. Überall prangt noch Weihnachtsdeko, aber auch für das kommende Jahr des Tigers wird fleißig dekoriert. Mein Lieblingstier, kann ja nur noch aufwärts gehen. Schokomuffins für das Frühstück (gibt es hier im Motel auch, aber chinesische Frühstücke sind nicht so meines), Chipse und mein Freund, das Sherrygetränk werden erworben. Chat mit Stefan 04, der mich willkommen heißt, skypen mit Ali, der einen Termin mit dem Schlüsseldienst hat. Im Zimmer neben mir tut es unerklärliche Schläge, die Klimaanlage in meinem föhnt warme Luft, friere trotzdem und irgendwie fühle ich mich merkwürdig. Naja, Samstag treffe ich ja hoffentlich Meister Wu, wird schon.

Dienstag, Januar 12, 2010

Abschied ist ein scharfes Schwert

Bin Freitag zu erledigt, um ein Abschiedstraining zu absolvieren. Deshalb schaut Elli Montags in ihrer Mittagspause vorbei und schenkt mir einen bronzefarbenen Anstecker mit dem Dom, dem Stadtwappen und dem Schriftzug "Mainz". Das Ganze hat sie liebevoll verpackt. Wie lieb von ihr, den werde ich in der Ferne bestimmt oft tragen. Abends kommt Lilo, letzte Gespräche und Klärung von Vereinsangelegenheiten. Sie freut sich schon auf ihren Wudang- Aufenthalt im Mai, dann werden wir uns wiedersehen. Den Flug hat sie jedenfalls schon gebucht. Zum Glück sind wir so ein internationaler Haufen.
Dienstag Morgen wird der mir von Stefanie zu Weihnachten geschenkte Gutschein für eine Schulter-/ Rückenmassage beim Thai eingelöst (war bitter nötig) und ich lasse mein güldenes Haar vom Friseur bearbeiten. Wer weiß schon, was Chinesen damit anstellen! Die Bestätigung der Auslands- Krankenversicherung trifft auch auf den letzten Drücker ein, da hatte ich schon ein wenig Sorge. Prima, jetzt kann ich mich bedenkenlos in Shanghai vor ein Auto werfen. Mein neuer bester Freund, Herr Ma fragt an, wann ich denn am liebsten die Medical Examination machen würde? Er würde dann nämlich schon mal einen Termin für mich klarmachen. Was für ein umsichtiger Mann.
Dann kommt das Schlimmste: Koffer packen! Bin in totalem Streß, die bewegendste Frage ist natürlich, welche und wieviele Schuhe ich mitnehme. Bei meiner Größe dürfte es in China schwierig werden, welche zu kaufen und als Dame von Welt will man ja anständig gewandet sein. Schließlich platzt der Koffer aus allen Nähten und wiegt 32 Kilo, das wird morgen unschön. Tonnenweise Bücher nehme ich im Handgepäck mit, die leckeren Haferkekse müssen zugunsten eines Reiseführers zurückbleiben. Den restlichen Kram kann Stefanie mir ja dann vielleicht im April mitbringen.
Als Henkersmahlzeit gibt es Käsefondue, mir kracht die Schwarte. Grüner Silvaner des Weinguts Wittmann wird entkorkt, den hatten uns die Nachbarn zu Weihnachten geschenkt. Witzigerweise habe ich in meinem alten Büro mann + schneberger (Gute Jungs, nicht der, der mich gefeuert hat) den Umbau und die Erweiterung zweier Kelterhallen für dieses Weingut betreut, da mundet der Wein natürlich doppelt so gut. Nochmal ab in die Badewanne, wer weiß, was ich in Shanghai für eine Klitsche bewohnen werde. Mit Sicherheit eine ohne Badewanne.
Zum letzten Mal für lange Zeit genieße ich bei einem hervorragenden Glas Weisswein ein schnelles und vor allem unzensiertes Internet. Als ich mein geliebtes Mainz Daily Photo aufrufe, bin ich vom Donner gerührt: Herr Burland widmet mir seinen heutigen Post! Selten zuvor in meinem Leben habe ich mich derartig geehrt gefühlt und bin unendlich bewegt. Vielen Dank, jb. MDP allein ist schon Motivation genug, in China einen Weg über die Grosse Brandmauer zu finden. Und vielleicht schaffen wir es bei einem Heimurlaub auch endlich mal, uns am TSOW zu einem Kaffee einzuladen.

Montag, Januar 11, 2010

Abschied ist ein schweres Schaf

Am Mittwoch, dem 06.01.2010 habe ich meine letzte Chinesisch- Stunde bei meinem lieben Lehrer Zhu Yabo. Sechs Jahre lang hat der gute Mann versucht, mir die Feinheiten der chinesischen Sprache beizubringen, sechs Jahre des gemeinsamen Leidens mit Lilo und Stefanie. Ein letztes Mal durch die Übung quälen, schon auf dem Weg zum Untericht stehen mir die Tränen in den Augen.
Aber zum Glück sind Chinesen ja herrlich unsentimental bei Verabschiedungen, er sackt sein Geschenk ("Meenzer Wörterbuch") ein, wünscht mir alles Gute und meint, wir würden uns ja dann im August in Shanghai sehen, wenn er käme.
Ein letztes Mal gemeinsames Rotweinsaufen und Tratschen mit Lilo und Stefanie auf der Treppe, wird mir außerordentlich fehlen! Aber Stefanie kommt ja im April und Lilo im Mai, wird schon gehen.
Am Donnerstag verzehren Stefanie, Ali und ich die aufgetauten Reste unseres opulenten Heiligabendschmauses, Stefanie bricht am nächsten Tag nach Laos und Kambodscha auf. Kann noch garnicht glauben, dass wir uns so lange nicht sehen werden.
Mit Yabos Hilfe hatte ich eine mail an Meister Wu geschrieben und ihm mein Kommen angekündigt. Wusste er schon, Rose hat es ihm erzählt. Shanghai ist ein Dorf! Aber er freut sich auf mich und grüßt explizit Ali, Stefanie, Lilo und Elli. (Den Oster hat er wohl vergessen). Ich soll mich mal erst einarbeiten und ins Training kommen, wenn ich Zeit habe. Der gute Mann!
Xiao Lu erwische ich im Chat, auch der freut sich und erzählt mir das gleiche wie der Meister. Wir hätten ja jetzt viel Zeit. Leider hat er nicht vergessen, dass ich ihm aus Deutschland eine unserer riesigen Katzen mitbringen sollte. "Koffer voll und sehr kompliziert" sage ich, "Na denn, vergiss es" sagt er. Also doch nur Schokolade, aber zu seinem Geburtstag im Februar gibt es ein cooles hellblaues Ahoi Brause Shirt. Sieht an ihm bestimmt geil aus. Soll mal nicht meckern. Außerdem kriegt er mit mir mehr Biestigkeit, als ihm eine unserer Katzen beschert hätte.
Und auch mit Tori verabrede ich, dass ich sie anrufe, wenn ich da und einigermaßen eingewöhnt bin.
Na denn...

Shanghai one way

Zusage für die Stelle in Shanghai, jetzt wird es natürlich richtig hektisch. Die chinesische Seite braucht für das Arbeitsvisum Nachweise meiner Qualifikation, also Diplome, Zeugnisse ehemaliger Arbeitgeber und dergleichen. Habe ich natürlich nur auf deutsch.
"Kein Problem" sagt Herr Ma (der Assistant to Chief Architect & Director of Energy Dept.) Heiligabend schreibt er mir: "Please don’t worry about the translation, I will handle. Please just relax and enjoy your Xmas." Ein Hotel für die ersten Nächte bucht er auch noch für mich und wird sich um eine Wohnung kümmern.
Ich glaube, Herr Ma und ich werden sehr, sehr gute Freunde werden.
Ich hingegen muss mich um meinen Teil des Visums kümmern und das heißt erstmal: HIV- Test. Bloß gut, dass wir einen absolut genialen Hausarzt haben, am 23.12.09 zapft man mir Blut ab, das ich zum Labor am Hauptbahnhof transportiere. Heiligabend das Ergebnis: Negativ.
Am 31.12.09 treffen meine Dokumente aus China ein, ich bin jetzt ein "Alien Expert". Cool. Klar bin ich als Trekkie eine Expertin für Außerirdische, aber dass mir ausgerechnet die chinesische Regierung das mit ordentlich Stempeln und einem tollen Zertifikat bescheinigt- Wahnsinn!
Zwischen den Jahren die nächste unangenehme Überraschung: Die Konsulate (nicht aber die Botschaft in Berlin) verlangen für die Erteilung eines Arbeitsvisums einen Gesundheits- Check, unter anderem werden eine Thorax- Aufnahme und ein EKG gefordert. Den Quatsch muss ich in China sowieso noch mal machen, warum also hier Kohle dafür ausgeben? Zwischen den Jahren hat meine Arztpraxis zu, also gleich am Montag angerufen, der Check wird gemacht. (Ärztin: Was ist denn "Plague?“ Ich: Pest. Meine Ärztin schüttelt den Kopf, aber die Amis stellen anscheinend noch bescheuertere Fragen).
Keine Thoraxaufnahme, kein EKG, Hauptsache, Stempel vom Arzt. Schnell weiter zum Konsulat und hier kriegt man schon wieder einen Vorgeschmack auf China. Schon allein wegen der Inneneinrichtung, die in etwa den Charme des Sörgenlocher Bahnhofes besitzt.
Der Typ hinter dem Schalter langweilt sich offensichtlich, Touristenvisumsanträge werden schnell abgelegt, aber Arbeits- oder Geschäftsvisum ist doch interessant. Mit dem Typen vor mir in der Schlange wird ausgiebig gequatscht, der ist irgendwie Berater für Film- und Fernsehproduktion. Visitenkarten werden getauscht, dann bin ich an der Reihe.
Lege stolz meine Dokumente vor, dass ich Expertin für außerirdische Lebensformen bin, beeindruckt den Visumsschergen mäßig. Viel mehr interessiert ihn das Ergebnis des AIDS- Testes. Ein Dokument muss ich noch im Konsulat kopieren, mittlerweile stehen rechts und links von mir Leute, die der Scherge eben mal so herangewunken hatte.
Es entspinnt sich folgender Dialog:
Scherge:“„Ah, das Gesundheitszeugnis! Und wo ist der AIDS- Test, ist WICHTIG!“
Ich: „Hier!“
Scherge: (Studiert die Laborergebnisse) „N. reag. Also, nicht reagiert!“
Ich: „Ja.“
Scherge: „Also KEIN AIDS, Sie sind NEGATIV!
Ich: „Genau.“
Scherge: „NEGATIV!!! Das ist GUT!!!!“
Ich : „Ja, so ist es.“
Scherge: (mit doppelter Lautstärke): „IHR AIDS- Test WAR NEGATIV! NEGATIV!!! KEIN HIV!!!
Ich: „Ja, toll, oder?“
Scherge:“ Ja, PRIMA! Das Visum können sie morgen abholen.“
Jetzt weiß also halb Frankfurt, dass ich seuchenfrei bin. Habe ja etwas Sorge, dass ich wegen der fehlenden Thoraxaufnahme und des EKGs Schwierigkeiten mit dem Visum kriegen könnte, aber zwei Tage später händigt mir eine freundlich lächelnde ältere Dame meinen Pass samt Z- Visum aus. Was habe ich mir Sorgen gemacht, anscheinend unnötig: Ich bin ja NEGATIV!!!

Sonntag, Januar 10, 2010

An die jungen Dichter

An meine englischen Leser: Meine ehemalige chinesische Arbeitskollegin sucht die englische Übersetzung des Gedichtes "An die jungen Dichter" von Friedrich Hölderlin. Leider gibt es das online nicht, auf englisch lautet der Titel "To the young Poets". Hat jemand die englische Übersetzung? Vielen Dank!

Mittwoch, Januar 06, 2010

...was dann geschah

Da seit diesem Mega- Scheiß Tag so viel passiert ist, hier das ganze im Zeitraffer:
- Montags erstmal meinen chinesischen Chef über das Vorgefallene informiert, natürlich große Betroffenheit. Sehe davon ab, an der wöchentlichen Projektbesprechung teilzunehmen und buche meinen Flug mal wieder um, diesmal direkt in der Shanghaier Zentrale von China Eastern. Schieße einen Flug für teuer Geld für Dienstag, Hauptsache, schnell nach Hause. Außerdem gehe ich auf die fröhliche Jagd nach "Fa Piao" (Quittungen), bei der ich tatkräftig von Huang Ying, der Sekretärin des Büros unterstützt werde. Will hier ja dann doch nicht abrücken, ohne mich von Meister Wu und Xiao Lu verabschiededt zu haben, mache per SMS und Chat für Dienstag Morgen einen Trainingstermin klar.
- Dienstag erscheint der Meister leicht angeschlagen, hat gestern bis halb vier mit Xiao Lus Gattin Mahjang gespielt. Ihm wird erstmal ein Umschlag mit ordentlich Kohle und ein paar Schachteln Kippen in den Rucksack gestopft. Alte Freunde der Shaolin- Fraktion schauen vorbei, mit denen ausgiebig gequatscht und natürlich auch geraucht wird. Sogar der sonst so schweigsame Xiao Lu mischt mit. Da Meister Wu nachmittags noch unterrichtet und sich nach den gestrigen Exzessen vorher nochmal aufs Ohr legen will, übergibt er mich Xiao Lu. Flosse schütteln, naja, bist ja bald wieder da. Spätestens nächsten Monat. Schaun mer mal.
Mit Xiao Lu wird heftig geübt und danach gelabert, erfahre interessante Dinge zu seiner Weltanschaung.
Da ich auf die Schnelle kein vernünftiges Geschenk auftreiben konnte, schenke ich Xiao Lu einen Anstecker, den ich kurz vor meinem Abflug von meinem Kleingeld erworben habe: Die deutsche und die chinesische Flagge gekreuzt. Das ganze wurde in einen hübschen roten Umschlag eingetütet.
Völlig unchinesisch öffnet Xiao Lu das Geschenk und meint, das sei "zhende piaoliang". (Wirklich sehr schön). Kenne mittlerweile meinen großen Bruder, der ist schlau und kapiert die Symbolik. Seine Augen blitzen, scheint ihm echt zu gefallen.
Nach dem Training Ablieferung der Quittungen im Büro. Mir zu Ehren haben alle meine Kollegen schwarze Klamotten an und stehen auf. Schwarzer Fummel ist ja für uns Architeten quasi Berufsbekleidung, aber das hier ist ungewöhnlich. Bin zu Tränen gerührt und schäme mich meiner gammeligen Klamotten, aber ich werde meine Schokolade los und sacke 6.000 RMB ein. Letzter Besuch im MOCA, geile Ausstellung, weitere Telefonate, letztes Shopping. Zurück zur SISU, Koffer zu, Abmarsch.
- Mittwoch Abholung durch Ali am Flughafen. Alles furchtbar, melde mich pflichtschuldig telefonisch krank.
Dann erstmal wieder ganz viel Stress.
Einen Tag vor der Beerdigung fische ich einen Brief meines Arbeitgebers aus der Trauerpost. Fristlose Kündigung, angeblich Krankmeldung zu spät eingereicht. Dieser schlechte Mensch! Na gut, Anwalt, Klage, noch mehr Stress.
- November/ Dezember: Erbschaft regeln, Haushalt auflösen: Die findige Stefanie vertickt einen Haufen Klamotten meiner Mutter in einem Wiesbadener Second- Hand Laden. Wow! Und steht uns ansonsten zur Seite. Geht doch nichts über gute Freunde!
Meine Shanghaier Ex- Kollegen schicken mir eine Postkarte in unbeholfenem Englisch mit Weihnachtswünschen und einer lustigen Skizze von mir. Mal wieder zu Tränen gerührt. Schicke eine Postkarte mit dem verschneiten Dom auf noch unbeholfenerem Chinesisch zurück, Begeisterung und Rührung auf beiden Seiten. Chinesen rocken!
Gerichtstermin, mein Ex- Chef hat sich aus Feigheit schnell einen Arzttermin geben lassen und schickt nur seinen farblosen Anwalt. Gekreische zwischen den Rechtsvertretern, meiner gewinnt. So. Geschieht ihm Recht, der wird noch Stress mit dem Arbeitsamt und so bekommen. Na, dann 2010 vielleicht eine Kreuzfahrt weniger. Selbst dran schuld.
Während dieser ganzen Kämpfe stehe ich in zähen Verhandlungen mit einem deutschen Büro in Shanghai, die mich anstellen würden, ohne mich je gesehen zu haben. Mutig.
Am 22. Dezember sage ich zu.
Am 13. Januar werde ich fliegen.

Sonntag, Oktober 25, 2009

Mega- Scheiß- Tag

25.10.2009, Sonntag


Vormittags:

Diesiges Wetter, bin müde, trabe aber trotzdem schon früher in den Park, Xiao Lu könnte ja vielleicht da sein. Ist er natürlich nicht, also beobachte ich auf einer Bank das muntere Treiben. Der Meister scheint heute zum Üben mäßig motiviert, wahrscheinlich gestern wieder mal gesoffen. Ich frage nach der Sache mit den Fingerknöcheln: In der Spielhölle von Xiao Lus Gattin beim Majang mit dem Tisch umgekippt. Aha. Wilder Kerl.
Locke verteilt erst mal Frühstückszigaretten, wir üben Einzelbewegungen und Schrittfolgen, klappt ganz gut. Wieder viel Publikum da, mit dem der Meister ausgiebig plaudert. Ein junger Mann im Trainingsanzug wird Meister Wu vorgestellt und führt seine Shaolin- Form vor. Anscheinend ist er gekommen, um sich Anweisungen für das richtige Üben zu holen, da ist der Meister natürlich voll in seinem Element. Klar, viel zu steif und unlocker, irgendwann dreschen die beiden mit dem Unterarmen aufeinander ein, dass die Fetzen fliegen. Der junge Mann mit voller Kraft, der Meister pariert das locker. Besser als Kino, mir fällt die Kinnlade runter. Das lockt natürlich noch mehr Zuschauer an, ich zähle knapp 18 Leute. Nicht umsonst gilt Meister Wu als einer der besten Kämpfer Shanghais. Ich stehe die meiste Zeit eigentlich nur rum und rauche eine Kippe nach der anderen, die mir die Zuschauer zustecken, ist aber trotzdem interessant. Mian Zhang wird dann aber auch noch sehr intensiv korrigiert, natürlich unter den kritischen Blicken des Jünglings. Mann, das ist aber auch echt eine sehr schwere Form, die ich mir da ausgesucht habe. Ist zwar kurz und sieht nach nicht viel aus, aber die Bewegungen müssen außerordentlich präzise ausgeführt werden, sonst ist das nichts. Und das erfordert sehr viel Koordination. Na ja, jeden Tag ein kleines Stück, wird hoffentlich noch. Auf dem Weg zum Ausgang erzählt der Meister mir ganz viel zu dem jungen Mann, von dem ich aber nicht viel kapiere. Ob ich mich gut amüsiert hätte? Na, logo!
Zu Hause mache ich mir eine Nudelsuppe und lege mich erst mal aufs Ohr. Die Hektik der letzten paar Tage und die ständige Schlaflosigkeit fordern halt irgendwann mal ihren Tribut.

Nachmittags/ Abends:

Bin wieder einigermaßen fit und freue mich auf das Training mit Xiao Lu, tolles Wetter und keine lästigen Musikanten auf dem Übungsgelände. Bin wild entschlossen, heute alles zu geben und habe nach dem Vormittagstraining viele Fragen. Als erstes entschuldige ich mich natürlich für meine gestrige Zickigkeit, neinneinnein, schon OK, er hätte das Mädel nicht einladen sollen. Nicht doch! Höfliches Geplänkel, ich erkläre noch mal eindringlich, dass es mir sehr leid täte. Ob er das Mädel denn jetzt unterrichten würde? Nein, natürlich nicht, er unterrichtet doch keine Frauen. Jedenfalls keine Chinesinnen. Das soll mal einer verstehen.
Wir haben uns gerade mit Einzelbewegungen warm gemacht, da klingelt mein Mobilfon. Ali ist dran und teilt mir mit, dass meine Mutter gestern gestorben ist. Scheiße! Fange an zu zittern wie verrückt, mir fällt fast das Fon aus der Hand.
Xiao Lu sieht, dass da gerade wohl keine guten Nachrichten übermittelt werden und schaut sehr besorgt. Nach dem Telefonat lässt er mich erst mal hinsetzen, hockt sich vor mich und streichelt tröstend meine zitternden Hände. 8.600 Km von zu Hause entfernt, vollkommen hilflos und trotzdem habe ich hier einen Freund, der an meiner Seite ist. Voll unter Schock, kann noch nicht mal heulen, bin echt froh, dass ich jetzt nicht alleine bin. Er zerrt mich dann anschließend in ein Teehaus, damit ich mich beruhigen kann. Seine Mama ist auch gestorben, als er gerade in Korea war und er konnte nichts machen. Also versteht er meine Situation sehr gut. Wir trinken Tee und führen ein außerordentlich intensives Gespräch über diverse Dinge, wäre mein Chinesisch doch nur besser!
Nachdem ich mich wieder einigermaßen im Griff habe, fahre ich zum Hotel zurück. Viele Telefonate und Chats, der arme Ali trägt jetzt die Hauptlast. Könnte ich doch nur etwas machen! Lilo und Stefanie sichern mir ihre Hilfe zu, schönes Gefühl, gute Freunde zu haben. Ob das jetzt in Deutschland ist oder in China.
Muss morgen den Flug schon wieder umbuchen. Keine Ahnung, wie schnell ich nach Hause komme, alles offen. Was für ein Mist!

Samstag, Oktober 24, 2009

Scheiß- Tag #2

24.10.2009, Samstag

Vormittags:

Habe mich schon die ganze Woche auf Training bei Sonnenschein im Park gefreut.
Aber im Zimmer nebenan sind wieder chinesische Gäste, die die ganze Nacht lautstark gefeiert haben, weswegen ich nicht schlafen konnte. Auf dem Gang stehen zwar zweisprachige Schilder, auf denen zur Ruhe gemahnt wird, die wohl aber eher dekorative Zwecke erfüllen. Na ja, ist halt ein lustiges Volk, Chinesen das Krachmachen verbieten zu wollen ist so, als wolle man Vögeln das Singen verbieten.
Vom Sportplatz der SISU dröhnt schon um 6:30 laute Discomusik, war mal wieder nichts mit länger schlafen. Auf dem Sportplatz stehen Pavillons und lustige Ballons mit Fähnchen zappeln in der milden Brise, anscheinend irgendein Sportfest oder so. Xiao Lu hatte angekündigt, heute Vormittag im Park zu sein, aber das weiß man ja bei dem nie so genau, also dämmere ich noch eine halbe Stunde vor mich hin und mache mich gemütlich fertig.
Tatsächlich ist Xiao Lu im Park, der Meister kommt auch ziemlich früh und erzählt was von einem Unfall, den er mal wieder bei Bau- und/ oder Umräumarbeiten hatte. Auf seinen mächtigen Fingerknöcheln kleben Pflaster, die er erst mal abreißt und erneuert. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, an den ständigen Unfällen des Meisters könnte auch seine Zuneigung zu harten alkoholischen Getränken nicht ganz unschuldig sein.
Xiao Xu kommt etwas später, diesmal ohne Entourage und Getränke und wird erst mal anständig eingekleidet. Sein Fummel ist nicht so hübsch geschnitten (der Saum ist länger als die Ärmel) und wegen seiner etwas dicklichen Figur sieht er darin aus wie ein übergroßer Pandabär und bewegt sich auch so. Das behalte ich aber lieber mal für mich. Xiao Xu wird ausgiebig in den Einzelbewegungen unterwiesen und erhält vom Meister eine Theoriestunde auf Shanghainese, während ich mit Xiao Lu das Fortgeschrittenenprogramm absolviere und coole Schrittfolgen lerne. Da der Meister gerade abgelenkt ist, frage ich ein wenig nach den wüsten Geschichten, Xiao Lu lacht und winkt ab, alles halb so wild. Na ja, einiges ist wohl schon dran, der Sache mit den Weibergeschichten und dem Training muss ich irgendwann doch noch mal auf den Grund gehen.
Xiao Lu überrascht mich mit einer unangenehmen Ankündigung für das Nachmittagstraining: Eine potentielle Schülerin wird zuschauen. Der Meister darf das nicht wissen, geheim! Waaas? Zuschauer? Ich bin nicht sonderlich begeistert. Wenn hier die üblichen Verdächtigen rumlungern oder irgendwelche Passanten zuschauen, macht mir das ja nichts aus, aber vor einer Interessentin vorgeführt zu werden, ist schon eine andere Sache. Vor allem, da ich Mian Zhang seit letzter Woche nicht mehr geübt habe, weil ich keine Gelegenheit dazu hatte. Aus meinem Unmut mache ich auch keinen Hehl und sage das Xiao Lu, ist doch nicht schlimm, meint der. Das Mädel sei doch erst zwanzig und habe keine Ahnung von Kampfkünsten, ich solle mal nicht so unlocker sein. Bin mal gespannt, ich kenne mich ja und weiß, dass ich in Situationen, die mir nicht passen, eine erstaunliche Zickigkeit an den Tag legen kann. Letztes Jahr hat er mir noch gesagt, Frauen würde er nicht unterrichten, das entspräche nicht der Tradition und jetzt kommt eine Schnalle? Das wird er mir erklären müssen.
Bei den Schrittfolgen bin ich dann auch sehr wackelig, zum Glück ist Xiao Xu ja noch schlechter als ich. Schon merkwürdig, wie sich die Stimmung auf die Trainingsleistung auswirken kann.
Zum Mittagssnack der lecker Luxusfladen, dann wird der eingesaute Fummel gewaschen und die übliche SISU- Deko (frisch gewaschene Klamotten) am Fenster angebracht. So langsam muss ich hier mal eine Wäscherei auftun, immer das Zeug im Handwaschbecken notdürftig auszuspülen bringt mittlerweile auch nicht mehr viel.
Vom Sportplatz her dröhnt „We will rock you", aber um was für eine Veranstaltung es sich handelt, ist immer noch nicht zu erkennen.

Nachmittags:

Anscheinend wird ein Fußballturnier ausgetragen, sieht mir aber nicht sonderlich ernst aus. Ich beschließe, heute Mittag die kernige Kampftussi zu geben, lege ein schwarzes T- Shirt mit einem Teddy- Roboter mit abgerissenem Kopf, aus dessen Hals ein Blutstropfen quillt, an und setze die Sonnenbrille auf. So.
In Kampfesstimmung bringe ich mich mit der richtigen Musik am Ohr und fahre schon etwas früher in den Park, damit ich cool auf dem Stein rumlungern kann, wenn Xiao Lu mit dem Mädel aufschlägt. Als ich mich dem Trainingsgelände nähere, ahne ich allerdings, dass das mal wieder kein guter Nachmittag werden wird. Wenn ich dachte, dass Saxophone schlimm klingen, wenn sie falsch bedient werden, werde ich eines Besseren belehrt: Auf dem Gelände sitzt ein Typ mit einer Zugposaune, die er ganz offensichtlich überhaupt nicht beherrscht. Vielleicht sollte ich morgen mal meine Flöte mitbringen, aber gegen Blechblasinstrumente kann ich damit sowieso nicht anstinken und außerdem spiele ich selbst eine chinesische Bambusquerflöte besser als diese Dilettanten westliches Saxophon oder Posaune.
Zum Glück kann ich diese akustische Beleidigung mittels des iPod einigermaßen ausblenden, das Mädel kommt, wird von mir ignoriert und fängt schon mal an, sich zu dehnen. Ich hasse mich für meine Zickerei.
Xiao Lu hat sich auch für eine Sonnenbrille entschieden, was er wohl witzig findet. Allerdings vergeht ihm das Lachen ziemlich schnell, als er mein Gesicht sieht. Wir machen uns warm, das Mädel wird auf den oberen Teil des Geländes geschickt und hampelt ein bisschen mit. Erscheint mir unhöflich, ich sage Xiao Lu, dass er dem Mädel doch auch was beibringen solle. Nein, heute nur zugucken. Na gut.
Ob ich mir die Schrittfolgen von heute morgen gemerkt hätte? Nö. Xiao Lu gibt Starthilfe, dann geht es, klar habe ich mir das gemerkt. Irgendwann lacht er mal, als er mir zuschaut und wird von mir angefaucht, er solle mich nicht auslachen. Oh, da ist aber jemand gar nicht gut drauf. Dann tritt natürlich der schlimmste Fall ein, Mian Zhang vorturnen und das verkacke ich erwartungsgemäß total. Das heißt, die Reihenfolge kriege ich hin, aber ich weiß genau, wo die Schwachstellen sind. Natürlich schaut das Mädel aufmerksam zu, was mir unsäglich peinlich ist.
Mit einem Teil der Form, den Xiao Lu anders ausführt, war Meister Wu nicht einverstanden, deswegen muss ich den unter den schrägen Klängen des Triumphmarsches aus der Posaune neu lernen. Das Mädel versucht, es nachzumachen und ich komme mir saublöd vor. Dann gehen wir die Form Stück für Stück mit intensiven Korrekturen durch, wobei ich mir natürlich nichts schenke. Xiao Lu befiehlt mir zwar mehrmals, eine Pause einzulegen, was von mir aber geflissentlich ignoriert wird. Werde doch hier nicht vor irgendwelchen Zuschauern abstinken. Geht dann irgendwann mal, aber ich bin mit mir mächtig unzufrieden. Zwischendurch bleiben immer mal Leute stehen und versuchen, die Bewegungen mitzumachen, ich fühle mich verarscht und werde immer unglücklicher. Xiao Lu beendet den Unterricht früher und ich versuche, ihm zu erklären, was mich so bekümmert, aber ich breche fast in Tränen aus. Nein, die Leute würden mich nicht auslachen, die fänden es cool, dass eine ausländische Schnalle chinesische Kampfkünste lernt. Glaube ich, würde mich beim Anblick von chinesischen Schuhplattlern auch prächtig amüsieren und das mächtig cool finden. Das Mädel übersetzt hilfreich und meint, die würden das bewundern. Die Arme, ist ja ganz süß und hat heute von mir so eine miese Show geboten bekommen. Vielleicht hat die ja jetzt keinen Bock mehr auf Tongbei, wäre schade, chinesische Frauen sind in diesem System deutlich unterrepräsentiert.
Auf dem Weg zum Ausgang versucht Xiao Lu mich zu trösten, ich solle nicht traurig sein, sonst wäre er auch traurig und dann wäre er böse. Will ihn nicht mit den Dingen belästigen, die mich sonst noch so peinigen und erzähle ihm dann einfach, dass ich mich ohne Stefanie und Lilo einsam fühlte und deswegen schlecht drauf sei. Bräuchte ich nicht, ich hätte doch noch einen Freund in Shanghai, nämlich ihn. Dann sagt er noch was, was mich sehr berührt: Der Meister hat mit ihm geschimpft, weil er Stefanie Dong Bao Quan nicht anständig beigebracht hat. (Er hat eine entscheidende Drehung vergessen, der Schussel). Und außerdem war der Meister teilweise mit Stefanies Haltung nicht zufrieden, warum er das nicht korrigiert habe? Hätte bei mir doch auch geklappt? Daraufhin hat Xiao Lu gesagt: „Wu Laoshi, Bettina shi women de, Stefanie shi Lanshou de." (Meister Wu, Bettina ist eine von uns, Stefanie ist eine von den Lanshou Übenden). Ganz anderes System, warum hätte er ihr das austreiben sollen? Hat Meister Wu dann wohl auch eingesehen.
Die betrachten mich als eine der ihren? Nicht als irgendeine Tussi, die hier einmal im Jahr antanzt und ein bisschen was lernt und Spaß hat? Bin jetzt erst recht voll durch den Wind.
Dass der Wechsel zwischen zwei unterschiedlichen Stilen wie Tongbei und Lanshou nicht einfach ist, hat Stefanie schon selber gemerkt. Deswegen übe ich ja auch außer zwei Yangstil Waffenformen nichts anderes, ich finde, im Yangstil kann man ganz gut an den Grundlagen arbeiten. Aber deswegen ist es ja auch so frustrierend, in Deutschland keinen anständigen Tongbei Lehrer zu haben, ja nicht einmal jemanden, der mit einem üben kann. Na ja, Stefanie hat ja jetzt hier ordentlich was gelernt, dann wird das zu Hause hoffentlich nicht mehr ganz so schlimm und frustrierend sein. Und ich kann ihr ja dann die korrekte Ausführung der Dong Bao Quan inklusive Drehung beibringen.
Noch eine kleine Anekdote am Rande: Um Stefanie eine Freude zu machen, wollte sich Xiao Lu nach ihrer letzten Trainingseinheit auf englisch verabschieden und „Please come again!" sagen. Das hat sie nicht verstanden und auch ich brauche mehrere Anläufe und die chinesische Ansage. Darüber war er wohl etwas unglücklich, da er Stefanie gerne unterrichtet hat. Aber nach einigen Korrekturen kriegt er den Satz dann auch fehlerfrei hin. Also Stefanie, jetzt weißt du, dass du bitte wiederkommen sollst. Und du bist eine sehr fleißige und sorgfältige Schülerin. Jedenfalls Xiao Lus Meinung nach.

Abends:

Irgendwie habe ich wahnsinnige Lust auf Weißwein, aber keine Lust, auszugehen. Im Carrefour entdecke ich zu meiner Freude in der Backwarenabteilung einen etwas dunkleren brotartigen Gegenstand, auf dem was von Weizenvollkorn steht. Zusammen mit einer Flasche australischen Chardonnays wandert der in den Einkaufskorb, wird mir an der Kasse aber wieder entrissen, da kein Strichcode draufklebt und er deswegen nicht abkassiert werden kann. Mist, na dann halt Crepe mit ordentlich Gewürz und Knoblauch bei meiner Lieblingsnahrungszubereiterin, die auch ganz glücklich ist, mich zu sehen.
Chatte mit Lilo, die gut angekommen ist und im trüben Deutschland den angenehmen Temperaturen Shanghais und der Warmherzigkeit der Chinesen im Allgemeinen nachtrauert. Die Bude wird aufgeräumt, während nebenan die Chinesen langsam auf Betriebstemperatur kommen.
Dazu muss man sagen, dass chinesische Reisegruppen immer grundsätzlich die Türen und Fenster ihrer Zimmer weit aufzureißen pflegen, es könnte einem ja was entgehen. Die Glotze wird dann auf Maximalbeschallung gestellt und man besucht sich gegenseitig. Dabei wird dann geraucht und gerne auch gesoffen und sich lautstark unterhalten, die Glotze muss ja übertönt werden. Oder man bestellt sich eine Fußmassage. Oder alles zusammen. Die Herren tragen dann grundsätzlich keine Oberbekleidung und rollen ihre Hosenbeine hoch. Für das ganze gibt es auch einen Begriff: 热闹, rènào. Dass mir dazu keine angemessene deutsche Übersetzung einfällt, wirft wirklich ein beschämendes Licht auf unser Land. Aber wenigstens die Mainzer dürften damit was anfangen können.
Die Weißweinflasche wird entkorkt und angemessen genossen. Während ich auf Skype auf Stefanie warte, schwätze ich mit einem netten Knaben aus München, der großes Interesse an China hat. Eine chinesische Schnalle ruft auf meinem Mobilfon an und brüllt irgendwas von einem Freund, den sie sucht. Als ich ihr erkläre, dass sie sich offensichtlich verwählt hat und auflege, schickt sie mir gleich eine erklärende SMS. Ich tippe also noch mal im Klartext, ich wisse nichts von einem Freund, sie habe sich verwählt und wer sie denn sei. Die Dame entschuldigt sich, sie sei halt sehr besorgt um den Freund, dumm gelaufen. Mei Guanxi, keine Ursache. China ist verrückt.

Freitag, Oktober 23, 2009

Wieder alleine

23.10.2009, Freitag

Habe eben Stefanie und Lilo in den Flughafenbus gesetzt, schon ein komisches Gefühl, denn ich hätte ja normalerweise auch auf diesem Flieger sein sollen. Die letzten zehn Tage waren ereignisreich, als der Bus mit den beiden dann auf meinem Rückweg ins SISU an mir vorbeifuhr, erwischte ich mich dabei, dass ich laut „Ach Mensch, Mädels!" sagte und mir eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Was hatten wir uns nicht alles ausgemalt, was wir machen wollten, jetzt musste ich arbeiten. Ist aber trotzdem genug passiert, jetzt mal hübsch der Reihe nach:
Letzte Woche Dienstag kam Stefanie hier an, der erste Abend wurde natürlich gleich mal traditionell mit einer feierlichen Maximalausnutzung der Happy Hour im Barbarossas begangen. War etwas unfit auf der Arbeit am nächsten Tag, aber egal. Da ich ja nun keine Zeit hatte, mit ihr um die Häuser zu ziehen, hat sich Stefanie dann entschlossen, auch ein etwas intensiveres Trainingsprogramm zu absolvieren. Netterweise hat Xiao Lu sie nachmittags unterrichtet. Freitags endlich hat sie mich von der Arbeit abgeholt und wir haben im Garten von Sashas einen geschmeidigen Abend verbracht und die beste Pizza Shanghais genossen. Chinesisches Essen ist ja echt lecker, aber ab und an was Westliches ist auch nicht schlecht.
Samstag wollten wir eigentlich gemeinsam üben, aber kurzfristig hatte Wujie Zeit für sie, was sie dann natürlich wahrgenommen hat. Also bin ich alleine in den Park getrabt, wo dann auch außer mir nur noch Xiao Xu zum Training erschien. Der hatte auch gleich zum Zuschauen seine Mutti und drei männliche Familienmitglieder unklarer Zuordnung mitgebracht. Geile Sache: Alle vier saßen kettenrauchend am Rand und kommentierten hämisch die unzureichende Trainingsleistung des Sprösslings, vor allem beim Formlaufen. Mutti hatte knallrote, spitz zugefeilte Zehnägel, ständig eine Kippe im Maul und war üppig mit Gold behangen, einer der Knaben benutzte die Zigarettenpausen ständig dazu, Xiao Xu von hinten in die Kniekehlen zu treten. Aber mir wurden sofort ein Getränk und ordentlich Kippen in die Hand gedrückt. Nettes Volk. Da Xiao Xus Pappi wohl ordentlich Kohle hat und den Meister gut bezahlt, legte der sich natürlich besonders ins Zeug. Alle durften mal hauen und wurden gehauen, großer Spaß bei allen Beteiligten. Das Bild, wie Meister Wu noch beim Umziehen mit einer Kippe in der einen und seinen Jeans in der anderen Hand in Unterhosen doziert, hat sich unauslöschlich in mein Gehirn eingebrannt.
Nach dem Training bin ich zur Ausländerbehörde nach Pudong gefahren, um den Pass abzuholen und kam auf dem Weg zur Metro durch eine Strasse, in der wohl mittags immer ein Markt stattfindet. Kannte die noch von früher, aber da war da weniger los. Richtig klasse, altes und ursprüngliches Shanghai. Kurioseste Marktbesucherin: Eine Dame mit hohen Hacken und feiner Kleidung, die rauchend einen Rehpinscher ausführte und die Haare in Lockenwickler gedreht hatte.
Nachmittags trafen Stefanie und ich uns im Volkspark zum traditionellen Kaffe bei Starbucks und anschließendem Essen im Vegetarian Lifestyle. Fußmassage war auch noch drin (Stefanie hat da einen nicht üblen Laden aufgetan). Derartig gestärkt konnten wir uns unserer neben dem Üben anderen Lieblingsbeschäftigung hingeben: Dem Shoppen. Auf der Suche nach einem Musikaliengeschäft stolperten wir durch eine Gasse mit Massage- und Nagelstudiobedarf, wo wir natürlich in die Falle gingen. Ein Laden hatte Nagellacke in allen Farben des Spektrums sowie alles, was man zur Verlängerung und Pflege von Klauen so braucht. Keine von uns beiden lackiert sich außer zu Fastnacht die Fingernägel, aber wir konnten einfach nicht wiederstehen. Wo findet man bei uns schon pinkfarbenen Glitzerlack mit Diamantsplittern! Sieht im Sommer auf den Fußnägeln bestimmt bombig aus. Den Musikalienladen haben wir dann auch noch gefunden und jede eine hübsche Bambusquerflöte erstanden. Der Erwerb völlig nutzloser und unvorhergesehener Dinge (Don't buy shit!) musste natürlich bei Barbarossas wieder ausgiebig gefeiert werden.
Nach der überraschend zügigen Abarbeitung unseres Shoppingprogramms haben wir uns dann Sonntag das volle Vor- und Nachmittagstrainingsprogramm gegönnt, sehr fein.
Diese Woche Dienstag kam dann auch Lilo mit leicht lädiertem Magen aus Wudang, was sie aber nicht davon abgehalten hat, bei Barbarossas ein paar Getränke zu sich zu nehmen. Wir schreiben fast Vereinsgeschichte: Erste Vorstandssitzung auf chinesischen Boden. Leider fehlt Stefan, aber auf den trinken wir einen.
Mittwoch hat Meister Wu zum Essen geladen, sollte erst bei ihm zu Hause stattfinden, wird dann aber überraschend verlegt, da wir dann doch zu viele Leute sind. Die Mädels dürfen seine neue Bude gebührend bewundern, ich hetze direkt in Richtung Hongkou (Stadtteil) und werde unterwegs instruiert, am Park zu warten.
Und das wird dann mal wieder richtig klasse: Außer uns sind noch Rose und etliche chinesische Schüler des Meisters da, insgesamt knapp 17 Personen. Als erstes wird eine Literflasche Johnnie Walker auf den Tisch geknallt, uns werden die Ehrenplätze zugewiesen. Dann wird eine Speise nach der anderen geliefert, ich glaube, alles, was das Restaurant zu bieten hat und auch der Alkohol fließt in Strömen. Das lustige Männlein ist auch da und läuft schon bald wieder zur Höchstform auf. Die vermeintliche Gemahlin des Männleins entpuppt sich als Meister Wus Exgattin, irgendwie haben die beiden sich wohl wieder zusammengerauft. Wie schön. Das Männlein singt ein Lied nach dem anderen und rennt ständig um den Tisch, um Lilo und mir Kippen zuzustecken, uns Speisen in die Essschalen vorzulegen und Bier nachzuschenken. Irgendwann werden wir dann auch aufgefordert, eine deutsche Weise zum besten zu geben und bekommen nach anfänglichen Panikattacken unter Stefanies Dirigat „Theo, spann den Wagen an" sogar als Kanon hin. Der Meister ist der Meinung, es sei jetzt zwar schon ordentlich gesoffen und gegessen worden, aber um den Abend perfekt zu machen, müsse noch mehr gesoffen und gegessen werden. Woraufhin weitere Speisen und Getränke aufgetragen werden. Das Männlein bringt einen Trinkspruch nach dem anderen und hat schon Ärmel und Hosenbeine hochgerollt, irgendwann schaffe ich es auch mal, „Women ai Zhongguo (Wir lieben China)" zu brüllen, was von der Tafelrunde beifällig quittiert wird. Die Stimmung erreicht den Siedepunkt, als die Herren ihre Tongbei- Fähigkeiten aneinander demonstrieren, wobei sich das Männlein besonders hervortut. Wir rechnen ständig damit, dass entweder die Innenausstattung, die Verglasung oder das Männlein zu Schaden kommen, aber wie durch ein Wunder passiert nichts dergleichen. Neben mir sitzt Jeremy (seinen chinesischen Namen weiß ich nicht), den ich noch von früher kenne und den ich diskret nach dem Namen des Männleins frage. Der weiß den auch nicht und brüllt in die Runde, das Männlein heißt Zhou (oder Zhu) Wan irgendwas und fragt nach einem englischen Namen für sich. Habe da was falsch verstanden (dachte, man fragt mich nach einer Übersetzung) und sage spontan „Monkey", ab jetzt nennt er sich nur noch so. Das Männlein und alle anderen sind begeistert. Hastig erkläre ich Jeremy, dass Männlein erinnere mich an Sun Wu Kong (für die Westler: Monkey King) aus der „Reise nach Westen" (chinesischer Klassiker), jetzt punkte ich auch noch mit meiner vermeintlichen Bildung. Irgendwann ist dann auch endlich mal genug gesoffen und gefressen worden, Gruppenfotos werden geschossen und das war es dann. Geiler Abend, Chinesen rocken.
Donnerstag bin ich immer noch so vollgefressen, dass ich nichts frühstücken kann und auch auf der Arbeit nicht ganz online. Schaffe es aber trotzdem, Details für eine Wandverkleidung aus gefalteten Cortenstahlblechen zu entwickeln, bin nicht unzufrieden. Abends besucht Lilo ihre Freundin Victoria und Stefanie du ich treffen uns mit Wujie und Meister Wu in der Stadt zum Essen. Wird ein lustiger Abend und eine Theoriestunde außerdem. Wujie meint, er habe mich 2007 im Chinacamp beobachtet, habe ja alles sehr hübsch ausgesehen, aber jetzt müsse ich mal mit meinen inneren Kräften arbeiten. Klar, versuche ich ja, wozu bin ich denn hier. Immerhin ist er zufrieden, dass ich das Prinzip anscheinend begriffen und das auch hinreichend auf Chinesisch darlegen kann, auch Meister Wu brummt zustimmend. Der Meister erzählt noch ein paar wüste Geschichten, unter anderem, wieso er keine Chinesinnen unterrichtet, aber das würde jetzt hier den Rahmen sprengen.
Heute erledigen die Mädels noch diverse Einkäufe, gönnen sich eine Trainingseinheit und ich fetze auf der Arbeit Details raus, dass es nur so kracht. Als sich um halb sieben der erste Kollege trollt, schließe ich mich gerührt an, hetzte nach Hause und erwische Lilo und Stefanie auf dem Weg zum Flughafenbus und das war es dann.
Seit zehn Tagen mal wieder der erste Abend, den ich zu Hause und alleine verbringe. In diesen Minuten dürfte der Flieger in Richtung Frankfurt starten, draußen blinken die Wolkenkratzer und ich bin noch hier.

Freitag, Oktober 16, 2009

Mit der Strömung schwimmen

16.10.2009, Freitag

Kein Training die letzte Woche, da ich hier kurzfristig einen Praktikantenplatz bekommen habe. Und zwar in einem meiner Meinung nach der besten Büros Shanghais. (Was anderes hätte ich auch nicht gewollt).
Jeden Tag mit der hart arbeitenden Masse der Shanghaier lemminghaft in die Metro gespült, mittlerweile schlängele ich mich geschmeidig in den Zug und weiss mir einen der begehrten Plätze am Haltegriff oder manchmal sogar einen Sitzplatz zu erhaschen. Egal, ob ich mit der Metro Nr.8 oder mit der 3 fahre, alles gleich. Dou keyi. (Geht alles). Ich will hier nicht mehr weg, jedenfalls nicht so schnell. Shanghai ist geil, aufregend, voller Leben und vor allem ist hier Meister Wu, bei dem ich am Wochenende üben kann. Bin zwar relativ alt für solche Späße, aber in Deutschland kann ich immer noch in zehn Jahren Sessel warmpupen.
Und so sehe ich mich als Architektin mit ordentlich Berufserfahrung zurückgestuft auf Anfängerstatus, da ich zwar grob allen Gesprächen folgen, aber mich kaum selbst einbringen kann. Meine Kollegen sind alle so 20 Jahre jünger als ich, gerade mit der Uni fertig und machen diesen Job als Zwischenstadium, bevor sie zu Masterstudiengängen ins Ausland abhauen. Aber hier kommt der Spaßfaktor: Die jungen Leute spinnen, was das Zeug hält und ich alte Schnalle denke mir aus, wie wir das umsetzen. Und das macht echt Spaß, kann ich kaum beschreiben. Mein Englisch ist zwar nicht schlecht, aber „Kragarm" oder „biegesteife Verbindung" kriegt man ja in der Schule nicht unbedingt beigebracht, auf chinesisch schon gar nicht. Da wird halt viel skizziert und mittlerweile kann ich das statische System besser auf chinesisch als auf englisch erklären.
Und ich liebe meine Kollegen. So nette junge Leute, wie alle Chinesen, mit denen man enger zu tun hat, sind die hilfsbereit, höflich und gastfreundlich. Zum Beispiel haben wir Mittags eine Ayi (Tante), die für uns kocht. Normalerweise gibt es Reis und ein Fleisch- und ein Gemüsegericht. Seit die Ayi rausgefunden hat, dass ich Vegetarierin bin, gibt es nur noch Gemüse. Ist mir peinlich. Und meine Kollegen drücken mir ständig Knabbereien in die Hand. Mmmmh. Lecker geröstete Knoblaucherbsen. Oder in Chili eingelegte Bohnen. Zum Frühstück. Da will man ja auch nicht unbedingt Spielverderber sein.
Habe heute lecker deutsche Schokolade mitgeschleppt, hatte aber wegen Streß und Besprechungen keine Chance, die loszuwerden. Vielleicht nächste Woche.
Morgen ist Samstag, freue mich aufs Training...

Sonntag, Oktober 11, 2009

Business as usual #4

11.10.2009, Sonntag


Vormittags:


Habe mich die ganze Nacht schlaflos und heftig niesend im Bett rumgewälzt, war ja klar, dass ich eine Erkältung kriege. Geht aber noch, also Training. Bin die einzige Schülerin, noch nicht mal Locke schlägt auf. Eine klasse Einzelstunde beim Meister, Es hapert bei mir zwar etwas mit der Konzentrationsfähigkeit, aber ich komme ganz gut mit. Die Form versuche ich unter besonderer Berücksichtigung der Gewichtsverlagerungen zu laufen, klappt auch.

Nach dem Unterricht erklärt der Meister, er fühle sich „hen shufu" (sehr wohl) und erkundigt sich noch mal genau, wann Stefanie denn käme. Flugzeug landet Dienstag früh? Dann Mittwoch im Training? Ja, das ist der Plan. Und wir sehen uns dann Samstag wieder.


Nachmittags/ Abends:


Die Tickettussi ist zwar da, erklärt mir aber, sie könne nicht für mich umbuchen, da ich das Ticket nicht bei ihr gekauft habe. Na, dann halt nicht. Sie schreibt mir aber die Hotline- Nummer von China Eastern auf, wo ich auch gleich anrufe. Nach ein paar Minuten in der Warteschleife schaffe ich es, mein Ticket umzubuchen, 900 RMB Gebühr, geht ja direkt. Sehr schön, dann ist ja alles geritzt.

Die Genossen von der Reinigungsbrigade vertreiben mich höflich, aber bestimmt aus dem Zimmer, in der Zwischenzeit kläre ich, ob ich auch länger hier im Hotel bleiben kann. Ja, geht, also das auch in trockenen Tüchern.

Treffe mich mit Xiao Lu im Park, irgendwie läuft es gar nicht rund und ich habe am Wasser gebaut. Muss an der Erkältung liegen. Er denkt natürlich, das läge daran, dass nichts bei mir klappt und ein klärendes und tröstendes Gespräch folgt. Danach läuft es besser und ich bekomme zur Belohnung einen Mondkuchen, der aus den Tiefen des Rucksacks gezaubert wird. Eine zierliche kleine Maus mit pinkfarbenen Strechhosen und Glitzerschühchen schaut uns zu und fragt ganz interessiert, was das für ein Stil sei? Fachgespräch mit Xiao Lu, es stellt sich heraus, dass sie aus Chongqing ist und in Shanghai studiert. Und auch Xing Yi übt. Xiao Lu fordert sie auf, doch mal eine Probe ihres Könnens zu geben, die Maus geht in Position und entschuldigt sich erst mal für ihr Schuhwerk. Dann stößt sie einen Schrei aus und lässt in einer Schrittfolge heftigste Schläge niederkrachen, das ganze auch noch supertief und sehr geschmeidig. Wow! Mit der Maus würde ich mich nicht anlegen wollen! Sie erntet anerkennende Worte von Xiao Lu und winkt ab, die Schuhe... Als die Maus weg ist, meint Xiao Lu dann allerdings, das habe zwar heftig (lihai) ausgesehen, aber alles nur äußerlich. Mit innerer Kraft und Entspanntheit könne man viel mehr ausrichten. Das üben wir dann auch gleich mal, die Prinzipien von Yin und Yang an den einzelnen Körperteilen und in den Bewegungen werden erörtert. So komme ich zu einer 1a Stunde in Theorie und Praxis, Meister Wu erklärt so was leider nicht. Eigentlich wollte ich ja als Gedächtnisstütze noch ein Video von der Form schießen, leider ist es mittlerweile zu dunkel. Na ja, nächste Woche halt.

Abends brühe ich mir Nudelsuppe auf und chatte mit Lilo, die allerdings ständig aus dem Netz fliegt. Mieses Wetter in Wudang, da wird ja Shanghai für sie die reinste Kur werden.

Samstag, Oktober 10, 2009

Stress

10.10.2009, Samstag

Habe mich entschieden, noch zwei Wochen länger hier zu bleiben. Das heißt, der Flug muss umgebucht und das Visum verlängert werden. Hier im Guesthouse gibt es einen Ticketservice, allerdings kommen die erst um 9:00. Angeblich. Wurde mir jedenfalls gestern an der Rezeption ausgerichtet. Um 9:00 kommt keiner, die Maus an der Rezeption sagt, es sei unklar, ob jemand erschiene. Warte ne halbe Stunde, versuche selber, bei China Eastern anzurufen, spricht natürlich keiner Englisch, übers Internet geht die Umbuchung auch nicht. Muss im Park unbedingt Oskar treffen, haue also dahin ab. Der Meister ist prächtig drauf, ich überbringe ihm die frohe Kunde, dass ich zwar länger bliebe, aber ab nächste Woche nur am Wochenende kommen könnte. Der gefürchtete Rotkotvogel erwischt sowohl Oskar als auch mich, ich habe nur einen Klecks auf der Schulter, Oskar hat allerdings die volle Breitseite abbekommen.

Nach dem Training fahren Oskar und ich ein Stück mit dem Bus, dann gurken wir mit seinem Motorroller durch Pudong zum Amt für öffentliche Sicherheit. Pudong finde ich langweilig, Riesen- Avenuen, kaum Verkehr, voll die Retortenstadt. Da lobe ich mir doch diese Seite des Huangpu, viel netter und gewachsene Architektur. Oskar ist ein sehr risikofreudiger Fahrer und quatscht die ganze Zeit. Von Zeit zu Zeit brüllt er andere Verkehrsteilnehmer mit seinem breiten amerikanischen Akzent an („get out off me way, motherfucker! This is the bike lane, you goddamned basterd!"), was aber keinen weiter stört.

In der Ausländerbehörde ziehe ich die Nummer 216, momentan ist gerade 148 dran und nur zwei Schalter sind geöffnet. Oha, ob ich das bis 15:00 zurück in den Park schaffe? Neben mir sitzt eine nervige Deutsche, die wichtig mit ihren Unterlagen raschelt und ständig belangloses Zeug in ihr Mobilfon quatscht. Nach zwei Stunden des Wartens werde ich etwas nervös und schicke dem Meister eine SMS, er möge doch bitte Xiao Lu sagen, ich käme später. Dann geht auf einmal alles rasend schnell, ein weiterer Schalter wird geöffnet und die Nummern springen rasant vor. Anscheinend waren einige des Wartens müde und sind abgehauen. Ich gebe meinen Pass und den Antrag zusammen mit meiner polizeilichen Meldung ab, muss in eine Webcam lächeln- alles klar, Freitag kann ich den Pass abholen. Wichtigste Hürde geschafft.

Zum Park fahre ich mit dem Taxi, schicke unterwegs eine SMS, das alles klar wäre und ich doch pünktlich käme und bin um 14:45 im Park.

Zu meinem Entsetzen hat sich der grauenhafte Saxophonspieler wieder auf unserem Trainingsgelände breit gemacht, also lauere ich auf einer Bank. Der Saxophonspieler trollt sich zum Glück, als Xiao Lu kommt, dafür wird aber der Zaun des Parks gerade gestrichen, was grauenhaft stinkt. Möchte nicht wissen, was für Umweltgifte wir da jetzt noch zusätzlich inhalieren. Die Hosen sind fertig, sehr hübsch. Als Xiao Lu hört, dass ich den ganzen Tag unterwegs war und noch nichts gegessen habe, zaubert er aus seinem Rucksack einen leckeren Keks hervor. Lilo und er werden sich sicher prächtig verstehen, denn dieser Rucksack ist ein Füllhorn der nützlichen Dinge wie Nahrung, klappbaren Kleiderbügeln und dergleichen. Xiao Lu hat sich in den Kopf gesetzt, dass ich bei einer bestimmten Einzelbewegung endlich mal Fa Jing produzieren soll, schließlich knallen meine Arme auch leise. Xiao Lu sagt, das er darüber sehr glücklich sei. Ein Riesenschritt, meint er und ich bin sehr stolz. Die Form klappt auch so einigermaßen, muss das einfach noch öfter wiederholen.

Mittlerweile bin ich ziemlich matt und hungrig, mit Buch zu Pizza- Hut, das Zeug stopft wenigstens ordentlich. Muss ständig niesen und die Gräten tun mir auch weh, das hat mir jetzt gerade noch gefehlt. Fühle mich einsam und krank, deswegen wird im Zimmer erst mal die Glotze eingeschaltet, wenigstens hat man dann Ansprache. Keine Lust auf das lahme Internet, lieber schön ins warme Bett und noch ein wenig lesen.